Teil 1

Napoleonische Kriege

Die napoleonischen Kriege und die Besetzung des Kurfürstentums Hannover waren schwierige Zeiten der Fremdherrschaft für die Celler Bevölkerung.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 10. Okt. 2020 | 14:00 Uhr
  • 10. Juni 2022
Aufruf General Mortiers an die Hannoveraner vom 28. Mai 1803.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 10. Okt. 2020 | 14:00 Uhr
  • 10. Juni 2022
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Celle.

In Paris war 1789 eine Revolution ausgebrochen, die zu einer grundlegenden Veränderung der politischen Verhältnisse in Frankreich führte. Damit verbunden waren auch expansionistische Bestrebungen. Seit 1792 überschritten französische Truppen, angespornt vom revolutionären Geist, die Grenzen zu den Nachbarländern. War dieser „Revolutionskrieg“ zunächst zur Abwehr der Frankreich von außen bedrohenden antirevolutionären Kräfte organisiert worden („La patrie est en danger“), so wurde in der Folgezeit daraus sehr schnell ein auf territoriale Eroberungen abzielender „Nationalkrieg“. Von diesen Vorgängen war auch das Heilige Römische Reich Deutscher Nation betroffen.

Revolutionsheere konnten sich auf linkem Rheinufer festsetzen

Bereits im Ersten Koalitionskrieg (1792-1797), den Frankreich gegen Österreich und Preußen führte und in dessen Verlauf auch Großbritannien im Rahmen einer Großen Koalition vieler europäischer Staaten zum Kriegsgegner wurde, konnten die Revolutionsheere – trotz zeitweiliger Rückschläge – in den Friedensschlüssen von Basel (1795 mit Preußen) und Campo Formio (1797 mit Österreich) sich auf dem linken Rheinufer festsetzen und die Österreichischen Niederlande erobern.

Frankreich konnte Machtposition festigen

Die damit errungene Machtposition konnte Frankreich dann im Zweiten Koalitionskrieg mit den Friedensschlüssen von Lunéville (1801 mit Österreich) und von Amiens (1802 mit Großbritannien) festigen.

Napoleon konnte schnell herausragende Stellung ausbauen

Eine zentrale Rolle spielte dabei ein Mann mit Namen Napoleon Bonaparte, der sich zunächst als junger General durch verschiedene militärische Erfolge – vor allem in Italien – auszeichnete und 1799 durch einen Staatsstreich an die Macht gelangte. Napoleon gelang es dann sehr schnell, als Erster Konsul und als Konsul auf Lebenszeit diese herausragende Stellung auszubauen.1

Napoleon schreckte nicht vor Einsatz von Gewalt zurück

Er erklärte sogleich die Revolution für beendet, schreckte dabei aber gleichfalls nicht vor dem Einsatz von Gewalt zurück. Damit verbunden war eine unter Zwang herbeigeführte Wiederherstellung und Aufrechterhaltung der Ordnung im Innern und die Wiederaufnahme und Übersteigerung des französischen Hegemonialstrebens nach außen.

Französische Truppen im Kurfürstentum

Von den Auswirkungen dieser expansionistischen Bestrebungen war auch das in Personalunion mit Großbritannien verbundene Kurfürstentum Hannover betroffen. Zunächst schien sich eine ruhigere, entspannte Entwicklung für den Kurstaat anzubahnen. Nach dem Friedensschluss zwischen Frankreich und Preußen im Jahre 1795 hatte auch Hannover seine Teilnahme an diesem Krieg beendet und war in die für Norddeutschland vereinbarte Neutralität einbezogen worden.

Kurfüstentum verfügte nur über begrenzte eigene Machtmittel

Nicht zu übersehen waren jedoch die Schwächen des Landes: Das Kurfürstentum Hannover verfügte nur über begrenzte eigene Machtmittel zum Schutz und zur Verteidigung seines Territoriums gegen Angriffe von außen. Durch die Personalunion mit Großbritannien war es in seiner staatlichen Entwicklung von den politischen Entscheidungen in London abhängig, ohne dass der britische König zugleich die Sicherheit des Kurfürstentums gewährleisten konnte.

