Explosion im Kalischacht

Die Katastrophe von Hänigsen

Im Sommer 1946 ereignete sich eine schwere Explosion im Kalischacht Riedel bei Hänigsen. Dort lagerte Munition. 86 Menschen starben. Wie kam es zu dem Unglück?

  • Von Cellesche Zeitung
  • 07. May 2022 | 06:00 Uhr
  • 10. Jun 2022
  • Von Cellesche Zeitung
  • 07. May 2022 | 06:00 Uhr
  • 10. Jun 2022
Anzeige
Hänigsen.

Im ersten Teil der dreiteiligen Serie zur ehemaligen Heeresmunitionsanstalt Hänigsen wurde deren wechselvolle Geschichte bis in die unmittelbare Nachkriegszeit dargestellt. Im Sommer 1946 ereignete sich ein schweres Explosionsunglück, das die Aufarbeitung der historischen Zusammenhänge bis heute erschwert.

Es war gegen 10.30 Uhr am 18. Juni 1946 als das Bergamt in Celle durch das Kaliwerk Niedersachsen in Wathlingen von der gewaltigen Explosionskatastrophe fernmündlich unterrichtet wurde. Nähere Angaben lagen zu diesem Zeitpunkt noch nicht vor. Was war geschehen? Der Grund für das Unglück lässt sich trotz ausgiebiger Auswertung der verfügbaren Quellen aus heutiger Sicht nicht mehr eindeutig ermitteln. Ein kurzer Abriss soll die einstigen Ereignisse verdeutlichen.

13.000 Tonnen Munition und Pulver im Kalischacht Riedel bei Hänigsen

Nach Auskunft des Majors Meier, der damals in leitender Position in der Heeresmunitionsanstalt zuständig war, befanden sich an jenem Tag 13.000 Tonnen Munition unter Tage – davon 6000 Tonnen Pulver, das in Kisten verpackt war. Die Räumung der eingelagerten Munition erfolgte unter Aufsicht der 76th Depot Control Company und unter Einsatz von Kräften der 28. Mobile Section der 303. EADCU. Das in Kisten verpackte Pulver wurde täglich in Chargen von 50 Tonnen zu Tage gebracht und dort vernichtet – wahrscheinlich auf besonderen Abbrandplätzen. In Räumung standen an diesem Tag Lagerkammern auf der Westseite des Grubengebäudes auf der 650-Meter-Sohle. Neben den Pulverbeständen in den Kammern war ebenfalls Pulver in einem Abbau untergebracht, der die einzelnen Kammern verband. Es handelte sich offenbar um Pulver unterschiedlicher Zusammensetzung und Herkunft, das teilweise aus anderen Munitionsanstalten übernommen worden war.

Ukrainer aus dem Lager „Colorado“ in Hänigsen im Einsatz

Nach späterer Aussage des Majors Meier wurden am 18. Juni 1946 erstmals 20 russische Arbeiter für die Räumungsarbeiten auf der 650-Meter-Sohle eingesetzt. Die angegebene Anzahl der Arbeiter stimmte zwar – aber es handelte sich nicht um russische, sondern um ukrainische Helfer, die im Lager „Colorado“ am Celler Weg in Hänigsen untergebracht waren. Möglicherweise trug die beschleunigte Arbeitsweise dazu bei, dass die nötige Sorgfalt vernachlässigt wurde. Es wurde später gemutmaßt, dass die eingesetzten Arbeitskräfte die Pulversäcke aufgetrennt haben könnten, um die hochwertigen Leinenstoffe anderweitig zu verwenden, wobei das Pulver dann lose in Kisten in den untertägigen Strecken transportiert worden sein soll. Bereits geringste Funken, die auch durch Reibung auf den Schienen entstehen konnten, hätten gravierende Folgen verursacht.

Schwere Explosion unter Tage – 200 Meter hohe Stichflamme

Was tatsächlich unter Tage zur Explosion führte, konnte bis heute nicht abschließend geklärt werden. Oberirdisch soll die Explosion in einem allmählich immer stärker werdenden Rauschen, mehreren Explosionsstößen und einer 200 Meter hohen Stichflamme aus dem Schacht vernehmbar gewesen sein. Die Schachtgebäude, das Fördergerüst und weitere Einrichtungen wurden massiv beschädigt – die Trümmer verteilten sich in einem weiten Umkreis.

Grubenwehr des Erdölbergwerks Wietze vor Ort

Als gegen 11.20 Uhr des 18. Juni 1946 Mitarbeiter des Bergamtes Celle vor Ort eintrafen, galt es zunächst einen Überblick der Lage zu gewinnen. Der Schacht Riedel war nicht mehr zugänglich, sodass gegen 12.30 Uhr ein erster Erkundungstrupp über die Verbindungsstrecke aus dem Schacht Niedersachsen an die untertägige Unglücksstelle herangeführt werden sollte – unter Unterstützung von Mitgliedern der Grubenwehr des Erdölbergwerks Wietze. Trotz Ausstattung mit Sauerstoffgeräten schaffte es die Mannschaft nur in etwa bis auf die halbe Strecke bis zum Schacht Riedel. Eins der Dammtore, das ursprünglich dazu vorgesehen war, notfalls dem Laugendruck aus dem Schacht Riedel standzuhalten, war aus seinen Angeln gedrückt und in Richtung des Schachtes Niedersachsen geschleudert worden.

