Kampf gegen Virus

Die Spanische Grippe in Celle

Das Coronavirus ist nicht die erste Krankheit, der tausende Menschen zum Opfer fielen. Zwischen 1918 und 1920 ging die "Spanische Grippe" um – auch in Celle.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 07. Nov. 2020 | 09:00 Uhr
  • 10. Juni 2022
Polizisten in Seattle tragen während der Spanischen Grippe-Epidemie einen Mund-Nase-Schutz.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 07. Nov. 2020 | 09:00 Uhr
  • 10. Juni 2022
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Celle.

In den aktuellen Debatten um das Coronavirus wird immer wieder auf die Spanische Grippe verwiesen, die zwischen 1918 und 1920 in drei Wellen die Welt durchzog. Sie war schnell, höchst ansteckend und oft tödlich, denn weder wusste man etwas Genaues über den Erreger noch gab es ein wirksames Gegenmittel oder gar einen Impfstoff. Nach vorsichtigen Schätzungen forderte das Virus weltweit zwischen 25 und 39 Millionen Todesopfer – mehr als alle Kriegshandlungen des Ersten Weltkriegs. „Niemals wieder seit der Pest hat eine so verhängnisvolle Seuche die Welt heimgesucht wie die Grippe am Ausgang des gewaltigen Völkerringens“ (1), urteilt 1922 resigniert ein medizinisches Handbuch.

Auch in der Stadt und dem Landkreis Celle hinterließ die Seuche im Herbst 1918 Spuren. Dennoch spiegeln lokale Zeitungen und Dokumente diese Pandemie nur am Rande wider, was angesichts der sich im Herbst 1918 abzeichnenden Niederlage Deutschlands und der folgenden politischen Wirren nicht überrascht.

Virus kam aus USA nach Deutschland

Der in Flandern stationierte Wath­linger Kanonier Heinrich Bartel schreibt unter dem Datum des 26. Juni 1918 in sein Kriegstagebuch: „Dazu ist eine große Zahl Leute erkrankt an einer unbekannten Krankheit, die sich bei einigen schon wieder gelegt hat.“ (2) Bevor diese „unbekannte Krankheit“ das deutsche Westheer erreichte, hatte das Virus schon eine beeindruckende Reise um die halbe Welt hinter sich. Alles begann vermutlich auf einer Geflügelfarm irgendwo im Mittleren Westen der USA, als im Januar oder Februar 1918 das Grippevirus H1N1 auf den Menschen übersprang.

Im Dezember 1918 in Seattle verweigert ein Straßenbahnschaffner einem Herrn ohne die vorgeschriebene Gesichtsmaske den Zutritt.

Nachdem die USA am 6. April 1917 Deutschland endlich den Krieg erklärt hatten, mussten sie in aller Eile ein Expeditionskorps für Europa zusammenstellen. In den überfüllten Ausbildungslagern fand das Virus ideale Verbreitungsbedingungen. Die erste Massenerkrankung ist für Anfang März 1918 in Camp Funston in Kansas verbürgt. Diese Frühjahrserkrankungen verliefen meist harmlos, überraschend war allenfalls, dass die wenigen Todesfälle bei Menschen im eigentlich widerstandsfähigen Alter zwischen 18 und 40 Jahren auftraten.

Influenza war erstmals Thema in Zeitungen

Sechs Wochen später erreichte die Influenza mit den US-Truppentransporten das französische Bordeaux. Die breite Öffentlichkeit in den kriegsführenden Staaten Europas erfuhr wegen der zensierten Berichterstattung erstmals aus den Zeitungen des neutralen Spaniens von der neuen Krankheit, die daher bald als „Spanische Krankheit“ oder „Spanische Grippe“ bezeichnet wurde. Mit zeitlicher Verzögerung erreichte die Grippe Ende Juni und Anfang Juli 1918 das deutsche Westheer, wie auch ein zweiter Eintrag des Wathlinger Kanoniers Bartel vom 30. Juni bezeugt: „Viele Leute der Batterien bleiben im neuen Lager zurück, die die Krankheit noch nicht überwunden haben oder erst noch erkrankt sind.“

Da auch im Westheer die Erkrankungen in der Regel nach vier bis sechs Tagen überwunden waren, drängten sich in Bartels Tagebuch wieder die Kriegshandlungen der letzten West-Offensive des deutschen Heeres in den Vordergrund. Andererseits war sich die Oberste Heeresleitung (OHL) im Herbst 1918 nicht zu schade, das Scheitern der letzten Westoffensive unter anderem auch der Grippe zuzuschreiben.

