Blutiges Spektakel 1713

Sieben Menschen nach Mord grausam hingerichtet

Wegen der Ermordung eines Pastors und seiner Haushlterin in Rehburg wurden im Dezember 1713 sieben Handwerker hingerichtet. Es war ein blutiges Spektakel.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 23. Apr. 2022 | 06:00 Uhr
  • 10. Juni 2022
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Rehburg.

Zwischen Rehburg und Loccum wurde im Dezember 1713 eine Mordtat, die als Pastorenraubmord berliefert ist, geshnt. Sieben Handwerker wurden dort durch den Scharfrichter und seine Gehilfen vom Leben zum Tode gebracht. Es gab einen Zwischenfall, und man musste sich zwingen, nicht wegzusehen.

Beschreibungen von Hinrichtungen eher selten

Detailfreudige Beschreibungen von Hinrichtungen sind eher selten. Das Ende der Ruberbande des Nickel List auf der Richtsttte vor Celle 1699 hat der Konsistorial- und Stadtprediger Sigismund Hosmann eindrucksvoll fr die ffentlichkeit dargestellt. Heinrich Bnting, Prediger in der Calenberger Schlosskapelle, wohnte gemeinsam mit seinem Amtskollegen Johannes Uden der geschrften Hinrichtung zweier Raubmrder am 28. Juni 1571 auf dem Calenberg vor Hannover bei und brachte seine Beobachtungen detailgetreu zu Papier. Prediger waren rede- und schreibgewandt und konnten mit ihren Publikationen noch ein kleines Zubrot verdienen.

Eine Besonderheit in den bald nach den Ereignissen aufgelegten Publikationen waren die Kupferstiche von Mordangeklagten in ihren Gefngniszellen, denen seelsorgerischer Beistand zuteil wurde, von den mrderischen Akten und vom unwirklich wirkenden Bild der Richtsttte nach den betreffenden blutigen Spektakeln.

Blutiges Spektakel in der Flur bei Rehburg

Solch ein blutiges Spektakel ereignete sich am 6. Dezember 1713 in der Flur, dicht am alten Postweg von Rehburg nach Loccum. Sieben Handwerker bten an jenem frhen Dienstagmorgen aufgrund der Bestimmungen der peinlichen Gerichtsordnung von 1532 ihre schlimme Tat mit dem Tod.

Im bernchsten Jahr 1715 erschien dann anonymisiert die Nachricht von denen Prediger-Mrdern, Raubern und Spitzbuben, welche den 28. Januar 1713. Nachts zwischen 12. und 1. Uhr Ihren allerseits Beicht-Vater und 22. jhrigen Prediger, Herrn Johann Meiern / zu Rehburg (im Ambte Stoltzenau) jmmerlich ermordet hatten. Die Nachricht wurde aufgelegt zu treuhertzigen Unterricht und nthiger Warnung.

Die Geschichte spielte in Rehburg im Hannverischen. Die Grafen von Hoya hatten ihr Gebiet ber Liebenau, Steyerberg, Stolzenau, Uchte und Diepenau weiter nach Sden ausgeweitet, sodass das zustndige Amt Stolzenau zur Grafschaft Hoya gehrte.

Pastor und dessen Haushlterin in Rehburg ermordet

Wenn der Verfasser von Prediger-Mrdern, Raubern und Spitzbuben spricht, so tuscht der Titel darber hinweg, dass im Mittelpunkt des Verfahrens die Ermordung des Pastors Johann Henrich Meyer und seiner Haushlterin Catharine Wellhusen stand.

Das Buch ist in Kapitel unterteilt. Das erste Kapitel ist berschrieben mit Kurtze Relation, von dem / bey dem Prediger zu Rehburg intendirten Diebstahl / und der / zu Vollnziehung dessen / an ihm und seiner Magd / begangenen erschrecklichen Mord-That.

