Sachsenspiegel

Mit dem Zug durch die Heide

Impressionen einer Bahnfahrt von Celle nach Hamburg im Jahr 1965 / Teil 2

  • Von Cellesche Zeitung
  • 10. Nov. 2018 | 14:09 Uhr
  • 10. Juni 2022
Auf Gleis 1 des Bahnhofes Celle der Deutschen Bundesbahn, auch Ausgangspunkt der planmigen OHE-Fahrten, wartet im Februar 1968 der Triebwagen GDT 0516 der Osthannoverschen Eisenbahnen auf seine Abfahrt in das Streckennetz der OHE. Auf Gleis 2 steht die E-Lok E41 386 der DB mit einem Zug ebenfalls kurz vor der Abfahrt.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 10. Nov. 2018 | 14:09 Uhr
  • 10. Juni 2022
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Celle.

Im Jahr 1965 unternahm der englische Autor von Eisenbahnliteratur, William James Keith Davies, eine Auslandsreise nach Norddeutschland, um die damaligen Eisenbahnen in diesem Gebiet zu erfahren. Daraus entstand sein Buch Railway Holiday in Northern Germany (Eisenbahnferien in Norddeutschland). Der Abschnitt, der seine Fahrt auf den OHE-Strecken und weiter auf Bundesbahngleisen bis Hamburg beschreibt, wird hier bersetzt wiedergegeben. Die Reise endete im ersten Teil in der vergangenen Woche in Htzel.

Und hier, wenn ich mich nicht irre, kommt unser Anschlussfahrzeug! Am Ende des stlichen Bahnhofgelndes steht ein als solches erkennbares Gebilde. Mnner hasten auf der Anfahrt und um die Weichen herum. Aber es dauert noch einige Zeit, bevor aus dem Hintergrund ein moderner MAK-Triebwagen, DT 0517, materialisiert und an den Bahnsteig zieht (DT ist eine individuelle Abwandlung des blichen VT oder T Dieseltriebwagen vermutlich). Ihm folgt unmittelbar die MAK-Diesellok 800 013, eine vierachsige 800 PS-Lokomotive, von Lneburg hereinkommend, mit einem alten vierachsigen Personenwagen, einem ebensolchen auf Drehgestellen und einen modernen Triebwagenanhnger befrdernd, der dem eben aus Winsen angekommenen Fahrzeug hnelt.

Der erwartete Wechsel aller Reisenden erfolgt und es geht weiter durch die hgelige Heide durch Steinbeck Grevenhof, ein langes flaches Stationshaus mit hbschem Garten zur Bahnanbindung zweier kleiner Landhuser, und Schwindebeck an der Luhe, bevor es abwrts luft mit dem Motor im Leerlauf in die mittelgroe Station Soderstorf. Hier, denke ich, muss es einen guten Grund fr die Frau und den kleinen Jungen geben, die groe geschlte pfel umklammern, aber nicht essen. Jedoch habe ich keine Zeit fr Spekulationen. Der Lokfhrer, so scheint es, ist in Eile, da wir pltzlich Geschwindigkeit aufnehmen. Mit Vollgas geht es los, wir fahren sicherlich mehr als 50 Stundenkilometer, als wir nach Amelinghausen-Sottorf hineinschaukeln, mit den Anschlussbussen auf dem Stationsvorplatz wartend. Ich denke, dass ich die Toiletten hier nicht benutzen mchte, da durch die Ventilatoren dauernd Tauben rein- und rausfliegen.

Einsam ber die weite Heide

Auf der verbleibenden Strecke nach Lneburg gibt es nicht viel Interessantes. ber Meile und Meile verndert sich der tiefe Ton des Wagenmotors nicht, whrend er einsam ber die weite Heide ruckelt, seine Fahrt hier und da nur unterbrochen von Drfern und Haltepunkten, die sich nur unwesentlich unterscheiden. Drgennindorfs Huser haben Dachgaubenfenster, Heinsen eine Brcke ber etwas, das wohl spter eine Behelfsstrae sein wird. Melbeck-Embsen ist brandneu und rhmt sich eines groen Gterbahnhofes wegen des nahen Gelndes der Salzgitter-Stahlwerke, deren Areal allerdings eine gute Meile von beiden Orten entfernt liegt. Rettmer ist ohne Besonderheiten und Oedeme besitzt nur eine Bedarfshaltestelle, wie die Deutschen es nennen, hier aber mit einem modernen Unterstand.

Damit sind wir in den Auenbezirken von Lneburg selbst. Wir stoppen am Haltepunkt Kurpark, rumpeln hinter dem OHE-Betriebswerk entlang, in dem die Dampflok vom Typ 75 unter freiem Himmel traurig abgestellt steht, und weiter an einem ansprechenden Fluss entlang zum Bahnhof Lneburg Sd, ein simpler Kopfbahnhof, der unterhalb der Bundesbahnstrecke liegt und der sich durch seine groe und detailreiche Anzeigetafel ber seinem Eingangstor als reiner Personenbahnhof ausweist.

