Sachsenspiegel

Der Volkssturm im Kreis Celle - Teil 1

Der Entstehung des Volkssturms im Landkreis Celle ging eine Phase militärischer Niederlagen des Dritten Reiches voraus.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 21. Nov. 2020 | 11:00 Uhr
  • 10. Juni 2022
Einladung zur Vereidigung des Deutschen Volkssturms am 9. November 1944 in Unterlüß; Gemeindearchiv Unterlüß Ordner 19
  • Von Cellesche Zeitung
  • 21. Nov. 2020 | 11:00 Uhr
  • 10. Juni 2022
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Celle.

Bezeichnet als „das letzte Aufgebot“, stellte der Volkssturm einen verzweifelten Versuch dar, das Kriegsende hinauszuzögern. Archivalien, Chroniken und Zeitzeugenaussagen berichten im Raum Celle vom militärischen Eingreifen dieser verhältnismäßig rasch ausgehobenen Truppe. Was ist über die Entstehung, Organisation und den Einsatz des Volkssturms bekannt? Zur Beantwortung dieser Frage erfolgt eine chronologische Auswertung der anspruchsvollen Quellenlage.

Eine Phase militärischer Niederlagen

Der Entstehung des Volkssturms ging eine Phase militärischer Niederlagen voraus. Die Invasion westalliierter Streitkräfte am 6. Juni 1944 in der Normandie, die verlustreichen Kämpfe gegen die Rote Armee in der Ukraine und in Rumänien, die Einkesselung der Heeresgruppe Nord in Kurland und schlussendlich das Zurückweichen der deutschen Truppen nach Ostpreußen im Oktober 1944 markierten den fortschreitenden Niedergang des Dritte Reiches. Angesichts der erheblichen Verluste an Soldaten und Kriegsgerät steigerte sich der Einsatz der gesamtgesellschaftlichen Ressourcen zum „totalen Kriegseinsatz“, den Adolf Hitler schließlich per Erlass vom 25. Juli 1944 verkündete.(1) Mittels politischer Instrumente setzte das faschistische Regime in den folgenden Wochen einschneidende Maßnahmen durch, um Kräfte für die Wehrmacht und die Rüstungsindustrie freizusetzen.(2)

„Das Volk verlangt den totalsten Krieg“

Schon in den Vormonaten waren im Rahmen sogenannter „Auskämmaktionen“ bereits in den hunderttausende UK-Stellungen(3) Wehrpflichtiger aufgehoben worden und weniger kriegswichtige Betriebe stillgelegt worden, um deren Beschäftigte in den Schlüsselindustrien für die Rüstungswirtschaft einzusetzen. Der Erlass vom 25. Juli 1944 schuf insbesondere für Reichspropagandaminister Joseph Goebbels weitreichende Entscheidungskompetenzen. Ein Tag vor der Veröffentlichung des Erlasses erschien in allen Zeitungen des Gaues Ost-Hannover die Schlagzeile „Das Volk verlangt den totalsten Krieg“(4). Insbesondere in staatlichen Einrichtungen wurden nun personelle Kräfte freigesetzt und die Ausrichtung der volkswirtschaftlichen Kapazitäten auf den Kriegseinsatz fokussiert.

„Erlass des Führers"

Der, auf den 25. September 1944 datierte, „Erlass des Führers über die Bildung des Deutschen Volkssturms“(5) wurde aufgrund bis in die Nacht andauernder Besprechungen im ostpreußischen Führerhauptquartier „Wolfsschanze“ zwar erst am darauffolgenden Tag vorgelegt – dafür der Erlass jedoch unverzüglich von Adolf Hitler unterzeichnet.(6) Propagandawirksam wurde der 18. Oktober 1944 als Verkündungstermin ausgewählt – es war der 131. Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig. Reichsführer SS, Heinrich Himmler nahm am 18. Oktober den ersten Apell von Volkssturmeinheiten in Königsberg (Ostpreußen) ab. In seiner Rede verklärte Himmler den „mutigen Kampf aller deutschen Freiheitskämpfer“ in der Leipziger Völkerschlacht zu einem Sieg ungedienter, schlecht ausgerüsteter und mangelhaft bewaffneter Truppen über einen überlegenen Feind. Um dem Volkssturm eine gewisse historische Legitimation zu verschaffen, nahm der Reichsführer SS in Kauf, dass der Vergleich mit der Völkerschlacht freilich zugleich an mehreren Füßen hinkte. Obwohl sich in der frühesten Phase des Volkssturmes durchaus auch kritische Meinungen in historischen Stimmungsberichten widerspiegeln, schritt die Erfassung und Aufstellung der Truppe in den Wochen nach der Verkündung rasch voran.

