Umstrittene Lehrstätte

Kampf gegen die Plocksche Schule - Teil II

Die private Plocksche Mädchenschule in Celle genoss in der Bevölkerung hohes Ansehen. Der Obrigkeit war sie aber ein Dorn im Auge - aus verschiedenen Gründen.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 10. Jul 2021 | 06:00 Uhr
  • 10. Jun 2022
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Celle.

In Celle kam es im 18. und 19. Jahrhundert zur Gründung einer ganzen Anzahl nicht von der Obrigkeit legitimierten Privatschulen. Dazu zählte die Plocksche Mädchenschule, deren über 80-jährige Geschichte im Folgenden dargestellt wird. 1741 am Großen Plan in Celle gegründet, war sie die älteste Celler Töchterschule .

Evangelisch-reformierte Gemeinde um Hilfe gebeten

1806 befand sich die Plocksche Schule in Celle in einer schwierigen Lage: Die sinkende Zahl von Schülerinnen und der schlechte Gesundheitszustand der beiden Schwestern Henriette Maria Magdalena und Marianne Ernestine Plock hatten zur Folge, dass man sich an die Evangelisch-reformierte Gemeinde, die 1805 durch den Zusammenschluss der Französisch- und Deutsch-reformierten Gemeinde gebildet worden war, um Unterstützung bat: „Da wir nun in der Französischen Gemeine gebohren und erzogen worden, so ersuche und bitte Euer Wohlgebohren gehorsamst, eine jährliche Unterstützung für meine Schwester und für mich zu erbitten, dieses würde eine große Erleichterung für uns seyn.“

Henriette Maria Magdalena und Marianne Ernestine Plock krank

Ein beigefügtes Schreiben des Hofmedicus Dr. F. Heine an die Kirchengemeinde schildert den schlechten gesundheitlichen Zustand von Henriette Maria Magdalena und Marianne Ernestine Plock. Darin erwähnt der Arzt, dass „die beyden am großen Plane allhier wohnhaften Demoiselles Plock schon seit vielen Jahren, sehr kränklich gewesen sind“. Die ältere Schwester leide an der Gicht und die jüngere an „einer großen Schwäche der Nerven und der Augen“. Die jüngere sprach selbst von heftigen Krämpfen, an denen sie schon über 14 Jahre leide. Marianne Ernestine Plock musste nach Aussagen des Arztes sogar mehrere Wochen das Bett hüten. Trotz der „indes höchst seltenen, gesunden Tagen“ bemühten sich die beiden Schwestern, ihre Schule aufrechtzuerhalten und die Mädchen zu unterrichten. Dieser Schulunterricht war für die beiden Schwestern notwendig, um ihren Lebensunterhalt, der „sehr kärglich“ war, aufzubringen. Da die zwei Lehrerinnen durch die Einquartierungen während der napoleonischen Besetzung Celles zusätzlich finanziell belastet wurden, sah sich der Arzt genötigt, die Evangelisch-reformierte Gemeinde um eine Unterstützung zu bitten, damit die Schwestern Plock notwendige Arzneimittel erwerben konnten.

Widerstand gegen Winkelschulen in der Stadt Celle

Am 19. April 1814 hatten sich die beiden Stadtschullehrer J. G. Rodewald und J. H. Scharnhorst schriftlich an das Magistratskollegium mit der Bitte gewandt, die Winkelschulen in der Stadt Celle aufzuheben. Da die Lehrer kein festes Gehalt erhielten und auf das Schulgeld angewiesen waren, beeinträchtigten diese Schulen die Einnahmen der Lehrer in beträchtlichem Maße. Diese begründeten ihre Bitte damit, dass die Celler Bürger verpflichtet seien, ihre Kinder durch die beiden in der Stadt angestellten Lehrer in der Religion und in gemeinnützigen Kenntnissen unterrichten zu lassen. Den unterprivilegierten Lehrern könne es daher nur erlaubt sein, fremde Sprachen zu unterrichten. Sie äußerten: „Dessenungeachtet müssen wir täglich wahrnehmen, daß Eltern ihre Töchter unter dem Vorwande, sie in weiblichen Handarbeiten unterrichten zu lassen, auch zugleich ihnen den Unterricht in Religion und gemeinnützigen Kenntnissen von solchen unterprivilegierten Lehrern ertheilen lassen [...]. Jetzt, da vorzüglich die Zahl der hiesigen Winkelschulen mit jedem Tage sich vergrößert, glauben wir Anspruch auf die Aufhebung derselben machen zu dürfen.“ In dem Schreiben der beiden Lehrer befindet sich auch eine Liste der in Celle existierenden Winkelschulen, die mit der Nennung der Plockschen Schule einsetzt.

„Die Winkelschulen finden statt:

1, bey der Dem[oiselle] Block, wohnhaft am Plan.

2, bey dem He[rrn] Huch, wohnhaft Bergstraße.

3, bey dem He[rrn] Richter, wohnhaft Bergstraße.