"Spanische Grippe" hat Einfluss auf Truppen

Der am renommierten Londoner Birkbeck Collage lehrende Neuzeithistoriker Eckhard Michels widerspricht dann auch dieser Interpretation der Heeresleitung nachdrücklich: Der OHL „war jede Ausrede recht, um sich der Verantwortung für die militärische Niederlage zu entziehen. Tatsächlich ließ sich die OHL in ihren Entscheidungen im Juni/Juli 1918 nicht durch die Grippe beirren.“ (3) Andererseits ist die Auswirkung der Grippe auf die mentale Verfassung der Mannschaftsgrade nicht zu unterschätzen. Die Frühjahrserkrankungen „beschleunigten aber den ohnehin sich vollziehenden inneren Auflösungsprozess der deutschen Streitkräfte. Denn sie steigerten die allgemeine Kriegsmüdigkeit und Erschöpfung unter den Soldaten“ (4), so resümiert Michels den Einfluss der Grippe auf die Truppe.

Erregersuche während der zweiten Welle

Durch Fronturlauber, Verwundeten- und Kriegsgefangenentransporte gelangte die Krankheit ab Anfang Mai ins Reich. Ende September registrieren die Berliner Krankenhäuser den Ausbruch einer zweiten Grippewelle, wie zuvor schon die Spitäler im französischen Brest, in Freetown in Westafrika und in Boston an der amerikanischen Ostküste.

Polizisten in Seattle tragen während der Spanischen Grippe-Epidemie einen Mund-Nase-Schutz.

Womöglich hatte sich das Virus noch einmal genetisch zu einem neuen Subtyp verändert, denn nun verursachte die Grippe eine 25- bis 30-fach höhere Mortalität. Anders als bei der aktuellen Corona-Epidemie war auch jetzt wiederum auffällig, dass erneut vor allem junge, kräftige Menschen unter den Todesopfern waren. Das Handbuch der Ärztlichen Erfahrungen druckt 1922 eine Tabelle der Gothaer Lebensversicherung ab, in der ein Vergleich mit der letzten großen Grippeepidemie von 1889/90 angestellt wurde:

„Von je 1000 Versicherten starben an Grippe

In der Altersklasse 1889/90 1918

15-30 Jahre - 4,87

31-40 Jahre 1,01 3,59

41-50 Jahre 1,53 2,08

51-60 Jahre 2,76 1,82

61-70 Jahre 4,42 2,86

71-80 Jahre 10,80 4,32

81-90 Jahre 27,13 7,00

Bei der Epidemie 1889/90 waren in der Altersklasse bis 30 Jahre gar keine Todesfälle vorgekommen während im Jahre 1918 die Sterblichkeit sofort in den jugendlichen Altern von 15-30 Jahren mit einem Promillesatz einsetzte, der nur von dem des höchsten Greisenalters übertroffen wurde.“ (5) Da die Seuche dieselben Jahrgänge dezimierte, die schon im Krieg ihr Leben eingebüßt hatten, trieb sie den Alterungsprozess der Bevölkerung noch rascher voran, was nicht ohne Einfluss auf den weiteren Verlauf der Geschichte blieb.

Britische Forscher entdecken Virus

Unter den Ärzten galt zunächst das „Grippe-Bakterium“, das Reinhard Pfeiffer, ein Assistent Robert Kochs, 1892 in den Lungen der Grippetoten der Russischen Grippe-Epidemie entdeckt hatte, als verantwortlicher Erreger. Als 1918 bei den sezierten Grippetoten dieses Bakterium nicht nachgewiesen werden konnte, ahnten die ersten Forscher, „daß die jetzige Influenzaepidemie durch ein unsichtbares Virus hervorgerufen ist“, dennoch blieb die deutsche Grippeforschung noch Jahre lang der Bakteriologie verpflichtet. (6) Es waren drei britische Forscher, die 1933 den Prototyp des Grippevirus entdeckten und nachwiesen, aber erst das 1940 entwickelte Elektronenmikroskop machte das Influenza-Virus für das menschliche Auge sichtbar.

Einschränkungen des öffentlichen Lebens

Die Zahl der Erkrankungen erreichte im Reich ungefähr zwischen dem 10. Oktober und dem 15. November den Höchststand. Angesichts verlässlicher Zahlen aus dem Herbst 1918 gehen Wissenschaftler davon aus, dass im Verlauf des Jahres 1918 zwischen 20 und 25 Prozent aller Deutschen an der Grippe erkrankten und 5 Prozent der Zivilisten sowie 3 Prozent der Soldaten ihr erlagen. Eckard Michels beziffert die Exzessmortalität durch die Spanische Grippe 1918 auf etwa 240.000 Tote. (7) Diese Zahlen stellen aber lediglich einen nationalen Durchschnittswert dar, der regional höchst unterschiedlich ausfiel.

Grippeschutz der seltsamsten Art aus den USA: Edward T. Duncan – Grippemaske für Raucher.

