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Sachsenspiegel Düngerprofeſſor“ aus Schillerslage
Mehr Sachsenspiegel Düngerprofeſſor“ aus Schillerslage
12:57 14.11.2015
Foto: Der „Düngeprofessor“ Philipp Carl Sprengel (1787–1859)
Der „Düngeprofessor“ Philipp Carl Sprengel (1787–1859) Quelle: Fremdfotos/eingesandt
Celle

In neueren Nachschlagewerken sucht man seinen Namen fast vergebens. Und wer ihn in unseren Tagen zum ersten Mal hört, vermutet in ihm wohl nicht selten den Begründer einer bekannten Schokoladenfabrik in Hannover. Dabei hat er sich auf einem völlig anderen Wissenschaftsgebiet zu Beginn des 19. Jahrhunderts einen Namen gemacht. Er gilt unter Fachleuten als einer der „Düngerprofessoren“, die in einem Atemzug mit Justus von Liebig und Albrecht Thaer genannt werden. Den Spuren von Philipp Carl Sprengel einmal nachzugehen, hat seinen besonderen Reiz, weil er aus unserer allernächsten Heimat stammt. Er wurde 1787 auf dem Posthof Schillerslage an der Heerstraße Hannover – Celle geboren.

Bedeutung der
Mineraldüngung erkannt

Während die Erinnerung an Albrecht Thaer in Celle und Umgebung noch recht lebendig ist, scheint Carl Sprengel mehr und mehr in Vergessenheit zu geraten. In seinem Geburtsort Schillerslage trägt zwar die Hauptstraße seinen Namen, aber die nach ihm 1953 benannte Landwirtschaftliche Berufsschule existiert nicht mehr. An ihn, der in der Nachfolge Albrecht Thaers wirkte, und den Mann, der früh die Bedeutung der Mineraldüngung für die Landwirtschaft erkannte, soll hier erinnert werden.

Das ausgehende 18. und die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts sind geprägt durch einen sich anbahnenden grundlegenden Wandel in der Landwirtschaft. Jahrhundertelang hatten die Bauern in fast unveränderter Weise gewirtschaftet. Das Vieh wurde durch die Dorfhirten in die Gemeinheit hinausgetrieben und fand in den unkultivierten Weideflächen nur dürftige Nahrung. Der Viehdünger, den man so dringend für die Acker gebraucht hätte, blieb draußen und konnte nicht den Ackerflächen zugeführt werden. So verarmten die Felder in ihrem Nährstoffgehalt und es kam zu kümmerlichen Erträgen.

Für den Aufbruch zu neuen Ufern ist die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert anzusehen. Vor allem zwei Männer machten Schlagzeilen und sind heute bei Fachleuten in der ganzen Welt bekannt. Da war zunächst einmal der Arztsohn Albrecht Thaer aus Celle (1752-1828) und einige Jahrzehnte später der Chemiker Justus Liebig (1803-1873). Beide haben bahnbrechende Forschungen geleistet und haben Erkenntnisse naturwissenschaftlicher Forschung für die Landwirtschaft nutzbar gemacht.

Thaer war ein Pragmatiker und packte die Probleme der Landwirtschaft vor allem von der organisatorischen Seite her an. Er führte neue Fruchtfolgen ein und baute Futterpflanzen an. Dadurch konnte man auch im Sommer die Tiere im Stall füttern, gewann mehr Dünger, der sich wiederum in höheren Ackererträgen niederschlug.

Gesetze der
Nähstoffaufnahme

Liebig dagegen untersuchte vor allem, was die Pflanzen zu ihrem Gedeihen an Nährstoffen nötig haben. Er führte chemische Analysen durch, übertrug die Erkenntnisse auf Anbauversuche und ermittelte so die Gesetze der Nährstoffaufnahme und -versorgung. Unter den Begriffen der „Mineralstofftheorie“ und des „Gesetzes vom Nährstoffminimum“ sind seine Erkenntnisse heute allen Fachleuten bekannt. Liebigs Lehren hatten durchgreifende Auswirkungen auf den gesamten Pflanzenbau. Sie wurden die Grundlage einer wissenschaftlichen Düngerlehre und gaben den Anstoß, neben dem Stalldünger in zunehmendem Maße künstliche Düngemittel zu verwenden. 1840 trat Liebig mit seinen Forschungsergebnissen an die Öffentlichkeit und galt seitdem als erster Entdecker dieser für die Landwirtschaft so bedeutsamen Gesetze.

