Antoine Rougemont

Eine ungewöhnliche Trauung in Celle

Im Jahr 1739 heirateten Professor Antoine Rougemont und Mademoiselle Anne Binan in Celle. Die übliche Bekanntmachung des Aufgebots in der Stadtkirche unterblieb. Das war nicht das einzige Auffällige.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 08. Juni 2020 | 17:17 Uhr
  • 10. Juni 2022
Eintrag der zweiten Trauung von Antoine Rougemont im Kirchenbuch der Französisch-reformierten Gemeinde Celle
  • Von Cellesche Zeitung
  • 08. Juni 2020 | 17:17 Uhr
  • 10. Juni 2022
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Celle.

Es war schon eine ungewöhnliche Trauung, die nur etwas über drei Monate nach dem Ableben der ersten Frau von Professor Antoine Rougemont am 22. April 1739 in einem Celler Privathaus stattfand. Bis zur Einführung der Zivilstandsgesetzgebung im Jahr 1875 gab es noch keine vor einem Standesbeamten geschlossene Zivilehe. Im 18. Jahrhundert wurde die Ehe ausschließlich durch die kirchliche Trauung konstituiert. Der Trauung musste ein zweimaliges öffentliches Aufgebot von Braut und Bräutigam im Gottesdienst vorausgehen.

Bekanntmachung in Celler Stadtkirche unterblieben

Da Celle seit der Reformation eine evangelisch-lutherische Stadt war, musste dieses zweimalige Aufgebot auch in der lutherischen Stadtkirche verlesen werden. Erst wenn keine Einwände gegen die Vermählung erhoben wurden, durfte die Trauung durch einen Pastor vorgenommen werden. Doch ist die Bekanntmachung des Aufgebots, damals noch „Proklamation“ genannt, im Fall des „Professeur de rhétorique“ Monsieur Antoine Rougemont und Mademoiselle Anne Binan unterblieben, da ein Dispens seitens des Landesherrn vorlag. Auch in der Französisch-reformierten Kirche in Celle war sie nicht abgekündigt worden, obwohl eine Proklamation seitens der Discipline Ecclesiastique vorgeschrieben wird (Kapitel 13 § 17). Offensichtlich verfügte der Professor über beste Beziehungen zur landesherrlichen Obrigkeit.

Im Privathaus in Celle getraut

Doch war das nicht das einzige Auffällige. Seit zirka 1730 nahmen in Celle wie andernorts „Stubentrauen“ überhand. Zu den Personen, die davon in Celle Gebrauch machten, zählten auch die Eheleute Rougemont, die sich 1739 in einem unbekannten Celler Privathaus durch einen französisch-reformierten Geistlichen trauen ließen. Und das, obwohl weder der Bräutigam noch die Braut aus Celle kamen, sondern aus Göttingen beziehungsweise aus Hannover. Dort hatte die Braut am 19. Oktober 1701 als Tochter des Vorsängers und Lektors der Französisch-reformierten Gemeinde Jeremie Binand und der Anne Lombard das Licht der Welt erblickt.

Zweite Ehe bleibt kinderlos

Auch war die Zusammensetzung der Trauzeugen ungewöhnlich. Es handelt sich bei der Haustrauung um die Witwe Bellay (Louise Courtion), den ersten Pastor der Französisch-reformierten Gemeinde in Celle Francois Jodouin, dessen Frau Marie Jodouin (Marie Barbaud), Adam August Friederich, (NN) von Hedeman, Susane Sauveplane, den zweiten Pastor der Französisch-reformierten Gemeinde Celle Salomon Sylveste und dessen Frau Anne Sylvestre (Anne Jacmin). Ungewöhnlich ist die Tatsache, dass beide Pastoren mit ihren Ehefrauen zugegen waren. Nach außen hin wirkt das wie eine Solidaritätsbekundung für den in Hannover geschassten Professor Rougemont. Doch bleibt unklar, welcher Theologe die Trauhandlung vorgenommen hat. Vermutlich war es Jodouin, da ihm vor der Trauung der Dispens zugeschickt worden war. Die zweite Ehe des Professors blieb kinderlos.