Lneburgs Bundesbahnstation liegt gut einhundert Meter entfernt und man knnte meinen, dass die Eisenbahngeografie Lneburgs komplizierter war, als sie es heute ist. Um es einfach auszudrcken, der Bahnhof der Bundesbahn besteht aus zwei Teilen: Ost, in dem alle Fernzge abgefertigt werden und West, gerade gegenber dem Vorplatz, mit einem ganzen Ensemble von schbigen Bahnhofsbauten und trostlosen, leeren, heute dem ausgednnten Vorortverkehr vorbehaltenen Bahnsteigen. Mit der Entstehung der Zonengrenze gingen die Hauptlinienfunktionen des Bahnhofs Lneburg in Richtung Osten ein.

Um die Sache zu verkomplizieren: Die Nebenstrecke der OHE nach Bleckede und Alt Garge, einst die frhere Bleckeder Kreisbahn, beginnt ihren Verlauf in der Station Lneburg Ost und nicht in Sd. Eigentlich gibt es wenig Grund, den Bahnhof Sd zu nutzen, da die OHE mit Zgen aus Soltau kommend ber einen Anschluss den Bahnhof der DB erreichen knnte. brigens war die Bleckeder Kreisbahn ursprnglich eine 75-Zentimeter-Schmalspurbahn, die einige sehr schne Dampftriebwagen hatte.

Ich wollte eigentlich nach Bleckede weiterfahren, wo die OHE ihr Bahnbetriebswerk hat, aber das neunzigmintige Gewackel in dem Esslinger Triebwagen reichte mir, so dass der Anblick des noch lteren und spartanischeren Drehgestelltriebwagens, der die Strecke nach Alt Garge bediente, mich schnell meine Meinung ndern lie. Meine Ahnung besttigte sich ein paar Minuten spter, als sich das Gefhrt mit stotterndem Grollen vibrierend in Bewegung setzte und mit rasselnden Fensterscheiben in der Ferne verschwand. Zwei Stunden in dem Ding wren ein schlechter Start fr eine interessante Erkundung Hamburgs gewesen.

Beeindruckt von mittelalterlichem Flair

Die gewonnene Zeit erlaubte es mir, das schne mittelalterliche Lneburg anzuschauen und spter einen Vorortwendezug der Bundesbahn zu nehmen. Lneburg ist eine wunderschne alte Stadt. Selbst, wenn Sie nicht an solchen Dingen interessiert sind, sollten Sie einen Blick auf die wichtigen Relikte vor der Zeit des Eisenbahntransportes werfen, wie den groen handbetriebenen Kran auf dem alten Kai, nur ein paar hundert Meter vom Bahnhof entfernt. Er ist ein erstaunliches technisches Gert.

Es ist an der Zeit, zum Bahnhof Lneburg (Ost) zurckzukehren, von wo die V100.1054 einen langen Wendezug aus silbernen Vorortsalonwagen (Silberlinge Anm. d. Red.) nach Hamburg bringen soll. Nun bin ich gespannt, herauszufinden, warum ein Nahverkehrszug planmig doppelt solange fr die kurze Strecke bentigen soll wie ein Schnellzug. Und die Antwort ist schnell klar. Wir warten oft und lange auf Nebengleisen und genieen die nicht gerade aufregende Szenerie der Elbniederung, um schnellere Zge vorbeizulassen. Wenigstens gibt mir das die Mglichkeit, die hervorragenden Personenwagen der DB fr den Vorortverkehr zu inspizieren. Der groe zentrale Vorraum mit seinen weiten Doppeltren, die funktionalen, aber komfortablen Sitzgruppen, die sanft arbeitenden bergnge zwischen den Wagen beeindrucken wie die Edelstahl-Auenhlle, die nicht nur die Wartungsarbeiten verringert, sondern auch noch elegant und dekorativ aussieht, whrend ihre gegltteten, unteren Paneele jede Tendenz zu monotonem Grau vermeiden.

Mein Nachsinnen wird jh durch einen Ruck beendet, als wir aus dem letzten Nebengleis rausziehen und in die Auenbezirke von Hamburg einfahren. Ab Meckelfeld passieren wir jetzt stndig Abschnitte mit Gleisneubauarbeiten, Oberleitungserweiterungen und groen Gterbahnhfen, bevor wir durch ein Labyrinth von Weichen, Kreuzungen, ber- und Unterfhrungen Hamburg-Harburg erreichen, einen der wichtigen bergangsbahnhfe Hamburgs, und in dessen auf der Ostseite gelegenes Gleis 3 einfahren. Ab hier stellt die Eisenbahn nur noch ein breites Band von brodelndem Verkehr dar.

Gter- und Personenzge fahren in alle Richtungen und sogar ein TEE rast sdwrts auf den groen Elbbrcken an uns vorbei, bevor wir langsamer werden, um die verschlungenen Einfahrtsgleise in den Hauptbahnhof zu passieren. Es ist beruhigend, in der Mitte all dieser fieberhaften Aktivitten die Signal- und Fernmeldeabteilung zu entdecken, die es sich auf einem Nebengleis mit ihren alten Dienstwagen bequem gemacht hat, vor den Fenstern der Aufenthalts- und Schlafwagen hell gestrichene Blumenksten mit daraus im berfluss heraushngenden Blumen. Das ergibt einen netten Kontrast zur modernen, funktionalen Effektivitt des Hauptbahnhofes, unter dessen groem, berspannendem Dach wir sanft halten wir sind in Hamburg!

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Von William James Keith Davies

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