Bergwerk bei Hänigsen

Kalischacht mit brisanten Rüstungsaltlasten

Das Kalibergwerk Riedel bei Hänigsen war in der Nazi-Zeit Heeresmunitionsanstalt. Die Hinterlassenschaften aus der Rüstungsindustrie sind brisant - bis heute.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 30. Apr. 2022 | 06:00 Uhr
  • 10. Juni 2022
Schacht Riedel; Postkarte aus dem Jahr 1927.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 30. Apr. 2022 | 06:00 Uhr
  • 10. Juni 2022
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Hänigsen.

Einst handelte es sich um eine streng gesicherte Rüstungseinrichtung. Die ehemalige Heeresmunitionsanstalt Hänigsen blickt auf eine wechselvolle Vergangenheit zurück. Welche Hinterlassenschaften im Untergrund zurückgeblieben sind, ist bis heute ungeklärt.

Selten wäre der Ausdruck einer „Überlagerung von Gegenwart und Geschichte“ treffender als in Bezug auf das ehemalige Kalibergwerk Niedersachsen-Riedel. Während über Tage inzwischen die meisten sichtbaren Überreste verschwunden sind, erstreckt sich unter Tage immer noch ein weitläufiges Streckensystem alter Kalisalzstollen. Neben den üblichen Hinterlassenschaften ehemaliger Bergwerke werden in den Abbaustrecken sowie in deren angrenzenden Kammern bis heute noch brisante Rüstungsaltlasten vermutet, die aus jener Zeit stammen, als eine Munitionsanstalt des Heeres unter Tage untergebracht war. Eine Bestandsaufnahme der verbliebenen Rüstungsmaterialien gestaltet sich aus heutiger Sicht schwierig – falls nicht sogar unmöglich. Die historischen Zusammenhänge der Heeresmunitionsanstalt wurden von verschiedener Seite bereits umfassend aufgearbeitet. In einer dreiteiligen Beitragsreihe werden sie an dieser Stelle dargestellt.

Heer interessiert sich für Schachtanlage Riedel bei Hänigsen

Seit 1913 war das Kalibergwerk Riedel bei Hänigsen auf der 500-m-Sohle mit dem benachbarten Schacht Niedersachsen bei Wathlingen verbunden. Durch Umstrukturierungen befanden sich beide Schachtanlagen ab 1928 in Hand der Burbach Kaliwerke AG. Das Werk Riedel wurde während der Kalikrise stillgelegt – der Betrieb wurde auf Instandhaltungsmaßnahmen beschränkt – lediglich der Werksteil Niedersachsen bei Wathlingen produzierte weiter. Mit dem steigendem Bedarf an Rüstungserzeugnissen begann sich das Oberkommando des Heeres ab Mai 1936 für die Schachtanlage Riedel zu interessieren. Mehrere Sprengversuche zwischen 1936 und 1937 sollten zur Klärung über die notwendigen Sicherheitsabstände und die Abmessungen der untertägigen Lagerkammern beitragen, wobei die Versuchsabläufe ebenfalls den Betrieb der Ein- und Auslagerung von Munition auf den Strecken simulierten.

Verbindung zum Schacht Niedersachsen bei Wathlingen

Offenbar fiel bereits im Sommer 1936 die Entscheidung, das Werk Riedel zu Heereszwecken zu nutzen – seit dem 1. März 1937 stellte die Burbach AG sowohl das Werksgelände als auch den Schacht sowie alle dazugehörigen Gebäude und Anlagen für die Herrichtung durch den Betrieb der Munitionsanstalt zur Verfügung. Auf Veranlassung des Oberbergamtes wurde in der Verbindungsstrecke zum Schacht Niedersachsen eine doppelte Dammtür-Anlage eingebaut, um die Arbeiter im Schacht Niedersachsen im Falle einer untertägigen Explosion zu schützen – einerseits vor eintretendem Grundwasser und andererseits vor giftigen Gasen. Laut Stammblatt der Heeresmunitionsanstalt wurde die Einrichtung am 1. Mai 1938 als solche funktionell aufgestellt und war zunächst dem Feldzeugkommando XXX (Kassel) unterstellt.

Produktion von Munition zunächst oberirdisch im „Waldlager“

Die Produktion erfolgte anfangs ausschließlich oberirdisch im sogenannten „Waldlager“ – einem Fertigungskomplex, bestehend aus vier dreigeschossigen Arbeitshäusern sowie Nebengebäuden, der sich am südlichen Ende des Forstes „Brand“ zwischen Wathlingen und Hänigsen befand. Heute liegt der nördliche Teil des Areals im Landkreis Celle – der südliche Bereich liegt in der Region Hannover.