Ein „häretischer“ Priester aus Paris

Wer war der Bräutigam? Antoine Rougemont wurde 1699 in der französischen Hauptstadt Paris geboren. Laut mündlicher Familienüberlieferung entstammt er angeblich der Adelsfamilie Rougemont de Montlion (bzw. de Montleon). Daher nennt ihn der spätere Nachfahre Theodor Rougemont auch „Antoine de Rougemont“. Doch für die aristokratische Herkunft gibt es in den von mir eingesehenen zeitgenössischen Archivalien, Kirchenbucheintragungen und Publikationen keinen einzigen Beleg. In keinem Dokument findet sich in Verbindung mit seinem Nachnamen das „de“.

Rougemont wegen seiner Ansichten verurteilt und inhaftiert

Er war kein Hugenotte, vielmehr hielt er nach seinem Studium in Paris als ein „weltlich (katholischer) Geistlicher besonders Fasten- und Advents-Predigten“. Theologisch stand er der Bewegung des Jansenismus nahe, eine auf den flämischen Bischof Cornelius Jansen (1585–1638) zurückgehende rigorose moralische katholische Reformbewegung, die sich auf die Gnadenlehre des Kirchenvaters Augustinus berief. Theologische Hauptgegner des Jansenismus, der in Rom als Häresie angesehen wurde, waren die Jesuiten. Auf Drängen Ludwigs XIV. von Frankreich erließ Papst Clemens XI. 1713 die gegen die Jansenisten gerichtete Bulle Constitutio Unigenitus (Unigenitus Dei filius). Die Zugehörigkeit zur katholischen Kirche bestimmte fortan die Akzeptanz der Bulle, was zu zahlreichen Exkommunikationen und zur Auswanderung etlicher Jansenisten aus Frankreich führte. Am 17. Februar 1731 wurde Rougemont anscheinend wegen seiner häretischen jansenistischen Ansichten verurteilt und im Pariser Gefängnis For-l’Évêque inhaftiert. Nach seiner Haftentlassung sah er auch infolge von biblischen Studien persönlich nur noch die Möglichkeit der Auswanderung aus Frankreich.

"Irrtümern des Papismus" abgeschworen

Antoine Rougemont begab sich nach Hameln (Fürstentum Calenberg), wo der mit ihm verwandte Nicolas Gargan († 17. Januar 1736) seit 1721 das Amt eines Kolonierichters der dortigen Hugenottengemeinde bekleidete. Zuvor war dieser u.a. Kabinettssekretär der Kurfürstin Sophie von Hannover. Nachdem Rougemont im reformierten Glauben unterwiesen worden war, schwor er um Ostern 1732 in Hameln öffentlich den „Irrtümern des Papismus“ ab.

Prediger in Hannover

Wenige Wochen nach seinem Konfessionswechsel zog Antoine Rougemont weiter in die Residenzstadt Hannover. Es war schon sehr ungewöhnlich, dass der Proselyt als ehemaliger katholischer Priester, ohne zuvor eine theologische Prüfung vor einem französisch-reformierten Gremium abzulegen, in der 1697 gegründeten Französisch-reformierten Gemeinde Hannover predigen durfte. Er wirkte dort als Adjunkt des französischen Predigers Claude Guillaumot de la Bergerie (* 1658 in Vaux Jaucourt; † 3. August 1743 in Hannover), der seit 1702 Pastor der Gemeinde war. 1734 wurde Rougemont noch in deren Kirchenbuch als „Candidat en Theologie“ bezeichnet. Und in einem offiziellen Dokument der Hannoveraner Hugenottengemeinde wird er mit „Sieur Antoine Rougemont, Proselyte, et Étudiant en Theologie (Theologiestudent), en survivance a Monsieur de la Bergerie“ tituliert. Er nannte sich auf seinem ersten Buchtitel „Pasteur nommé en survivance de l‘Eglise françoise reformée d‘Hannover“. Rougemont besaß demnach die Anwartschaft auf die französische Predigerstelle in Hannover.

Diese war ihm erstaunlicherweise nur ein Jahr nach seinem Konfessionswechsel in einem Protokoll vom 2. Februar 1733 seitens der Hausväterversammlung nach einem einmütigen Beschluss voreilig beurkundet worden. Unterschieben wurde es von Antoine Rougemont, Pastor de la Bergerie, sowie den Ältesten Philippe und Fenton.

