Wienhausen um 744 erwähnt

Kein Weinen, Wein noch Wiesen

Wienhausen, der Ort heißt noch nicht allzu lange so. Es finden sich ältere Schreibungen, die zwischen Huin & Wyn schwanken. Doch der Reihe nach.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 06. Jan. 2022 | 18:20 Uhr
  • 10. Juni 2022
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Wienhausen.

Erst um 804 bis 1000 taucht überhaupt der Ort Kiellu namentlich auf, auch Tiela, Kellu, Kiellu genannt, das spätere (Alten-)Zelle. Es war die Zeit, in der die Sachsen auf wenig friedliche Weise blutig vom Segen des Evangeliums unter Karl dem Großen überzeugt wurden, einer nur recht vordergründig so genannten Christianisierung. Das politische Ziel war die gewalttätige Eingliederung des sächsischen Raumes ins christliche Frankenreich. Legendär wurde der gescheiterte Widerstand der Sachsen unter Widukind, der 782 in Massenhinrichtungen in Verden gipfelte, die an einem einzigen Tag stattfanden, wie es heißt. Es erfolgte die gründliche Missionierung von Hildesheim und Halberstadt aus. In diesem Zuge entstanden im Braunschweiger Land Klöster und größere Kirchenbauten.

Fulda, nicht Hildesheim

An der alten Grenzscheide zu Ostfalen, im Urstromtal der Aller, dem heutigen Altencelle, ließ Bruno VI. um 986 eine feste Burganlage, die sogenannte Brunonenburg, errichten, mit der St.-Petri-Kirche. Jedoch das in der Nähe gelegene Wienhausen fand schon um 744 als Hugin-, Hugwin-, Huin- oder Wynhusen Erwähnung, denn so um das Jahr 744 muss der Ort bereits als ein Landgut existiert haben, da er im Jahr 1022 als im „Gau Flutwide als Huginhusen“ in der Stiftungsurkunde des St.-Michaelis-Klosters zu Hildesheim namentlich erwähnt wird. Dies Huginhusen aber war ursprünglich im Besitz des Klosters in Fulda, das 744 vom bedeutenden missionarischen Kirchenreformer des Frankenreichs, Wynfreth Bonifatius, gegründet worden ist. Das besagte Landgut wird erst 1051 dem Bistum Hildesheim, unter Bischof Azelin, übereignet: „in comitato videlivet Brunonis comitis et in pago Flotwida situm“, wie dies einer Urkunde des König Heinrich III. vom 2. März 1052 zu entnehmen ist. Hierin werden der Kirche zu Hildesheim die Grafschaftsrechte in sechs sächsischen Gauen (pagis) und elf Archidiakonaten übertragen. Das Original befindet sich im Staatsarchiv Hannover, darin wird das heutige Wienhausen in seiner wohl ersten Schreibweise „Huinhusen“ genannt.

