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Sachsenspiegel Feldversuche zu Theorie der Pflanzenernährung
Mehr Sachsenspiegel Feldversuche zu Theorie der Pflanzenernährung
12:50 21.11.2015
Foto: Sprengels Geburtshaus in Schillerslage, der alte Posthof in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, ist inzwischen ein Stück Vergangenheit.
Sprengels Geburtshaus in Schillerslage, der alte Posthof in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, ist inzwischen ein Stück Vergangenheit. Quelle: Fremdfotos/eingesandt
Celle

Alle Erkenntnisse, die die Forschung bisher gebracht hätte, seien kaum bis zum einfachen Landwirt oder Forstmann durchgedrungen, sagt Philipp Carl Sprengel in dem Vorwort zu seiner „Chemie für Landwirte ...“. Die Ursache sehe er in der Kluft, die zwischen den Berufen bestände. Die Wissenschaftler wüssten zu wenig von der Arbeit eines Landmanns und hätten bisher versäumt, diesem ihre Erkenntnisse auf einfache Weise deutlich zu machen. Außerdem gebe es Oeconome und Forstmänner, die zwar viel von Sauerstoff, Kohlensäure und Humus redeten, aber mit deren Betrieben es eher rückwärts als vorwärts gehe. Solche „Vorbilder“ seinen natürlich wenig geeignet, Vertrauen in die Forschungsergebnisse zu wecken.

Mit Chemie Geheimnisse des
Pflanzenlebens enthüllen

Vom Ackerbau seiner Zeit behauptet Carl Sprengel an dieser Stelle, „er befinde sich auf keiner viel höheren Stufe der Ausbildung als zu den Zeiten eines Cato“, der immerhin 2000 Jahre vorher lebte. Jetzt sei aber die Zeit gekommen, „ihn der höchsten Vollendung entgegen zu führen“. Wer sich die Lehren der neueren Chemie zunutze mache, werde in die Lage versetzt, schon im voraus den Erfolg einer „landwirtschaftlichen Operation“ zu bestimmen. Mit der Chemie könne man „die Geheimnisse des Pflanzenlebens“ enthüllen, mit ihr nur könne man den Sinn eines Fruchtwechsels erklären, mit ihr nur genau sagen, welche Kraft im Acker stecke, nur sie zeige „den wahren Werth des Futters, der Streumaterialien, der Mist- und Düngerarten, des Bodens und vieler anderer mit der Land- und Forstwirtschaft in Beziehung stehenden Gegenstände“.

Ruf nach Braunschweig
folgte im Jahr 1831

1831 folgte Carl Sprengel einem Ruf nach Braunschweig, um ein land- und forstwirtschaftliches Institut auf dem Kreuzkloster zu begründen. Diese Berufung war insofern für ihn verlockend, als hier die Aussicht bestand, nicht nur Vorlesungen über Pflanzenernährung zu halten, sondern seine Theorien in einem Versuchsbetrieb praktisch unter Beweis zu stellen. Er spürte offenbar zu dieser Zeit, dass die Verbreitung seiner Erkenntnisse durch Zeitschriftenaufsätze und Lehrbücher allein nicht ausreichten. Mit Feldversuchen musste deren Richtigkeit nachgewiesen werden. Obwohl er die nötige Sachkenntnis besaß und auch mit Eifer an die neue Aufgabe ging, erfüllten sich seine Erwartungen nur teilweise. Das lag nicht zuletzt darin begründet, dass er nicht das erforderliche Vertrauensverhältnis zu seinen Vorgesetzten herzustellen vermochte. Er bekam nicht die Leitung des Versuchsbetriebes, auch nicht den Lehrauftrag für die Landwirtschaft, sondern nur den Posten eines Dozenten für Naturwissenschaften

Obwohl er in seinem neuen Betätigungsfeld nicht voll zufrieden war, wirkte er dennoch unermüdlich. Auf Grund seiner wissenschaftlichen Erkenntnisse arbeitete er Wirtschaftspläne für Domänen aus und war viel unterwegs, um landwirtschaftliche Betriebe zu beraten, führte immer wieder chemische Untersuchungen durch und hielt seine Forschungsergebnisse, Erfahrungen und Erkenntnisse auch schriftlich fest.