Qualm und giftige Gase: Grubenunglück fordert 86 Tote

Weder die erste noch die weiteren Rettungstrupps konnten tiefer in den Grubenbau des Schachtes Riedel eindringen. Qualm und giftige Gase machten jeden Versuch zunichte – es wurde damit gerechnet, dass niemand im dortigen Bereich überlebt haben konnte. Insgesamt starben bei dem Unglück sowie in Folge der ersten Rettungsversuche 86 Menschen. Nach mehreren vergeblichen Versuchen gelang es schließlich, das intakt verbliebene Dammtor mittels Flaschenzuges zu schließen, um so den Schacht Niedersachsen vor einziehenden Rauchschwaden zu schützen. Um darüber hinaus das Eintreten giftiger Gase zu verhindern, wurde die Verbindungsstrecke Riedel-Niedersachsen gasdicht abgemauert. Bis in die Abendstunden waren aus dem Schacht Riedel heftige Explosionen vernehmbar.

Verbindungsstrecke zum Schacht Niedersachsen bei Wathlingen zugemauert

In einem ausführlichen Schreiben zu den Vorgängen unterrichtete das Oberbergamt am 9. Juli 1946 die alliierte Kontrollkommission, die zu diesem Zeitpunkt in der Villa Hügel in Essen untergebracht war. Zunächst sollte die Verbindungsstrecke verschlossen bleiben, regelmäßige Wetterproben entnommen werden und durch weitere Maßnahmen ein Abzug giftiger Gase über den Schacht Riedel gewährleistet werden. Diese Maßnahmen und die sonstigen über- und untertägigen Aufräumarbeiten dauerten bis ins Jahr 1947 an. Befahrungen Anfang 1947 erreichten auf der 650-Meter-Sohle den Bereich, in dem die Explosionen unmittelbare Auswirkungen hinterlassen hatten. Neben dicken Rußschichten in den Strecken waren hier ebenfalls meterhohe Deckeneinbrüche zu verzeichnen.

Ungeachtet des Umstandes, dass zum damaligen Zeitpunkt noch kein vollständiges Bild der bestehenden Gefährdung durch Rüstungsaltlasten vorliegen konnte, wurde seitens des Oberbergamtes eine Wiederinbetriebnahme des Bergwerkes Riedel zur Kaliförderung angestrebt. Bereits im Zuge einer Befahrung am 13. Februar 1947 und einer Besprechung mit dem zuständigen Lt. Colonels Cook wurde die Vorgehensweise für eine mögliche Wiederinbetriebnahme des Schachtes zur Kaligewinnung besprochen. In einem vertraulichen Vermerk wurde festgehalten, dass eine Stellungnahme zur Munitionsbeseitigung, die ebenfalls von höheren Stellen zu überprüfen sei, wesentlich für den weiteren Fortgang einer möglichen Wiederinbetriebnahme wäre. Cook wies darauf hin, dass die bereits aufgefundene Munition nicht zu berühren sei und Herr Grosser als deutscher Munitionsfachmann in den folgenden vier Wochen über alle Munitionskammern ein genaues Befundverzeichnis aufstellen sollte – erst dann würden weitere Entscheidungen folgen.

Experte für Munition eingeschaltet

Oberstleutnant a.D. Hellmuth Grosser war in seiner aktiven Dienstzeit in leitender Position in der Heeresmunitionsanstalt Hänigsen tätig gewesen und wurde nun zum Munitionssachverständigen berufen. Bevor es soweit kam, waren jedoch weitere Abstimmungen mit der britischen Militärregierung sowie der eingesetzten Kontrollkommission erforderlich, um die Wiederinbetriebnahme des Schachtes Riedel sicherzustellen. In einer Unterredung zwischen Bergrat Lohff, Berginspektor Blenke und Lt. Colonel Cook am 24. März 1947 gab dieser zu bedenken, dass er lediglich als Offizier der britischen Armee eingesetzt worden sei, um die Munition zu beseitigen. Wie dies vonstatten ging, war Cook prinzipiell egal – er hatte die ihm gesetzte Frist einzuhalten und wollte offenbar seine Kompetenzen nicht durch vorschnelle Zugeständnisse überschreiten. Folglich verwies er den Bergrat und den Berginspektor an seine vorgesetzte Dienststelle, „um deren Entscheidung im Sinne des Bergamtes zu beeinflussen“.