Hunderte sterben in Celle an Epidemie

Für die Stadt Celle gibt der Verwaltungsbericht des Magistrats 124 Tote durch „Krankheiten der Atmungsorgane“ für das Jahr 1918 an. Ein Jahr zuvor waren es 66 Personen und 1919 und 1920 werden 94 bzw. 92 Tote gezählt, bevor sich der Wert in den Folgejahren wieder auf den damals üblichen Wert von 50-60 Toten einpendelt. (8) Bis hinein in die feinsten Verästelungen des Alltags waren Auswirkungen zu spüren. Während der Hannoversche Anzeiger am 17.10. berichtet, dass im Landkreis Gifhorn die Kartoffelernte gefährdet ist, weil vor allem 14- bis 18-Jährige erkrankt seien, so meldet die Cellesche Zeitung am selben Tag, dass es im benachbarten Braunschweig zu „Störungen des Spielplans des Hoftheaters“ komme (9) und gibt am folgenden Tag bekannt, dass die Herzogin und ihre Kinder an der Grippe erkrankt seien.

Cellesche Zeitung muss auf Inserate verzichten

Postsachen und Zeitungen konnten nicht mehr pünktlich zugestellt oder in gewohnter Qualität erstellt werden. (10) Die Cellesche Zeitung warb am 28.10. bei ihre Inserenten für Verständnis: „Infolge von Erkrankungen in unserem Personal ist es nicht möglich, den Wünschen unserer Inserenten auf Aufnahme von Inseraten in einer bestimmten Nummer nachzukommen. Wir sind daher genötigt, Inserate zurückzulassen und sie in einer späteren Nummer zu bringen.“

An mehreren aufeinander folgenden Tagen wurde in der Celleschen Zeitung der Ausfall von Personenzügen „wegen zahlreicher Grippe-Erkrankungen unter den Beamten des Fahrdienstes“ bekannt gegeben, damit die „Aufrechterhaltung des Güterverkehrs für die Versorgung des Heeres und der Bevölkerung“ gewährleistet werden konnte. (11) Am 17.10. muss das Städtische Unionstheater die Aufführung eines Lustspiels wegen Grippeerkrankung der Darsteller absagen und führt stattdessen das musikalische Lustspiel „Im Weißen Rössl“ auf. (12) Der monatlich erscheinende Winsener Heimatbote berichtet in seiner Novemberausgabe zwar, dass der Gemeindevorsteher „Opfer der tückischen Grippe“ geworden war, führt dann aber weiter aus: „ Gott sei Dank tritt die Krankheit, die auch wohl schon wieder im Abmarsche ist, hier zu Lande im allgemeinen nicht so heftig auf, wie an anderen Orten.“ (13)

Kinos und Tanzlokale bleiben geöffnet

Insgesamt hielten sich die Störungen des öffentlichen Lebens im Landkreis und in der Stadt in überschaubaren Maßen. Die Stadt erlässt kein allgemeines Versammlungsverbot, verfügt nicht die Schließung von Kinos und Tanzlokalen oder untersagt Gottesdienste. Das Städtische Union-Theater, die Palast- und Kammerspiele, das Metropol-Theater sind weiterhin im Anzeigenteil der Celleschen Zeitung ebenso vertreten wie Hinweise auf den beginnenden Konfirmationsunterricht oder Tanzvergnügungen. Maßnahmen, die praktisch zum Stillstand des öffentlichen Lebens geführt hätten, unterblieben wohl nicht zuletzt aus Rücksicht auf die ohnehin angespannte Stimmung in der Bevölkerung, die den Frieden herbeisehnte, die Niederlage schon ahnte und sich jetzt um die Anstrengungen der letzten Kriegsjahre betrogen fühlte.

Von Martin Thunich

Quelle

1 Handbuch der Ärztlichen Erfahrungen im Weltkriege 1914/18, Band VII Hygiene, Leipzig 1922, S. 574

2 Weiland, Klemens (Hg.), „… als ob die Hölle los sei“. Das Tagebuch des Kanoniers Heinrich Bartel 1914-1918. Hannover 2014, S. 170 f

3 Michels, Eckard, Die „Spanische Grippe“ 1918/19. In VfZ 1/2010, S. 9

4 ebd., S. 10

5 Handbuch der Ärztlichen Erfahrungen im Weltkriege 1914/18, Band VII Hygiene, Leipzig 1922, S. 576

6 Oberstabsarzt Dr. Otto Peiper, Bericht über die Grippe-Epidemie in Preußen im Jahre 1918/19. Berlin 1920, S. 21

7 vgl. Michels, a.a.O., S. 27

8 Fünfter Verwaltungsbericht des Magistrats der Stadt Celle für die Jahre 1911 bis 1925. Celle 1929, S. 159

9 Cellesche Zeitung, 17.10.; Hannoverscher Anzeiger, 17.10.

10 vgl. Cellesche Zeitung, 28.10.1918

11 Cellesche Zeitung vom 25.10.1918, ähnlich am 27.10.,

12 Cellesche Zeitung vom 17.10.1918

13 Winsener Heimatbote vom 15.11.1918, S. 14

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