Ein großer Wirtschaftshof

In vorchristlicher Zeit soll dieser Allerort eine germanische Opfer- und Thing- oder Dingstätte gewesen sein, was aber nirgendwo belegt und für die Namensfindung und ihre Entschlüsselung wenig dienlich ist. Das „Huin“ oder „Hugin“ soll auf den Namen Hugo zurückgehen, für „Hugones“, so werden die Franken in alten Schriften genannt. „Hugin“ verweist zudem auf die nordische Mythologie, so heißt einer der Raben Odins. Das altnordische Verb „huga“ steht für denken, ergo „hugi“ für Sinn oder Gedanken. Bereits 1022−1038 führen die Hildesheimer Bischöfe Bernward und später Godehard in „Huginhusen“ einen großen Wirtschaftshof. Er ist seit 1054 durch Kaiser Heinrich III. [1017–1056] mit Markt-, Münz-, Zoll- und Schifffahrtsrechten belegt. Das (Alten-)Zelle entwickelte sich inzwischen zum Vorort der Südheide. Von 1137 an regierten der Welfe Heinrich der Stolze [1102–1139] und dessen Sohn, Heinrich der Löwe [1129/30–1195], dieser bestimmte alsdann 1150 (Alten-)Zelle zum einzigen Stapel- und Umschlagplatz und zur Zollstätte für die talwärts ausgeführten Güter von Braunschweig nach Bremen. Urkundlich bezeugt wird der heutige Ort Wienhausen seit 1057 am Oberlauf der Aller, wo knapp 200 Jahre später dann, um 1230, das Zisterzienser-Kloster erbaut wird. Er findet als Sitz eines Archidiakons in „Huginhusen“ Erwähnung, wo um 1051 auch eine hölzerne Pfarrkirche nachweisbar ist. 1202 wurde (Alten-)Zelle von Braunschweig getrennt und gehörte zu Heinrich I. von der Pfalz [1173–1227], der Lange oder der Lahme genannt, der die Kaufmannssiedlung (Alten-)Zelle, das „aput villam nostram Schellis“ an der Allerfurt ebenfalls mit Zollrechten versah. Der Ort lag günstiger als Wienhausen an der alten Nord-Süd-Straße, die Mitte des 13. Jahrhunderts auch von Romreisenden aus dem Norden genutzt wurde.

Es kursieren verschiedene Auffassungen über die Herkunft und Bedeutung des Ortsnamens, die aber alle dem Bereich der Spekulation und viel späteren Zuschreibungen angehören, bis hin zum christlich konnotiertem „Weinberg Gottes“, der etwas süffisanten Zuschreibung von „Wyn“ oder „Win“ oder plattdeutsch „Wien“ für Wein. Es ist nicht ganz von der Hand zu weisen, wenn die ursprünglich bekannten Besitzverhältnisse auch die Namensgebung bestimmten, dass jener Wynfreth Bonifatius mit seinem Vornamenteil „Wyn“ und „Hugin“ (Franken/Hugonen) auch den ursprünglich schriftlichen Ortsnamen belegt. Wer das vertiefen will, kann den vielfachen Bedeutungen etwa im Althochdeutschen nachgehen, wo die Namen „wini“, „wine“, „wyn“ nicht für Wein oder gar Wiese, sondern für Freund oder Geliebter stehen, und sehen, wohin das führt. Alle Deutungen, dass sich der Name von den Weihen (den Vögeln) ableite, oder dass er ein geweihter Ort gewesen sei oder vom Wyn, Win, Wien = Wein, dem „Wienbarg des Herrn“ sich herschreibt, sind wenig überzeugende und nachträgliche Spekulationen.

„Untüchtig, sich zu himmlischen zu erheben“

Eine dieser gern weitergetragenen Spekulationen um den Ortsnamen findet sich in der verhältnismäßig spät aufgezeichneten Klosterchronik von 1692: „Ehemahln wardt dieser Ort genandt Wiginhusen sonst auch Wygenhusen von den Weyen die sich da in großer Menge aufhielten, welche von ihrem natürlichen Fluge und von ihrer Stärke Weuhe genandt werden. Mit welcher diejenigen Christen füglich verglichen werden, die wegen großer Trägheit im Christenthum untüchtig sind sich zu den himmlischen zu erheben.“

Zu der Zeit, als der „Sachsenspiegel“ schriftlich niedergelegt wird und mithin das deutsche Rechtssystem erste Formen anzunehmen beginnt, planen Heinrich I. und Agnes, ursprünglich im Gebiet von Nienhagen, im heutigen Landkreis Celle, am Unterlauf der Aue, einem Nebenfluss der Fuhse (auch Fose, Fusa), um 1225 ein Nonnenkloster (Zisterzienser) erbauen zu lassen. „Ein geistliches Jungfrauen Kloster zu Gottes Ehren.“ Aber es sei, laut Klosterchronik, von „Wassermükken und allerhand gifftigen Würmern sehr incommodiret“ gewesen und hatte zudem „wegen des sümpfichten Ohrts keine gesunde Lufft“, so dass es dort schließlich nach etwa 10 Jahren abgerissen worden sein soll und in Wienhausen erbaut wurde. 1233 bestätigt der Hildesheimer Bischof die Gründung des Klosters, das noch heute an der Oberaller steht. Agnes, die großzügige Stifterin, stirbt 1248 in (Alten-)Zelle und wird in Wienhausen beigesetzt. Im selben Jahr wird (Alten-)Zelle das Stadtrecht verliehen, dies bestätigt am 12. April 1249 eine Urkunde von Otto dem Kind [1204–1252], dem ersten Herzog von Braunschweig-Lüneburg, unter dem seit 800 nachweisbaren und noch heute gültigen Familiennamen der Welfen (italienisch Guelfi).