Daneben war er 1833 maßgeblich an der Gründung eines „Vereins für Land- und Forstwirte im Herzogtum Braunschweig“ beteiligt und redigierte dessen Vereinszeitschrift, die „Land- und forstwirtschaftliche Zeitschrift für Braunschweig, Hannover ...“ Dieses Blatt diente ihm auch als Sprachrohr, um seine Versuche, Erfahrungen und wissenschaftlichen Ansichten einem breiten Leserpublikum nahezubringen.

1835 schließlich wurde er Professor für Landwirtschaft an einer landwirtschaftlichen Lehranstalt, die dem Collegium Carolinum in Braunschweig angegliedert war. In den vier Jahren dieser Tätigkeit gab er drei bedeutende Werke heraus: „Die Bodenkunde oder die Lehre vom Boden“ (1837), „Die Lehre von den Urbarmachungen und Grundverbesserungen“ (1838) und „Die Lehre vom Dünger“ (1839). Trotz dieser vorweisbaren Ergebnisse war er hier nicht ganz glücklich. Er brauchte neben seiner theoretischen Grundlegung auch immer wieder den Bezug zur Praxis. Und hatte er keinen Versuchsbetrieb. Doch in der Rückschau war diese Zeit ein Glücksfall für die Wissenschaftsgeschichte des Landbaus, weil wohl nur so die drei genannten wegweisenden Lehr- und Handbücher entstehen konnten.

Erfüllung des Lebensziels
in Regenwalde

Der ihm zu gering scheinende Bezug zur Praxis war vermutlich der Grund, seine Stelle in Braunschweig wieder aufzugeben und nach Regenwalde in Pommern überzuwechseln. 1839 wurde Carl Sprengel Generalsekretär der Pommerschen Oeconomischen Gesellschaft. Obwohl er sich erst in die speziellen Probleme Pommerns einarbeiten musste, stand man seinen Plänen und Ideen, die er mitbrachte, ausgesprochen wohlwollend und aufgeschlossen gegenüber. Vor allem Ludolph von Beckedorff, der Präsident der Gesellschaft“ wurde sein großer Förderer. Schon im folgenden Frühjahr kam es zur Gründung einer „Allgemeinen landwirtschaftlichen Monatsschrift“, für die Sprengel die Schriftleitung übernahm. Für sie schrieb er wesentliche Beiträge und wirkte damit „außerordentlich anregend und befruchtend auf die pommersche Landwirtschaft“.

Schon unmittelbar nach seinem Dienstantritt in Regenwalde hatte er „einen botanischen Versuchsgarten angelegt, in dem durch Schau- und Anbauversuche neue Arten und Sorten landwirtschaftlicher Kulturpflanzen bekanntgemacht und auf ihren Anbauwert geprüft werden sollten. Dieser Garten fand im folgenden Jahr seine Ergänzung durch eine chemische Untersuchungsstation, für die er den Chemiker Bertels aus Braunschweig nachholte.“

Zu der Errichtung einer landwirtschaftlichen Versuchs- und Musterwirtschaft kam es erst 1842, als er nach erheblichen Schwierigkeiten schließlich 300 Morgen Land erwerben konnte. Hier fand er Raum, seine Pläne für einen Musterbetrieb zu verwirklichen, pachtete noch etliche Ländereien hinzu und führte in großem Umfang vergleichende Anbauversuche durch. Die Krönung dieser Arbeit war die Gründung einer „Landwirtschaftlichen Lehranstalt“, die im Stil einer Akademie viersemestrige Kurse anbot und ständig mit dem Musterbetrieb zusammenarbeitete. Später erhielt sie die Bezeichnung „Landesbauakademie zu Regenwalde“. Obgleich Carl Sprengel für dieses Institut die obrigkeitliche Konzession eingeholt und den Status einer staatlichen Unterrichtsanstalt hatte, blieb die Akademie Carl Sprengels Privatbesitz. Bis zu seinem Tode leitete er sie als „Königlich Preußischer Ökonomierath und Direktor“.