Bedingungen gestellt

Es wurde protokolliert, dass Antoine Rougemont vor seiner Ordination keine Stimme im Consistoire haben würde und er „sich auch nicht in irgendeine geistliche Angelegenheit einmischen wird, es sei denn es wird von ihm durch die Gemeinschaft verlangt; (…)“. Freilich wurden Rougemont auch einige Bedingungen gestellt, insbesondere, dass seine Berufung von der Synode der Niedersächsischen Konföderation unterstützt und bestätigt werden und ein ordentliches wie übliches Examen „in den Sitten ebenso wie in der Doktrin“ erfolgen müsse. Im Gebiet der drei welfischen Fürstentümer Lüneburg, Calenberg und Wolfenbüttel sowie in der benachbarten Grafschaft Schaumburg-Lippe hatten sich 1703 die Französisch- und Deutsch-reformierten Kirchengemeinden zu einem eigenen Synodalverband, der Niedersächsischen Konföderation, zusammengeschlossen. Ihr gehörten im Laufe der Zeit französisch-reformierte Gemeinden in Celle, Braunschweig, Bückeburg, Hameln, Hannover und Lüneburg sowie die deutsch-reformierten Gemeinden in Altona, Braunschweig, Celle, Hannover, Hannoversch Münden und Göttingen an. Ein kurzes Gastspiel gab die Lübecker Kirchengemeinde.

Begeisterung hält nicht lange an

Doch lange hat in Hannover die Begeisterung für den neuen designierten Prediger nicht angehalten. Als Pastor de la Bergerie keine zwei Jahre später den Fehler bezüglich seiner Nachfolgereglung erkannt hatte, schob er alle Schuld von sich mit den Worten: „Da er (Rougemont) einiges Talent im Deklamieren hat, hielt er in Gegenwart mehrerer Personen des Hofes einige Reden. Lutheraner, die durch seine Art zu erzählen beeindruckt waren, schlugen ihm vor, sich um die Stellvertretung unseres Pastors (de la Bergerie) zu bemühen, wobei sie ihm versprachen, sich daran zu beteiligen, um ihm eine ausreichende Pension zu verschaffen, damit er sein Auskommen finden konnte. Das Konsistorium und die Leiter der Gemeinde widersetzten sich heftig diesem Vorschlag. Dennoch bemühte sich der Herr Rougemont so sehr mit seinen Intrigen, worin er sich bestens versteht, dass es ihm gelang, die Nachfolge nach dem Tod unseres Herrn de la Bergerie zu erlangen, und zwar gegen den Willen der Verständigsten, die dabei aus bestimmten Gründen, die es nicht nützlich ist hier zu berichten und die man zur Genüge versteht, dem reißenden Bergbach nicht widerstehen konnten.“ Das klang im zuvor erwähnten Protokoll noch gänzlich anders. Hatte nicht die Hausväterversammlung der Nachfolgereglung „einmütig“ zugestimmt?

Bestätigung durch Synode niemals erfolgt

Doch auch vorgeblich kirchenrechtliche Punkte führten nach Ansicht des Consistoire in Hannover zum Abrücken von der einstigen Entscheidung der Hausväterversammlung. Denn die Berufung Rougemonts zum Nachfolger de la Bergeries war an die Bestätigung durch die Synode der Niedersächsischen Konföderation geknüpft. Diese ist jedoch niemals erfolgt, da Rougemont kein „ordentliches und übliches Examen“ abgelegt hat: „Er hat niemals nach den zwei Jahren seit seiner Abschwörung verlangt, examiniert zu werden.“ Weitere Dinge, wie seine Moralpredigten, das fehlende Engagement für Krankenbesuche und die Unterweisung der Jugend, kommen hinzu.