Niedergang des benachbarten Schachtes Niedersachsen befürchtet

Bereits am folgenden Tag wurde Bergrat Lohff bei der zuständigen britischen Dienststelle in Hannover vorstellig. Dort klärte ihn ein Mr. Simons über seine persönlichen Bedenken in Bezug auf eine Zumauerung der Munitionskammern auf – insbesondere für den Fall, dass sich in den Kammern Explosionen ereignen sollten. Bergrat Lohff klärte Mr. Simons seinerseits über die potentiellen Lagerstätten abbaufähiger Kalisalze auf und darüber hinaus auch darüber, dass eine Aufgabe des Schachtes Riedel absehbar ebenfalls einen Niedergang des benachbarten Schachtes Niedersachsen mit sich bringen würde – zumal im Schacht Riedel in Folge des Explosionsunglück bereits Wasser eintrat. Immerhin sicherte Simons mit Schreiben vom 15. April 1947 schließlich zu, dass schnellstmöglich das Machbare getan werde.

Wichtige Kalivorkommen begünstigen Kompromisslösung

Bis September 1947 gelang es, schadhafte Tübbinge des Schachtes Riedel abzudichten. Im Oktober 1947 war der sogenannte Schachtsumpf auf der 750-Meter-Sohle per Förderkübel erreicht worden – hierbei konnten in einer Kammer unversehrte Panzergranaten festgestellt werden, während alle übrigen Munitionskammern als explodiert angenommen wurden. Aufgrund dieser Rüstungsaltlasten sowie weiterer Streumunition, die auf der 650-Meter-Sohle gefunden worden war, wollten die britischen Dienststellen den Schacht Riedel am liebsten für immer sperren. Die vorhandenen erheblichen Kalivorräte begünstigten schließlich jedoch eine Kompromisslösung. Hintergrund war, dass der überwiegende Teil der Kalisalzlagerstätten nach Kriegsende im Bereich der sowjetischen Besatzungszone lag und somit unzugänglich war. Die Versorgung der Landwirtschaft mit Kali als Düngemittel war unumgänglich, um in der Nachkriegszeit die Ernährungslage nicht zu gefährden.

Schacht Riedel unter strengen Auflagen wieder in Betrieb

Die britische Militärregierung signalisierte schließlich ihre Zustimmung, den Schacht Riedel unter strengen Auflagen wieder in Betrieb setzen zu lassen. Zwei Munitionskammern auf der 750-Meter-Sohle mussten vermauert werden und die 650-Meter-Sohle sollte komplett abgesperrt werden. Die Burbach AG stellte daraufhin zum 30. April 1948 einen Sonderbetriebsplan auf, in dem die Vorgaben der britischen Militärregierung umgesetzt werden sollten. Vonseiten des Oberbergamtes wollte man sicherstellen, dass von den Rüstungsaltlasten in den gesperrten Bereichen keinerlei Gefahren für den künftigen Bergbau oder dessen Belegschaften ergeben könnten.

Gutachten zu Gefahren unter Tage

Die britische Dienststelle hatte sich in dieser Hinsicht recht bedeckt gehalten. Das Oberbergamt ging davon aus, dass „unter den obwaltenden Umständen von dieser Dienststelle eine bindende Erklärung hierüber nicht zu erhalten sein“ würde – darüber hinaus hielt es das Oberbergamt „auch im Interesse der reibungslosen Rückführung des Werkes (...) nicht für zweckmäßig, hierauf zu dringen.“ Stattdessen sollte die Burbach AG eine gutachterliche Stellungnahme bereitstellen, wobei das Oberbergamt vorschlug, sich hierfür an ehemalige höhere Feuerwerksoffiziere der Heeresmunitionsanstalt zu wenden.

Dies war der Moment als Oberstleutnant a.D. Hellmuth Grosser auf den Plan gerufen wurde. Bereits zwei Wochen später setzte Grosser die beteiligten Bergbaubehörden und die Burbach AG darüber in Kenntnis, dass für seine Stellungnahme zu den Gefahrenverhältnissen durch die Rüstungsaltlasten noch weitergehende Untersuchungen unter Tage erforderlich seien.

Beurteilung der Rüstungsaltlasten im Schacht Riedel

Das erste Gutachten betreffend der „Gefahrenverhältnisse durch Explosionsrückstände in den Sperrgebieten des Grubenfeldes Riedel“ legte Grosser am 24. Juli 1948 vor. Dieses sowie die weiteren Auswertungen Grossers können als äußerst relevant eingestuft werden, denn sie dienten als Ausgangspunkt späterer Betrachtungen und entfalten daher in Teilen bis heute maßgebliche Bedeutung in Bezug auf die Beurteilung der Rüstungsaltlasten im Schacht Riedel. Dieses Themenfeld ist Gegenstand des dritten und letzten Teils der Reihe.

Von Hendrik Altmann

Von