Sachsenspiegel

Pagenhofmeister unter Herzog Georg Wilhelm

Im Celler Schloss, der Residenz von Herzog Georg Wilhelm zu Braunschweig-Lneburg, beaufsichtigte Pierre Vincens die Pagen.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 05. Dez. 2015 | 12:45 Uhr
  • 10. Juni 2022
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Celle.

Am 31. September 1701 starb der Celler Pagenhofmeister (Gouverneur des Pages) Samuel Chappuzeau im 76. Lebensjahr. Der umtriebige und europaweit bekannte Hugenotte hinterlie seiner Nachwelt ein umfangreiches literarisches Werk.1 Zu seinem Nachfolger wurde noch im selben Jahr erneut ein Hugenotte berufen, Pierre (auch Jean) Vincens (Vincent). Wie bei seinem Vorgnger bestand dessen Aufgabe darin, junge Edelleute in ritterlichen bungen, Wissenschaften, Knsten, Politesse, Etikette, galantem Auftritt und korrektem Franzsisch zu unterrichten.

Die jugendlichen Pagen wurden damals auer durch den Pagenhofmeister, welcher die Aufsicht ber die Pagen hatte, und den Hauptunterricht besorgte, von weiteren Lehrern unterrichtet. Nach Abschluss ihrer Ausbildung wurden die Pagen zumeist entweder als Offiziere bei der Armee oder als Hofbedienstete eingestellt.2

Vincens erblickte um 1651 in Bazas (Basats auf Gascognisch) in der Guyenne das Licht der Welt. Der Ort ist heutzutage eine franzsische Stadt mit knapp unter 5000 Einwohnern im Dpartement Gironde in der Region Aquitanien.3 Whrend des ersten Hugenottenkriegs (1562/1563) hatten die Protestanten 1562 Bazas erobert und verwstet. Nur durch eine Zahlung von 10.000 Talern lieen sich die Hugenotten davon abbringen, auch das Portal der Cathdrale St-Jean niederzureien. Grausam vergingen sich die Eroberer an den katholischen Geistlichen, denen die Lippen abgeschnitten wurden.4

ber die Eltern und die Kindheit von Pierre (Jean) Vincens in Bazas ist nichts bekannt. Er gehrte zu jenen Anhngern der reformierten Konfession, die nach der Aufhebung des Edikts von Nantes (1685) illegal ihre franzsische Heimat verlieen.

Der Celler Pagenhofmeister kann aus Altersgrnden nicht mit jenem 1663 in Bazas geborenen gleichnamigen Offizier Pierre Vincens identisch sein, der sich 1698 in Lausanne im Waadtland aufhielt, da Celler Vincens damals nicht erst 28 Jahre sondern bereits rund 50 Jahre alt war.5

In der Franzsisch-reformierten Gemeinde zu Celle begegnet uns Vincens am 1. Mrz 1701 als Trauzeuge bei dem Regimentsarzt in holstein-gottorpischen Diensten Jean Vivier, der aus der Guyenne und somit aus der Heimat des Hofpagemeisters stammte, und der Jeanne Catherine Emery. Im Kirchenbuch der Franzsischreformierten Gemeinde ist er unter dem 22. April 1703 als Pate bei Madeleine Ferr, der Tochter des Strumpfwirkers Abraham Ferr und der Elisabeth Vautrin, eingetragen.6

Am 22. April 1703 wurde Vincens zusammen mit dem Hofkonditor Jean Claude Lacroy in das angesehene Amt eines Ancien (Kirchenltesten) der Franzsischreformierten Gemeinde berufen. Nachdem beide das franzsische Glaubensbekenntnis und die hugenottische Kirchenordnung unterzeichnet hatten, wurden sie in ihr gemeindeleitendes Amt eingefhrt.7 Vincens vertrat die Celler Franzsischreformierte Kirchengemeinde auch bei der Vereinigungssynode der Niederschsischen Konfderation am 18. Juli 1703 in Hameln, der mehrere Franzsisch- und deutsch-reformierte Gemeinden in den welfischen Landen und in der benachbarten Grafschaft Schaumburg angehrten.8 Sein ehrenamtliches Engagement in der Celler Hugenottengemeinde war jedoch nur ein kurzes Intermezzo. Denn letztmalig findet sich seine Unterschrift am 12. Mrz 1704 unter einem Sitzungsprotokoll des Consistoire. Am 1. April desselben Jahres bergab er der Kirchengemeinde quasi als Abschiedsgeschenk eine Geldrolle mit 50 Ecus zur freien Verwendung.9 Wo er in Celle gewohnt hat, ist bislang unbekannt.

