Neuanfang nach 1945

Ernährungskrise prägt Nachkriegszeit in Celle

Die politischen Anfänge in Niedersachsen nach dem Zweiten Weltkrieg waren eher schleppend. Die Menschen - auch in Celle - hatten ganz andere Sorgen.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 09. Apr 2022 | 06:00 Uhr
  • 10. Jun 2022
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Celle.

Das Jahr 1945 gilt insgesamt als bedeutender „Wendepunkt“ deutscher Geschichte. Ein entscheidender Einfluss ging dabei von den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs aus, die in den verschiedenen Besatzungszonen für die Gestaltung einer neuen staatlichen Ordnung verantwortlich waren. Dabei mussten gravierende soziale, wirtschaftliche und zum Beispiel auch bildungspolitische Probleme gelöst werden, die in der Phase der Nachkriegszeit angesichts der katastrophalen Bedingungen kaum lösbar erschienen.

Bildung des Landes Niedersachsen in der britischen Besatzungszone

Mit dieser Situation wurden auch die neu gebildeten deutschen politischen Organe und Institutionen konfrontiert. Zu erinnern ist dabei an die am 23. November 1946 von der britischen Militärregierung im Rahmen einer Neuordnung der britischen Zone rückwirkend zum 1. November 1946 verfügte Bildung des Landes Niedersachsen (Verordnung Nr. 55 der Militärregierung vom 23. November 1946). Elend und Zerstörung als Folgen des Krieges standen auch im Mittelpunkt der Debatten des von den Briten ernannten Niedersächsischen Landtags, der sich entsprechend den Ergebnissen der Kommunalwahlen im Herbst 1946 zusammensetzte und am 9. Dezember 1946 zu seiner konstituierenden Sitzung zusammentrat. Vorrangige Bedeutung hatten dabei die Ernährungskrise und damit verbunden das in Niedersachsen besonders ausgeprägte Flüchtlingsproblem.

Bauern sollen mehr landwirtschaftliche Erzeugnisse produzieren

Bei der Frage nach Möglichkeiten zur wirksamen Verbesserung der Versorgungslage im Lande hatte der damalige Ministerpräsident Hinrich Wilhelm Kopf (SPD) bereits zuvor bei der Bildung eines selbstständigen Landes Hannover (s. Verordnung Nr. 46 der britischen Militärregierung vom 23. August 1946) in seiner Regierungserklärung für die von den Briten ernannte Regierung am 24. August 1946 vor dem Hannoverschen Landtag die Notwendigkeit betont, „die Leistungsfähigkeit unserer Landwirtschaft zu fördern und die heimische Erzeugung für den Verbrauch zu erfassen“, und in Bezug auf die weitere Entwicklung hinzugefügt: „Wir werden versuchen, das Aufkommen an landwirtschaftlichen Erzeugnissen zu steigern und dabei die Nahrungsmittel berücksichtigen, die die meisten für die menschliche Ernährung unmittelbar geeigneten Stoffe liefern [...].“1

Wie schwierig es war, solche Absichtserklärungen umzusetzen, hatte sich bereits im Winter 1945/1946 gezeigt, als angesichts der geringen Ernteerträge die britische Militärregierung sich im Februar 1946 veranlasst sah, die Tagesration für den Normalverbraucher auf 1014 Kalorien zu senken. Nur durch direkte Hilfen der britischen Besatzungsmacht konnte eine noch schlimmere Entwicklung verhindert werden.

Landwirte werden zu Abgaben gezwungen

Ein besonderes Problem bei der Bewältigung der Ernährungskrise in Niedersachsen stellte die Durchsetzung und Kontrolle der von den Landwirten zu erfüllenden Ablieferungspflichten dar. In Bezug auf die Einhaltung der dazu erlassenen Bewirtschaftungsvorschriften hatte der Niedersächsische Landtag im Mai 1947 in einer fast einstimmig angenommenen „Entschließung zur Ernährungsfrage“ gefordert, „die Möglichkeiten des eigenen Landes [müssten] bis zum äußersten ausgeschöpft werden. Deshalb werden die Erzeuger und Verteiler von Lebensmitteln und sonstigen wirtschaftlichen Bedarfsgütern gewarnt, die Not und Verzweiflung der städtischen Bevölkerung zu verkennen. Sie werden aufgefordert, unter eigenen fühlbaren Opfern über die Ablieferungspflicht hinaus alle verfügbaren Vorräte zur ordentlichen Verteilung zur Verfügung zu stellen und dadurch ihre Verbundenheit mit dem ganzen Volk zu beweisen. [...]“.2

Damit diese Aussagen nicht nur leere Worte blieben, sollten aus Verbrauchervertretern, Gewerkschaftern und Politikern zusammengesetzte und von der Militärpolizei unterstützte sogenannte Hofbegehungskommissionen landwirtschaftliche Betriebe kontrollieren und gegebenenfalls auch bei festgestellten Verstößen Lebensmittel beschlagnahmen.

