Große Kampffliegerschule

Geheime Mobilmachung in Faßberg für den Krieg

Im Jahr 1934 entstand in Faßberg die Große Kampffliegerschule. Mit Tarnnamen bereitete sich die Luftwaffe in Nazi-Deutschland heimlich auf den Krieg vor.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 11. Dez. 2021 | 06:00 Uhr
  • 10. Juni 2022
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Faßberg.

Im November 1933 wurde in der Schmarbecker Heidelandschaft unter größter Geheimhaltung mit dem Bau eines Flugplatzes begonnen. Gemäß dem Versailler Vertrag von 1919 durfte das im Ersten Weltkrieg unterlegene Deutsche Reich allerdings keine Luftwaffe haben. Das Vorkommando der Kampffliegerschule Faßberg traf am 1. Oktober 1934 unter der Tarnbezeichnung Hanseatische Fliegerschule e.V., Abteilung A unter ihrem Kommandeur, Major Philipp Zoch, ein. Um diese Schule soll es im folgenden Beitrag gehen.

Tarnbezeichnungen wegen Versailler Vertrag

Für den Aufbau der deutschen Luftwaffe wurden nicht nur Flugplätze und Flugzeuge gebaut, sondern auch zahlreiche Ausbildungszentren geschaffen, die vor allem in den ersten Jahren, zwecks Umgehung der Bestimmungen des Versailler Vertrages von 1919, unter Tarnbezeichnungen auftraten. Im Versailler Vertrag, mit dessen Unterzeichnung der Erste Weltkrieg (1914 bis 1918) endete, war Deutschland die Beibehaltung von Luftstreitkräften einschließlich Lenkluftschiffen in jeglicher Form untersagt worden. Die dem deutschen Militär vertraglich auferlegten Beschränkungen führten alsbald zu einer militärischen Verbindung mit Russland, wo die verbotene Flieger-, Panzer- und Gaskampfausbildung betrieben werden konnte.

Schon am 1. April 1934 stellte man auf dem Fliegerhorst das Kampfgeschwader 154 mit drei Staffeln Dornier Do 11, Do 23 und den dreimotorigen Junkers Ju 52-Bombern auf. Parallel entstand die Große Kampffliegerschule Faßberg. Geschult wurde auf kleineren Hochdeckern, wie beispielsweise Arado Ar 66, Heinkel He 45 und Heinkel He 46.

Fliegerhorst heißt Hanseatische Fliegerschule

Die alte Tarnbezeichnung für den Fliegerhorst wurde bis zum 30. April 1934 beibehalten. Belegt wurde der Fliegerhorst am 1. Mai 1934 mit der Fliegerhorstkommandantur unter der Tarnbezeichnung „Hanseatische Fliegerschule e.V., Flughafenleitung, Abteilung H“ und dem Vorkommando der Kampfgruppe I/154 unter der Tarnbezeichnung „Hanseatische Fliegerschule e.V. Abteilung B“.

Am 1. April 1934 wurde die Aufstellung von sechs Luftkreiskommandos (Tarnname: „Gehobenes Luftamt“) zur Abdeckung der territorialen militärischen Luftwaffenkommandobehörden befohlen, darunter das Luftkreiskommando IV Münster. In der folgenden Zeit wurden „Sportflugplätze“ nach dem damals modernsten Stand mit großen Hallen und weiträumigen Unterkünften errichtet. Es entstanden beispielsweise die „Höhenflugzentrale des Deutschen Flugwetterdienstes“ als getarnte Kampffliegerschule Lager-Lechfeld südlich von Augsburg und die „Hanseatische Fliegerschule e. V.“ als Kampfgeschwader 154 Faßberg in der Schmarbecker Heide.

Kampffliegerschule Faßberg nimmt 1935 Lehrbetrieb auf

Das Vorkommando der Kampffliegerschule Faßberg traf am 1. Oktober 1934 unter der Tarnbezeichnung „Hanseatische Fliegerschule e.V., Abteilung A“ unter ihrem Kommandeur, Major Philipp Zoch (1894 bis 1949), ein. Anfang 1935 waren die Einrichtungen des Fliegerhorstes soweit gediehen, dass die Truppe ihren Dienstbetrieb in vollem Umfang aufnehmen konnte, notierte der Gutsvorsteher Taubert später. Die Kampffliegerschule Faßberg war inzwischen durch eingetroffene Mannschaften aufgefüllt worden und nahm am 1. Januar 1935 den Lehrbetrieb auf.

Oberst Keller wurde am 1. April 1935 als Höherer Fliegerkommandeur zum Luftkreiskommando IV versetzt. Sein Nachfolger als Fliegerhorstkommandant wurde Major Zoch. Die Kampffliegerschule erhielt als Verschleierungsbezeichnung den Namen „Fliegergruppe (S), Faßberg“.

