Sachsenspiegel

Die Spanische Grippe in Celle – Teil 2

Zwischen 1918 und 1920 durchzog die oft tödliche Krankheit - die spanische Grippe - in drei Wellen die Welt (Teil 2)

  • Von Cellesche Zeitung
  • 14. Nov. 2020 | 10:30 Uhr
  • 10. Juni 2022
Im Dezember 1918 verweigert ein Straßenbahnschaffner in Seattle einem Herrn ohne die vorgeschriebene Gesichtsmaske den Zutritt
  • Von Cellesche Zeitung
  • 14. Nov. 2020 | 10:30 Uhr
  • 10. Juni 2022
Anzeige
Celle.

Nur auf den ersten Blick unverständlich erscheint, dass der Lüneburger Regierungspräsident am 23. Oktober, als die zweite Welle ihren Höhepunkt erreichte, seinen Erlass vom 1. August aufhob, in dem er die Übersendung der aktuellen Fallzahlen verlangt hatte. (14) Es setzte sich die Einsicht durch, dass die „Erfüllung der Anzeigepflicht für die mit Arbeit überhäuften Ärzte … bei der großen Zahl der Erkrankungen eine unerhörte, nicht durchführbare Belastung mit Schreibwerk bedeuten würde.“ (15) Durch die zu erwartenden Kriegsheimkehrer rückte bei den Gesundheitsämtern die Sorge vor den „typischen“ Infektionskrankheiten der Soldaten wie Ruhr, Tripper und Syphilis in das Aufmerksamkeitszentrum wie einem Merkblatt zu entnehmen ist. (16)

Grippeferien und Zeugnisentfall

Die Verlängerung der Ferien „mit Rücksicht auf die Erfordernisse der Kriegswirtschaft“, wie es in den amtlichen Schreiben immer hieß, war zwischen 1914 und 1918 nichts Ungewöhnliches. Nachdem schon am 26. August der Ferienbeginn aus diesem Grund um drei Tage vorgezogen worden war und die Cellesche Zeitung am 18. und 19. Oktober über Schulschließungen wegen der Spanischen Grippe in Heidelberg und Straßburg berichtete und der Leserschaft mitteilte, dass auch der Berliner Magistrat die Schließung der Schulen erwäge, reagierten auch die Celler Schulen auf die Grippewelle.

Polizisten in Seattle tragen während der Spanischen Grippe-Epidemie einen Mund-Nase-Schutz.

Am 21. Oktober erschienen in der Zeitung Anzeigen, dass für die Lutherischen Volksschulen, die Mittelschulen und die Gewerbliche Fortbildungsschule „wegen der zur Zeit herrschenden Grippe“ (17) die Herbstferien verlängert werden. Der Unterricht beginne erst wieder am Mittwoch, den 30. Oktober, einen Tag vor dem Reformationstag. Am 26. 10. werden die Leser der CZ über die Verlängerung der Herbstferien auch für die Höheren Schulen der Stadt informiert, allerdings beginnt der Unterricht hier am 29. Oktober. Allerdings ist auch hier davon auszugehen, dass auch die Höheren Schulen zwischen dem offiziellen Unterrichtsbeginn am Mittwoch, den 22.10., und an den folgenden drei Tagen geschlossen waren. Ebenfalls über die Ferienverlängerung um eine Woche berichtet der Winsener Heimatbote in seiner Novemberausgabe, „weil es zwecklos ist, mit einer übermäßig durch Fehlen verringerten Schülerzahl Schule zu halten.“ (18)

Herbstferien um eine Woche verlängert

Uneinheitlich agieren die Schulen auch im benachbarten Lüneburg: „23. Okt. (Grippeferien.) Infolge der hier sehr stark auftretenden Grippe sind in den der Kgl. Regierung unterstellten Schulen die Ferien um eine Woche verlängert worden. Dahingegen wurde in den dem Provinzialkollegium unterstellten Lehranstalten der Unterricht heute wieder aufgenommen.“ (19) Dieses Tohuwabohu erklärt sich einmal durch den vom preußischen Kultusministerium am 24. 10. 1918 verschickten Runderlass, dass über grippebedingte Schulschließungen die Bezirksregierungen nach Anhörung des Kreisarztes entscheiden sollten (20), weil Landkreise und Städte lokal unterschiedlich von der Grippe betroffenen waren.