Landwirtschaftliche Betriebe werden in Niedersachsen kontrolliert

Bei diesen Überprüfungen erlebten die Kontrolleure zum Teil erstaunliche Überraschungen. So wurden bei einem Bauern in der Gemeinde Immensen 15 Zentner Roggen gefunden, die jedoch nicht auf dem entsprechenden Fragebogen vermerkt waren. Darüber hinaus wurden festgestellt: „32 Zentner Gemenge, 8½ Zentner Weizen, 7½ Zentner Gerste, 120 Zentner Kartoffeln. Auf dem Fragebogen angegeben waren 100 Zentner Kartoffeln, 6 Zentner Saatweizen und 6 Zentner Saatgerste, weiter nichts.“ Und weiter heißt es dann in dieser Darstellung eines Landtagsabgeordneten: „In einem vermauerten Verschlag auf dem Boden wurde ein Versteck vorgefunden, in dem sich Federbetten befanden, die vollständig von Mäusen zerfressen waren, und drei Säcke verdorbenen Schweinefleisches. Jetzt kommt das Wunderbare […]. Die Kommission war aus Einheimischen zusammengesetzt, außer dem Gewerkschaftsvertreter und dem Erzeuger, die ja bei den Gemeinden unter 2000 Einwohnern nicht aus derselben Gemeinde sein durften. Als diese beiden Personen [...] die drei Zentner Schweinefleisch herausgeholt hatten, dann aber noch einen weiteren Sack fanden und nun mit dem letzten Sack herauskamen, waren die drei Zentner Schweinefleisch verschwunden! […].“3

Politiker wollen Ernährungsnotstand der Niedersachsen beenden

Führenden deutschen Politikern war im Sommer 1947 klar geworden, dass nur durch einen grundlegenden wirtschaftlichen Wandel der Ernährungsnotstand der Bevölkerung bewältigt werden konnte. In dem Erfolg dieser Bemühungen wurde zugleich eine entscheidende Voraussetzung dafür gesehen, bei den Menschen eine positive Einstellung für die staatliche Neuordnung Deutschlands zu fördern.

Auch auf der politischen Ebene konnte man nicht übersehen, dass neben das Zwangssystem von Ablieferungspflicht, Erfassung und Verteilung eine gesellschaftliche Realität des ungesetzlichen Handelns, der Kompensationsgeschäfte und des Schwarzmarktes getreten war, die die Autorität politischer Entscheidungsträger und staatlicher Behörden in zunehmendem Maße infrage stellte.

Auf den Schwarzmärkte gelten eigene Gesetze

Diese „Märkte“ und „Umschlagplätze“ entwickelten ihre eigenen „Gesetze“ und „Verhaltensregeln“. Mit Verteilungsgerechtigkeit und sozialem Ausgleich hatten diese Aktivitäten und „Marktmechanismen“ nichts zu tun. Es war die quälende Notlage, die viele Menschen veranlasste beziehungsweise dazu zwang, sich auf den illegalen Märkten lebenswichtige Güter zu beschaffen und sich den dort herrschenden „Normen“ und „Gesetzen“ zu unterwerfen. Die Wirkungslosigkeit einer staatlich verordneten Ernährungswirtschaft war deshalb nicht gerade geeignet, das Vertrauen der Bevölkerung in die nach dem Krieg sich neu entwickelnde politische Ordnung in Deutschland zu stärken. Ein Autoritätsverlust staatlicher Institutionen und politischer Organisationen war die Folge, der zugleich eine Gefahr für die sich nun entwickelnde demokratische Herrschaftsform darstellte.

Bessere Lebensbedingungen und demokratisches Verständnis

Diesem Problem konnten in dieser Zeit auch die verantwortlichen Landespolitiker nicht ausweichen. Dazu stellte Ministerpräsident Kopf am 17. Juni 1947 in einer Regierungserklärung vor dem Niedersächsischen Landtag unter anderem fest: „Die Nöte des vergangenen Winters und die Nöte der Gegenwart weisen unmittelbar auf die materiellen Voraussetzungen hin, unter denen allein der demokratische Geist sich bei uns entwickeln kann. Halbwegs gefüllte Mägen, ausreichende und warme Unterkünfte, Kleidung und eine sicher funktionierende Wirtschaft, das sind die tatsächlichen und unverzichtbaren Bedingungen eines echten demokratischen Lebens […].“4

In diesem Sinne hatte zuvor auch der damalige niedersächsische Landwirtschaftsminister August Block in seiner Erklärung vom 13. Februar 1947 vor dem ersten, von der britischen Regierung ernannten Niedersächsischen Landtag unter anderem betont: „[…] Mit tiefer Besorgnis sehen wir die sinkende Achtung vor Gesetz und Recht. Ohne ausreichende Ernährung ist weder an Wiederaufbau noch an die Schaffung einer gesunden, echten Staatsautorität zu denken […].“5 Die schwerwiegenden ökonomischen Auswirkungen des Hungers zeigten sich auch in einer niedrigeren Produktivität und in einem deutlichen Rückgang der individuellen Leistung der Arbeitskräfte.

