Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Anmelden
Sachsenspiegel Geſchichte eines Einzelhofes in Schelploh
Mehr Sachsenspiegel Geſchichte eines Einzelhofes in Schelploh
12:35 12.12.2015
Foto: Aus der Beschreibung des Beckerschen Hofes in Schelploh
Aus der Beschreibung des Beckerschen Hofes in Schelploh Quelle: Fremdfotos/eingesandt
Celle

Wer wird sich dereinst noch dafür interessieren, welche Schicksale sich auf den einzelnen Höfen ehemals abspielten, wenn die Traditionen, die über viele Generationen hier entstanden waren, abgebrochen und unwiederbringlich verloren gegangen sind? Höfesterben hat es aber auch schon früher gegeben, wenn auch nicht in dem heutigen Umfang. So weiß Friedrich Barenscheer in seinem Buch „Die Hofnamen des Kreises Celle“1 über den einst Beckerschen Einzelhof Schelploh nur zu berichten: „Der frühere Einzelhof Schelploh ist seit seiner ersten urkundlichen Erwähnung im Besitz der Becker gewesen. Urkundl.: 1589 Hermen Becker, 1606 Micheel Becker, 1664 ein Interimswirt. Durch industrielle Unternehmungen (Anlage eines Sägewerks und einer chemischen Fabrik) geriet der Hof in wirtschaftliche Bedrängnisse. Der Resthof wurde vor der Jahrhundertwende (also vor 1900) von Friedrich Wilhelm Becker verkauft.“ Keinem der von Friedrich Barenscheer bei diesem Sammelband herangezogenen Mitarbeiter scheint es damals wichtig gewesen zu sein, sich mit diesem Hof zu befassen.

Bei seinen orts- und familiengeschichtlichen Arbeiten im Kreis Celle ist der Verfasser nun gerade auf den bei Barenscheer 1664 nicht namentlich genannten Interimswirt gestoßen; es handelt sich um einen gewissen Harmen Meyer. – Doch zuvor soll hier etwas Grundsätzliches über Interimswirtschaften auf unseren Bauernhöfen gesagt werden.

Unter einer Interimswirtschaft versteht man juristisch gesehen die Bewirtschaftung eines Bauerngutes während der Minderjährigkeit des Anerben durch einen hierzu bestellten Dritten. Die Wirtschaftsführung erfolgt auf dessen eigene Rechnung und auf eine bestimmte Zeit (Mahljahre), die mit der Volljährigkeit des Anerben endet. Ist diese Zeit abgelaufen, so hat der Interimswirt, auch wenn er kein Vermögen in das Gut einbrachte, Ansprüche auf Entschädigung für die auf die Wirtschaft verwandte Zeit und Mühe, wie er auch während der Mahljahre verpflichtet ist, das Gut in Bau und Besserung zu erhalten, dessen Lasten zu tragen und Ersatz für den von ihm unter Umständen verschuldeten Schaden zu leisten.

In nahezu allen Fällen, die aus den vergangenen Jahrhunderten überliefert sind, kam der Interimswirt nicht als eine Art Verwalter auf den Hof, sondern er ging mit der verwitweten Bäuerin eine Ehe ein. Dadurch entstand selbstverständlich eine engere Bindung an den ihm anvertrauten Hof, als es sonst möglich gewesen wäre. Meistens wurde daher kein besonderer Interimsvertrag geschlossen; er war vielmehr Bestandteil umfassender Vereinbarungen, die die Ehestiftung (Ehevertrag) und gegebenenfalls auch Altenteilsfragen mit enthielten. Erst aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts liegen vorformulierte Verträge vor, die sich speziell mit der Regelung der Interimswirtschaft befassen.

Dem Interimswirt wurde darin ausdrücklich das dingliche Recht eingeräumt, „den Hof nebst Zubehör und Inventar vom Tag der Hochzeit an zu besitzen, zu bewirthschaften und zu nutzen.“ Ihm stand auch das Recht zu, „den Hof in allen öffentlichen und Gemeindeangelegenheiten, sowie auch in Gemeinheitstheilungen, Verkoppelungen und Ablösungen selbstständig und für den Eigenthümer des Hofes rechtsverbindlich, ohne daß eine Mitwirkung der Vormundschaft oder des Anerben nothwendig sein soll, zu vertreten, überhaupt alle Rechte des Eigenthümers auszuüben“, soweit nicht der Vertrag etwas anderes bestimmte.2

