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Sachsenspiegel Ein Ort mit Geschichte
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12:29 15.10.2016
Foto: Wienhausen ist deutlich älter, als es schriftliche Quellen belegen und hat sich früh vom Bauerndorf zu einem kirchlichen Zentrum entwickelt.Auch die historischen Klostermauern, hier im Bild, können die Frage nach dem Ursprung des Dorfes im Landkreis Celle nicht beantworten.
Wienhausen ist deutlich älter, als es schriftliche Quellen belegen und hat sich früh vom Bauerndorf zu einem kirchlichen Zentrum entwickelt.Auch die historischen Klostermauern, hier im Bild, können die Frage nach dem Ursprung des Dorfes im Landkreis Celle nicht beantworten. Quelle: Hendrik Altmann
Celle

Oft wird versucht, aus historischen Ortsnamen Rückschlüsse auf die Siedlungsgeschichte zu ziehen. Wienhausen findet seine erste Erwähnung als „Huinhusun“ als der Hildesheimer Bischof Godehard den bischöflichen Hof in Wienhausen besuchte.4 Der Name entwickelte sich zu „Huginhusen“ und später zu Wienhausen.5 Dabei wurde die Vorsilbe immer wieder in Zusammenhang mit dem Personennamen „Hugo“ gedeutet.6 Daneben war der „Hugin“ („der Gedanke“) gemäß der nordischen Mythologie einer der beiden Raben, die Odin bei Tagesanbruch aussandte, um über die Welt zu fliegen und sich von Neuigkeiten berichten zu lassen. Bereits 1898 vermutete Bettinghaus, dass Wienhausen schon lange vor dem Jahr 1000 existiert haben könnte.7 Ob es den heutigen Siedlungsplatz bereits zur Zeit der Brunonen und deren Vorfahren gab, ist urkundlich bislang nicht belegbar.

Erste urkundliche
Erwähnung

Die Frage nach der ersten urkundlichen Erwähnung Wienhausens ist gar nicht mal leicht zu beantworten. Es existiert die Urkunde des Kaisers Heinrichs III. aus dem Jahre 1022, welche den alten Gau Flutwidde beschreibt, der zu dieser Zeit dem Grafen Thammo gehörte.8 Er war der Bruder des Hildesheimer Bischofs Bernward.9 Die besagte Urkunde aus dem Jahr 1022 benennt zwar einige Ortschaften im Gau Flotwedel – Wienhausen wird aber nicht explizit genannt.10

Wie eingangs erwähnt ist für die Zeit um 1031 die Durchreise des Hildesheimer Bischofs Godehards überliefert.11 Ohne jeden Zweifel fällt die erste explizite Nennung des Ortes in das Jahr 1051/52, als dem Hildesheimer Bischof Azelin von Kaiser Heinrich III. Wienhausen im „Pago Flotwedel“ übereignet wurde.12 Urkundlich findet sich der Hinweis, dass Heinrich III. Wienhausen vom Kloster Fulda gegen zwei Orte in „Ober-Deutschland, Rondincheim und Salsaha“ eingetauscht habe. Bettinghaus vermutete darin den Beweis, dass Wienhausen ausgehend von Fulda einst eine wichtige Rolle zur Verbreitung des Christentums eingenommen haben könnte.13 Dass Wienhausen einer der ältesten Orte im Landkreis Celle ist, nimmt ebenfalls Rewerts an. Auch wenn seine Annahme, die erste Wienhäuser Kirche wäre bereits um das Jahr 950 entstanden, bislang ohne Beleg auskommen muss.14

Bereits kurz nach Antritt des Bischofsamtes ließ der Hildesheimer Bischof Bernward im Jahr 993 eine Befestigungsanlage erbauen. Die sogenannte Mundburg entstand „am äußersten Rand des Bistums dort, wo Aller und Oker zusammenfließen“. Es wurden Truppen in diese Anlage gelegt, um slawische Einfälle ins Bistum abzuwehren.

Heute fließen Aller und Oker bei Müden zusammen. Trotz archäologischer Untersuchungen steht ein Beweis für diesen Standort der Mundburg aus.15 Wahrscheinlich kann er für Müden auch nicht erbracht werden, denn die Oker mündete einst nicht dort, sondern bei Wienhausen in die Aller. Heute noch sind die alten Flussschleifen zwischen Wienhausen und Sandlingen erkennbar.16 Auch Meibeyer nimmt an, dass südlich von Müden ein künstlicher Durchstich der Oker in die Aller erfolgte.17 Dies scheint plausibel – besonders da Herzog Magnus II. von Braunschweig-Lüneburg im Jahr 1371 gestattete, die Oker für den Schiffsverkehr auszubauen.18 Auf historischen Karten ist der einstige Verlauf der Oker noch erkennbar.19 Am Flussverlauf dürfte indes kein Zweifel mehr bestehen.20 Wenn die Oker früher bei Wienhausen mündete, muss die Mundburg bei Wienhausen gesucht werden.