"Übel des nationalsozialistischen Systems zertreten"

Bereits im März 1945 hatte sich der britische Feldmarschall Montgomery mit einer Botschaft an die Bevölkerung der britischen Zone gewandt und dabei auf die Verantwortung der deutschen Bevölkerung für die nationalsozialistische Herrschaft verwiesen. Wörtlich heißt es dazu: „Jedes Volk ist für seine Führung verantwortlich, und solange sie Erfolg hatte, habt ihr gejubelt und gelacht. [...] Es ist unser Ziel, das Übel des nationalsozialistischen Systems zu zertreten. Es ist zu früh, um sicher sein zu können, daß dieses Ziel erreicht ist. [...].“ 6

Damit wurde vonseiten der britischen Besatzungsmacht schon frühzeitig zum Ausdruck gebracht, dass das Ende des Krieges als eine tiefgreifende Zäsur in der deutschen Geschichte zu betrachten sei und ein grundlegender politischer und gesellschaftlicher Wandel angestrebt werden müsse.

Zerstörung, Not und Elend prägen Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg

Mit der totalen Niederlage und dem Untergang des Reiches waren die Deutschen zunächst völlig wehrlos in die Macht der Sieger gegeben worden. Angesichts der schwierigen wirtschaftlichen und sozialen Lage war an Planungen für die Zukunft kaum zu denken. Zerstörung, Not und Elend hatten unvorstellbare Ausmaße erreicht. Die Trauer um die Toten, die Ungewissheit über das Schicksal der Vermissten und der Gefangenen, die sich in der Hand der Siegermächte befanden, ließen viele Menschen am Sinn des Lebens zweifeln.

Zu selbständigem politischem Handeln war im Mai 1945 kein Raum gegeben. Das nationalsozialistische Regime, unter dessen totalitärem Herrschaftsanspruch man zwölf Jahre gelebt hatte, lag nun in Trümmern.

Nationalsozialistisches Deutschland liegt in Trümmern

Und doch keimte nach all den schlimmen Ereignissen, Erlebnissen und schmerzlichen Erfahrungen bald Hoffnung auf. Trotz des Verlustes von Besitz und Heimat durfte man sich zunächst einmal glücklich schätzen, nach Bomben, Flucht und Vertreibung in den Wirren des militärischen Zusammenbruchs und der ersten Nachkriegszeit überlebt zu haben. Damit verbunden war auch die Chance zu einem neuen Anfang. Es konnte eigentlich nur besser werden.

Chance zu einem neuen Anfang in Deutschland nach Nazi-Herrschaft

In diesem Sinne schrieb der Philosoph Karl Jaspers 1945 über die Bewusstseinslage der Besiegten: „Haben wir wirklich alles verloren? Nein, wir Überlebenden sind noch da. Wohl haben wir keinen Besitz [...]. Doch daß wir am Leben sind, soll einen Sinn haben. [...] Eindeutig ist nur das äußere Geschehen: das wortlose Verschwinden der Gewalthaber, das Ende selbständiger deutscher Staatlichkeit, die Abhängigkeit unseres gesamten Tuns von dem Willen der Besatzungsmächte, die uns befreit haben vom nationalsozialistischen Joch. Unsere Initiative ist beschränkt auf den Spielraum, den sie uns gewähren. [...] Wir dürfen öffentlich miteinander reden. Sehen wir zu, was wir einander zu sagen haben!“7

Von Karl-Heinz Buhr

Quellen

1 Stenographische Berichte über die 2. Lesung des Hannoverschen Landtags vom 24.8.1946, Sp. 3,zit. nach:Günter, J. Trittel: Jahre des Hungers – Die Ernährungskrise in Niedersachsen (1945-1948), in: Niedersachsen nach 1945, hg. von der Niedersächsischen Landeszentrale für politischeBildung. Hannover 1995, S. 83.

2 Niedersächsischer Landtag, 1. WP, Drucksachen Band 1, Nummer 3, S. 12, zit. nach Trittel, wie Anm. 1, S. 85.

3 Niedersächsischer Landtag, 1. WP 34. Sitzung 16.4.1948, Sp. 1767f., entnommen aus: Thomas Berger/Karl-Heinz Müller: Lebenssituationen 1945-1948. Materialien zum Alltagsleben in den westlichen Besatzungszonen 1945-1948, hg. von der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung. Hannover 1983, S. 80.

4 Stenographische Berichte des Niedersächsischen Landtags, 1. WP 1947-1951, Bd. 1, S. 124ff., entnommen aus: Niedersachsen nach 1945, wie Anm. 1, S. 51.

5 Stenographische Berichte des Niedersächsischen Landtags, 1. Ernennungsperiode, 8. Sitzung, Sp 3, zit. nach: Trittel, wie Anm. 1, S. 87.

6 Das Kieler Nachrichtenblatt der Militärregierung v. 11.6.1945, zit. nach: Friedrich J. Lucas, Heinrich Bodensieck, Erhard Rumpf, Gunter Thiele: Menschen in ihrer Zeit, Band 4, Stuttgart 1982, S. 139.

7 Geleitwort für die Zeitschrift „Die Wandlung“, abgedruckt in: Friedrich J. Lucas, Heinrich Bodensieck, Erhard Rumpf, Gunter Thiele: Menschen in ihrer Zeit, Band 4, Stuttgart 1982, S. 139.

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