Das bewegliche Vermögen des Hofes wurde taxiert, wurde Eigentum des Interimswirtes. Er musste aber manchmal dafür einen entsprechenden Gegenwert in den Hof einbringen oder entsprechende Sicherheiten stellen. Über das unbewegliche Vermögen war seine Handlungsfreiheit stark eingeschränkt. Er durfte es mit den „damit verbundenen Gerechtigkeiten weder veräußern noch dingliche Rechte oder Hypothek an denselben bestellen.“

Natürlich kam es auch vor, dass der Interimswirt eine schlechte Wirtschaft führte. Diesen Tatbestand sah man als gegeben an, „wenn er zweijährige Zinsen schuldet, oder der ihm übergebene Viehbestand seit einem Jahre um die Hälfte des bei der Übergabe dafür geschätzten Werthes verschlechtert ist.“ In einem solchen Fall sollten die Vormünder bzw. der Anerbe berechtigt sein, „wenn sie vor Johannis dem Interimswirth ihren Beschluß angezeigt haben, von der auf dem Halme stehenden Frucht so viel öffentlich meistbietend zu verkaufen, daß durch den Erlös die dann rückständigen Zinsen berichtigt werden können, oder der Viehbestand wieder ordnungsmäßig ergänzt wird.“2

Gutes Wirtschaften
wichtig für die „Leibzucht“

Dass der Interimswirt nach Möglichkeit den Hof verbesserte, setzte man als selbstverständlich voraus. Verschlechterte sich der Zustand des Betriebes indessen während der Interimswirtschaft, so sollte sich das auf das ihm zustehende Altenteil, die „Leibzucht“, auswirken.

Denn: „Bei Beendigung der Interimswirthschaft muß der Interimswirth den Hof und das gesammte Inventar nebst allen Verbesserungen dem Anerben abtreten und zwar ohne jegliches Retentions- (= Vorbehalts-) oder Compensations- (= Erstattungs-) Recht. Die Kinder des Interimswirths erhalten, falls Letzterer den Hof nebst Zubehör verbessert hat, eine gleiche Abfindung mit den Kindern erster Ehe, sonst ¼ weniger; ist der Hof nebst Zubehör um die Hälfte oder mehr verschlechtert, so bekommen des Interimswirthes Kinder nur ein Viertel dessen, was die Kinder erster Ehe erhalten.“

Auch für den Fall, dass der Interimswirt eine zweite Ehe einging, war eine Regelung vorgesehen. Diese Frau sollte auf Lebenszeit des Interimswirts auf dem Hof mit versorgt werden. Nach dessen Tode hatte sie aber keinerlei Ansprüche. Auch die Kinder dieser zweiten Ehefrau hatten kein Recht auf Abfindung vom Hofe.

Betrachten wir nun aber die wenigen über den Beckerschen Hof in Schelploh uns vorliegenden Quellen. Da haben wir es zunächst mit einer Dorothea Meyer aus Schelploh zu tun, die 1681 den Hofbesitzer Peter Hövermann in Endeholz heiratete.3 Dorothea war nämlich die Tochter des Harmen (Hermann) Meyer, der um 1665 den Beckerschen Vollhof in Schelploh als Interimswirt verwaltet hatte. Inzwischen war nach Ablauf der Interimswirtschaft der Hof aber vom Anerben übernommen worden. So wurde sie von ihrem Halbbruder Hermann Becker abgefunden mit 8 Rindern, 6 Schweinen, 2 Scheffeln Roggen, 1 Scheffel Buchweizen, 4 Bienenvölkern, einer halben Tonne Honig und 16 Talern. Ihr Vater, der Altenteilsrechte auf dem Beckerschen Hof erworben hatte und sich nach Abgabe der Wirtschaft vermutlich mit Schäferei beschäftigte, gab ihr außerdem 60 Schafe, 4 Bienenvölker, eine halbe Tonne Honig und 26 Taler. Interimswirt und Stiefsohn brachten also gemeinsam die Abfindung auf. – Betrachtet man den Umfang der Abfindung, die Dorothea Meyer vom Beckerschen Hof in Schelploh bekam, so kann man davon ausgehen, dass der Hof sich in gesunden wirtschaftlichen Verhältnissen befand.