Kreisarzt vergleicht "Spanische Grippe" mit Masern

Andererseits spiegeln sich darin die gegensätzlichen Auffassungen über den Sinn und Zweck der Schließungen. So begrüßt der Redakteur des Hannoverschen Anzeigers bereits am 22.10. die Entscheidung, die Herbstferien in Hannover bis zum 4. November zu verlängern, denn „wenn man die Kinder erst wieder zusammenpfercht, ist die Ansteckungsgefahr doch unvermeidlich“. Den Hinweis, dass die Kinder sich auf der Straße sowieso treffen, lässt er nicht gelten, weil „der Aufenthalt in frischer Luft immer etwas andres als in einem geschlossenen Raume“ sei. (21)

Dagegen lehnt am 2. November der Celler Landrat von Harlem nach der Empfehlung des Königlichen Kreisarztes in Celle in einem Schreiben an die Ortsschulinspektoren weitere Schulschließungen aus medizinischen Gründen ab. Wie bei Masern, so schrieb der Kreisarzt, werde auch bei der Spanischen Grippe die Infektion „durch den Verkehr von Person zu Person so leicht übertragen, daß die Versuche durch Absperrungsmaßregeln, etwa durch Ausschließung vom Schulbesuch oder durch Schließung der Schulen, die Epidemie einzudämmen, aussichtslos seien.“

Lockdown früher im Vergleich zu heute

Weiter hieß es: „Die Schließung der Schule komme, ebenso wie bei Masern, erst in Frage, wenn die Zahl der Schulkinder so gering geworden sei, daß eine gedeihliche Fortsetzung des Unterrichts nicht mehr möglich sei. Die Schließung würde dann aus pädagogischen und nicht aus gesundheitlichen Gründen erfolgen.“ (22) Während es sich in der heutigen Coronakrise bei Schulschließungen um einen prophylaktischen Lockdown handelt, waren 1918 die Schulschließungen eine erzwungene Reaktion auf zahlreiche Grippeerkrankungen unter der Lehrer- und Schülerschaft. Zwei weitere Argumente gegen Schulschließungen nannte bereits am 16. Oktober der Reichsgesundheitsrat in Berlin, denn für eine Anzahl von Kindern sei die Schulspeisung die einzige warme Mahlzeit und die Schulöffnung entlaste ferner die berufstätigen Frauen von der Betreuung der Kinder. (23) Bei der Abwägung werden die sozialen Argumente stärker als die medizinischen gewichtet.

Grippekranke Schülerinnen melden

Am Kaiserin Auguste Viktoria Gymnasium in Celle wird das Kollegium in der Gesamtkonferenz am 29.10. daran erinnert, grippekranke Schülerinnen zu melden. In derselben Konferenz wird auch mitgeteilt, dass dieses Jahr zu Weihnachten, „keine Zeugnisse verteilt, dafür sollen Mitteilungen in den Zeugnisheften gegeben werden.“ (24) Die Eltern werden in einer Anzeige der CZ am 17.12. informiert: „Infolge der großen Störungen, denen der Unterrichtsbetrieb im verflossenen Vierteljahre ausgesetzt gewesen ist, muss auf die Erteilung von Zeugnissen vor Weihnachten verzichtet werden. Die Klassenlehrer sind jedoch gern bereit, den Eltern über Verhalten und Leistungen der Schüler mündlich Auskunft zu geben.“ (25)

Ausfall an Schulen auch wegen Krieg

Hinter der Formulierung von „großen Störungen“ verbargen sich die Unterrichtsausfälle aufgrund der Grippe, aber auch eintretende Störungen durch die zurückflutenden Soldaten und die Revolutionswirren, denn nach dem Unterrichtsbeginn am 29./30. 10, muss es erneut zu Schulschließungen gekommen sein, wie aus der Anzeige vom 27.11.1918 in der CZ hervorgeht, in der „die teilweise Wiederaufnahme des Unterrichts“ für den 29.11. angekündigt wird. Die Schulchronik der Neustädter Schule liefert einen kurzen Hinweis auf die Auswirkung der Spanischen Grippe: „Zweimal musste der Unterricht einige Wochen ausgesetzt werden, weil die Grippe unter der Kinderschar wütete. Doch forderte diese Krankheit keine Todesopfer.“ (26)

Grippeschutz der seltsamsten Art aus den USA: Edward T. Duncan – Grippemaske für Raucher.