Herzog Georg Ludwig damaliger Regent in Hannover

Was sich an jenem Samstag im Pastorenhaus zugetragen hatte, wurden die mit der Untersuchung beauftragten Personen im Zuge des von der Chur-Frstlichen braunschweig-lneburgischen Regierung angeordneten Inquisition gewahr. In Hannover regierte damals Georg Ludwig, von Gottes Gnaden Herzog zu Braunschweig und Lneburg.

Es waren laut der verffentlichten Darstellung sieben Einwohner der Stadt Rehburg, die sich am Samstag, dem 28. Januar 1713, kurz nach Mitternacht auf dem Keller versammelt hatten, nmlich der Schneider Christoph Koch, der Schlachter Dieterich Kahle, der Kellerwirt Hans Heinrich Voigt, der Hannoverische Gardereiter Friederich Wilhelm Flebbe, Braumeister Philipp Most, Hopfen-Fhrer Levin Voigt und der Schuster Johann Herman Meyer.

Pastor berauben und Haus verwsten

Sie hatten sich verabredet, den Pastor Meyer seiner Barschaft zu berauben und sein Haus zu verwsten. Meyer war damals seit 22 Jahren im Predigeramt, er lebte in coelibatu, war also ledig. Rehburg, bekannt durch sein altes Badehaus und den Gesundbrunnen, war damals noch eine Kapellengemeinde. Die Ereignisse von 1713 machten aus Johann Henrich Meyer den bekanntesten Geistlichen in der Geschichte der Stadt Rehburg.

Brutaler Angriff auf Opfer mit Messer und Beil

Zwischen 0 und 1 Uhr begaben sich die sieben Einwohner zur Predigerwohnung. Zwei standen Schmiere, die anderen fnf verschafften sich Zutritt und begaben sich zur Schlafkammer des Predigers, wo sie dessen Erspartes zu finden hofften. Pastor Meyer wurde von den Geruschen wach, erhob sich aus dem Bett, stellte die Eindringlinge zur Rede und rief nach seinem schlafenden Gesinde. Das hielt die Einbrecher aber nicht ab. Sie stachen auf ihren Seelsorger und Beichtvater ein, zuerst in den Mund und in das Kinn. Der Prediger leistete heftige Gegenwehr, worauf die Mnner mit dem Beil auf ihn einschlugen, ihn mit dem Messer in den Rcken stachen und ihn dann aus den Fenster stieen. Dort blieb Johann Henrich Meyer in einem Graben schwerverletzt liegen.

Nun eilte auch eine von Meyers Mgden ihrem Herrn zu Hilfe und wurde von zwei Bandenmitgliedern bei der Kammertr gepackt und heftig gegen den Kopf geschlagen, sodass sie an Ort und Stelle tot zu Boden fiel. Daraufhin fuhren die Einbrecher mit ihrem Beutezug fort.

Nach Bluttat aus dem Staub gemacht

Der im Graben liegende Prediger erholte sich nun etwas und erreichte durch sein Winseln und Wehklagen, dass der nebenan wohnende Schneider, der wegen vieler Arbeit mit seinem Gesinde noch wach gewesen war und das ungewohnter Weise im Predigerhaus noch brennende Licht gesehen hatte, herberkam, den schwerverletzten Prediger Meyer auffand und die Einbrecher sah. Er ging auf Nummer sicher und eilte zum Ksterhaus, damit die Glocken geschlagen werden sollten. Die Bande nahm daraufhin Reiaus.

Die Einwohner der Stadt kamen aufgewhlt zum Ort des Spektakels und brachten den verwundeten Prediger ins Haus, wo er von einem Mediziner versorgt wurde. Mund, Kinn und Zunge des Opfers waren so stark in Mitleidenschaft gezogen, dass der Prediger nicht in der Lage war, etwas ber die Tter anzugeben.