Trugwelt außerhalb der Klostermauern

Die gefallenen, wie auch immer in Schwierigkeiten geratenen oder schlicht unverheirateten Töchter des Adels und der vornehmen, finanziell gut dastehenden Bürgergeschlechter suchten und fanden in Klöstern als Mägde Gottes Aufnahme. Lesen, Beten, Singen, Sticken und wohl auch Malen und Zeichnen füllten, neben all den anderen Aufgaben, die ansonsten weltabgewandten Klostertage. Ein mehr oder weniger abgeschiedenes Leben. Das Leben außerhalb der Klostermauern wurde als Drochwerlt = Trugwelt empfunden, vor der auch den Nonnen im Kloster Wienhausen grauste: „myk gruet vor dyn wesent!“ (Trugwelt, mir graust vor deinem Wesen!) Auch lesbar als, mich graust Deine Anwesenheit oder besser: mich gruselt dein Treiben.

„Nachdemmahl es mit denen Menschlichen (Vermächtnissen) allso beschaffen, daß sie wegen Allter der Zeiten Flüchtigkeit Menschlichen Andenkens in die stile (Ver)geßenheit leicht können begraben werden als wären sie nie vorgangen; so ist billig daß man … das längst Vergangene abermahl kann vor Augen gestellet, und als unsterblich bey der Nach-Wellt beybehallten werden ...“ So lautet die der Chronik 1692 vorangestellte Absicht – eine Chronik, die leider erst verhältnismäßig spät über einen Zeitraum von 100 Jahren bis 1793 verfasst wurde. Es ist die erste schriftlich verfasste Chronik des Klosters, die eines der raren literarischen Zeugnisse der vergangenen vier Jahrhunderte dieser Region darstellt. Es umfasst die Zeit der Gründung in Nienhagen, die Verlegung nach Wienhausen, benennt die Äbtissinnen und Pröbste in biographischen Abrissen, erzählt Geschichten und Geschichte um die lutherische Reform, die dort in Teilen brutal durchgeführt wurde und sich lange hinzog, erzählt von der Hildesheimer Stiftsfehde, aber auch von den Wunderwerken der Heiligen, die dies Kloster zu vermelden hat. Besonders ist hier „Die Geschichte von dem Fräulein Apollonia“ hervorzuheben, „zu der Zeit nemblich Ao. 1522, als begunte sich die Ketzerische Secte der Luderaner auch in den Lünebg. Lande auszubreiten.“ Die Geschichte dieser „Apollonia“ wird später oftmals aufgegriffen, etwa von Auguste von der Elbe (i.e. Auguste v. d. Decken, geb. Meyer), in ihrem Roman „Apollonia von Celle“ (Leipzig 1889).

Neben der Chronik gibt es noch den lateinisch verfassten „Nekrolog“, das „Totenbuch des Klosters Wienhausen“, das mit dem 1. Januar beginnt, dem Todestag der Gründerin Herzogin Agnes. Es vermerkt die Namen der zwischen 1266 bis 1622 im Kloster Verstorbenen. Hinzu kommt das handschriftliche „Notizbuch“ der Äbtissinnen des 15. Jahrhunderts (Klosterarchiv, Fach 33, Nr. 1/1). Diese Dokumente, die Chronik, das Notiz- und Totenbuch, wurden 1986 in einer von Horst Apphuhn eingeleiteten und erläuterten Buchausgabe, die auf eine Veröffentlichung in den „Celler Beiträgen zur Landes- und Kulturgeschichte“, Heft 3 und 4 aus dem Jahre 1956, zurückgreift, vom Kloster Wienhausen herausgegeben. Von überregionaler und literarischer Bedeutung sind aber zwei andere Zeugnisse aus diesem Kloster, worüber der nächste Sachsenspiegel berichten wird. Dort werden dann auch die Quellen- und Literaturangaben folgen.