Kurstaat befand sich stets in unsicherer Lage

Unter diesen Bedingungen befand sich der Kurstaat stets in einer unsicheren Lage. Dies wurde bereits wenige Jahre später mit dem Frieden von Lunéville (1801) deutlich, als die durch das Ausscheiden Österreichs aus dem Kriege bedingte Isolierung Großbritanniens zu einer Schädigung seiner festländischen Stellung führte und Napoleon die Besetzung Hannovers durch Preußen veranlasste.

Stadt Celle blieb von Auswirkungen nicht verschont

Von den Auswirkungen dieses Geschehens blieb auch die Stadt Celle nicht verschont, deren Bewohner unter der Last der Einquartierung zu leiden hatten. Damals mussten über 2000 preußische Soldaten und Offiziere in der Stadt und den Vorstädten untergebracht und versorgt werden. Bis zum 1. Oktober 1801 dauerte die Besetzung Hannovers durch Preußen.2

Hannover musste keine Gebietsverluste hinnehmen

Über die schwierige Situation des Landes konnte auch die Tatsache nicht hinwegtäuschen, dass Hannover in der nach dem Friedensschluss von Amiens (1802) auf Veranlassung Napoleons 1803 erfolgten territorialen Neuordnung Deutschlands (vgl. Reichsdeputationshauptschluss vom 25. Februar 1803) keine Gebietsverluste hinnehmen musste, sondern mit dem Erwerb des Hochstifts Osnabrück seinen Herrschaftsbereich sogar erweitern konnte.

Napoleon unterstellte die Helvetische Republik seiner militärischen Gewalt

Noch im selben Jahr (1803) geriet Hannover erneut in eine bedrohliche Lage mit schwerwiegenden Konsequenzen. Als Napoleon im Herbst 1802 die Helvetische Republik 3 mit militärischer Gewalt seiner Herrschaft unterstellte und daraufhin Großbritannien, entgegen den Vereinbarungen von Amiens, es ablehnte, die Insel Malta zu räumen, reagierte Napoleon mit der Entsendung einer Armee in das Gebiet der Batavischen Republik.4 Diese Maßnahme, mit der zugleich eine unmittelbare Bedrohung Hannovers verbunden war, wurde am 18. Mai 1803 mit der Kriegserklärung Großbritanniens an Frankreich beantwortet.

Vordringen der französischen Truppen vom Befehlshaber gerechtfertigt

Wenige Tage später, ab dem 26. Mai 1803, drangen vom Gebiet der Batavischen Republik französische Truppen in das Kurfürstentum Hannover ein. Deren Befehlshaber, General Mortier, wandte sich am 28. Mai in einer Proklamation an die Hannoveraner, um das Vordringen der französischen Truppen auf dem hannoverschen Territorium zu rechtfertigen: „ Hannoveraner! Eine Französische Armee zieht in euer Land, sie kömmt nicht um in eure Gegenden Furcht und Schrecken zu verbreiten, sondern um den Theil des Landes, den ihr bewohnet, der Regierung von England zu entziehn, als welches sich nunmehr als Feindin von ganz Europa zeiget; und sich rühmet alle Grundsätze des Menschen- und Völkerrechts mit Füssen zu treten. […]

Hannoveraner! Ich verspreche euch allgemeine Sicherheit und Schutz, wenn ihr in Erwägung eures eignen Interesse eure Sachen von den Angelegenheiten eines Königes losmachet, der euch schon eben dadurch von der sonstigen Verbindlichkeit und Treue loßspricht, weil er selbst alle Grundsätze der Treue gebrochen hat. Die strengste Ordnung und Mannszucht wird unter meinen Truppen herrschen. Personen und Eigentum werden unverletzt bleiben.

„Konvention von Sulingen“ war gleichbedeutend mit Kapitulation

Nur wenige Tage später, am 3. Juni 1803, erfolgte der Abschluss der „Konvention von Sulingen“ zwischen der hannoverschen Regierung und dem Oberbefehlshaber der französischen „Armée d’Hanovre“. Dieser Vertrag war gleichbedeutend mit einer Kapitulation.