Weiter heißt es in dieser Chronik durchaus nachvollziehbar und für dieses Wochen typisch: „Eine erhebliche Einschränkung mußte der Unterricht in den Monaten Dezember und Januar erfahren. Infolge der schnellen Demobilmachung wurden die Schulgebäude als Unterkunftsstätten für das zurückflutende Militär bestimmt und mußten deshalb von den Schülern geräumt werden.“ Diese Chronik bestätigt die beiden Hauptgründe für die Schulschließungen zwischen Oktober 1918 und Januar 1919.

Probleme im Kaiserreich

Die Behörden des untergehenden Kaiserreichs befanden sich angesichts der zweiten Welle in einem unlösbaren Dilemma. Auf der einen Seite wollten sie der darbenden Bevölkerung nicht noch mehr drastische Maßnahmen aufbürden, von deren Wirkung sie keinesfalls überzeugt waren, auf der anderen Seite beschleunigte ihre Inaktivität angesichts einer sichtbaren neuen Herausforderung den Legitimitätsverlust des Kaiserreiches. Dieser mangelnde Wille zur beherzten Aktion, aber auch das Fehlen von Ressourcen zur Bekämpfung wie Notlazarette, Ambulanzen – der Herzog von Braunschweig stellte den Ärzten seine Kutschen und Pferde zur Verfügung (27) – das Material für Atemschutzmasken oder das Rekrutieren weiteren Pflegepersonals, verhinderten, dass die Grippe in Deutschland einen sichtbaren Platz im öffentlichen Bewusstsein einnahm und dokumentiert wurde.

Bevölkerung muss Alltagsmasken tragen

Eine breite Diskussion, ob die Bevölkerung Alltagsmasken tragen sollte, gab es damals in Deutschland nicht, wenn auch in Amerika lokal das Tragen von Masken angeordnet wurde und dort sogar Spezialmasken für Raucher angeboten wurden. Nicht vergessen werden sollte, dass die Wissenschaft mit ihrer Deutung der Pandemie noch im Dunkeln tappte, wie die hilflosen Ratschläge des Reichsgesundheitsrat belegen, der unbedingte Sauberkeit, regelmäßiges Gurgeln mit Salzlösung und den Arztbesuch beim ersten Auftreten von Symptomen empfahl und riet, Menschenansammlungen nach Möglichkeit zu meiden.

Auch den Lesern des Winsener Heimatboten wurde geraten, diese Krankheit ernster zu nehmen als die übliche jahreszeitliche Erkältung: „Sowie man etwas von der Krankheit merkt, gehe man nicht erst dagegen an, wie man das sonst wohl als pflichteifriger Mensch zu tun pflegt, sondern halte sich im Bett und nehme eine tüchtige Schwitzkur, um sich sonst vor Ansteckung zu schützen, kann man, da die Krankheit epidemisch auftritt, nicht sonderlich viel tun.“ (28)

Mosaikstein der Leiden im Weltkrieg

In einem rückblickenden Bericht über die Grippeepidemie in Preußen merkt der Autor Oberstabsarzt Dr. Peiper 1920 durchaus selbstkritisch an: „Die Influenzapandemie ist demnach bei uns ohne wesentliche Beeinflussung durch systematische Bekämpfungsmaßnahmen verlaufen; hieraus könnte den Behörden ein Vorwurf gemacht werden.“ (29) Dass das nicht passierte, lag wohl daran, dass die Menschen im Herbst 1918 - anders als heute in der Corona-Krise - keine ausgeprägten Erwartungen an den Staat hatten, als gesundheitspolitischer Akteur in Erscheinung zu treten.