Frühestes kulturelles Erbe

Die Erzählung von Tristan und Isolde gilt als bedeutendes Zeugnis höfischer Dichtung und ist mit den berühmten Tristan-Teppichen des Klosters Wienhausen, dem frühesten kulturellen Erbe des Landkreises Celle verknüpft.

Nur auf dem Teppich bleiben, ließe sich salopp, doch völlig richtig, über die ersten literarischen Spuren vor Ort und von Belang sagen, denn es geht sprichwörtlich um das Bleiben eines Zeugnisses von kulturellem Wert auf Teppichen. Die im Kloster aufbewahrten und öffentlich gezeigten Teppiche sind eben auch ein literarisch relevanter europäischer Kulturschatz ersten Ranges. Diese Teppiche mit der textilen Überlieferung des Tristanstoffes entstehen am Anfang des 14. Jahrhunderts im Kloster an der Aller und sind das kulturell bedeutsamste Erbe der Region, darüber gibt es keinen Streit.

Eine alte Kulturtechnik

Ein kurzer Blick auf die Geschichte der Stickerei-Teppiche, deren älteste Exemplare aus Ägypten stammen und weit ins 16. Jahrhundert zu datieren sind. Die Römer sollen die Stickereien aus dem Orient importiert haben. Tacitus berichtet von farbig bestickten Gewändern, die er bei den Germanen gesehen habe. Die Klosterschulen schließlich entwickelten eine Meisterschaft im Sticken. Weltberühmt wurde der Bildteppich von Bayeux in der Normandie, etwa um 1066 bis 1077 entstanden und mit einer Länge von 70 Metern und der Höhe von 50 Zentimetern rekordverdächtig. In 58 Szenen schildert er die Überfahrt des Normannenherzogs nach England, samt dem Sieg der Normannen in der Schlacht bei Hastings. Im 14. Jahrhundert finden sich auch in Deutschland Stickteppiche. So wurde eine frühe fragmentarische Tristanstickerei in der Dorfkirche zu Emern bei Uelzen entdeckt, die im Museum in Lüneburg zu besichtigen ist. Es lassen sich darauf unter anderem drei Tristanszenen entschlüsseln.

Die Tristan-Teppiche

Richtig fündig wird man allerdings in Wienhausen, wo sich in einer Sammlung von gotischen Bildteppichen (1300 bis 1480) gleich drei sorgsam gehütete, wenn auch nur fragmentarisch erhaltene Exemplare der sogenannten „Tristanteppiche“ befinden. Das sind kostbare Wollstickereien aus heimischer Schafwolle in sogenannten „lockeren Überfangstichen“ auf Leinen gebannt, dem berühmten „Klosterstich“. Der erste Teppich, um 1300, erzählt die Sage in 24 Bildszenen; der zweite Teppich, um 1330, zeigt zwölf unvollständige erhaltene Szenen; der dritte Teppich, um 1360, umfasst insgesamt 23 Szenen.