König Georg III. verweigerte Zustimmung

Der britische König Georg III. (1738-1820) weigerte sich, diesem von dem „Churfürstl. Hofrichter und Landrath F. von Bremer“ und dem „Oberstleutnant und Commandeur des Churfürstl. Leibgarde-Regiments G. v. Bock“ als Vertreter der hannoverschen Staatsregierung sowie dem „Generalleutnant und Oberbefehlshaber Ed. Mortier und Brigade-General und Chef des General-Stabs der Armee L. Berthier“ für die französische Besatzungsmacht unterzeichneten Vertrag „nicht nur als Kurfürst, sondern auch als König von Großbritannien“ zuzustimmen. 5

Schlechte Moral verhindert Fortführung des Kampfes

Sehr schnell zeigte sich jedoch, dass angesichts der schlechten Moral der nun auf der östlichen Elbseite stehenden hannoverschen Truppen an eine Fortführung des Kampfes gegen die noch verstärkten französischen Truppen auf dem linken Elbufer nicht zu denken war.

Neuregelung der Kapitulation verlangt

Als in dieser für das hannoversche Heer hoffnungslos erscheinenden Lage am 30. Juni General Berthier, der Stabschef Mortiers, dem Oberbefehlshaber der hannoverschen Armee, Feldmarschall von Wallmoden, einen Brief Mortiers übergab, mit dem dieser als Reaktion auf die Ablehnung der „Konvention von Sulingen“ durch den britischen König nun seinerseits diesen Vertrag für ungültig erklärte und eine Neuregelung der Kapitulation verlangte, kam es am 5. Juli 1803 zu einer Begegnung von Wallmoden und Mortier auf der Elbe bei Artlenburg. Diese Zusammenkunft führte zum Abschluss eines neuen Abkommens, der „Konvention von Artlenburg“ („Elb-Konvention“).

Schwerwiegende Auswirkungen in Celle

Die Folgen für das Kurfürstentum Hannover waren gravierend: vollständige Auflösung der hannoverschen Armee, die Auslieferung sämtlicher Waffen und Pferde, die Besetzung des Herzogtums Lauenburg durch französische Truppen. Zudem mussten sich die mit Urlaubspässen für ein Jahr ausgestatteten und in die Heimat entlassenen Soldaten der hannoverschen Armee verpflichten, an keiner bewaffneten Auseinandersetzung mit den Franzosen teilzunehmen.

Regelmäßige Bericht über die Lage nach London

Die Minister der Regierung des Kurfürstentums hatten inzwischen das hannoversche Territorium verlassen und waren über Ratzeburg nach Schwerin in Mecklenburg gelangt. Von dort aus berichteten sie zunächst regelmäßig über die Lage nach London, ohne dabei nennenswerten Einfluss auf die politische Entwicklung in dem von Franzosen besetzten hannoverschen Staat nehmen zu können.

Landschaften waren gezwungen, hohe Anleihen aufzunehmen

Mit der in der Konvention von Artlenburg festgelegten Auflösung des hannoverschen Heeres und der Unterstellung des Landes unter französische Herrschaft waren sogleich einschneidende Maßnahmen, insbesondere für das Finanzwesen des Kurstaates, verbunden. Regelmäßige Stationierungskosten und darüber hinaus geforderte (unregelmäßige) Sonderleistungen waren in einem Ausmaß aufzubringen, das die bisher üblichen Lasten für militärische Zwecke weit überstieg. Dazu wurden verschiedene Sondersteuern ausgeschrieben, und die Landschaften sahen sich zudem gezwungen, hohe Anleihen aufzunehmen.6

Höhere Belastungen für Celler Stadtbewohner

Die Okkupation des hannoverschen Landes brachte auch höhere zusätzliche Belastungen für die Bewohner der Stadt Celle mit sich. Am 6. Juni 1803 waren die ersten französischen Soldaten unter General Montrichard bei ihrem weiteren Vormarsch auch nach Celle gelangt. Neben der Zahlung erheblicher Geldsummen mussten für die Truppen nun auch größere Gütermengen für den „täglichen Bedarf“ zur Verfügung gestellt werden.