Immer mehr Verbände auf dem Fliegerhorst

Die Große Fliegerwaffenschule erhielt am 21. Januar 1938 die Bezeichnung „Große Kampffliegerschule Faßberg“. Auf dem Fliegerhorst wurden in der folgenden Zeit weitere Verbände stationiert. Bis Ende 1939 zogen immer mehr Verbände auf dem Fliegerhorst ein, darunter der Geschwaderstab nebst II. und III. Gruppe des Kampfgeschwaders 4 „General Wever“ und die Stabsstaffel, eine Gruppe des Kampfgeschwaders 26 und andere.

Hermann Göring lässt Tag der Luftwaffe feiern

Auf Befehl des Reichsministers und Oberbefehlshabers der Luftwaffe, Generalfeldmarschall Hermann Göring, wurde zukünftig am 1. März der „Tag der Luftwaffe“ gefeiert, so auch am 1. März 1938. „Zur Erinnerung an das Wiedererstehen der Luftwaffe im Jahre 1935“, so das Horst-Tagebuch.

Paradeaufstellung mit Ansprache und Beförderungen

Der Fliegerhorst feierte dieses allgemein pompös aufgezogene Ereignis durch eine Paradeaufstellung um 10.30 Uhr in Halle 9 mit einer Ansprache des Kommandanten, Oberstleutnant Fiebig, bei der er unter anderem die Beförderung von 215 Oberfähnrichen der Großen Kampffliegerschule zu Leutnanten bekannt gab, und anschließendem Vorbeimarsch. Um 12 Uhr fand ein „Gemeinschaftsempfang der Veranstaltung im Reichsluftfahrtministerium“ (Wortlaut des Horsttagebuchs) und abends Kameradschaftsabende bei den Kompanien statt.

Aus Anlass der Vorgänge in Österreich – vielerorts demonstrierten vaterländische und sozialdemokratische Bürger für ein freies Österreich – wurde am 10. März 1938 um 22.05 Uhr auf Befehl des Luftkreiskommandos 7 bei der Fliegerhorstkommandantur und der Großen Kampffliegerschule durchlaufender Tag- und Nachtdienst auf den Geschäftszimmern eingerichtet und die flugfähigen Junkers Ju 52 startklar gemacht. Die Besatzungen sollten sich ab dem 11. März 1938, sechs Uhr morgens, zum sofortigen Start bereithalten.

Am Einmarsch in Österreich beteiligt

Von der Großen Kampffliegerschule wurden neun Ju 52 mit den Offizieren Oberstleutnant Heidenreich, Hauptmann v. Winterfeld, Oberleutnant Maiwald, Oberleutnant Mors, Leutnant Larisch, Leutnant Thiel, Leutnant Wegner und Leutnant Bohländer zum Flug nach Landsberg und eine Ju 52 mit Major Hans Fleischhauer und Leutnant Revermann nach Graz befohlen. Die Maschinen verließen am 11. März 1938 mittags den Horst und nahmen am Einmarsch in Österreich teil.

Der Fliegerhorstkommandant und Kommandeur der Großen Kampffliegerschule Faßberg, Oberstleutnant Fiebig, wurde mit Wirkung vom 1. Juni 1938 zum Oberst befördert. Derselbe wurde am 16. Juni 1938 rückwirkend zum 1. des Monats als Kommodore des K.G. General Wever Nr. 253 nach Gotha versetzt.

„Sonnenwendfeier“ der NSDAP-Ortsgruppe auf dem Faßberg

Mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Fliegerhorstkommandanten und Kommandeurs der Großen Kampffliegerschule wurde Oberstleutnant Anton Heidenreich beauftragt, der bisher Leiter vom Lehrgang I der Großen Kampffliegerschule gewesen war.

Am 21. Juni 1938 nahmen die Große Kampffliegerschule Faßberg und die Fliegerhorstkommandantur geschlossen an der „Sonnenwendfeier“ der Ortsgruppe Faßberg der NSDAP auf dem Faßberg teil.

Mit dem 1. Juli 1938 wurde Oberstleutnant Heidenreich zum Fliegerhorstkommandanten und Kommandeur der Großen Kampffliegerschule ernannt.

Mobilmachung für das Sudetenland

Zur Vorbereitung der Aufstellung von Schlachtgruppen wurde am 10. Juni 1938 die Einrichtung von „Lehrgängen für Schlachtflieger“ bei den Kampffliegerschulen angeordnet. Für die Zeit vom 1. bis 31. Juli 1938 wurden auf dem Horst im Zuge der Mobilmachungsmaßnahmen für das Sudetenunternehmen zwei Schlachtgruppen aufgestellt: die Fliegergruppe 30 unter Führung von Hauptmann Siegfried von Eschwege (Tarnbezeichnung: „Lehrgang E“) und die Fliegergruppe 30 unter Führung von Major Georg Spielvogel (Tarnbezeichnung: „Lehrgang Z“. Zur Fliegergruppe 30 gehörten Flugzeuge des Typs Henschel Hs 123, ein einsitziger, einmotoriger Doppeldecker, der als leichtes Sturzkampfflugzeug und als Schlachtflugzeug eingesetzt wurde, und zur Fliegergruppe 40 Heinkel He 45-Stukas.