Ohne die Verdienste Liebigs schmälern zu wollen, muss aber der geschichtlichen Wahrheit wegen herausgestellt werden, dass schon ein Jahrzehnt vorher unser Landsmann Carl Sprengel aus Schillerslage bei Burgdorf dieselben Gesetze vom Pflanzenwachstum erkannte und ebenfalls veröffentlichte.

Auf dem Posthof
in Schillerslage geboren

Wer war dieser Mann? Er kam am 29. März 1787 als Sohn des Posthalters und Landwirts Anton Lorentz Sprengel in Schillerslage zur Welt. Seine Mutter, Helene Marie Gräver, stammte aus Hannover. Dort war ihr Vater Besitzer des Ballhofes, des heutigen Schauspielhauses. Die Großeltern Sprengel saßen in mehreren Generationen als Inhaber der Posthalterei in Engensen und haben sich vermutlich in Schillerslage angekauft, als der alte Postweg Hannover-Celle etwas weiter nach Osten verlegt wurde, Engensen also nicht mehr berührte.

Vom Elternhaus müssen mancherlei günstige Anregungen auf Carl Sprengel ausgegangen sein. Gesellschaftlich und wirtschaftlich stellte ein Posthalter erheblich mehr dar als ein Bauer. Dennoch muss auch vom Posthof aus eine enge Beziehung zur Landwirtschaft bestanden haben. Denn 1818 wird ein „Oeconom“ Sprengel aus Schillerslage – vermutlich der Bruder von Carl – Mitglied der Königlichen Landwirtschaftsgesellschaft in Celle.

Nachdem Carl Sprengel den ersten Unterricht durch einen Hauslehrer erhalten hatte, ging er als Fünfzehnjähriger nach Celle, um mit anderen Landwirtssöhnen bei Albrecht Thaer theoretisch und praktisch in moderner Landwirtschaft ausgebildet zu werden. Der hatte hier 1802 ein landwirtschaftliches Lehrinstitut eingerichtet.

Als Thaer 1805 vom preußischen König nach Möglin in Brandenburg berufen wurde, weil er dort eine landwirtschaftliche Akademie und ein Mustergut einrichten sollte – daraus ging später die Landwirtschaftliche Hochschule Berlin hervor – folgte Carl Sprengel seinem Lehrmeister und sammelte unendlich viele praktische Erfahrungen für seinen späteren Beruf. Er wuchs bald aus der Rolle eines Schülers heraus und leitete bis 1808 mehrere Jahre verantwortlich als Inspektor die Mögliner Gutswirtschaft.

Was Sprengel in Möglin bei und mit Albrecht Thaer gelernt hatte, sollte eine solide Grundlage für seinen weiteren beruflichen Werdegang bedeuten. Ab 1809 wirkte er acht Jahre als Leiter und Berater landwirtschaftlicher Betriebe – vor allem Güter – in der Oberlausitz, in Schlesien, Sachsen und Thüringen. Die in der Landwirtschaft ruhigeren Wintermonate verbrachte er in Dresden, wo er neuere Sprachen lernte und Vorlesungen über Chemie hörte.

Durch seine Zusammenarbeit mit Albrecht Thaer und das Studium der Fachliteratur war ihm längst klar geworden, dass die Erträge der Kulturpflanzen nur dann gesteigert werden konnten, wenn die neuen Erkenntnisse der Naturwissenschaften Eingang in den landwirtschaftlichen Alltag fanden. Er war überzeugt, dass nur der künftig ein erfolgreicher Landwirt sein konnte, der naturwissenschaftlich gebildet war – Ein hoher Anspruch.

Es folgten zwei Jahre mit Reisen durch viele Teile Deutschlands, aber auch durch die Schweiz, Frankreich und Belgien. Sprengel hielt dabei seine Augen offen, erweiterte nicht nur seine Allgemeinbildung, sondern konnte auch dabei seine praktischen Erfahrungen vertiefen. 1819 gründete er eine Flachsfabrik, für die er selbst mehrere Maschinen erfand.