Anweisungen zur Größe der auszugebenden Rationen

In Bezug auf die Verpflegung der sich hier aufhaltenden französischen Truppen waren der Stadt die entsprechenden Wünsche der Besatzungsmacht in einem Generalbefehl in der Nacht vom 8. zum 9. Juni mitgeteilt worden. Diese Anordnungen enthielten genaue Anweisungen zur Größe der im Einzelnen auszugebenden Rationen und auch zur Zubereitung einzelner Lebensmittel, wie dies zum Beispiel bei der Brotherstellung der Fall war. Dazu teilte der Kriegskommissar Bergue dem Celler Magistrat mit: Es sei „die Absicht des H[errn] G[enerals] Montrichard […], daß das Brodt für die Troupen so gebacken werde, wie sie es in Frankreich erhalten“. In diesem Sinne forderte der Kriegskommissar einen Zweitage-Brotbedarf, für den 54 Sack Weizen und 18 Sack Rocken oder Gerste zu verbacken seien.7

Angesicht bedrückender Lage mussten zusätzliche Leistungen aufgebracht werden

Obwohl der Lebensmittelbedarf für die durchziehenden Soldaten zunächst vom Magistrat der Stadt geliefert wurde, sodass die Quartiergeber nur die Speisen zubereiten mussten, sahen sich diese angesichts der bedrückenden Lage veranlasst, zusätzliche Leistungen zu erbringen, wie Archidiakonus Echte aufgrund eigener Erfahrungen zu berichten weiß: „Die Einquartirung, bei der wir, falls wir Ruhe in unsern Häusern haben wollten, Officiers und Soldaten Mittags und Abends beköstigen, ihnen Morgens und Nachmittags Kaffee reichen mußten, war eine sehr drückend Last für uns, die durch die unglaublich vielen und verschiedenen Requisitionen noch drückender wurde.“ 8

Stadt Celle hatte hohe Kriegsschuldenlast zu tragen

Zu dieser Einquartierungslast kam im Sommer 1803 noch eine allgemeine Kriegssteuer. Aber auch durch diese Maßnahme konnte nicht verhindert werden, dass die Stadt am Jahresende „bereits eine Kriegsschuldenlast von 26905 Talern Gold und 5462 Talern Kassenmünze“ zu tragen hatte.9

Von Karl-Heinz Buhr

Quelle

1 1 Eberhard Weis: Weltbid Geschichte Europas 1776-1847, Band 4: Der Durchbruch des Bürgertums. Leck

2002, S. 223f.

2 Vgl. Clemens Cassel: Geschichte der Stadt Celle mit besonderer Berücksichtigung des Geistes- und Kulturlebens der Bewohner, herausgegeben von der Stadt Celle, zweiter Band. Celle 1934, S. 149.

3 „Helvetische Republik“ ist der offizielle Titel des schweizerischen Staates, der am 12.4.1798 die alte Eidgenossenschaft ablöste. Dieser Staat existierte bis zum 10.3.1803.

4 „Batavische Republik“ ist die Bezeichnung für den nach der Eroberung der Niederlande durch die Franzosen 1795 gebildeten niederländischen Staat, der bis 1806 existierte.

5 Reinhard Oberschelp: Politische Geschichte Niedersachsens 1803-1866. Hildesheim 1988, S. 2.

6 Oberschelp, wie Anm. 5, S. 39.

7 StA Celle, 5 G 87, 39.

8 Aufzeichnungen für 1803 in den Archidiakonatsakten, zit. nach: Archidiakonus Rauterberg: Aus Celles Vergangenheit, in: CZ v. 24.3.1892.

9 Cassel, wie Anm. 2, S. 150f. Aufzeichnungen für 1803 in den Archidiakonatsakten, zit. nach: Archidiakonus Rauterberg: Aus Celles Vergangenheit, in: CZ v. 24.3.1892.

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