Übersichtskarte vom Fertigungsgebiet „Waldlager“: Hier wurde ein Teil der chemischen Kampfstoffe unschädlich gemacht.

Mit Voranschreiten des Zweiten Weltkrieges wurde darüber hinaus eine untertägige Fertigung eingerichtet – die entsprechenden Arbeitsräume waren bis Anfang 1943 geschaffen worden. Nach Übernahme der über- und untertägigen Werksanlagen durch die Heeresverwaltung nehmen die überlieferten Schriftwechsel ab – entsprechend überschaubar ist die verfügbare Quellenlage aus der Zeit zwischen 1943 bis April 1945.

Viele Untertage-Kammern für Munition in Kalibergwerk

Auf der 650-m-Sohle standen 35 große und 31 kleine Kammern zur Unterbringung von Pulver und Munition zur Verfügung – auf der 750-m-Sohle waren es 9 große und 12 kleine Kammern. In Ausnahmefällen sollten geringe Mengen unscharfer Munition und Munitionsteile außerhalb der Lagerräume in geeigneten Streckenerweiterungen untergebracht werden. Zusätzlich war eine Lagerung gestapelter Munition für Handfeuerwaffen in den alten Steinsalzabbauen auf der 640-m-Sohle vorgesehen. Über die eingelagerten Mengen und die Zusammensetzung der konventionellen Munition liegen bis 1945 keine abschließenden Informationen vor.

Chemische Kampfstoffe gelagert

Neben dieser „normalen“ Munition wurden nachweislich bereits ab Mitte 1944 chemische Kampfstoffe unter Tage eingelagert. In einem Schreiben des Bergrevierbeamten aus Celle an das Oberbergamt sowie den Oberbergrat vom 24. Mai 1944 heißt es hierzu: „Gelegentlich einer Befahrung wurde festgestellt, dass in der Heeresmunitionsanstalt Hänigsen untertage Chloracetonphenon und ein Reizstoff unbekannter Zusammensetzung gelagert werden. Bei beiden Stoffen handelt es sich um Gaskampfstoffe, wobei ersteres etwa dem Tränengas entspricht, während letzteres wesentlich gefährlicher ist. Über seine Zusammensetzung und seine Wirkung ist Näheres dem Bergamt nicht bekannt. Es handelt sich um 38.000 kg Chloracetonphenon und 14.000 kg Reizstoff (...)“

Leitung der Heeresmunitionsanstalt setzt sich vor Eintreffen der US-Truppen ab

Diese Stoffe wurden laut dem Schreiben ohne Rücksprache mit der Bergbaubehörde mitten in der Grube zwischen anderen Lagerräumen untergebracht – auf Veranlassung des Bergamtes wurden sie in gesonderte Räume verbracht, die im ausziehenden Wetterstrom lagen. Vonseiten der Heeresmunitionsanstalt wurde erklärt, dass „besondere kriegsbedingte Gründe die Lagerung dieser Stoffe untertage erfordern“ und es möglich wäre, dass „noch weitere Mengen dieser Stoffe untertage gelagert werden müssten“. Inwiefern es hierzu kam, ist unbekannt – die schriftlichen Quellen halten sich diesbezüglich bis zum Kriegsende bedeckt. Die Leitung der Heeresmunitionsanstalt setzte sich am Vormittag des 11. April 1945 vor Eintreffen der US-Truppen ab – vermutlich nach Schleswig-Holstein. Zu den genauen Abläufen bei Kriegsende liegen keine näheren Informationen vor.

Zuständigkeit über Munitionsanstalt geht auf britischen Truppen über

In einem Bericht über die Sicherstellung der Spitzenkampfstoffmunition, der höheren Stellen erst am 14. April 1945 vorgelegt wurde, findet die Heeresmunitionsanstalt neben anderen Einrichtungen zwar nicht explizit Erwähnung – in einer, dem Bericht beigefügten Karte ist Hänigsen allerdings mit einem Kreuz als Standort für eingelagerte Kampfstoffe markiert. Der Bericht dürfte den Stand unmittelbar zu Kriegsende wiedergeben – zu diesem Zeitpunkt scheinen sich also noch chemische Kampfstoffe vor Ort befunden zu haben. Diese konnten offenbar nicht mehr – wie ursprünglich vorgesehen – durch deutsche Einheiten sichergestellt werden. Am 12. April 1945 wurde Hänigsen zunächst von Einheiten der 84. US-Infanterie-Division erreicht. Die Zuständigkeit über die Munitionsanstalt ging später auf die britischen Truppen über, die bereits nach ersten Erkundungen feststellen mussten, dass über- und unter Tage mehrere tausend Tonnen Explosiv- und Kampfstoffmunition sowie diverse Vorprodukte lagerten. Die Inventarverzeichnisse aus dieser Zeit geben Aufschluss über die Masse der vorgefundenen Rüstungsgüter.