Doch zunächst soll hier kurz wiedergegeben werden, was Friedrich Hoppenstedt in seinem Buch „Dalle in der Amtsvogtei Beedenbostel“4 über Schelploh in älterer Zeit zu berichten weiß.

Im Viehschatzregister der Amtsvogtei Beedenbostel von 15895 wird erstmals zusammen mit Weyhausen der Einzelhof Schelploh genannt. Besitzer war damals Hermen Becker. Er hatte an Vieh 2 Pferde, 28 Rinder, 26 Schweine, 110 Schafe, 92 Bienenvölker und entrichtete davon 10 Floren, 5 Schilling und 8 Pfennig Steuern. Vermutlich handelt es sich lt. Barenscheer bei den Schafen um einen Schreibfehler. Wegen der genannten Schatzsumme und nach einem Vergleich mit Nachbarhöfen dürften es 510 Tiere gewesen sein.

Dieser große Viehbestand deutet darauf hin, daß sowohl Schelploh wie Weyhausen zu diesem Zeitpunkt schon keine ganz jungen Siedlungen mehr waren.

Über die Gründung des Hofes Schelploh gibt es zwei Sagen.4 Hoppenstedt gibt sie so wieder: Während der Heideblüte stand einst ein Imker mit seinen Bienen in der Heide bei Dalle. Darüber waren die Daller Bauern böse, weil dadurch die Flucht ihrer eigenen Bienen beeinträchtigt wurde. Sie untersagten daher dem auswärtigen Imker das Wiederkommen. Dieser war darüber traurig und lenkte sich vor seinem Bienenstand mit Geigenspiel ab. Das hörte der Celler Herzog, der von seinem Weyhäuser Jagdschloß aus in dieser Gegend jagte. Als er den Imker so traurig fand und den Grund seines Kummers erfuhr, tröstete er ihn mit dem Hinweis, er solle sich nur, wenn die Daller ihm weiterhin verbieten würden, zur Heidetracht zu kommen, an ihn wenden. Die Daller blieben aber bei ihrem Verbot. Darauf schenkte der Herzog dem Imker das Gelände, auf dem dann der Hof Schelploh entstand.

Nach einer anderen Version der Sage ging nach dem Dreißigjährigen Krieg ein Imker aus dem Dorf Dalle über die Heide, um nach seinen Bienen zu sehen. Da lief plötzlich ein reiterloses Pferd auf ihn zu. Der Imker hielt es an und fand in dem Mantelsack hinter dem Sattel eine Börse mit vielen Goldstücken. Hocherfreut lief er in das Dorf zurück, um von seinem Fund zu erzählen. Als er aber um einen Bauplatz und um Land im Ort anhielt, da er ja nun die Mittel zum Bauen hatte, verweigerten ihm die Daller beides. Er konnte sich nur weitab vom alten Dorf ansiedeln. (Diese zweite Version enthält insofern eine zeitwidrige Aussage, als sie den Vorgang in die Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg verlegt. Schelploh ist aber wesentlich älter. Das braucht jedoch die Aussagekraft der Erzählung nicht zu mindern. In eine über viele Generationen ausschließlich mündlich weitergegebene Überlieferung dringen schnell zeitbezogene Fehler ein.)

Gemeinsam ist beiden Darstellungen über den Ursprung Schelplohs – und das könnte ein realer Kern sein –, daß dem Begründer ein Glückszufall zu Hilfe gekommen ist, und daß die Daller sich gegen eine Neuansiedlung in ihrem Dorfe sperrten.

Nur eine Generation war auf dem einstelligen Hof in Schelploh der Name Meyer vertreten. Da vorher und nachher als Besitzer der Name Becker genannt wird, kann es sich bei Harmen (Hermann) Meyer nur um einen Interimswirt gehandelt haben.