Anschlieend wechselte er als Pagenhofmeister an den kurfrstlichen Hof nach Hannover, wo er zuletzt ein Jahresgehalt von 467 Talern erhielt.10 In Hannover verstarb Vincens im gesegneten Alter von rund 90 Jahren in der Nacht vom 2. auf den 3. September 1741. Er hatte zuvor beim Kurfrsten beantragt, dass sein Erbe im Todesfall nicht vom Landesherrn eingezogen wrde, da er keine Verwandten innerhalb des Kurfrstentums hatte und dass dieses zu seinen franzsischen Verwandten gehen drfe.11 Laut Eintrag im Kirchenbuch der Franzsisch-reformierten Gemeinde Hannover ist der am 3. September 1741 verstorbene Pagenhofmeister rund 90 Jahre alt geworden. Bestattet wurde er am 5. September.12 Es gibt keine Hinweise darauf, dass Pierre (Jean) Vincens verheiratet war und Kinder hatte.

Andreas Flick

Quellen:

BEULEKE, Wilhelm: Hugenotten in Niedersachsen (= Quellen und Darstellungen zur Geschichte Niedersachsens, Bd. 58), Hildesheim 1960.

HAAKE-KRESS, Sabine: Hessen im 17. Jahrhundert aus der Sicht des hugenottischen Schriftstellers Samuel Chappuzeau (1625-1701), in: Zeitschrift des Vereins fr hessische Geschichte und Landeskunde 1986, Bd. 91, S. 49-70.

FLICK, Andreas: Das Haus des Strumpf- und Mtzenmachers Abraham Ferr und der Marianne de Robillard de Champagne, in: Hugenotten 2/2012, S. 57-61.

FLICK, Andreas: Der cellische Hof ist sehr prchtig, und, wie gesagt, sehr lustig und gar nicht gezwungen. Samuel Chappuzeau und sein Bericht ber das Herzogtum Braunschweig-Lneburg(-Celle) aus dem Jahr 1671, in: Celler Chronik 20.

Beitrge zur Geschichte und Geographie der Stadt und des Landkreises Celle, Celle 2013, S. 9-38.

KRNITZ, J. G.: Oekonomische Encyklopdie oder allgemeines System der Staats- Stadt- Haus- und Landwirthschaft, Th. 105, Berlin 1807.

MEINEL, Friedrich: Samuel Chappuzeau 1625-1701, Borna Leipzig 1908.

MIQUEL, Pierre: Les Guerres de religion. Club France Loisirs, Paris 1980.

Henri TOLLIN: Geschichte der hugenottischen Gemeinde von Celle (= Geschichtsbltter des Deutschen Hugenotten-Vereins, II, 7 u. 8), Magdeburg 1893.

TOLLIN, Henri: Die hugenottischen Pastoren von Lneburg (= Geschichtsbltter des Deutschen Hugenotten-Vereins, Zehnt VIII, Heft 5, Magdeburg 1899.

Der Tumult von Toulouse (11. bis 17. Mai) 1762, in: Der Katholik. Zeitschrift fr katholische Wissenschaft und kirchliches Leben, 43. Jg., 1863, erste Hlfte, neue Folge, neunter Band, Mainz 1863, S. 217-248.

Seite Bazas, in: Wikipedia, die freie Enzyklopdie. Bearbeitungsstand: 16. Mai 2014 https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Bazas&oldid=130471429 (Abgerufen: 21. Juni 2015).

Ev.-ref. Gemeinde Celle, Best. 1, Nr. 13, Protokollbcher des Franzsischreformierten consistoire (Presbyterium), 1. Bd., 1687-1729, 1732-1735, 1737-1750.

Niederschsisches Landesarchiv, Hauptstaatsarchiv Hannover (NLA HSTAH) Bestand Cal. Br. 15 Nr. 4154: Genehmigung fr den Pagenhofmeister Vincens auf die Erhebung des ius albinagii oder andere Abgaben zugunsten seiner in Frankreich lebenden Erben zu verzichten, 1726-1727.

Pierre (Jean) Vincens (1703-1704) 5

Funoten:

1 Zu Samuel Chappuzeau, dessen Sohn Christophe Presbyter der Franzsischreformierten Gemeinde werden sollte, vgl. MEINEL 1908; HAAKE-KRESS 1986; FLICK 2013.

2 KRNITZ 1807, S. 727.

3 Seite Bazas, in: Wikipedia.

4 MIQUEL 1980, S. 234.

5 Genealogische Datenbank der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft, Bad Karlshafen, Nr. 311681.

6 Genealogische Datenbank der Deutschen Hugenottengesellschaft, Bad Karlshafen, Nr. 92452. Zu Ferr vgl. FLICK 2012.

7 Ev.-ref. Gemeinde Celle, Best. 1, Nr. 13, S. 103.

8 TOLLIN 1893, S. 32.

9 Ev.-ref. Gemeinde Celle, Best. 1, Nr. 13, S. 111.

10 BEULEKE 1960, S. 85.

11 NLA HSTAH, Best. Cal. Br. 15, Nr. 4154.

12 Genealogische Datenbank der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft e.V., Bad Karlshafen, Nr. 850 (Quelle Kirchenbuch der Franzsisch-reformierten Gemeinde Hannover I., 1697-1743, S. 279.

Von Andreas Flick

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