Sachsenspiegel

Der Volkssturm im Kreis Celle - Teil 2

Der Entstehung des Volkssturms im Landkreis Celle ging eine Phase militärischer Niederlagen des Dritten Reiches voraus.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 28. Nov. 2020 | 11:00 Uhr
  • 10. Juni 2022
Das Aufgebot des Volkssturms umfasste alle tauglichen und waffenfähigen Männer der Jahrgänge 1884 bis 1928.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 28. Nov. 2020 | 11:00 Uhr
  • 10. Juni 2022
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Celle.

Angesichts der aussichtslosen militärischen Lage wurde ab Herbst 1944 der Deutsche Volkssturm aufgestellt. In einem ersten Teil der Auswertung konnten die allgemeinen historischen Hintergründe sowie die Entstehung des Volkssturms im Raum Celle ausgewertet werden. Im zweiten Teil wird die chronologische Auswertung der Quellenlage ab November 1944 fortgesetzt. In der zweiten Novemberhälfte 1944 ergingen weitere Volkssturmbefehle und allgemeine Rundschreiben zur weiteren Organisation und Ausbildung des Volkssturms im Raum Celle. Es handelte sich insbesondere um Anweisungen zu sogenannten Nacherfassungen und dazu, welche Personengruppen im Detail zum Volkssturm einberufen werden sollten. Flakhelfer waren beispielsweise vom Volkssturm ausgeschlossen.(1) Dagegen zählten Arbeiter und Angestellte der Zeugämter, Munitionsanstalten und aller Instandsetzungseinrichtungen grundsätzlich zum Volkssturm.(2)

Es fehlt an nötigem Übungsgerät

Während die Leitungsebene durch Nacherfassungen die Personalstärke des Volkssturmes zu steigern versuchte, hatten die bereits aufgestellten Bataillone im Kreis Celle ganz andere Probleme – es fehlte am nötigen Übungsgerät. Vielerorts mangelte es im Dezember 1944 an Schusswaffen, die zu Übungszwecken erforderlich gewesen wären. In Unterlüß verfügte ein gesamtes Bataillon zeitweise lediglich über acht Kleinkalibergewehre, die von der örtlichen Sturmabteilung (SA) zur Verfügung gestellt worden waren.(3) Da keine Munition für diese Gewehre vorhanden war, bat der Bataillonsführer, Oberstleutnant Paul Guse, die NSDAP Kreisleitung ihm 100.000 Schuss Munition zur Verfügung zu stellen, um die Ausbildung sofort beginnen zu können.(4) Als ehemaliger Kommandant der Luftmunitionsanstalt 4/XI Höfer(5) und in Ausübung seiner Tätigkeit als Betriebsführer in Unterlüß, musste Oberstleutnant Guse wissen, dass solch eine Bestellung aufgrund der damals herrschenden Materialknappheit kaum zu bedienen war. Möglicherweise veranlasste ihn diese Kenntnis auch dazu, die benötigten Patronen kurzerhand selbst zu bestellen.(6) Später bestellte Guse in seiner Eigenschaft als Bataillonsführer auch noch Handgranaten bei der Firma Rinker in Menden – als diese nicht geliefert wurden, erbat er um eine Zuweisung von 120 scharfen Handgranaten durch die Kreisleitung der NSDAP in Celle.(7)

