Sachsenspiegel

Der Volkssturm im Kreis Celle

Teil 3: Der Entstehung ging eine Phase militärischer Niederlagen des Dritten Reiches voraus.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 04. Dez. 2020 | 18:00 Uhr
  • 10. Juni 2022
Bedienung einer Panzerfaust – veröffentlicht in der Cellesche Zeitung am 4. April 1945.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 04. Dez. 2020 | 18:00 Uhr
  • 10. Juni 2022
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Celle.

Trotz mangelhafter Ausrüstung und Bewaffnung wurde – auch im Kreis Celle – die Aufstellung und Ausbildung des Volkssturms vorangetrieben. In den vorangegangenen Teilen wurde aufgezeigt, wie bürokratisch dieses Unterfangen teilweise vonstattenging. Im letzten Teil soll nun dargelegt werden, wo der Volkssturm bei Eintreffen der alliierten Truppen tatsächlich noch zum Einsatz kam.

Volkssturm als äußerst gefährlich eingeschätzt

Es waren die Bilder der nationalsozialistischen Propaganda, die dafür sorgten, dass der Volkssturm von Seiten der Alliierten zunächst als durchaus ernste Bedrohung eingestuft wurde. In internen Handreichungen der US Truppen wurde der Volkssturm als äußerst gefährlich eingeschätzt – „Menschen die ihre Heimat unter solchen Bedingungen verteidigen, sind in der Lage eine sehr gezielte Verteidigung aufzubauen (...)“, heißt es im US Intelligence Bulletin des Monats Februar 1945.1 Zu diesem Zeitpunkt fehlte den US Truppen noch die eingehende Erfahrung mit dieser potentiellen Bedrohung. Die mögliche Gefahr durch einen wehrhaften Volkssturm wurde jedoch schon bald von der militärischen Wirklichkeit eingeholt. Was sich tatsächlich bei Eintreffen der US Truppen beziehungsweise der britischen Streitkräfte ereignete, ist nur selten in offiziellen Schriftwechseln festgehalten worden. Häufig sind daher die Berichte von Zeitzeugen die einzig verfügbaren Quellen, die noch über den tatsächlichen Einsatz der Volkssturmeinheiten berichten.

Erste einsatzmäßige Erwähnung

Im Zuge der Verfolgung und den Massakern an KZ-Häftlingen, die sich nach dem Luftangriff auf den Güterbahnhof am 8. April 1945 ereigneten, findet der Celler Volkssturm im Stadtgebiet eine erste einsatzmäßige Erwähnung.2 Offizielle Befehle liegen hierzu allerdings nicht vor.

Menschen verweigern Teilnahme am Volkssturm

Aus Adelheiddorf berichtete der Dorfschullehrer Alfred Schlüter nach Kriegsende, dass zum Volkssturm aufgerufen worden war – aber die meisten seien nicht hingegangen, weil sie fanden, dass sie ihren Häusern und Höfen besser nutzen konnten.3 Schlüter führte aus: „Die Brücken sollten gesprengt werden. Aber der Volkssturm tat es nicht.“

Wehrmacht übernimmt letztlich die Brückenwache

In Wathlingen sollte der Volkssturm ebenfalls noch zum Einsatz kommen. Rektor Schröder und Lehrer Seffer erzählten hiervon im Gespräch mit Hanna Fueß nach Kriegsende wie folgt: „Er (Anm.: der Volkssturm) sollte das Dorf verteidigen und die Fuhsebrücke auf die Eisenbahnbrücke sprengen. Zuerst musste der Volkssturm die Brücken bewachen aber es war so, dass zum Volkssturmführer gesagt wurde: „Die stell da man hin, dann geht die Brücke bestimmt nicht in die Luft!“ Das hat die Wehrmacht aus herausgekriegt. Die letzten Tage übernahm die Wehrmacht die Brückenwache.“4 Die Brücken bei Wathlingen wurden schließlich durch die Wehrmacht gesprengt. Seffer war selber Zugführer des Volkssturms in Wathlingen 5 und wurde nach Eintreffen der US Truppen zum Verhör mitgenommen.