Am 21. Juli 1938 fand eine Trauerparade für Leutnant Alberts von der Großen Kampffliegerschule in Halle 3 statt.

Häuser in Faßberg mit Tarnfarbe gestrichen

Am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg (1939 bis 1945). In Faßberg wurden schnell die Siedlungshäuser mit Tarnfarbe übertüncht und weitere Kiefernbestände zur Tarnung gegen Fliegersicht gesetzt. Auf dem Fliegerhorst wurden naturgemäß weitere Verteidigungsmaßnahmen befohlen.

Vier Tage nach Ausbruch wurde die Große Kampffliegerschule Faßberg mit ihrem Stab nach Hörsching in Oberösterreich verlegt. Im Kriegstagebuch der Fliegerhorstkommandantur Faßberg, 1939 bis 1941 (Archiv der Gemeinde Faßberg), sind die einzelnen Maßnahmen dieser Tage abzulesen (Auszüge):

„28.8.1939, 6.00 Uhr:

Tagscheinflughafen mit Anfahren der Attrappen fortgefahren.

Auf dem Horstgelände Deckungsgräben weiter ausgeworfen.

Es treffen die ersten Zivilergänzungsleute für die S-Flughäfen ein und werden gesammelt in den weißen Baracken untergebracht.

2 Stück 2 cm Flak treffen ein.

Der Flugdienst der Gr. Kampfflieger Schule ist völlig eingestellt.

Mit Pockenimpfung der in den letzten 6 Jahren nicht geimpften Soldaten der Fl.H.Kdtr. wird begonnen.

Die Vorbereitungen zur Verlegung der Gr. Kampfflieger Schule werden getroffen. Werft und Archivstelle arbeiten mit Überstunden.

Abends Verdunkelung des Horstes.

Die Nacht verläuft ohne Vorkommnisse.

19.8.1939:

Weiterer Antransport von Attrappen zum Tagscheinflughafen.

Auf dem Horstgelände Deckungsgräben weiter ausgeworfen. Es sind bis Tagesende 5 1/2 Attrappen dorthin gebracht und im Zusammenbau.

Beendigung des Aushebens der Deckungsgräben.

Die 2 cm Flak werden auf Halle 5 und 9 in Stellung gebracht. Dies ist abends beendet.

Gr. Kampfflieger Schule trifft verstärkte Verlegungsvorbereitungen. Hauptmann Steffen trifft ein, wird auf Anordnung L.G.Kdo. XI jedoch sofort nach Bremerhaven weitergesandt und reist am 30.8.39 um 6.00 Uhr ab.

(…)

1.9.1939:

Ab 5.45 Uhr sind gewaltsame polnische Übergriffe mit Gewalt beantwortet worden. Danzig wird durch Staatsgrundgesetz mit dem Reich vereinigt.

(…)

2.9.1939, 6.30 Uhr-11.30 Uhr:

Zur Herstellung von Flugzeugtarnstellungen stellen alle Kompanien der Gr. Kampffliegerschule Arbeitskommandos.

(…)

4.9.1939, 1.00 Uhr:

erhält Gr. Kampfflieger Schule Befehl, sofort Verlegung vorzunehmen und beginnt sofort mit den erforderlichen Maßnahmen. (…)“

Ex-Kommandant Fiebig gehenkt

Der frühere Kommandant der Kampffliegerschule Faßberg und spätere General der Flieger und Befehlshaber des Luftwaffenkommandos Südost, Martin Fiebig, wurde wegen der rücksichtslosen Bombardierung Belgrads durch die deutsche Luftwaffe am 6. April 1941 im Frühjahr 1946 aus britischer Gefangenschaft an Jugoslawien ausgeliefert und nach einem Kriegsverbrecherprozess am 24. Oktober 1947 in Belgrad gehenkt. Der Offizier Fiebig, geboren am 7. Mai 1891 im oberschlesischen Rösnitz, starb 56-jährig.

Tausende Bomben auf Belgrad

Als besondere „Strafaktion“ gegen das „Verschwörernest“ hatte Hitler am 27. März 1941, also bei Beginn des Jugoslawienfeldzuges, befohlen, „die jug[oslawische] Fliegerbodenorganisation und Belgrad durch fortgesetzte Tag- und Nachtangriffe durch die Luftwaffe zu zerstören“. Am Morgen des 6. April 1941 griffen deutsche Flugzeuge Belgrad an; 3200 Spreng- und 14.000 Brandbomben wurden abgeworfen, über 1500 Menschen verloren damals ihr Leben.

Von Matthias Blazek

Quelle

Matthias Blazek: Die geheime Großbaustelle in der Heide. Faßberg und sein Fliegerhorst 1933-2013, ibidem-Verlag, Stuttgart 2013.

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