„Auf Wunsch Kaisers Otto III. hatte Bischof Bernward die Veste Mundburg gegen die Einfälle der Slawen am Zusammenflusse der Aller und der Oker erbaut,“ heißt es in der Vita des Hildesheimer Bischofs aus dem Jahr 995.21 Den umliegenden Gau erhielt er dafür als Geschenk des Kaisers. Dieser übergab ihn um 1013 endgültig an den Bischof. Nicht selten versprach man sich zu jener Zeit sein Seelenheil durch Spenden an die Kirche.22 Der später heilig gesprochene Bischof Bernward war der Sohn des Pfalzgrafen Athelbero und der Bruder des Gaugrafen Tammo.23 Diesem sind urkundlich bedeutende Liegenschaften des Ostfalen-Gau sowie des Flutwidde-Gau im Jahr 1022 bestätigt. Der Besitz legt nahe, dass die Mundburg nicht bei Müden errichtet wurde, denn sie hätte sich bei Wienhausen ebenso auf dem Besitz Tammos befunden.24

Wienhausen
erhält Marktrecht

Heinrich III. verlieh Wienhausen im Jahr 1054 das Marktrecht mit Zoll, Münze, Gerichtsbarkeit sowie Fähr- und Schifffahrtsrecht. Es ist auffällig, dass der Kaiser diese wichtigen Rechte quasi spontan gewährte, zumal Wienhausen damit faktisch Altencelle den Rang als Stadt streitig machen konnte.25 Es besteht daher Anlass zur Vermutung, dass diese Rechte lediglich erneuert wurden.26 Ferner ist nicht geklärt, ob es Wienhäuser Münzen gab – auf der Mundburg wurden zumindest solche geprägt.27

Die in Altencelle forschende Archäologin Cornelia Lohwasser untersuchte im Herbst 2013 mit der Sondengängergemeinschaft Allertal einen Ringwall bei Wienhausen.28 Die Anlage, bestehend aus drei ineinander verlaufenden Wällen, befindet sich im Wald östlich des Ortes. Die Wälle messen eine Höhe von rund 40 Zentimetern und haben einen Abstand von einem Meter zueinander. Der Gesamtdurchmesser der Anlage beträgt ungefähr 50 Meter.

Die Lage passt in die Beschreibung der Mundburg. Allerdings konnten die Sondengänger lediglich neuzeitliche Funde aufspüren und die stichprobenartige Magnetometerprospektion zeigte weder Mauerreste noch Pfostenlöcher. Nur in der Mitte der Anlage wurden Ziegelsteinreste gefunden, die aber nicht in die Zeit der Mundburg datieren. Vielleicht handelt es sich daher nur um einen alten Bienenzaun. Die Ziegelsteine könnten einst Teil der Bedachung des Bienenstandes gewesen sein. Der Beweis für Wienhausen als Standort der Mundburg steht zwar (noch) aus. Die Indizien lassen indes kaum einen anderen Schluss zu.

Der Ort liegt im fruchtbaren Allerurstromtal und bot früh die wichtigsten Voraussetzungen für eine Besiedlung. Zwar waren die Äcker aufgrund der zahlreichen Überschwemmungen anfangs knapp. Das Einsetzen der nachhaltigen Besiedlung hing aber vorrangig von der Möglichkeit zur Viehhaltung ab. Das Flotwedel war für die sesshaft werdenden Menschen ein idealer Siedlungsraum. Funde aus Stein-, Bronze- und Eisenzeit belegen dies jedoch nur eingeschränkt, denn die Siedlungsplätze im Flotwedel waren einem starken Wandel unterzogen. Als Beispiel mag die Verkoppelung dienen, welche die ursprüngliche Flurordnung radikal veränderte. Es wurden neue Ackerflächen erschlossen und gravierende Eingriffe in die Landschaft unternommen. Bereits Rewerts bemerkt, dass die Flur durch Menschenhand umgestaltet und „über den Spaten gegangen“ ist.29

Siedlungen bereits
zur Bronzezeit

Die Kurhannoversche Landesaufnahme zeigt ausgedehnte Ackerflächen auf den alten Okerdünen südlich des Ortes.30 Die Spuren älterer Besiedlung wurden zerstört, wie Barenscheer bereits konstatierte.31 Dennoch haben einige Relikte überdauert, welche den Schluss nahelegen, dass die Siedlungen in diesem Raum bereits in die Bronzezeit zurückdatieren.32 Als Beispiele seien die, durch Rewerts nachgewiesenen möglichen Hochäcker unter den Dünen im Bereich des Langlinger Holzes33, spätsteinzeitliche Ackerbaugeräte aus der Gegend von Hohnebostel34 sowie die Stärke der örtlichen Kulturbodenschicht (Wienhausen: 0,75 Meter) genannt.35

Wienhausen ist deutlich älter, als es schriftliche Quellen belegen und hat sich früh vom Bauerndorf zu einem kirchlichen Zentrum entwickelt. Diese Annahme ist nicht zuletzt durch die frühe Nennung eines Archidiakonats in Wienhausen gesichert.36

Wo die schriftlichen Quellen enden, ist es die Aufgabe der Archäologie, weiterführende Informationen zu gewinnen. Damit bleibt Wienhausen in jeder Hinsicht ein historisch spannendes Betätigungsfeld.