Schuh und Spange am Tatort gefunden

Die Obrigkeit lie sofort die Tore besetzen und Hausdurchsuchungen vornehmen. Christoph Koch war schnell ermittelt, weil er einen Schuh und eine Spange am Tatort zurckgelassen hatte, vor seiner Schlafsttte dann der passende zweite Schuh aufgefunden wurde. Unter schrferer Befragung gab Koch die Namen seiner Komplizen preis, die auch gleich am Sonntag, der auf die Mordnacht folgte, verhaftet wurden. Die siebenkpfige Bande wurde dem Amtmann zur Stolzenau, Christoph Heinrich Hugo, berantwortet. Durch dazu verordnete Hof- und Regierungs-Rte wurden die Untersuchungen vorgenommen.

Pastor erliegt seinen Verletzungen

Der schwerverletzte Pastor Meyer kmpfte in Rehburg lange um sein Leben. Unter groen Schmerzen, wie es im Kirchenbuch festgehalten ist, segnete er am 5. Mai 1713 das Zeitliche.

Obwohl die Corpus Delicti vorlagen, leugneten die Tter anfnglich noch hartnckig. Die Todesstrafe war in den Fllen aller Beteiligten unumgnglich. Bei der Urteilsfindung wurden Urteile hochberhmter Universitten einbezogen. Man erkannte schlielich in allen Fllen auf die Strafe des Rades. Die kurz gehaltenen und im Wortlaut kaum unterschiedlichen Todesurteile wurden vom hannoverschen Minister Johann Philipp von Hattorf unterzeichnet. Sie wurden im zweiten Kapitel der Publikation von 1715 in Abschrift abgedruckt.

Todesurteil: Mrder werden gerdert

Koch und Kahle sollten von unten gerdert werden, Meyer, Flebbe, beide Voigt und Most hingegen von oben herab. Exemplarisch folgt hier der Wortlaut des Todesurteils fr Christoph Koch, den Schneider:

In Inquisitions-Sachen wider Christoph Koch, erkennen von Gottes Gnaden Wir Georg Ludewig, Hertzog zu Braunschweig und Lneburg, den Heil. Rmischen Reichs Ertz-Schatz-Meister und Churfrst etc. vor Recht: Da Inquisit, weiln er seiner eigenen Gestndni nach, den Prediger zur Reheburg vorsetzlich mit dem Messer einen Stich in den Rcken gegeben, und sonsten zu des Predigers zur Rehburg, und dessen Magd Ermordung, geholffen, ihm zur wohlverdienten Straffe, andern aber zum Abscheu und Exempel, von unten mit dem Rade gestoen, damit vom Leben zum Tode gebracht, der Leib auf das Rad geflochten, und der Kopff auf den Pfahl gestecket werden soll, wie Wir dann ihn zu diesen allen condemniren, V. R. W.

Georg Ludewig / Chur-Frst.

J. Hattorf.

Die Strafe des Rades wurde vom Kurfrsten spter frmlich in die Strafe des Schwertes abgemildert unter Beibehaltung der weiteren Manahmen nach erfolgter Enthauptung. Diese Strafmilderung erfuhr auer Koch nur der Schuster Johann Herman Meyer.

Prediger bereiten Verurteilte auf den Tod vor

Die Prediger der Altstadt und der Neustadt Hannover besuchten die Delinquenten tagtglich zwecks Bue und Bekehrung und bereiteten sie auf ihr irdisches Ende vor. Am 5. Dezember 1713 wurden die Raubmrder nach Rehburg berfhrt.

Der vorgesehene Richtplatz befand sich in der Feldmark, auf einer leichten Erhebung im Gelnde, die im Volksmund mit Kppebarg bezeichnet und wo letztmalig am 12. September 1851 der Vatermrder Johann Heinrich Friedrich Wiepking aus Schneeren mit dem Schwert hingerichtet wurde.

Ablauf der Exekutionen gut organisiert

Der Ablauf der Hinrichtungswelle war im Vorfeld gut durchorganisiert bezglich Vorbereitung der Richtsttte, Bereitstellung von bewaffnetem Personal, seelsorgerischer Begleitung und dem seit Menschengedenken praktizierten hochnotpeinlichen Halsgericht. Der Prediger Meinecke aus Leese brachte seine Beobachtungen spter zu Papier, ebenfalls nachzulesen in der Publikation von 1715.