Die bereits angedeuteten hohen Ansprüche an sich selbst, ein „vollkommener Landwirt“ zu werden, meinte er nun durch ein Hochschulstudium zu erreichen. Er war schon 34 Jahre alt, als er 1821 in Göttingen mit dem Studium der Ökonomie und Chemie begann. Er studierte Chemie, Physik, Botanik, Mineralogie, Geologie und Mathematik und besuchte zahlreiche landwirtschaftliche Vorlesungen. Bereits zwei Jahre später promovierte er in den Fächern Chemie und Ökonomie zum Dr. phil.. Als Doktor der Philosophie blieb er aber noch acht weitere Jahre an der Universität. In dieser Zeit nutzte er den wissenschaftlichen Apparat der Hochschule, um sich eingehend mit Bodenuntersuchungen und Fragen der Pflanzenernährung zu beschäftigen. Neben seiner Forschungsarbeit übertrug man ihm aber auch Lehraufgaben, nachdem er sich 1830 habilitiert hatte. Über verschiedene Bereiche der Landwirtschaft hielt er Vorlesungen in Ökonomie und Chemie.

Seine fünfstündige Vorlesung über „Agricultur-Chemie“ war die erste Vorlesung überhaupt, die in diesem Fachgebiet an einer deutschen Universität gehalten wurde. Dabei versäumte er nicht, den Kontakt zur landwirtschaftlichen Praxis zu behalten, indem er immer wieder Studienreisen durch alle Gebiet des damaligen Königreichs Hannover unternahm. Dann wieder verbrachte er viele Stunden im Laboratorium des Chemikers Friedrich Strohmeyer, wo er Böden, Pflanzen und Düngemittel analysierte.

„Von den Substanzen
der Ackerkrume“

Seine Forschungsergebnisse fasste Carl Sprengel in wissenschaftlichen Aufsätzen und Büchern zusammen. Die wichtigsten davon sind die Werke „Von den Substanzen der Ackerkrume ...“ (1828) und „Chemie für Landwirthe, Forstmänner und Cameralisten“ (1831). Diese beiden Bücher belegen eindeutig, dass er schon zehn Jahre vor Justus Liebig erkannte, wie wichtig die Chemie als landwirtschaftliche Grundwissenschaft ist. Carl Sprengel ist also als der eigentliche Begründer der Agrikulturchemie zu bezeichnen. Auch in seinem Erkennen der Grundgesetze der Pflanzenernährung und der Bedeutung der Mineralstoffe war er Liebig ein ganzes Jahrzehnt voraus. Ihm steht also mit Recht der Ruhm zu, ein bahnbrechender Förderer und Forscher der Landwirtschaftswissenschaft zu sein und bei der Klärung der grundlegenden Fragen der Pflanzenernährung die Priorität vor Liebig zu besitzen, wenn er auch noch nicht die nichtstofflichen Faktoren wie z.B. Wärme und Licht, wie sie Liebig in seine Betrachtungen einbezog, richtig erkannt hatte.

Gründe für eine „Chemie
für Landwirte“

In dem Vorwort zu seiner „Chemie für Landwirte ...“ bedauert Carl Sprengel, dass die Land- und Forstwirte „das Studium der Chemie fast völlig vernachlässigen“, obwohl die Chemie doch „das unmittelbar Anwendbare und Nützliche lehre“. Scheinbar hätten die Landwirte noch nicht deutlich genug eingesehen, „wie durch gründliche chemische Kenntnisse sowohl der Ackerbau als die Forstwirtschaft zu einem Grade von Vollkommenheit gebracht werden können, von welchem man noch gar keine Ahnung hat“.

Adolf Meyer

Literatur

1. Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 35, Leipzig 1893, S. 293

2. Wendt, Günter, Carl Sprengel und die von ihm geschaffene Mineraltheorie als Fundament der neuen Pflanzenernährungslehre. Dissertation Göttingen 1950

3. Schmitt, Ludwig, Philipp Carl Sprengel (1787-1859), in Große Landwirte, herausgegeben von Günter Franz und Heinz Haushofer, Frankfurt/Main 1970

Von Adolf Meyer