Wie kam der Erzählstoff eines Liebes- und Ehebruchsromans aus Frankreich so früh nach Wienhausen? Eine Sage, in der es um Treuebrüche, Betrugsszenen, antichristlichen Frevel, Verstöße gegen ritterliche Gesetze und fleischeslüsterne Minne geht? Die Wienhäuser Tristan-Teppiche sind bestickt mit literarischen Motiven einer Geschichte, die weit, weit entfernt und etwa hundertfünfzig Jahre zuvor, um 1150/60, auf Altfranzösisch verfasst worden ist. Die erste deutsche Übertragung entstand um 1170/1190, der „Tristant“ von Eilhart von Oberge verfasst, die sich im norddeutschen Sprachraum verbreitete. Die berühmtere Fassung Gottfried von Strassburgs wurde erst um 1290 vollendet. Als die Nonnen im Kloster Wienhausen Klosterstich für Klosterstich sich an Szenen und Motiven des Mythos die Finger blutig stickten, dürften Bildfolgen vom „Tristrant“ schon an den Höfen kursiert sein und als Vorlagen gedient haben.

Es lässt sich nicht klären, wie dieser Sagenstoff zu den weltfernen Zisterzienserinnen am Rande der Heide kam, die sonst Stich um Stich tiefreligiöse und erbauliche Bildwerke schufen? Doch so viel lässt sich sagen: Der Sagenstoff und die Sprache der Übersetzer bewegt sich in einer Periode des Umbruchs von der Ritterdichtung zur höfischen Dichtung, verbunden mit bürgerlicher Stadtkultur des Hoch- zum Spätmittelalters. Dies ist genau die Zeit, in der die Nonnen den Tristan & Isolde Stoff auf Leinen abbilden.

Till-Eulenspiegel-Geschichten waren zu der Zeit ebenfalls im Umlauf und welch‘ romantische Vorstellung, ein fahrender Sänger habe den Klosterdamen die Kunde an die Aller gebracht. Vielleicht war es der Oberch, der ja urkundlich als ein Braunschweiger Ministeriale erwähnt wird und aus dem Ort Oberg zwischen Braunschweig und Hildesheim stammte. Die Herzogin Agnes wird Oberchs „Tristrant“ mit Sicherheit gekannt und weitergetragen haben, bis ins Kloster, wo die zumeist adeligen Klosterdamen, oft noch junge Mädchen und Frauen, von Untreue, Täuschung, Liebe und Verbannung selbst genug haben erzählen können und empfänglich gewesen sein mögen, für den Mythos einer leidenschaftlichen Liebe, um ihrer selbst Willen, die über den geliebten Menschen hinausgeht. Sie haben sich in dieser Geschichte wiederfinden können, die unter dem Werk ihrer Hände kreuzstichweise szenische Gestalt annahm, zuweilen wohl auch unter Zuhilfenahme einer Brille. Einer sogenannten Nietbrille, deren hölzerner Rahmen (Buchsbaum- oder Lindenholz) zwischen beiden Gläsern mit einem Metallniet zusammen gehalten wurde und sich 1953 im Wienhäuser Nonnenkloster unter einer hölzernen Stufe der hinteren Sitzreihe des Nonnenchorraums von 1330 fand. Sie lag da unter den Gegenständen, die dort über 600 Jahre verborgen, durch eine Ritze gerutscht oder verloren gegangen waren.

Singen und Sagen will uns das Liederbuch des Klosters, das erst 1934 im Klosterarchiv (wieder) aufgefunden wurde und sich auf zirka 1470 datieren lässt. Ein 80 Seiten umfassender Codex mit Liedern und je einem Prosastück und einem Brieffragment, das seither das „Wienhäuser Liederbuch“ genannt wird. Es ist eines der ältesten deutschen Liederbücher, „ein Kleinod mittelalterlicher Dichtung und Gesänge“, so befindet der Musikwissenschaftler Peter Kaufhold, der 2002 eine fundierte Neuedition der Texte, Übersetzung und musikalische Bearbeitung vorgelegt hat. Es umfasst insgesamt 59 Lieder, davon 55 religiösen und vier weltlichen Inhalts. Sie wurden auf niederdeutsch und in lateinisch-niederdeutscher Wechselsprache geschrieben. Die Melodien wurden in der Hufnagelschrift aufgezeichnet, einer speziellen Form der Choralnotation auf vier bis fünf Linien, wie sie in deutschen Klöstern noch bis weit ins 16. Jahrhundert üblich war. In diesem frühen Liederbuch wird bereits von der Trugwelt – „Drochwerlt, myk gruet vor dyn wesent!“ – gesprochen, vor dessen Wesen einem graust. Aber auch ein sehr persönlicher, alltäglicher Satz findet sich zwischen zwei frommen Liedern, der wohl von der Hand der Äbtissin Katharina von Hoya (1412 – 1474) eingefügt wurde, die sich „in groter hast“ bedankt für den „schönen goden honigkoken“. Mit gerade 21 Jahren wurde sie 1433 als Äbtissin des Klosters eingesetzt, aber nach 36 Jahren (1469) zwischenzeitlich abgesetzt und ins Kloster Derneburg verbracht. 1470 kehrte sie nach Wienhausen zurück, wo sie vier Jahre später starb. Sie war wahrscheinlich am Entstehen des „Wienhäuser Liederbuches“ beteiligt.

