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Fürbittengebete für die Obrigkeit

11:30 23.01.2021
Mordanschlag von Margaret Nicholson auf den König, zeitgenössische Darstellung, 1786.
Mordanschlag von Margaret Nicholson auf den König, zeitgenössische Darstellung, 1786. Quelle: Fremdfotos/eingesandt
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Celle

In einer Zeit, da es noch keine Massenmedien gab und gedruckten Zeitungen nur wenige Menschen erreichten, musste die Obrigkeit (Landeshoheit, Staatsgewalt, Herrschaft) Wege finden, wie sie ihren Untertanen wichtige Informationen publik machen konnte. Ein beliebter Weg war dabei der Gottesdienst in den evangelischen und katholischen Kirchengemeinden. Einen festen Bestandteil der Gottesdienste bildeten die Abkündigungen, die neben den Bekanntmachungen von Nachrichten aus der Kirchengemeinde auch Raum zum Verlesen angeordneter landesherrlicher Texte gaben. In katholischen Texten ist von „kurzen Vermeldungen an das Volk“ die Rede. Zudem gab es in allen Kirchen geistliche Abkündigungen, wie etwa vorgeschriebene Dankgebete oder Fürbittengebete bei Kriegsnot sowie Ereignissen in der Familie des Landesherrn (zum Beispiel Krankheit, Tod oder Inthronisation des Landesherrn und seiner Angehörigen). Es wurde dann im Auftrag der königlichen Regierung ein inhaltlich vorgegebenes gedrucktes Gebet, das an alle Kirchengemeinden verschickt wurde, gesprochen.

„So ermahne ich euch nun ...“

Die christliche Gemeinde hat sich von alters her in ihren Fürbitten besonders der Personen angenommen, die in ihrem Leben verletzt oder eingeschränkt sind: zum Beispiel Benachteiligte, Kranke, Sterbende, Arme oder Opfer von Gewalt und Kriegen. Fürbitten wie auch Dankgebete haben aber seit jeher auch die Personen in den Blick genommen, die in Staat, Politik, Wirtschaft, Kirche und Gesellschaft besondere Verantwortung tragen. In früheren Zeiten waren das insbesondere die Fürsten und deren Familienangehörige. Biblisch begründet wurden die Fürbitten für die Regierenden (die Obrigkeit) unter anderem mit einem Bibeltext aus 1. Timotheus 1,1-4: „So ermahne ich euch nun, dass man vor allen Dingen zuerst tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, für die Könige und alle Obrigkeit, auf dass wir ein ruhiges und stilles Leben führen mögen in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit“ (Lutherbibel). Dieser wie weitere neutestamentliche Bibelstellen (Matthäus, 22,15-22, 1. Petrus 2,13-17 und Römer 13,1-7) prägen die alte kirchliche Vorstellung, dass die Obrigkeit von Gott dem Schöpfer herzuleiten sei und dadurch eine für alle Untertanen innerlich verpflichtende Autorität besitze.

Von daher erregten die im 18. Jahrhundert seitens der Regierungen vorformulierten Gebete auch noch keinen Widerspruch, zumal Kirche und Staat damals noch weitaus mehr miteinander verbunden waren als heutzutage. Gottesdienstliche Dank- und Fürbittengebete für den Landesherrn und seine Familie waren in der Zeit des landesherrlichen Kirchenregiments, das in Deutschland bis 1918 währte, folglich eine Selbstverständlichkeit.

Einblick in die Gestalt der Fürbittengebete

Die im Folgenden vorgestellten Gebete wurden im Kurfürstentum Hannover zeitnah in den Gottesdiensten der lutherischen, reformierten wie auch katholischen Gemeinden verlesen. Der Archivbestand der ehemaligen Deutsch-reformierten Gemeinde Celle erlaubt einen Einblick in die Gestalt der von der Obrigkeit angeordneten Fürbittengebete. Sieben Drucke, die im Folgenden dargestellt werden sollen, haben sich erhalten.

Dankgebet nach einem gescheiterten Attentat auf König Georg III. aus dem Jahr 1786 (Evangelisch-reformierte Gemeinde Celle).

1. Dankgebet anlässlich des Friedens von Aachen, 1748

Der Frieden von Aachen war ein am 18. Oktober 1748 abgeschlossenes völkerrechtliches Vertragswerk, das den Österreichischen Erbfolgekrieg (1740–1748) beendete, der sich sowohl in Europa als auch in Übersee abspielte, wo Großbritannien und Frankreich ihre Einflusssphären auf Kosten des jeweils anderen auszuweiten suchten. Vorausgegangen war ein Kongress, der am 24. April 1748 in der freien Reichsstadt Aachen begonnen hatte. Es ist leider nicht dokumentiert, wann das Dankgebet anlässlich des Friedens von „Aacken“ (so im gedruckten Text) im Gottesdienst verlesen wurde. Darin soll Gott für „diese so vielen Völckern erwiesene Göttliche Wolthat in den gesamten Kirchen Dero teutschen Lande öffentlich gedancket werden“.