Über den Hof wird im Hausbuch der Amtsvogtei Beedenbostel von 1663/666 berichtet: „... hatt Huedt undt Waide vor Blickwedel biß an die Bodenteicher schneden, vor Hößern (= Hösseringen) her, den Lüße herdurch, biß an Dalle vndt Marwehde,

An Holtzungen haben Sie nichts eigenß, Alß etzliche Immen Büsche, worinnen Fuhren vndt Dannen stehen,

In Mast Zeiten gehöret Er mit den Dehl Zucht Schweinen, mit vffm Lüße, Stütloh undt da herumb undt gleich anderen Dorffern inn die herumbliegende Feldtbüsche,

An Zehndten, so woll Korn- Alß Fleisch Zehndt, ist Niemahlß von selbigen Hofe gangen,

Die Jagten daherumb, gehören eintzig vndt alleine dem Landes Fürsten Zu.“6

Beleidigungsklage
wird niedergeschlagen

Und über den damaligen Hofbesitzer Harmen Meyer heißt es weiter: „Ein Volhöfener undt ein Herrn Man, muß seinen Hoff von der Gnadigsten Herschafft empfangen, vndt wie berichtet wirdt, Niemahlß von selbigen Hofe Dienste abgestatet worden sein, Nurten, das der, welcher den Hoff ieder Zeit bewohnet, Alß ein Geschworner Man, bestellet gewesen, undt mit auf dem Lüße die Aufsicht haben müßen, der ietzige Wirdt aber, Zum Forst Knechte vffm Lüße bestellet worden, Vndt daneben daß Waßer, So ietzo an dehm ortte geheget wirdt, in Obacht nehmen Vndt die darin gefangene Forellen, Zu Fürstl. Hoffstatt ieder Zeit einliefern, undt selbig Waßer die Lutter genant, alsolcher gestalt warten, das es geheget bleiben muß; Vndt ist sonsten der Landtfolge dakegen befreyet;

Gibt daneben der Gnädigsten Herschafft Schatz, Contribution, 1 thal. 12 ß Hoff Zinß, 4 ß Garten Zinß, vndt Ein Rauchhuen,

An Gebewden stehen vff selbigen Hofe, daß Wohnhauß, Zwey Schaaffställe, Eine Scheure, Einen newen Pferdestall, ein Backhauß, vndt Zwey Spieker,

An Landereyen gehören Zu selbigen Hofe, 70 Morgen Landt, 2 Wiesen im Forste von 8 Fud. Hews, Einen Garten von 4 Hbt. Einsaat, Vndt einen Immen Zaun undt Zwey Immen stetten.“6

Aus dem Zeitraum, in dem Harmen Meyer Interimswirt in Schelploh war, liegen uns einige Akten vor. Am 25. September 1661 beantragte er bei der Amtsvogtei Beedenbostel die Ausweisung einer Immenstelle.7 Seiner Bitte wurde stattgegeben. Als Platz wurde ihm eine Stelle „am Esploh“ zugewiesen. Dafür mußte er aber eine andere Immenstelle liegen lassen.

1664 ist er in eine Beleidigungssache verwickelt und wird am 29. März auf die Amtsstube in Beedenbostel zitiert.8 Harmen Meyer wird beschuldigt, seinen Schwager Carsten Becker aus Weyhausen einen Schelm genannt zu haben. Diese Bezeichnung galt damals in hohem Maße als ehrenrührig. Vorhergegangen war die Behauptung, Carsten Becker habe 16 Taler, die seinem Stiefsohn gehörten, unterschlagen. Da die Kontrahenten gegenseitig das anstößige Schimpfwort gebraucht hatten, wurde das Verfahren offenbar niedergeschlagen.

Die „Ära Meyer“ scheint auf dem Beckerschen Vollhof in Schelploh schon Ende der sechziger Jahre ausgelaufen zu sein. Nach Hoppenstedt4 wird 1669 bereits wieder ein Harmen Becker als Besitzer genannt.

Adolf Meyer-Immensen

Quellen:

1. Friedrich Barenscheer, Die Hofnamen des Kreises Celle, Celle 1960, S. 224

2. Originalvertrag im Besitz des Verfassers

3. Hauptstaatsarchiv Hannover, Hann. 72 Celle Nr. 460, S. 199a

4. Friedrich Hoppenstedt, Dalle in der Amtsvogtei Beedenbostel, Burgwedel 1987

5. HStA Hannover, Hann. 37 II D Nr. 8a, abgedruckt in: Friedrich Barenscheer, Siedlungskundliches aus der südlichen Lüneburger Heide, Oldenburg 1939

6. HStA Hannover, Hann. 74 Celle Nr. 49

7. ebd. Hann. 72 Celle Nr. 460, S. 49 a

8. ebd. Hann. 72 Celle Nr. 507, S. 10

9. ebd. Hann. 72 Celle Nr. 461, S. 115 a

Von Adolf Meyer-Immensen