"We schullen alle vrolik sin"

Ansonsten wollen auch wir heute den bald 600 Jahre alten Rat des bekanntesten Liedes aus dem Liederbuch beherzigen: „We schullen alle vrolik sin / to dusser osterliken tyd, / dar unse trost unde heyl anlyd.“ Zudem enthält die Sammlung die wohl älteste Fassung der „Vogelhochzeit“, Lied: „Ein Vogel wollte Hochzeit machen …“. In der uralten Fassung heißt es: „de kuckuck und de reygere, / de ghyngen water weyeren“ und auch noch dies Versepaar daraus als Leseprobe: „de swarte raven was dor de kock, / dat schient an sinen klederen noch.“ Einer weiteren Erwähnung wert ist die im Liederbuch enthaltene Strafpredigt an die Nonnen, wahrscheinlich später in Reimprosa hinzugefügt, die sich leichtsinnigerweise mit einem „verdrunkenen und verlopenen“ Mönch herumgetrieben haben, während ein anderer, der einst entsprungene Mönch Konrad, reuemütig zurückgekehrt sein muss und als Dichter des Weihnachtsliedes „Vrouwet jück, kynder“ benannt wird: „He is nu wedder in de kappen sprungen. He will de rosen werpen an de hecken un will syne platte anders bedecken.“

Riese, Glocke und Taube

Es wird, nach den Teppichen und dem Liederbuch, ein paar Jahrhunderte kulturell und literarisch gesehen still um den Ort, für den die wechselvolle Geschichte des Klosters über Jahrhunderte bestimmend ist, bis heute. Dann und wann mag jemand durchgezogen sein, ein Poet, oder vielleicht hat die eine oder andere Nonne etwas geschrieben, eine erfundene oder tatsächlich dort gelebt habende. Allerdings sind einige Sagen im Umlauf. Zum Beispiel die hübsche Geschichte vom „Riesen Lippold“, der beim Laufen so viel Sand in seine Stiefel bekam, dass er nicht mehr richtig laufen konnte und den Sand dort ausschüttete, wo zwischen Osterloh und Oppershausen der nach ihm benannte Lippoldsberg liegt. Auch die Sage vom unterirdischen Gang, der vom Celler Schloss bis zum Kloster Wienhausen führen soll, wird erzählt. Die Legenden von den Glockenkuhlen teilen sich gleich drei Orte im Landkreis: Altenhagen, Bergen und Wienhausen. Eine Glocke, die beim ersten Läuten davonfliegt. Das könnte auch ein Einfall vom Baron Münchhausen oder Christian Morgenstern gewesen sein. Aber ganz wichtig ist noch die Gründungssage des Klosters, mit dem überaus poetischen Bild einer wundersamen Sommernacht, gefallenem Schnee und weißen Tauben auf einem Haus, das genau dort steht, wo dann das Kloster erbaut werden soll.

Vom 19. bis zum 21. Jahrhundert müsste ein dritter Teil erzählen, der vielleicht später als ein weiterer „Sachsenspiegel“ folgt.

Von Oskar Ansull

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