2. Fürbitte anlässlich der Vermählung von Prinzessin Sophie Charlotte von Mecklenburg-Strelitz, 1761

Prinzessin Sophie Charlotte von Mecklenburg-Strelitz (* 19. Mai 1744 in Mirow; † 17. November 1818 im London) wurde durch die Heirat mit König Georg III. als Königin Charlotte zur Königin von Großbritannien und von Irland sowie Kurfürstin von Braunschweig-Lüneburg und später zugleich Königin von Hannover. Am 17. August 1761 verließ sie ihre norddeutsche Heimat und reiste über Hannover nach Stade, wo sie an Bord der königlichen Yacht ging. Am 8. September 1761 erreichte sie den St James’s Palace, damals die offizielle Londoner Residenz der britischen Monarchen, wo sie ihrem künftigen Ehemann zum ersten Mal begegnete. Bereits am selben Abend fand in der königlichen Kapelle die offizielle Vermählung statt. Die Krönung erfolgte laut Fürbittenformular am 22. September. An welchem Sonntag das von der Landesregierung angeordnete Fürbittengebet im Gottesdienst verlesen wurde, ist nicht dokumentiert.

3. Abdankungsformular anlässlich des Todes der Fürstin Auguste, 1772

Ohne Jahresangabe versehen ist das 1772 gedruckte „Allgemeine Abdankungs-Formular“ anlässlich des Todes der Fürstin Auguste (Augusta), „gebohrne Herzogin zu Sachsen, verwitwete Prinzessin von Wallis etc.“. Augusta von Sachsen-Gotha-Altenburg (* 30. November 1719 in Gotha; † 8. Februar 1772 in London) wurde durch ihre Heirat mit Friedrich Ludwig von Hannover Princess of Wales. Sie erblickte als 15. Kind Herzog Friedrichs II. von Sachsen-Gotha-Altenburg und seiner Frau Magdalena Augusta von Anhalt-Zerbst das Licht der Welt. Im Jahr 1735 hielt sie sich gemeinsam mit ihrer Mutter im Kurfürstentum Hannover auf, das zu jener Zeit auch der britische König Georg II. besuchte. Die Herzogin und der König vereinbarten dort die Hochzeit ihrer beiden Kinder. Die 16-jährige Prinzessin Augusta wurde 1736 nach England geschickt, wo sie am 8. Mai den zwölf Jahre älteren Friedrich in der Chapel Royal des St James’s Palace heiratete. Mit dem Tod ihres Mannes im März 1751, der stets im Streit mit seinen Eltern lebte, wurde Augustas ältester Sohn, der zwölfjährige Georg III., neuer Thronfolger und damit Prince of Wales. Augusta trug fortan den Titel „Dowager Princess of Wales“. Nach der Thronbesteigung ihres Sohnes im Jahr 1760 zog sich die Königsmutter Augusta gänzlich vom Hofleben zurück. Sie verstarb am 8. Februar 1772 in London an Kehlkopfkrebs und wurde sieben Tage später am 15. Februar in der Westminster Abbey beigesetzt. Das an einem nicht bekannten Sonntag im Gottesdienst verlesene Gebet betont: „Die Pflicht getreuer Unterthanen aber erforderet, die Betrübnissen, wie die Freuden, ihrer Landesherren mit-zu empfinden.“ Zudem wird darum gebetet „das Königliche Haus vor anderweiten Trauerfällen lange Zeit [zu] bewahren“.

4. Fürbitte zur Genesung des Königs Georgs III., 1788

Als der britische König Georg III. 1788 ernstlich erkrankte, versandte die Königliche Regierung in Hannover am 24. November an alle Kirchengemeinden des Kurfürstentums ein Fürbittengebet zur „Wiedergenesung“ des Souveräns. „Gieb ihnen [den Ärzten] Weisheit und Muth bei ihren Berathschlagungen, und segne den Gebrauch jedes von ihnen verordneten Heilungsmittels mit einem recht sichtbar glücklichen Erfolge.“ Im Gottesdienst der Deutsch-reformierten Gemeinde Celle wurde das Fürbittengebet dreimal gebetet: am 30. November 1788, am 22. Februar 1789 und 28. Februar l789. Georg III. litt an einer Geisteskrankheit. Er hatte bereits 1765 eine kurze Krankheitsphase gehabt, doch eine längere Phase begann im Sommer des Jahres 1788. Der König, der Ende des Jahres 1811 endgültig dem Wahnsinn verfiel, starb am 29. Januar 1820.

