Jaques de Varignires

Ein Hugenotte kehrt nach Frankreich zurück

Jaques de Varignires floh als Hugenotte aus Frankreich. Seine Schwiegereltern lebten in Celle. Später kehrten er und seine Frau in die Normandie zurück. Warum?

  • Von Cellesche Zeitung
  • 04. Jun 2022 | 06:00 Uhr
  • 14. Jun 2022
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Celle.

Die hugenottische Adelsfamilie de Varignires (Varignire, Warigniers, Varinre, Varigny) lebte in einem kleinen Chteau in der französischen Gemeinde Marcilly bei Avranches in der Normandie. Das Anwesen liegt nur rund 25 Kilometer vom berühmten Mont Saint-Michel entfernt. Die Familie gehörte als Gemeindeglieder zur protestantischen Gemeinde in Ducey. Da Jaques de Varignires, Chevalier Seigneur de Blanvill, nach der Aufhebung des Edikts von Nantes seinem reformierten Glauben nicht abschwören wollte, verließ er wie Tausende anderer hugenottischer Glaubensgenossen illegal seine französische Heimat. Der Besitz der Emigranten wurde üblicherweise konfisziert. Da wir keine schriftlichen Dokumente von ihm haben, lässt sich nichts Genaueres zu den Beweggründen seiner Auswanderung sagen. Weder ist seine Fluchtroute bekannt noch das genaue Datum seiner Ankunft im (brandenburgischen) Exil.

Taufen der Kinder von Jaques de Varignires und Marguerite de Maxuel de la Fortire in Celle und Berlin

1693 hielt sich der in brandenburgischen Diensten stehende Hauptmann im Garderegiment in Celle auf, dem Wohnort seiner Schwiegereltern. An einem nicht bekannten Datum hatte Jaques de Varignires zuvor die ebenfalls aus der Normandie stammende Adelige Marguerite de Maxuel de la Fortire geheiratet, die Tochter des Celler Großfalkners und Inspekteurs des Kaninchengeheges Etienne de Maxuel de la Fortire und der Madeleine le Prvost de Gagemont.

Am 26. September 1693 erblickte die Tochter des Paares Madeleine Marie de Varignires in Celle das Licht der Welt. Sie wurde am Tag darauf in der Französisch-reformierten Gemeinde durch Pastor Louis Suzannet de la Forest getauft. Die Taufpaten waren der ebenfalls aus der Normandie stammende Gabriel de Villars-Malortie, der Stallmeister der Herzogin Elonore d’Olbreuse und spätere Oberhofmeister bei der „Prinzessin von Ahlden“ sowie Amtsvogt in Winsen/Aller, und die Großmutter Madeleine le Prvost de Gagemont („Madame de la Fortierre“).

Sohn Frederic Menass de Varignires in Berlin geboren

Auch der Sohn Frederic Menass de Varignires (de Warigniers) entstammt dieser Eheverbindung. Er erblickte am 28. Oktober 1698 in Berlin das Licht der Welt. Noch am selben Tag wurde er in der Französischen Kolonie durch Pastor Henri-Charles Bancelin (Sohn), „pasteur, au Dme“ [Pastor im Dom] getauft. Nach der Konversion des Kurfürsten Johann Sigismunds von der Lutherischen zur Reformierten Kirche war der reformierten Gemeinde in Berlin-Cölln 1632 die Domkirche als Gottesdienststätte zugesprochen worden, in der bis 1701 französisch-reformierte Gottesdienste gefeiert wurden. Die Taufpaten waren der Oberhofmeister der preußischen Königin, Frideric Bogislav Baron von Obersenski, und Marie de Meaux (1654 bis 1737), die Frau des kurbrandenburgischen Generalleutnants Menasse von Dorthe. Frederic Menass de Varignires kam später als Offizier nach Celle, wo bekanntlich die Großeltern lebten. 1722 diente er im Regiment von Melvill.

Skandal um uneheliches Kind

Sein Name erscheint im Zusammenhang mit einem Skandal im Kirchenbuch (Consistorial-Buch) der Deutsch-reformierten Gemeinde Celle. Dieser betrifft den ersten bekannten Fall von Kirchenzucht in der 1709 gegründeten Gemeinde. Unter dem Jahr 1723 findet sich der Eintrag: „Hat des Stückgießer Köhlers [Philip Köhler] elteste Tochter Johanna Köhlers [Hanna Köhler] wegen Ihrer begangenen Hurerey und des Kindes, so sie unehelich mit dem Fenrich [Fähnrich] Waringnr gezeuget, von dem Vicario He[rrn] Schleiermacher, und denen p.t. [gegenwärtig] dreyen Vorstehern anstatt öffentl[iches] privat=bekäntnis Ihrer begangenen Schand=That und herzliche Abbitte gethan; worauf selbige dann, nachdem sie etliche mahl deshalben von dem H[eiligen] Abendmahl zurück gehalten, wiederum zu dessen gebrauch zugelassen, und als ein glied unserer Gemeinde angenommen worden. Jedennoch unter dem Versprechen, daß sie künftig hin der Gemeinde kein ferner Anstoß geben, sondern ihr Leben durch die Gnade Gottes bessern, christ[lich] und nach Gottes Willen leben wolle.“