4, bey der Madam Escherich, wohnhaft Hl. Kreutze.

5, bey der Madam Müller, wohnhaft Schuhstraße.

6, bey der Madam Mosbach, wohnhaft Neue-Straße.“

Die beiden Stadtschullehrer baten den Magistrat darum, „Denen erwähnten unterprivilegierten Lehrer und Lehrerinnen anzubefehlen, die von ihnen bisher unterrichteten Kinder sofort an unsere Schule zu verweisen, oder wenn die Eltern ihre Kinder unserem Unterrichte nicht anvertrauen wollen, doch als dem verbunden sind, an uns das Schulgeld zu bezahlen“.

Plocksche Schule besaß hohes Ansehen

Das Ergebnis dieses Schreibens war der Ratsbeschluss vom 20. April 1814. Dieser besagte unter anderem, „daß den Demoiselles Block, da selbige keinen Unterricht in der Religion sondern vorzüglich in Französisch u[nd] Knütten [Stricken] ertheilen und von jeher mit besonderem Fleiße der Kinder angenommen, der Unterricht forthin verstattet werde, den übrigen angegebenen Lehrer u. Lehrerinnen [...] bey 5 R[eichst]h[aller] Strafe untersagt ist, eine Schule, worin die Religion und gemeinnützige Kentnisse gelehret werden, zu halten, [...]“. Deutlich sichtbar wird an diesem Ratsbeschluss, dass die Plocksche Schule eine andere Bewertung als die übrigen Winkelschulen in der Stadt Celle erfuhr. Offensichtlich besaß diese Mädchenschule innerhalb der Celler Bürgerschaft ein hohes Ansehen.

Generalsuperintendent Hoppenstedt – Gegner der Winkelschilen

Der zuvor zitierte Ratsbeschluss sowie der alte Erlass Herzog Georg Wilhelms waren bedeutsam für die Schulpolitik des lutherischen Generalsuperintendenten Dr. August Ludwig Hoppenstedt, der 1815 sein Amt in Celle antrat. Dieser Theologe widmete sich im besonderen Maße auch dem Schulwesen in der Stadt Celle, wobei er sich große Verdienste erwarb. Hoppenstedt, der nicht nur Ephorus und Direktor der höheren Töchterschule, sondern auch geistlicher Ephorus des gesamten Celler Schulwesens jener Zeit war, erwies sich, wie schon sein Vorgänger, als konsequenter Gegner der sogenannten Winkelschulen. Diese schadeten seiner Meinung nach „der guten Ordnung.“

Zusätzliche Lehrkräfte unterstützen Plocksche Schule

In dem Jahr, als Hoppenstedt seinen Dienst in Celle antrat, verstarb Henriette Maria Magdalena Plock in ihrem Hause am Großen Plan. Ihre jüngere Schwester erkannte, dass sie nicht in der Lage war, allen Unterricht allein erteilen zu können. Sie äußerte: „Geachtete Männer unserer Stadt halfen mir in meinem Geschäfte.“ Dazu zählte offensichtlich auch der Pastor der Evangelisch-reformierten Gemeinde Celle, Ernst Lebrecht Friedrich Reupsch. Dieser trug 1833 in das Consistorialbuch der Gemeinde den Vermerk ein, dass er in der Plockschen Schule „seit Jahren und ohne alles Honorar, blos Vergnügungshalber Unterricht“ erteilt habe. Durch diese Hilfe zusätzlicher Lehrkräfte konnte der Unterricht umfangreicher gestaltet werden, und die Anzahl der Schülerinnen in der Plockschen Schule blieb konstant. Die Reformmaßnahmen von Konsistorialrat Hoppenstedt, der die Töchterschule neu organisierte und durch eine Elementarklasse vermehrt hatte, hätte nach Ansicht von Marianne Ernestine Plock ihre Schule überflüssig gemacht, „allein das gütige Vertrauen der Eltern nahm mir nicht die Kinder“.

Ein Reichstaler pro Monat Schulgeld

Akten im Stadtarchiv Celle belegen, dass es 1822/23 zu direkten Maßnahmen Hoppenstedts gegen die Plocksche Schule kam. Im Jahre 1822 wandten sich die beiden Stadtschullehrer in einem Schreiben an den Generalsuperintendenten Hoppenstedt, worin sie berichteten, dass trotz der Resolution des Magistrats vom 20. April 1814 „doch noch immer solche Schulen von unprivilegierten Lehrerinnen, und noch in größerem Maße wie damals“ fortdauerten. Diese Winkelschulen fanden bei der Witwe des Organisten Eschrig am Heiligen Kreuz, bei der Demoiselle Wünning in der Runden Straße und bei Demoiselle Plock am Plan statt.