Sein umfangreiches Wirken wird deutlich, wenn man die vielen Titel betrachtet, die dem Namen Carl Sprengel etwa auf dem Titelblatt seiner Bodenkunde von 1844 beigegeben sind: „Doktor der Philosophie, vormaliger Professor der Landwirtschaftslehre am Collegio Carolino zu Braunschweig, Königlich Preußischer Oeconomie-Rath, beständiger Generalsekretär der Pommerschen öconomischen Gesellschaft, Ehrenmit-glied der Royal Agricultural Society von England, Ehrenmitglied der Genootschap voor Landbouw en Kruidkunde zu Utrecht, correspondirendes Mitglied der Kaiserlich Königlichen Landwirthschafts-Gesellschaften in Steyermark und Wien, des Niederrheinischen Landwirthschaftlichen rheinpreußischen Vereins, Ehrenmitglied des Baltischen Vereins zur Beförderung der Landwirthschaft, ordentliches Mitglied der Königlich Hannoverschen Landwirthschafts-Gesellschaft, des Vereins für Land- und Forstwirthschaft im Herzogthum Braunschweig, des Landwirthschaftlichen Vereins des Großherzogthums Baden usw.“

Familiäre Verhältnisse
sind wenig bekannt

Über die familiären Verhältnisse Sprengels wissen wir wenig. Die vielen Aufgaben, denen er sich stellte, ließen ihm offenbar erst spät Zeit, sich nach einer Frau umzusehen. Als er schließlich 1841 heiratete, war seine Gattin, Juliane von Wulfen, 35 Jahre jünger als er. Trotzdem starb sie noch vor ihm und hinterließ ihm zwei unmündige Kinder. Als Carl Sprengel am 21. April 1859 verschied, war er 72 Jahre alt.

Bei den vielen Unternehmungen, die Carl Sprengel in seinem bewegten Leben betrieb, scheint er immer der eigentliche Motor gewesen zu sein. Vielleicht versäumte er deshalb, einen Mitarbeiterkreis aufzubauen, der bei seinem Ausfall in der Lage war, das angefangene Werk weiterzuführen. So gingen die meisten von ihm begründeten Einrichtungen nach seinem Tode wieder ein. Bestehen blieben nur die chemische Untersuchungsanstalt Regenwalde, die allerdings 1892 nach Köslin verlegt wurde, und eine 1841 vom ihm gegründete Ackergeräte- und Maschinenfabrik. Sie hat bis 1945 als Aktiengesellschaft ihre Erzeugnisse vor allem in der pommerschen Landwirtschaft vertrieben.

Als 1881 der Landwirtschaftliche Verein Regenwalde sein fünfzigjähriges Bestehen feiern konnte, setzte man dem Agrarwissenschaftler, der hier so segensreich gewirkt hatte, ein Denkmal. Es wurde im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt, aber 2004 restauriert und gilt in der pommerschen Stadt (heute polnisch Resko) nunmehr als eine der Gedenkstätten der europäischen Wissenschaftsgeschichte. Auch Sprengels noch erhaltene Grabstätte wurde wieder hergestellt und mit einer zweisprachigen Inschrift versehen.

Begründer der Lehre von
der Mineralstoffernährung

Nachdem Carl Sprengel lange Zeit zu den „vergessenen“ Landbauwissenschaftlern gehört hatte, wurde in der Mitte des vorigen Jahrhunderts seine Bedeutung durch Forschungen des Agrikulturchemikers Fritz Gieseke und seines Schülers Günter Wendt wieder bekannt. Das Ergebnis ihrer historischen Studie war: Nicht der weltberühmte Chemiker Justus von Liebig, sondern der Thaer-Schüler Carl Sprengel war der Begründer der Lehre von der Mineralstoffernährung der Pflanzen. Liebig war es jedoch, der ihr dann durch seine populären Veröffentlichungen zum Durchbruch verhalf. Die untrennbaren Verdienste beider Wissenschaftler wurden 1954 durch die Stiftung einer Sprengel-Liebig-Medaille unterstrichen.

Adolf Meyer

Literatur

1. Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 35, Leipzig 1893, S. 293

2. Wendt, Günter, Carl Sprengel und die von ihm geschaffene Mineraltheorie als Fundament der neuen Pflanzenernährungslehre. Dissertation Göttingen 1950

3. Schmitt, Ludwig, Philipp Carl Sprengel (1787-1859), in Große Landwirte, herausgegeben von Günter Franz und Heinz Haushofer, Frankfurt/Main 1970

Von Adolf Meyer