Kirchenzuchtverfahren in der Französisch-reformierten Gemeinde Celle

Darüber, ob auch der Fähnrich Frederic Menass de Varignires als Vater des unehelichen Kindes ein vergleichbares Kirchenzuchtverfahren in der Französisch-reformierten Gemeinde Celle über sich ergehen lassen musste, schweigen die Akten. Das uneheliche Kind war bereits am 1. Juli 1722 auf den Namen Frederike getauft worden. Patin war „Mr. Kotjans Wittwe [Witwe Cotyon], französischer Nation“, die 1727 im Zusammenhang von ausgezahlten Armengeldern als Zuchthausinsassin bezeichnet wurde. Das besagt jedoch nicht automatisch, dass die Frau zuvor straffällig geworden war. Es wurden unter anderem auch psychisch Kranke und andere unliebsame Personen in dem Celler „Werck-, Zucht- und Tollhaus“ untergebracht. Anscheinend hat sich sonst niemand bereit erklärt, die Patenschaft für das uneheliche Kind zu übernehmen.

Rückkehr nach Frankreich

Noch einmal taucht der Name von Frederic Menass de Varignires im Testament seiner Großmutter Madame le Prvost de Gagemont vom 24. März 1724 auf, der Witwe des bereits 1714 in Celle verstorbenen Etienne de Maxuel de la Fortire. Zusammen mit ihren beiden noch lebenden Töchtern wird der Enkel als Erbe eingesetzt. In ihrem Testament drückt die Witwe tiefe Enttäuschung über ihre Tochter Margarethe aus, weil sie zusammen mit ihrem Mann Jacques de Varignires, seigneur de Blainville, nach Frankreich zurückgekehrt war. Eine derartige Rückkehr der Emigrierten bedingte binnen eines Monats die Abschwörung vom reformierten und die Annahme des römisch-katholischen Glaubens.

Nur zum Schein katholisch?

Über die genauen Hintergründe der Rückkehr in die Normandie liegen leider keinerlei Informationen vor. Überliefert ist, dass die Ehefrau ihren Mann, der später als Jacques de Varigny, Seigneur de Bligny bezeichnet wird, überlebt hat. Erstaunlicherweise taucht der Name Marguerite [de] Maxuel noch einmal im Zusammenhang mit der Bestattung von in Rouen ansässigen Protestanten auf. Im Sterberegister (ab 1746) erscheint ihr Name zusammen mit dem weiterer Adeliger. Das bedeutet, dass sie zum Zeitpunkt ihres Todes Glied der reformierten Kirchengemeinde von Rouen war. Diese erstaunliche Tatsache gibt natürlich keinen Aufschluss darüber, ob sie bei der Rückkehr nach Frankreich aus strategischen Gründen tatsächlich oder nur zum Schein katholisch geworden ist und dann wieder zum reformierten Glauben zurückgekehrt ist. Gestorben ist Marguerite Maxuel zweifellos als Protestantin.

Bekenntnis der Familie Varignires in Teilen angezweifelt

Bereits am 21. April 1700 hatten zwei Bedienstete des Landschlosses in Marcilly (Marie Dalein aus St. Gilles und Anne Rihouet) zusammen mit Demoiselle Louise de Varinires, der Tochter von Samuel de Varigny, ihrem reformierten Glauben abgeschworen. Doch gab es noch Familienmitglieder, die zunächst ihrem reformierten Glauben treu blieben. So trat der bettlägerige und gelähmte Louis de Varigny erst 1736 auf dem Sterbebett nach einem Besuch des Pfarrers von Marcilly Lemarchant zur katholischen Kirche über. In welchem verwandtschaftlichen Verhältnis diese Konvertiten zu Jaques de Varignires standen, ist nicht bekannt. Über diese Konfessionswechsel informiert der radikale Antiprotestant Abb Auguste Cudeloup, der im Widerspruch zu den zuvor genannten Quellen das protestantische Bekenntnis der Familie Varignires in Teilen anzweifelt.