Im Dezember 1918 verweigert ein Straßenbahnschaffner in Seattle einem Herrn ohne die vorgeschriebene Gesichtsmaske den Zutritt

Auch der Rat der Stadt Celle tritt im Herbst 1918 nicht als gesundheitspolitischer Akteur in Erscheinung, sondern befasste sich auf seinen Sitzungen mit Problemen, die der Übergang von der Kriegs- in die Friedenszeit mit sich brachte. Die Grippeepidemie wurde als ein Mosaikstein der Leiden im Weltkrieg und als ein ohnehin nicht zu beherrschendes Naturphänomen gedeutet.

Die dritte Welle bis Frühjahr 1919

Die letzte Welle der Pandemie setzte um die Jahreswende 1918/19 ein und zog sich bis ins Frühjahr 1919. Allerdings hatte sich das Virus erwartungsgemäß abgeschwächt, bzw. hatten zuvor Infizierte eine Immunität aufgebaut. Signifikant wurde diese Welle auf der uns gegenüber liegenden Seite des Globus in Australien, das sich durch rigorose Maßnahmen vor den beiden ersten Wellen geschützt hatte. Die dritte Welle erreichte Deutschland in der zweiten Januarhälfte und hielt sich bis März.

Obwohl der Minister für Volkswohlfahrt in einem Erlass vom 7. Februar 1920 wieder um die Dokumentation der Erkrankungs- und Todesfälle bat, ist diese Welle aufgrund der Umwälzungen und teils chaotischen Verhältnisse in Ämtern und Behörden aber noch schlechter dokumentiert als die beiden vorangegangenen Seuchenzüge. Fast scheint es so, als sehe man die Grippe als Teil des Drama das zum Weltkrieg und zum untergegangenen Kaiserreich, aber nicht mehr zur „neuen Zeit“ gehörte. (30) Die Influenza war aber nicht aus der Welt, sondern kehrte jedes Jahr wieder, wie aus einem Erlass des Ministers für Volkswohlfahrt vom 7. Februar 1920 zu entnehmen ist, in dem er wieder um die Dokumentation der Erkrankungs- und Todesfälle bat. (31)

So schlimm die derzeitige Corona-Krise auch ist: Der Historiker Michels merkt mit dem Blick auf die Spanische Grippe in einem Interview mit dem Berliner Tagesspiegel am 20.3.2020 an, dass die große mediale, politische und gesellschaftliche Aufregung, die die Corona-Krise erfährt, auch Ausdruck eines historischen Privilegs ist. Die jetzige Situation führt uns vor Augen, dass wir zumindest in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg von echten Katastrophen verschont geblieben sind.

Von Martin Thunich

Quelle

14 StA Celle, 30.14a

15 Oberstabsarzt Dr. Otto Peiper, Bericht über die Grippe-Epidemie in Preußen im Jahre 1918/19. Berlin 1920, S. 23

16 StA Celle, 30.14a (prüfen)

17 Cellesche Zeitung vom 21.10.1918

18 Winsener Heimatbote, a.a.O.

19 Cellesche Zeitung vom 24.10.1918

20 GStA PK 1. HARep. 76 VIIIB, Bd. 3834

21 Hannoverscher Anzeiger vom 22.10.1918

22„Die Verhütung und Verbreitung übertragbarer Krankheiten durch die Schulen“ (KrA Celle L 1088)

23 Vgl. BayHStA, Mkr 10058, Rundschreiben des Reichskanzlers vom 31.10.1918 auf der Basis der Empfehlungen des Reichsgesundheitsrates auf der Sitzung vom 16.10.1918

24 Protokollbuch Kaiserin Auguste Viktoria Gymnasium, StA Celle, N 11.8

25 Cellesche Zeitung, 17.12.1918, S. 2

26 Schulchronik der Neustädter Schule, StA Celle N03,8

27 Hannoverscher Anzeiger, 1.11.1918

28 Winsener Heimatbote, a.a.O.

29 Oberstabsarzt Dr. Otto Peiper, Bericht über die Grippe-Epidemie in Preußen im Jahre 1918/19. Berlin 1920, S. 23

30 vgl. Michels, Eckard, Die „Spanische Grippe“ 1918/19. In VfZ 1/2010, S. 25

31 StA Celle, 30.14a

Von