Hendrik Altmann

1 Meier/Engel, Die Kunstdenkmale des Landkreises Celle im Regierungsbezirk Lüneburg, Bd 38 Teil II, S. XIX.

2 http://found-places.blogspot.de/2015/09/das-ehemalige-herrschaftliche-sitz-in.html.

3 Appuhn in Leister/Ricklefs, Chronik des Klosters Wienhausen, Celle 1968, 2. Aufl., Rn. 2.

4 Wolfher, Vita Godehardi episcopi posterior, M.G.SS. XI, 209.

5 Meier/Engel, Die Kunstdenkmale des Landkreises Celle im Regierungsbezirk Lüneburg, Bd 34 Teil II, S. XVII.

6 Bückmann in Benecke: Lüneburger Heimatbuch, Bd. 2, Bremen 1914: Orts- und Flurnamen, S. 204.

7 Bettinghaus, Zur Heimatkunde des Lüneburger Landes mit besonderer Berücksichtigung des Klosters und der Gemeinde Wienhausen, Bd. 1, S. 14ff.

8 Janicke, Urkundenbuch des Hochstifts Hildesheim und seiner Bischöfe, Bd. 1, S. 85ff.

9 Böttger, Die Brunonen, S. 201.

10 Janicke, Urkundenbuch des Hochstifts Hildesheim und seiner Bischöfe, Bd. 1, S. 85ff.

11 Wolfher, Vita Godehardi episcopi posterior, M.G.SS. XI, 209.

12 Vgl. Böttger, Die Brunonen, S. 195.

13 Bettinghaus, Zur Heimatkunde des Lüneburger Landes mit besonderer Berücksichtigung des Klosters und der Gemeinde Wienhausen, Celle 1897, Bd. 1, S. 14ff.

14 Rewerts in Samel, Heimatkundliche Beiträge zum Studium Niedersachsen, Heft 2: Die Besiedlung des Flotwedels im oberen Allertal, S. 48f.

15 Schuchhardt, usw

16 Seiler, Die Aller – Ein Fluss verändert seinen Lauf, Celle 2002, S. 45ff.

17 Meibeyer, Lag Bischof Bernwards Mundburg in Wienhausen?, in Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte, Bd. 71, S. 47-51, S. 49.

18 Urkundenbuch der Stadt Braunschweig, Bd. 6, S. 610.

19 Charte der Environs von der Statt Zelle, 1732; Kurhannoversche Landesaufnahme, Blatt Wienhausen, 1781.

20 Seiler, Die Aller – Ein Fluss verändert seinen Lauf, Celle 2002, S. 45ff.

21 Thangmari vita Bernwardi ep. c. 7, ap. Pertz IV 761.

22 Bettinghaus, Zur Heimatkunde des Lüneburger Landes mit besonderer Berücksichtigung des Klosters und der Gemeinde Wienhausen, Celle 1897, Bd. 1, S. 14ff.

23 Böttger, Die Brunonen, S. 201.

24 Ebd.

25 Kittel, Das alte Celle, 35ff.

26 Meibeyer, Lag Bischof Bernwards Mundburg in Wienhausen?, in Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte, Bd. 71, S. 47-51, S. 50.

27 Meier, Die frühmittelalterliche Münzstätte „Mundburg“ des Bistums Hildesheim, in: Deutsche Münzblätter, Nr. 431 1938, S. 153-228.

28 Found Places Blog: http://found-places.blogspot.de/2014/03/die-mundburg-analyse-und-auswertung-von.html.

29 Rewerts in Samel, Heimatkundliche Beiträge zum Studium Niedersachsen, Heft 2: Die Besiedlung des Flotwedels im oberen Allertal, S. 48f.

30 Kurhannoversche Landesaufnahme, Blatt Wienhausen, 1781.

31 Barenscheer, Siedlungskundliches aus der Lüneburger Heide, S. 60ff.

32 Rewerts in Samel, Heimatkundliche Beiträge zum Studium Niedersachsen, Heft 2: Die Besiedlung des Flotwedels im oberen Allertal, S. 46.

33 Breest/Hinsch/Veil, Mittelsteinzeitliche Fundplätze im Landkreis Celle, S. 47ff.

34 Lüdecke, Aus der Urgeschichte des Kreises Celle, in: Helmke/Hohle, Der Speicher, S. 57ff.

35 Rewerts in Samel, Heimatkundliche Beiträge zum Studium Niedersachsen, Heft 2: Die Besiedlung des Flotwedels im oberen Allertal, S. 47.

36 Meier/Engel, Die Kunstdenkmale des Landkreises Celle im Regierungsbezirk Lüneburg, Bd 34 Teil II, S. XVIII.

Von Hendrik Altmann