Die Tochter Magdeleine Marie de Varignires folgte ihren Eltern nach Frankreich. Zunächst blieb sie dort erstaunlicherweise noch längere Zeit ihrem reformierten Glauben treu. Doch um Jean Thomas Baptiste de Lorgeril (* ca. 1709, † 29. Dezember 1779) heiraten zu können, trat auch sie im Jahr ihrer Hochzeit am 10. April 1740 zum römisch-katholischen Glauben über. Sie verstarb 1777 in der Bretagne.

Hugenotten zum Teil unzufrieden im Exil

Eine derartige Rückkehr von Hugenotten in die französische Heimat, üblicher Weise verbunden mit dem Übertritt zur römisch-katholischen Kirche, ist verschiedentlich zu beobachten. Es gab sie auch unter Celler französisch-reformierten Gemeindegliedern, wie beispielsweise bei Armand Robert Couturier Fondousme und Adrien Franois de Coisy. Oftmals wurde die persönliche Situation im Exil als unbefriedigend angesehen, doch auch der Erhalt der (zuweilen umfangreichen) Familienbesitztümer in Frankreich war immer wieder ein Grund zur Konversion. Hinzu kamen finanzielle Anreize seitens des französischen Staates.

Frederic Menass de Varignires stirbt unverheiratet in Celle

Im Gegensatz zu seiner Schwester blieb Frederic Menass de Varignires im Kurfürstentum Hannover. Er verstarb unverheiratet im Alter von nur 42 Jahren in Celle am 26. Januar 1736 um vier Uhr morgens als pensionierter Fähnrich im Dienste der britischen Majestät.

Von Andreas Flick

Quellen

Wilhelm BEUKEKE: Hugenotten in Niedersachsen (= Quellen und Darstellungen zur Geschichte Niedersachsens, Bd. 58), Hildesheim 1960.

Jean BIANQUIS: Les premiers pisodes de la restauration du culte protestant a Rouen 1883-1791, in: Bulletin historique er littraire, Bd. 36, 1887, S. 314-327.

Abb Auguste CUDELOUP: Monographie de Marcilly, in: Revue de l’Avranchin, tome 28, 1935, Seite 133-178, hier S. 148 bis 151.

Andreas FLICK: Etienne de Maxuel de la Fortire, Oberhoffalkner und Inspekteur des Kaninchengeheges, in: Hugenotten, 79. Jg. Nr. 4/2015, S. 162-173.

Eduard MURET: Geschichte der französischen Kolonie in Brandenburg-Preußen, unter besonderer Berücksichtigung der Berliner Gemeinde. Zur Veranlassung der zweihundertjährigen Jubelfeier am 29. Oktober 1885 / im Auftrage des Konsistoriums der Französischen Kirche zu Berlin unter Mitwirkung des hierzu berufenen Komitees auf Grund amtlicher Quellen bearbeitet, Berlin 1885.

Ren PILLORGET: Die juristischen, finanziellen und familiären Auswirkungen des Edikts von Fontainebleau in Frankreich, in: Heinz Duchhardt (Hg.): Der Exodus der Hugenotten. Die Aufhebung des Edikts von Nantes 1685 als europäisches Ereignis, Köln – Wien 1985, S. 53-68.

Evangelisch-reformierte Gemeinde Celle, Bestand 2, Nr. 61: Testament der Madame le Prvost de Gagemont, Witwe des Etienne de Maxuel de la Fortire, 24. März 1724 [Madame de Prvost setzt ihre Töchter und Frederic Menass de Varignire als Erben ein]

Evangelisch-reformierte Gemeinde Celle, Bestand 2, Nr. 128: Erstes Kirchenbuch der Französisch-reformierten Gemeinde Celle, 1686-1704.

Evangelisch-reformierte Gemeinde, Bestand 2, Nr. 144: Quittungen über ausgezahlte Armengelder, 1727-1771.

Evangelisch-reformierte Gemeinde Celle, Bestand 3, Nr. 8: Consistorial-Buch der Deutsch-reformierten Gemeinde Celle, 1710-1967.

Evangelisch-reformierte Gemeinde Celle, Bestand 3, Nr. 56: Kirchenbuch der Deutsch-reformierten Gemeinde, 1709-1937.

Seite „Fähnrich“, in: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie (23.3.2022).

Seite „Marcilly (Manche)“, in: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie (25.3.2022).

Seite „Berliner Dom (1536–1747)“, in: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie (24.4.2022). https://gw.geneanet.org/familysoyer?n=de+lorgeril&oc=&p=jean+thomas+baptiste (30.03.2022).

Genealogische Datenbank der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft.

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