Vertrag vorzeitig annullieren

Verzweifelt ist man in Hannover bemüht, Gründe zu finden, um vorzeitig den Vertrag annullieren zu können. De la Bergerie kommt in seinem Brief vom 5. September 1734 zu dem Fazit: „Alle diese Gründe, die vorstehend ausgeführt sind, haben mehreren Personen der Gemeinde, die ihm zuvor ihre Zustimmung erteilt haben, die Augen geöffnet. Sie erkennen jetzt, dass sie vorschnell gehandelt haben, und wünschen ihre Freiheit zurück, um einen Pastor zu wählen, wenn derjenige, den sie haben, fehlen wird.“ Er bittet darum die Synode der Niedersächsischen Konföderation, so schnell wie möglich eine Entscheidung bezüglich Antoine Rougemont herbeizuführen. Daher sollen die Mitgliedsgemeinden ihre Antwortschreiben dem Moderator der Niedersächsischen Konföderation, Gottfried Jüngst (Pastor der Deutsch-reformierten Gemeinde Göttingen) zusenden.

Rückendeckung für Antoine Rougemont

Dem Archivbestand der Evangelisch-reformierten Kirchengemeinde Celle zur Affäre Rougemont liegt ein auf den 9. September (?) 1734 datiertes Antwortschreiben als Kopie vor. Vermutlich handelt es sich um die Antwort der Französisch-reformierten Gemeinde Celle. Diese dürfte in Hannover jedoch keine Freude ausgelöst haben, da Rougemont weitgehend Verständnis entgegengebracht wird, so unter anderem auch hinsichtlich seines verheimlichten Wechsels an die Universität Göttingen und bezüglich seiner ersten Eheschließung. Ebenso werden die anderen Kritikpunkte aus Hannover nicht als entscheidend erachtet. Zentraler Punkt ist das Examen, das Rougemont noch abzulegen hat. Doch setzt hier die Discipline Ecclesiastique keine Fristen. Allein wenn er einer Examinierung nicht nachkäme würde der Vertrag hinfällig werden. Gegen Ende des Schreibens lautet es: „(…) erlauben Sie uns, meine Herren und hochgeehrten Brüder, Ihnen zu sagen, dass wir die Angelegenheit auf eine andere Art und Weise betrachten. (…) Anstelle dessen würde man nichts riskieren, das Examen des genannten Herrn abzuwarten, das wie ein Stein des Anstoßes wäre, der über alles entscheidet.“

Letzte Runde in der Affäre Rougemont

Mit zwei an die Celler Hugenottengemeinde gerichtete Antwortscheiben geht die Affäre Rougemont in die letzte Runde. Es war zu erwarten, dass die Antwort des Moderators beim Amtsinhaber in Hannover auf Missfallen stoßen würde. Pastor de la Bergerie behauptet in seinem Brief vom 12. September 1734 nun zornig, dass Rougemont gekommen sei, „um Besitz von unserer Kirche zu ergreifen“. Durchaus zu Recht wirft er diesem vor, dass er sich fälschlicherweise den Titel eines Pastors aneignet. Er endet mit den Worten: „Die Zeit wird alle Dinge aufdecken“.

Nur ein Blender?

Das Consistoire der Französisch-reformierten Gemeinde Hannover erneuert in einem Schreiben vom 24. September 1734 den Vorwurf, dass Rougemont letztlich ein Blender sei. Es empört sich nochmals über den heimlichen Fortgang des Sprachlehrers nach Göttingen („niemand (kann) zwei Herren dienen“). Dabei sollten die Kirchenältesten doch froh über die berufliche Neuorientierung des Sprachmeisters sein, war sie doch der beste Weg, aus dem 1733 geschlossenen Vertrag herauszukommen.

Berufung zum Professor an Uni Göttingen

Tatsächlich sollte Antoine Rougemont nie das eingeforderte Examen ablegen, da seine Berufung zum Professor an die neu gegründete Universität Göttingen seiner Lebensplanung eine unerwartete Wendung gab. Die Affäre Rougemont hatte sich von selbst erledigt. Am 18. Oktober 1734 wurde der Beschluss vom 2. Februar 1733 offiziell aufgehoben. „Er ist demnach im eigentlichen Verstande nie Prediger der französischen Gemeinde in Hannover gewesen“, lautet es in einem Kirchenbucheintrag in Göttingen. Nichtsdestotrotz bezeichnete er sich noch in einer Publikation aus dem Jahr 1748 als „ancien prédicateur de l’eglise française reformée de Hanovre“.

Von Andreas Flick

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