Unterricht sollte verboten werden

Aus diesem Brief erfährt man auch, dass das Schulgeld in der Plockschen Schule für jedes Kind monatlich 1 Reichstaler betrug. Außerdem wird berichtet, dass es gerade diejenigen Eltern, „welche vermögend sind das Schulgeld zu bezahlen“, ihre Kinder eher in diese Winkelschule als in die Bürgerschule gaben. Offensichtlich war damals das Ansehen dieser Privatschule besser als das der städtischen Schule. Ziel des Schreibens der beiden Lehrer an Hoppenstedt sollte sein, dass dieser dahin wirkt, dass es den Winkelschullehrern künftig nicht mehr gestattet sein sollte, Unterricht zu erteilen.

Schon bald bot sich für den Generalsuperintendenten die Möglichkeit, gegen die Plocksche Schule beim Magistrat vorstellig zu werden. Der Grund war die Tatsache, dass der Sattlermeister Gerlach seine vier Kinder aus der Bürgerschule genommen und zur Plockschen Schule geschickt hatte. Anlass zu diesem Schritt war die Prügelpädagogik des Stadtschullehrers Wrede. Dieser hatte den kleinen Sohn des Sattlermeisters „nicht mit der Fläche, sondern mit der Schärfe des Lineals geschlagen.“

Prügelpädagogik mit Folgen

Doch dafür, dass der Sattlermeister alle seine Kinder aus der Bürgerschule nahm, hatte Hoppenstedt kein Verständnis. Der Generalsuperintendent schreibt: „Für das Ansehen der Schuldirektion, die Wirksamkeit der Lehrer, so wie der Bestand der Schulcasse dürften die Eigenmächtigkeit des Sattlermeisters Gerlach gleichwichtig, und, der zu befürchtenden Folgen wegen, eine zu ergreifende Maasregel höchst wünschenswerth seyn.“ Außerdem wies Hoppenstedt in seinem Schreiben an den Magistrat der Stadt Celle nochmals darauf hin, dass es der Demoiselle Plock nicht zustehe, Unterricht in Religion zu erteilen und Kinder aus der Bürgerschule aufzunehmen. Der Generalsuperintendent forderte vom Rat eine Verfügung gegen diese Privatschule.

Konkurrenz für Bürgerschule und höhere Töchterschule

1823 drohte offensichtlich das von oben verordnete Aus für die Winkelschule, die bis dahin bereits auf eine 82-jährige Geschichte zurückblicken konnte. Hoppenstedts Attacke gegen die Plocksche Schule wurde damit begründet, dass diese eine Konkurrenz sowohl für die Bürgerschule als auch für die höhere Töchterschule darstelle. Als Argument führt der Konsistorialrat fernerhin die schlechte Schulbildung der Kinder, welche Nebenschulen besuchen, an. Wenn Hoppenstedt besonders der in der Plockschen Schule inzwischen erteilte Religionsunterricht ein Dorn im Auge war, dann mögen hier auch konfessionelle Gründe eine Rolle gespielt haben, waren die Mitglieder der Familie Plock doch Mitglieder der Evangelisch-reformierten Gemeinde.

Marianne Ernestine Plock wendet sich schriftlich an Magistrat der Stadt Celle

Verzweifelt über Hoppenstedts Attacke schrieb Marianne Plock: „Jetzt soll sie [die Schule] plötzlich aufhören“. In ihrer Not wusste Marianne Ernestine Plock keinen anderen Ausweg mehr, als sich am 10. Oktober 1823 direkt schriftlich an den Magistrat der Stadt Celle zu wenden, um fernerhin die Erlaubnis zur Fortsetzung ihres Schulunterrichtes zu bekommen.

Teilsieg für Marianne Ernestine Plock

Bürgermeister und Rat fassten daraufhin am 15. Oktober 1823 den Beschluss, dass Marianne Ernestine Plock „befohlen wird, Kinder, die bereits die hiesige Bürger-Schule besuchten von den Eltern aber daraus weggenommen wurden ohne spezielle Bewilligung des Rats in ihre Schule nicht aufzunehmen, und die bereits aufgenommenen zu entlassen.“ Somit war ihr wiederum nicht untersagt worden, ihre Mädchenschule weiterzuführen. Marianne Ernestine Plock konnte, trotz der befohlenen Auflagen, einen bedeutenden Teilsieg gegen Hoppenstedt für ihre Bemühungen davontragen.

Der reformierte Theologe Reupsch unterstützte so gut er konnte die Plocksche Schule, wo er selber Unterricht gehalten hatte. Auch der Lehrer an der 1820 wieder gegründeten Reformierten Schule in Celle, Friedrich Heinrich Ludolph Stegmann, unterrichtete vor der Fertigstellung des reformierten Schulgebäudes an der Hannoverschen Straße an der Plockschen Schule. Stegmann heiratete 1822 die Nichte von Marianne Ernestine Plock, Henriette Louise Plock.

Wann die Plocksche Schule endgültig ihre Tore schloss, lässt sich nicht genau sagen. Marianne Ernestine Plock starb am 20. Februar 1828 im Alter von 66 Jahren. Winkelschulen gab es weiterhin in der Stadt Celle.

Von Andreas Flick

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