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Sachsenspiegel Pagenhofmeister unter Herzog Georg Wilhelm
Mehr Sachsenspiegel Pagenhofmeister unter Herzog Georg Wilhelm
12:45 05.12.2015
Foto: Im Celler Schloss, der Residenz von Herzog Georg Wilhelm zu Braunschweig-Lüneburg, beaufsichtigte PierreVincens die Pagen.
Im Celler Schloss, der Residenz von Herzog Georg Wilhelm zu Braunschweig-Lüneburg, beaufsichtigte PierreVincens die Pagen. Quelle: Andreas Flick
Celle

Am 31. September 1701 starb der Celler Pagenhofmeister (Gouverneur des Pages) Samuel Chappuzeau im 76. Lebensjahr. Der umtriebige und europaweit bekannte Hugenotte hinterließ seiner Nachwelt ein umfangreiches literarisches Werk.1 Zu seinem Nachfolger wurde noch im selben Jahr erneut ein Hugenotte berufen, Pierre (auch Jean) Vincens (Vincent). Wie bei seinem Vorgänger bestand dessen Aufgabe darin, junge Edelleute in ritterlichen Übungen, Wissenschaften, Künsten, Politesse, Etikette, galantem Auftritt und korrektem Französisch zu unterrichten.

Die jugendlichen Pagen wurden damals außer durch den Pagenhofmeister, welcher die Aufsicht über die Pagen hatte, und den Hauptunterricht besorgte, von weiteren Lehrern unterrichtet. Nach Abschluss ihrer Ausbildung wurden die Pagen zumeist entweder als Offiziere bei der Armee oder als Hofbedienstete eingestellt.2

Vincens erblickte um 1651 in Bazas (Basats auf Gascognisch) in der Guyenne das Licht der Welt. Der Ort ist heutzutage eine französische Stadt mit knapp unter 5000 Einwohnern im Département Gironde in der Region Aquitanien.3 Während des ersten Hugenottenkriegs (1562/1563) hatten die Protestanten 1562 Bazas erobert und verwüstet. Nur durch eine Zahlung von 10.000 Talern ließen sich die Hugenotten davon abbringen, auch das Portal der Cathédrale St-Jean niederzureißen. Grausam vergingen sich die Eroberer an den katholischen Geistlichen, denen die Lippen abgeschnitten wurden.4

Über die Eltern und die Kindheit von Pierre (Jean) Vincens in Bazas ist nichts bekannt. Er gehörte zu jenen Anhängern der reformierten Konfession, die nach der Aufhebung des Edikts von Nantes (1685) illegal ihre französische Heimat verließen.

Der Celler Pagenhofmeister kann aus Altersgründen nicht mit jenem 1663 in Bazas geborenen gleichnamigen Offizier Pierre Vincens identisch sein, der sich 1698 in Lausanne im Waadtland aufhielt, da Celler Vincens damals nicht erst 28 Jahre sondern bereits rund 50 Jahre alt war.5

In der Französisch-reformierten Gemeinde zu Celle begegnet uns Vincens am 1. März 1701 als Trauzeuge bei dem Regimentsarzt in holstein-gottorpischen Diensten Jean Vivier, der aus der Guyenne und somit aus der Heimat des Hofpagemeisters stammte, und der Jeanne Catherine Emery. Im Kirchenbuch der Französischreformierten Gemeinde ist er unter dem 22. April 1703 als Pate bei Madeleine Ferré, der Tochter des Strumpfwirkers Abraham Ferré und der Elisabeth Vautrin, eingetragen.6

Am 22. April 1703 wurde Vincens zusammen mit dem Hofkonditor Jean Claude Lacroy in das angesehene Amt eines Ancien (Kirchenältesten) der Französischreformierten Gemeinde berufen. Nachdem beide das französische Glaubensbekenntnis und die hugenottische Kirchenordnung unterzeichnet hatten, wurden sie in ihr gemeindeleitendes Amt eingeführt.7 Vincens vertrat die Celler Französischreformierte Kirchengemeinde auch bei der Vereinigungssynode der Niedersächsischen Konföderation am 18. Juli 1703 in Hameln, der mehrere Französisch- und deutsch-reformierte Gemeinden in den welfischen Landen und in der benachbarten Grafschaft Schaumburg angehörten.8 Sein ehrenamtliches Engagement in der Celler Hugenottengemeinde war jedoch nur ein kurzes Intermezzo. Denn letztmalig findet sich seine Unterschrift am 12. März 1704 unter einem Sitzungsprotokoll des Consistoire. Am 1. April desselben Jahres übergab er der Kirchengemeinde quasi als Abschiedsgeschenk eine Geldrolle mit 50 Ecus zur freien Verwendung.9 Wo er in Celle gewohnt hat, ist bislang unbekannt.