Munitionsbeschaffung scheitert

Die Engpässe bei der Bewaffnung sind ebenfalls aus dem Volkssturmbefehl 16/45 vom 15. Januar 1945 abzuleiten. Laut dem Befehl sollten die Bataillone des Kreises Celle bis zum 20. Januar 1945 die Zahl und Art der Waffen melden, die dem Deutschen Volkssturm zur Verfügung standen.(8) Hierbei waren solche Waffen aufzuführen, die von den Volkssturmsoldaten selber oder von Privatpersonen zur Verfügung gestellt worden waren. Die mangelhafte Ausstattung mit Waffen und Munition wurde in den ersten Wochen des Jahres 1945 bereits mehrmals schriftlich dokumentiert. Im Volkssturmbefehl 17/45 heißt es hierzu: „Einigen Bataillonen ist inzwischen scharfe Infanteriemunition in bescheidenem Umfange zugeteilt worden. Die hierher gelangenden Anfragen wegen weiterer Munitionsbeschaffung sind zwecklos. Alle in dieser Hinsicht unternommenen Schritte der direkten Munitionsbeschaffung für den Kreis sind gescheitert. Der Volkssturm ist daher auf die regelmäßig vom Gau in Aussicht gestellten Zuteilungen angewiesen und wird nach Eingang die Munition weiter verteilen.“(9) Trotz des Mangels an Waffen und Munition wurden die Bataillonsführer dazu angehalten, dass der Dienst im Volkssturm ordnungsgemäß abgeleistet wird und sich die Soldaten „in ihrer Dienstzeit nicht langweilen“.(10)

Schießen mit scharfer Munition

Das II. Bataillon des Celler Volkssturms gehörte offenbar zu denjenigen Bataillonen, denen „in bescheidenem Umfange“ scharfe Infanteriemunition zugeteilt worden war. Ein Schreiben des Celler Landrats an den SA Hauptsturmführer Thies vom 14. Dezember 1944 belegt, dass dem, in Nienhagen ansässigen II. Bataillon, für den 17. Dezember 1944 das Schießen mit scharfer Munition zwischen 8.00 und 12.00 Uhr, mit Karabiner Modell 98, in der Schießrichtung Langlingen–Groß Eicklingen beziehungsweise Fernhavekost–Wiedenrode genehmigt wurde.(11) Vom 4. Bis zum 11. Februar 1945 fand ein achttägiger Lehrgang für die Unterführer in der Celler Heidekaserne statt.(12) Hierfür wurden aus jeder Kompanie vier Unterführer, d.h. Zug- oder Gruppenführer abgestellt. Vom 24. Februar bis zum 3. März fanden in Celle und Westercelle nochmals Lehrgänge für Führer und Unterführer des Volkssturms im Celler Kreis statt.(13) Vom 11. März bis zum 17. März folgte ein Lehrgang für Unterführer in Bergen.

Theoretische Schulungen

Neben der praktischen Ausbildung wurden vermehrt auch theoretische Schulungen durchgeführt. Thematisch reihten sich diese Schulungen in die nationalsozialistische Propaganda und versuchten dem Kampf des Volksturms eine historisch beziehungsweise ideologische Legitimation zu verschaffen. Beispielsweise ergingen Anfang Februar 1945 Schreiben der Kreisleitung der Celler NSDAP, die den „Bolschewismus“ zum Thema hatten und seine Bekämpfung als „Krieg der Weltanschauungen“ betitelten.(14) Im Kern waren diese propagandistischen Schulungen stark antisemitisch ausgerichtet.(15)

Befehl für etwaigen Soforteinsatz

Ab Mitte Februar 1945 wurden den Volkssturmbataillonen jeweils Bataillonsärzte zugeteilt.(16) Die vierzehn Celler Volkssturmbataillone waren außerdem Anfang 1945 um Alarmkompanien z.b.V.(17) ergänzt worden. Mit Volkssturmbefehl 23/45 wurden im Kreisgebiet „für einen etwaigen Soforteinsatz“ wurden in Unterlüß und Belsen zwei weitere Alarmkompanien aufgestellt.(18) Diese sollten möglichst rasch mit Waffen und Ausrüstung versorgt werden. Allerdings zeigten bereits im Zeitpunkt der Aufstellung eklatante Mängel. Jeder Volkssturmführer hatte mithilfe der Partei-Organisation der NSDAP in seinem Zuständigkeitsbereich alle brauchbaren Waffen mit dazugehöriger Munition für die Alarmeinheiten zu beschaffen.(19) Dies umfasste unter anderem auch die vorhandenen Jagdwaffen. Hierzu schrieb Volkssturmbefehl 23/45 vor: „Wo Jäger auch unter Belehrung über die vaterländische Pflicht zur Hergabe ihrer Waffen nicht zu bewegen sein sollten, wird die Beschlagnahme durch den Oberbürgermeister beziehungsweise Landrat erwirkt werden. Solche Fälle sind sofort zwecks Erlangung der Beschlagnahme-Verfügung zu melden.“