Die Prediger begaben sich zum Ratskeller, wo in einem Saal alle Delinquenten untergebracht waren. Sie redeten lange, intensiv und mit allen Regeln der Kunst auf die Missetter ein. Aber, der Autor der Nachricht hat es schon eingangs erwhnt: () sondern die meisten in ihrer Verstockung lange verharret, und einige bi zu allerletzt, ja gar auf dem Richtplatze, allererst in sich gegangen, und sich, GOTT gebe hertzlich, und ernstlich! bekehret.

Auf grausame Art und Weise hingerichtet

Zunchst wurden Struckmann (Koch) und Meyer decolliret. Flebbe war der Dritte, der den sauren Gang zur Richtsttte ging, begleitet vom Prediger Arsten. Eigentlich wollte er als eine Braut zum Tanze zum Tode gehen. Aber: Er war schon vorhin dermaen mit Furcht und Zittern berhuffet, da er dem Herrn M. Arsten, der ihn begleitete, mehr grelich nachschrie, als nachbetete. Nun aber musten ihn die Henckers-Buben fast mit Gewalt hinauf schleppen, und so sie ihn nieder geworffen, sprang er zweymahl wieder auf, schreyende: O la mich leben! O lat mich leben! Ward aber zuletzt von ihnen, dem gesprochenen Urthel nach, von oben ab gerdert: Allein so unglcklich, da, da sie ihn von dem Gerste fr tod hinunter geworffen, er starck zu Seel-Zgen, und mit dem Leibe sich zu regen, angefangen, daher einer von den Bttel-Knechten, hinunter gesprungen, ihm einen Strick dreyfach um den Hals, aus allen Krften zugezogen, und mit einem Fu draufgetreten, wie aber Flebben die Brust immer hher und hher gangen, ist ein anderer mit einer eisernen Keule darzu kommen, womit er ihn dreymahl aufs Hinter-Haupt geschlagen, da ihm das Blut zu den Ohren ausgesprtzet, da es denn endlich mit ihm aus war.

Mit eisernen Keulen gerdert

Amtmann Hugo redete dann noch einmal auf die weiterhin die Tat leugnenden Hopfen-Fhrer Voigt und Braumeister Most ein: Ihr verstockten Snder, gedencket nur nicht, da ihr mit eurem bohafften Verleugnen werdet unbestrafft davon kommen. Anschlieend wurde beiden das Urteil vorgelesen und dann zuerst Most, dann Voigt mit eisernen Keulen von oben herab gerdert. Der bekennende gantz bufertige Keller-Wirth, muste zwar auch gleiche Straffe des Radbrechens von oben ab, ausstehen: Er gieng aber getrost zum Tode. Schlielich fanden auch Kahle und Frobse ihr trauriges Ende.

Bibelzitate und Gedanken ber den Umgang mit dem Tod

Der Verfasser verwendete in seiner Vorrede immerhin 43 Seiten fr christliche Gedanken, Bibelzitate und Gedanken ber den Umgang mit dem Tod. Die Spannung wurde bis zum Schluss der Nachricht gehalten, die Kopfzeile Die Execution zu Rehburg/ In Amte Stoltzenau begleitete den Leser bis zum Schluss.

Jener 28. Januar 1713 war noch fr eine weitere Persnlichkeit schicksalhaft. Der italienische Dichter und Abenteurer aus Brescia Bartolomeo Dotti, 61 Jahre, wurde am gleichen Tag in Venedig ermordet. Diese Tat wurde allerdings nie aufgeklrt.

Wer 1713 die Aufgabe des Nachrichters wahrnahm, ist nicht bekannt. Scharfrichter zu Hoya und Drverden war um diese Zeit Jacob Suhr, der spter nach Celle bersiedelte.

Von Matthias Blazek

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