Briten listen Munitionsfunde in Hänigsen genau auf

Bereits kurz nach Kriegsende war den britischen Dienststellen bekannt, dass sich unter den (vermuteten) 10.000 Tonnen Munition in ehemaligen Heeresmunitionsanstalt Hänigsen auch chemische Kampfstoffe befanden. Ein genaueres Bild der aufgefundenen Kampfmittel liefert ein Bericht der „Chemical Weapon“ (CW) Section vom 22. Juli 1945. Demzufolge befanden sich in den untertägigen Räumen der Munitionsanstalt unter anderem 1060 Tonnen Gasgranaten, 90 Tonnen chemische Kampfstoffe „lose“ gelagert – davon 13 Tonnen „EX“ sowie 5020 Tonnen Spreng- und Rauchgranaten. Im Bereich der Munitionsfertigung des Waldlagers wurden 602 Tonnen Gasgranaten und 860 Tonnen Spreng- und Rauchgranaten dokumentiert. Für die Räumung der Heeresmunitionsanstalt war zunächst die 28. Moblie Section der 303. Enemy Army Depot Control Unit (EADCU) zuständig. Diese unterstand dem 30. Corps und dieses wiederum der 21. Army Group der British Army Of The Rhine (B.A.O.R.). Zwischen September 1946 und April 1946 oblag die Räumung der untertägigen Räume der Heeresmunitionsanstalt der Sondereinheit „Mines-Control“.

Chemische Kampfstoffe vernichtet oder im Meer versenkt

Während die Heeresmunitionsanstalt durch britische Einheiten geräumt wurde, kam es zur Anlieferung von konventionellen und chemischen Kampfmitteln aus anderen Standorten. Tausende Tonnen wurden alleine aus der Heeresmunitionsanstalt im Schacht Erichssegen bei Ilten antransportiert. Dort hatte die 303. EADCU zunächst ihr Hauptquartier – verfügte vor Ort jedoch nicht über ein geeignetes Depot zur Zwischenlagerung. Bis das Gelände der nordöstlich von Braunschweig gelegenen, ehemaligen Heeresmunitionsanstalt Lehre in den Zuständigkeitsbereich der 303. EADCU fiel, wurde ein Großteil der ausgelagerten Munition daher offenbar nach Hänigsen verfrachtet. Von hier aus nahm die angesammelte Munition verschiedene Wege. Ein Teil wurde im ehemaligen Fertigungsgebiet „Waldlager“ delaboriert. Chemiewaffen – unter anderem in 15 cm Granaten – wurden offenbar teilweise in einem speziell eingerichteten Labor vor Ort unschädlich gemacht. Andere chemische Kampfstoffe wurden durch Abbrennen oder Vergraben „demilitarisiert“. Größere Mengen chemischer Kampfstoffe (rund 1600 Tonnen) wurden aus Hänigsen zur Seeversenkung abtransportiert. Konventionelle Munition wurde offenbar auch noch an andere Standorte gebracht. Laut militärischer Berichterstattung sollen die Chemiewaffen bereits Mitte September 1945, „wie auch immer“, vollständig in ein Lager über Tage abtransportiert worden sein – spätere Aussagen werfen diesbezüglich allerdings Fragen auf.

Welche Mengen an Munition und chemischen Kampfstoffe wurden eingelagert?

Insoweit lässt sich festhalten, dass in der ehemaligen Heeresmunitionsanstalt Hänigsen erhebliche Mengen konventioneller Munition, Pulver sowie chemische Kampfstoffe und deren Vorprodukte eingelagert und teilweise laboriert worden sind. Unklar bleibt jedoch, in welchen Mengen die (chemischen) Kampfmittel eingelagert wurden und ebenso in welchem Umfang sie in der unmittelbaren Nachkriegszeit wieder ausgelagert wurden. Ein tragisches Ereignis im Sommer 1946 trug entscheidend dazu bei, dass bis in die heutige Zeit diesbezüglich Ungewissheit besteht. Die Zusammenhänge sind Gegenstand des zweiten Beitrags zum Thema. (Fortsetzung folgt)

Von Hendrik Altmann

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