Kontrolle von Kriegsgefangenen

Ab Anfang Februar 1945 wurden Soldaten der Celler Volkssturmbataillone zur Ablösung von Landesschützen als Wachmänner bei Arbeitskommandos Kriegsgefangener eingesetzt. Ihre Hauptaufgaben lagen darin, die Kriegsgefangenen zu kontrollieren – insbesondere bei Arbeitsbeginn und -ende sowie mehrmals in der Nacht.(20) Durch die Ablösungen sollten zusätzliche Kapazitäten für die kämpfende Truppe freigemacht werden. Auffallend ist, wie bürokratisch die Aufstellung des Volkssturmes vonstattenging. Trotz des vorangeschrittenen Kriegsverlaufes ergingen noch zahlreiche allgemeine Anweisungen und Verlautbarungen zu Fragen der Besoldung der Volkssturmsoldaten (1 RM pro Tag), Fürsorge und Versorgung in Krankheitsfällen – bis hin zur künstlerischen Gestaltung der Ortsgruppenfahnen.

Von Hendrik Altmann

Quelle

1 Schreiben des OKW, Nr. 6494/44 vom 23. November 1944; Hann. 31 I Nr. 326, Bl. 163.

2 Schreiben der Kreisleitung der NSDAP Celle vom 14. Dezember 1944; Hann. 31 I Nr. 326, Bl. 145.

3 Schreiben Oberst Guse, Bataillonsführer des VIII. Volkssturmbataillons Unterlüß an die Kreisleitung der NSDAP Celle, vom 19. Dezember 1944; Hann. 31 I Nr. 326, Bl. 145.

4 Schreiben Oberst Guse, Bataillonsführer des VIII. Volkssturmbataillons Unterlüß an die Kreisleitung der NSDAP Celle, vom 19. Dezember 1944; Hann. 31 I Nr. 326, Bl. 145.

5 Altmann, Die Luftmunitionsanstalt 4/XI und die Untertageverlagerung Löwe, S. 20 f.

6 Schreiben Oberst Guse, Bataillonsführer des VIII. Volkssturmbataillons Unterlüß an die Kreisleitung der NSDAP Celle, vom 17. Januar 1945; Hann. 31 I Nr. 326, Bl. 122.

7 Schreiben Oberst Guse, Bataillonsführer des VIII. Volkssturmbataillons Unterlüß an die Kreisleitung der NSDAP Celle, vom 19. Februar 1945; Hann. 31 I Nr. 326, Bl. 61.

8 Volkssturmbefehl Nr. 16/45, Hann. 31 I Nr. 326, Bl. 119.

9 Volkssturmbefehl Nr. 17/45, Hann. 31 I Nr. 326, Bl. 115.

10 Volkssturmbefehl Nr. 17/45, Hann. 31 I Nr. 326, Bl. 115.

11 Schreiben des Landrats an den SA Hauptsturmführer Thies vom 14.12.1944, Archiv Altmann.

12 Volkssturmbefehl Nr. 20/45, Hann. 31 I Nr. 326, Bl. 115.

13 Volkssturmbefehl Nr. 29/45, Hann. 31 I Nr. 326, Bl. 36.

14 Schreiben der Kreisleitung der Celler NSDAP vom 08.02.1945, Hann. 31 I Nr. 326, Bl. 66.

15 Schreiben der Kreisleitung der Celler NSDAP vom 14.02.1945, Hann. 31 I Nr. 326, Bl. 66.

16 Volkssturm-Personalbefehl Nr. 7/45, Hann. 31 I Nr. 326, Bl. 115.

17 Z.b.V., d.h. „zur besonderen Verfügung“.

18 Volkssturmbefehl Nr. 23/45, Hann. 31 I Nr. 326, Bl. 115.

19 Volkssturmbefehl Nr. 23/45, Hann. 31 I Nr. 326, Bl. 115.

20 Schreiben der Kreisleitung der Celler NSDAP vom 08.02.1945, Hann. 31 I Nr. 326, Bl. 80.

Quelle

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