In Bröckel Panzersperren gebaut

In Eicklingen hielt sich nach Kriegsende das Gerücht, der Volkssturm habe Brückensprengungen sogar aktiv verhindert.6 In Bröckel erzählte Pastor Gellermann im Gespräch mit Hanna Fueß über das Auftreten des Volkssturmes wie folgt: „Einige Tage vorher haben wir in Bröckel Panzersperren durch den Volkssturm gebaut. Sie wurden außerhalb des Dorfes errichtet, wurden aber nur halb fertig. Wir sind dann einfach nach Hause gegangen.“7

Blaue Brücke wird durch Wehrmacht gesprengt

Lehrer Müller aus Lachendorf in seinem Tagebuch fest: „3. April: Vom Volkssturm aus haben wir oft Brückenwache. Oft wissen wir nicht, was wir (tun) sollen. Soldaten und Zivilisten müssen wir anhalten, ob sie keine Deserteure sind. Und dann arbeiten die Volkssturmmänner an allen drei Brücken und bereiten sie zur Sprengung vor. (...). 9. April: Nachts stehen wir Wache an den Brücken und müssen, wenn Befehl von Celle kommt, (...), die Brücken sprengen.“8 Die Blaue Brücke 9 in der Sprache wurde schließlich am 12. April 1945 noch durch die Wehrmacht gesprengt 10 – von den verlegten Fliegerbomben explodierte jedoch nur eine, sodass nur eine Hälfte der Brücke beschädigt wurde und diese auf der anderen Seite noch befahrbar war.11

Schriftwechsel; Schießen des 2. Bat. des VS am 17. Dezember 1944.

Waffen in der Aller versenkt

Für den Ort Lachtehausen war der Celler Volkssturm zuständig. Wie sich der Lachtehäuser Müller Walther Fricke im Gespräch mit Hanna Fueß nach Kriegsende erinnerte, hatte die der dortige Volkssturm „sein Arsenal in der Metallwarenfabrik“.12 Hierbei handelte es sich um die Metallwaren Altona-Celle AG, die ihren Firmensitz damals in der Wittinger Straße Nr. 98 hatte. Ein paar Nächte „ehe der Feind kam“ versenkte der Volkssturm seine Waffen in der Aller, erinnerte sich Fricke nach Kriegsende.13

Eingreifen konnte weder erwartet noch geleistet werden

Vielerorts finden sich überhaupt keine Hinweise in Zeitzeugenberichten, die eine militärische Präsenz des Volkssturmes belegen. Ein ernstzunehmendes Eingreifen konnte wohl auch weder erwartet noch geleistet werden. Die Einheiten des Celler Volkssturmes waren schlecht bis überhaupt nicht ausgebildet, ihre Bewaffnung war für den Kampfeinsatz unzureichend und sie verfügten teilweise nur über notdürftige zusammengestellte Ausrüstungsgegenstände sowie eine unvollständige Uniformierung – ja, sogar die einheitlichen Volkssturmarmbinden waren auch noch vier Monate nach Gründung nicht verfügbar.14

Reibereien führten zu ineffizienter Organisation

Es waren wohl unterschiedliche Gründe dafür verantwortlich, dass der Volkssturm im Raum Celle nicht mehr wie eigentlich geplant eingesetzt worden ist. Ein maßgeblicher Grund hierfür lag in der Machtverschiebung zwischen Wehrmachtsführung, SS und Parteiführung der NSDAP. Die Reibereien führten letztlich dazu, dass die Aufgaben und Zuständigkeiten bis zuletzt nicht effizient organisiert werden konnten.

Bewachung von Kriegsgefangenen

Im Raum Celle kam hinzu, dass die Volkssturmsoldaten in den allermeisten Fällen nicht direkt zur Landesverteidigung eingesetzt wurden. Regelmäßig waren sie mit der Bewachung Kriegsgefangener beauftragt, als Brückenwachen und Sprengkommandos abgestellt oder verrichteten Schanzarbeiten. Zwar stand der Volkssturm theoretisch gesehen unter Waffen – praktisch betrachtet war diese Bewaffnung für den Kriegseinsatz aber nur eingeschränkt geeignet. Der Einsatz von Jagdgewehren gegen halb- und vollautomatische Kriegswaffen der herannahenden alliierten Truppen zeigt das Missverhältnis deutlich.