5. Dankgebet anlässlich der Genesung König Georg lll., 1789

Das Formular des Dankgebets („In frommen Dankgefühl erheben wir jetzt unsere Herzen zu Dir, Allmächtiger Gott!“) anlässlich der Genesung des Königs Georg III. von Großbritannien wurde am 22. März und am 26. April im Gottesdienst verlesen. Wie zuvor beschrieben, war die Genesung jedoch keine dauerhafte. Das Gebet wurde auf einem am Sonntag Misericordias Domini verordneten Dankfest verlesen, für das eine detaillierte gedruckte Gottesdienstordnung erstellt wurde. Auch die biblischen Lesungstexte wie Lieder aus dem Hannoverschen und Lüneburgischen Gesangbuch beziehungsweise Hannoverschen und Lüneburgischen Gebetbuch wurden seitens der landesherrlichen Obrigkeit vorgeschrieben.

6. Dankgebet nach einem gescheiterten Attentat auf Georg III., 1786

Zwei geistesgestörte Personen, Margaret Nicholson im Jahr 1786 und John Frith im Jahr 1790, verübten Attentate auf Georg III. von Großbritannien. Und am 15. Mai 1800 versuchte der frühere Soldat James Hadfield, den König während einer Theateraufführung zu erschießen. Alle drei Attentäter wurden wegen Unzurechnungsfähigkeit zwar nicht verurteilt, verbrachten aber den Rest ihres Lebens in Irrenhäusern. Das undatierte Dankgebet muss aus dem Jahr 1786 stammen und sich auf das Messerattentat von Margaret Nicholson beziehen, da von einer „Wahnsinnigen“ die Rede ist, die „schon das Mordmesser seinem Herzen ganz nahe“ hielt, als Gott ihn bewahrte: „als du, Allmächtiger, der du ein gnädiges Aufsehen auf deine Auserwählten, und besonders auf deine Gesalbten, hast, ihn der Gefahr entrissest […]“ Weiter lautet es: „Gott! der König dankt dir für diese ausserordentliche Wohlthat, und wir, die wir Ihn mit kindlicher Liebe verehren, danken dir mit Ihm […] O Gott! wir fühlen unser Glück, unter einem so gütigen, weisen und gerechten Könige und Landesvater zu leben, […]“

7. Wahl von Franz Erzherzog von Österreich zum römisch-deutschen Kaiser, 1792

Am 23. Juli 1792 erhielt die Kirchengemeinde von der königlichen Regierung in Hannover ein „Formular zur Abkündigung und Danksagung“ zugesandt anlässlich der Krönung von Franz Erzherzog von Österreich zum Kaiser im Frankfurter Dom am 14. Juli. Franz Joseph Karl (* 12. Februar 1768 in Florenz; † 2. März 1835 in Wien) aus dem Haus Habsburg-Lothringen war vom Jahr 1792 an bis zum Jahr 1806 als Franz II. der letzte Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Am 5. Juli war er bereits von den Kurfürsten in Frankfurt zum König des Römisch-Deutschen Reiches gewählt worden. Verlesen wurde das Gebetsformular, das „von den sämtlichen Kanzeln Ihrer teutschen Lande den versammelten christlichen Gemeinden bekannt gemacht“ werden sollte, im Deutsch-reformierten Gottesdienst zu Celle am 29. Juli 1792. Unter anderem wurde gebetet: „Wir verneigen dabei uns in dem inbrünstigen demuthsvollen Dank gegen Gott, den allerhöchsten Regierer aller Reiche und Könige, für die große Wohlthat, welche er unserm gesammten gemeinschaftlichen teutschen Vaterland durch die glückliche Wiederbesetzung des erledigten kaiserlichen Throns, […] widerfahren lassen wollen.“

Von Andreas Flick

Quelle

Evangelisch-reformierte Kirchengemeinde Celle, Bestand 2, Nr. 60: Staatlich angeordnete Fürbitten, Dankgebete und Verordnungen, 1729–1792.

John CLARKE: The Life and Times of George III , London 1972.

Andreas FLICK: Harte Strafen für Dienstboten. Königliche Verordnung musste im Gottesdienst abgekündigt werden, in: Cellesche Zeitung (Sachsenspiegel), 11. Juli 2020, S. 44

Christoph KUHL: Aachen, Friede von, in: https://media.dav-medien.de/sample/9783515108751_p.pdf (Zugriff: 22.10.2020).

Andreas METZING: Konfessionelle Zwänge unter dem landesherrlichen Kirchenregiment, in: blog.archiv.ekir.de. Blog des Archivs der Evangelischen Kirche im Rheinland (Zugriff 22.10.2020).

Seite „Abkündigung“, in: Wikipedia. Die freie Enzyklopädie (Zugriff: 21.10.2020).

Seite „Augusta von Sachsen-Gotha-Altenburg“, in: Wikipedia. Die freie Enzyklopädie (Zugriff 22.10.2020).

Seite „Franz II. (HRR)“, in: Wikipedia. Die freie Enzyklopädie (Zugriff: 21.10.2020).

Seite „Georg III. (Vereinigtes Königreich)“, in: Wikipedia. Die freie Enzyklopädie (Zugriff: 21.10.2020).

Seite „Sophie Charlotte zu Mecklenburg-Strelitz“, in: Wikipedia. Die freie Enzyklopädie (Zugriff: 21.10.2020).

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