Anschließend wechselte er als Pagenhofmeister an den kurfürstlichen Hof nach Hannover, wo er zuletzt ein Jahresgehalt von 467 Talern erhielt.10 In Hannover verstarb Vincens im gesegneten Alter von rund 90 Jahren in der Nacht vom 2. auf den 3. September 1741. Er hatte zuvor beim Kurfürsten beantragt, dass sein Erbe im Todesfall nicht vom Landesherrn eingezogen würde, da er keine Verwandten innerhalb des Kurfürstentums hatte und dass dieses zu seinen französischen Verwandten gehen dürfe.11 Laut Eintrag im Kirchenbuch der Französisch-reformierten Gemeinde Hannover ist der am 3. September 1741 verstorbene Pagenhofmeister rund 90 Jahre alt geworden. Bestattet wurde er am 5. September.12 Es gibt keine Hinweise darauf, dass Pierre (Jean) Vincens verheiratet war und Kinder hatte.

Andreas Flick

Quellen:

BEULEKE, Wilhelm: Hugenotten in Niedersachsen (= Quellen und Darstellungen zur Geschichte Niedersachsens, Bd. 58), Hildesheim 1960.

HAAKE-KRESS, Sabine: Hessen im 17. Jahrhundert aus der Sicht des hugenottischen Schriftstellers Samuel Chappuzeau (1625-1701), in: Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde 1986, Bd. 91, S. 49-70.

FLICK, Andreas: Das Haus des Strumpf- und Mützenmachers Abraham Ferré und der Marianne de Robillard de Champagne, in: Hugenotten 2/2012, S. 57-61.

FLICK, Andreas: „Der cellische Hof ist sehr prächtig, und, wie gesagt, sehr lustig und gar nicht gezwungen.“ Samuel Chappuzeau und sein Bericht über das Herzogtum Braunschweig-Lüneburg(-Celle) aus dem Jahr 1671, in: Celler Chronik 20.

Beiträge zur Geschichte und Geographie der Stadt und des Landkreises Celle, Celle 2013, S. 9-38.

KRÜNITZ, J. G.: Oekonomische Encyklopädie oder allgemeines System der Staats- Stadt- Haus- und Landwirthschaft, Th. 105, Berlin 1807.

MEINEL, Friedrich: Samuel Chappuzeau 1625-1701, Borna – Leipzig 1908.

MIQUEL, Pierre: Les Guerres de religion. Club France Loisirs, Paris 1980.

Henri TOLLIN: Geschichte der hugenottischen Gemeinde von Celle (= Geschichtsblätter des Deutschen Hugenotten-Vereins, II, 7 u. 8), Magdeburg 1893.

TOLLIN, Henri: Die hugenottischen Pastoren von Lüneburg (= Geschichtsblätter des Deutschen Hugenotten-Vereins, Zehnt VIII, Heft 5, Magdeburg 1899.

Der Tumult von Toulouse (11. bis 17. Mai) 1762, in: Der Katholik. Zeitschrift für katholische Wissenschaft und kirchliches Leben, 43. Jg., 1863, erste Hälfte, neue Folge, neunter Band, Mainz 1863, S. 217-248.

Seite „Bazas“, in: Wikipedia, die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 16. Mai 2014 https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Bazas&oldid=130471429 (Abgerufen: 21. Juni 2015).

Ev.-ref. Gemeinde Celle, Best. 1, Nr. 13, Protokollbücher des Französischreformierten „consistoire“ (Presbyterium), 1. Bd., 1687-1729, 1732-1735, 1737-1750.

Niedersächsisches Landesarchiv, Hauptstaatsarchiv Hannover (NLA HSTAH) Bestand Cal. Br. 15 Nr. 4154: Genehmigung für den Pagenhofmeister Vincens auf die Erhebung des ius albinagii oder andere Abgaben zugunsten seiner in Frankreich lebenden Erben zu verzichten, 1726-1727.

Pierre (Jean) Vincens (1703-1704) 5

Fußnoten:

1 Zu Samuel Chappuzeau, dessen Sohn Christophe Presbyter der Französischreformierten Gemeinde werden sollte, vgl. MEINEL 1908; HAAKE-KRESS 1986; FLICK 2013.

2 KRÜNITZ 1807, S. 727.

3 Seite „Bazas“, in: Wikipedia.

4 MIQUEL 1980, S. 234.

5 Genealogische Datenbank der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft, Bad Karlshafen, Nr. 311681.

6 Genealogische Datenbank der Deutschen Hugenottengesellschaft, Bad Karlshafen, Nr. 92452. Zu Ferré vgl. FLICK 2012.

7 Ev.-ref. Gemeinde Celle, Best. 1, Nr. 13, S. 103.

8 TOLLIN 1893, S. 32.

9 Ev.-ref. Gemeinde Celle, Best. 1, Nr. 13, S. 111.

10 BEULEKE 1960, S. 85.

11 NLA HSTAH, Best. Cal. Br. 15, Nr. 4154.

12 Genealogische Datenbank der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft e.V., Bad Karlshafen, Nr. 850 (Quelle Kirchenbuch der Französisch-reformierten Gemeinde Hannover I., 1697-1743, S. 279.

Von Andreas Flick