Volkssturm blieb auf verlorenem Posten zurück

Auch die geplanten Einsatzmöglichkeiten des Volkssturms kamen nicht zu Tragen. Brückensprengungen erfolgten in den meisten Fällen nicht durch den Volkssturm selbst, sondern durch Soldaten der Wehrmacht. Viele der lokal beheimateten Volkssturmsoldaten hatten wohl auch überhaupt kein persönliches Interesse daran, Brücken zu zerstören, die sie nach Kriegsende wieder mit Gespannen und Fuhrwerken benutzen mussten. Hinzu kam, dass die Wehrmacht die Brücken möglichst lange offen halten wollte, um diese für den eigenen Rückzug nutzen zu können. Wenn die Konvois und Truppen der Wehrmacht allerdings weitergezogen waren, blieb der Volkssturm sprichwörtlich auf verlorenem Posten zurück, wie auch die Erinnerungen des Elektromeisters Heinrich Höltershinken aus Wietze bestätigen: „Je näher die Engländer kamen, desto ruhiger wurde es auf der Chaussee. Wir sagten uns: „Unsere Soldaten gehen zurück, und nun soll es der Volkssturm schaffen! Das ist ja eine Unmöglichkeit!“15

Hartes Vorgehen gegen „Drückeberger“

Im Volkssturm bestätigte sich die Rücksichtslosigkeit des faschistischen Systems. Wer nicht mitmachen wollte, wurde zum Systemfeind deklariert. Auch im Raum Celle sind Fälle dokumentiert, die belegen, dass die Kreisleitung der NSDAP mit aller Macht gegen sogenannte „Drückeberger“ vorging. Aus Machtinteressen scheuten sich Partei- und Reichsführung nicht, Kinder und Alte in einen aussichtlosen Kampf zu schicken. In Anbetracht der ausweglosen Situation zeichnete sich im Raum Celle vielerorts ein ähnliches Bild ab: statt einer Aufopferung „bis zur letzten Patronenhülse“, streckten die Volkssturmeinheiten in letzter Minute die Waffen oder traten gar nicht erst zu Kampfeinsätzen an. Es ist somit auch kein Fall dokumentiert, demzufolge es dem Volkssturm zuzuschreiben wäre, dass sich der Vorstoß der alliierten Truppen im Raum Celle verzögert hätte.

Von Hendrik Altmann

Quelle

1 US Intelligence Bulletin Vol. III, No. 6, February 1945, S. 36.

2 Bertram, Der Luftangriff auf Celle und das Schicksal der KZ-Häftlinge aus Drütte, S. 17.

3 Aussage Lehrer Alfred Schlüter im Gespräch mit Hanna Fueß am 22.04.1947, KrA Celle.

4 Aussage Rektor Schröder und Lehrer Seffer im Gespräch mit Hanna Fueß am 04.11.1947, KrA Celle.

5 Volkssturm-Personalbefehl Nr. 1/44, Hann. 31 I Nr. 326, Bl. 172.

6 Aussage Bäckermeister August Wiedenroth im Gespräch mit Hanna Fueß am 28.01.1947, KrA Celle.

7 Aussage Pastor Gellermann, Bröckel, im Gespräch mit Hanna Fueß am 25.10.1946, KrA Celle.

8 Tagebuch Lehrer Müller, Lachendorf, KrA Celle.

9 Die „Blaue Brücke“ trug damals noch die Bezeichnung „Grüne Brücke“. Der Anstrich wechselte erst in der Nachkriegszeit.

10 Aussage Walther Fricke, Müller in Lachtehausen, im Gespräch mit Hanna Fueß am 20.05.1947, KrA Celle.

11 Aussage Lehrer Kruse, Gockenholz, im Gespräch mit Hanna Fueß am 11.09.1946, KrA Celle.

12 Aussage Walther Fricke, Müller in Lachtehausen, im Gespräch mit Hanna Fueß am 20.05.1947, KrA Celle.

13 Aussage Walther Fricke, Müller in Lachtehausen, im Gespräch mit Hanna Fueß am 20.05.1947, KrA Celle.

14 Schreiben der Kreisleitung der Celler NSDAP vom 08.02.1945, Hann. 31 I Nr. 326, Bl. 80.

15 Aussage Heinrich Höltershinken, Elektromeister aus Wietze, im Gespräch mit Hanna Fueß am 28.11.1946, KrA Celle.

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