Vierzehn Bataillone im Celler Kreisgebiet

Am 2. November 1944 ergingen durch die Kreisleitung der NSDAP in Celle Bestätigungsschreiben an die Bataillonsführer der jeweiligen Ortschaften.(7) Insgesamt vierzehn Bataillone umfasste das Celler Kreisgebiet.(8) Ein Bataillon setzte sich aus vier Kompanien (einige fünf), eine Kompanie aus drei bis vier Zügen, ein Zug aus 3 bis vier Gruppen und eine Gruppe aus 10 Volkssturmsoldaten zusammen.(9) Später kamen noch sogenannte Alarmkompanien hinzu. Unter vollständiger Heranziehung wären im Kreis Celle demzufolge rund 10.000 Volkssturmleute verfügbar gewesen. Die Führung des Volkssturms lag bei der Gauleitung sowie der Kreisleitung der NSDAP. Von ihr waren „zuverlässige und standhafte Nationalsozialisten auszuwählen“, von denen „eine restlose Erfüllung ihrer Führungsaufgaben im Deutschen Volkssturm erwartet werden“ konnte.“(10) Als Kreisstabsführer wurde der SA-Hauptsturmführer Kohnert und als Sachbearbeiter für Ausbildung und Sonderaufgaben der SA-Hauptsturmführer Thies bestellt.(11) Zu dessen Aufgaben gehörte unter anderem die regelmäßige Überprüfung des Dienstes bei den Einheiten im Celler Kreis.(12) Die Hierarchien der Organisation waren flach angelegt. Volkssturmsoldaten war es dementsprechend untersagt, sich mit Anliegen direkt an die Kreisleitung zu wenden.(13) Auch ohne konkret angeordnete Disziplinarmaßnahmen höherer Führungsebenen, wurde den jeweiligen Bataillonsführern ein großzügiger Spielraum für Sanktionen eingeräumt.(14)

Feierliche Vereidigung der Truppe

Anfang November ging es zunächst an die feierliche Vereidigung der Truppe – diese sollte am 12. November 1944 „nach Möglichkeit um 10 Uhr stattfinden.“(15) Die Orte waren durch die Bataillonsführer – im Einvernehmen mit der jeweiligen Ortsgruppenleitung selbstständig zu bestimmen. Am Vortag, dem 11. November 1944, fand für die Bataillons- und Kompanieführer eine weitere Vorbereitungsveranstaltung beim Gauleiter in Lüneburg statt – die Anreise hierzu erfolgte gemeinschaftlich mit dem Autobus.(16) Die Vereidigung der Volkssturmbataillone fand planmäßig statt – beispielsweise wurde in Unterlüß hierzu am 12. November 1944 um 10 Uhr auf dem Sportplatz Hohenrieth angetreten und die Vereidigung vorschriftsgemäß abgehalten. In Beedenbostel fand die Vereidigung des Volkssturmes unter den Eichen statt – zuvor wurde ein Kranz am Ehrenmal niedergelegt.(17)

Erster offizieller Volkssturmbefehl

Der erste offizielle Volkssturmbefehl 1/44 erging nur einen Tag nach der Vereidigung an die Volkssturmleute im Celler Kreis.(18) Darin wurden die Führung, die Erfassung, der Aufbau, die Gliederung und die Bekleidung geregelt. In seinem Aufbau setzte sich der Volkssturm aus vier sogenannten „Aufgeboten“ zusammen, die alle Wehrtauglichen der Jahrgänge zwischen 1884 bis 1928 erfassten. Die jüngsten Volkssturmmänner waren demzufolge im Zeitpunkt ihrer Erfassung 16 und die ältesten 60 Jahre alt. Ihre Bekleidung und Ausrüstung hatten alle Volkssturmsoldaten, ohne Unterscheidung ihres Dienstgrades, selbstständig zu beschaffen.(19) Als Bekleidung waren alle Uniformen sowie wetterfeste Sport- und Arbeitskleidung zugelassen. Zu der notwendigen Ausrüstung zählten ein Rucksack, eine Decke, Kochgeschirr, Brotbeutel, Feldflasche, Trinkbecher und Essbesteck. Wo die notwendigen Ausrüstungsgegenstände nicht aus eigenen Beständen beschafft werden konnten, sollten sie im Wege der Nachbarschaftshilfe organisiert werden.

Eine „gründliche“ Schießausbildung

Der zweite offizielle Volkssturmbefehl 2/44 erging ebenfalls am 13. November 1944 und beinhaltete Anweisungen zur vorläufigen Ausbildung. Diese sollte schwerpunktmäßig den Kampfeinsatz gewährleisten.(20) Eine „gründliche“ Schießausbildung, eine infanteristische Ausbildung sowie die Panzerabwehr sollten in den Vordergrund treten – wohingegen der formale Dienst und Exerzierübungen auf ein unerlässliches Mindestmaß beschränkt werden sollten.(21) Für die Gelände- und Gefechtsausbildung waren laut Volkssturmbefehl 2/44 eine ganze Reihe von grundlegenden Dienstvorschriften vorgesehen – laut Befehlsschreiben waren diese Vorschriften und Bücher jedoch zur damaligen Zeit nicht lieferbar.(22)

Strenger Maßstab bei Untersuchungen

Vom 24. Bis zum 30. November 1944 fand für die Bataillonsführer der Kreise Celle, Burgdorf, Gifhorn und Fallingbostel ein Lehrgang bei der Lehrtruppe der Panzertruppenschule im Lager Fallingbostel statt.(23) Derweil die Führungsebene ihre Unterweisung in das militärische Handwerkszeug erhielt, fanden für die Volkssturmsoldaten die ärztlichen Untersuchungen hinsichtlich ihrer Tauglichkeit statt, wobei die Volkssturmärzte bei den Untersuchungen „den Strengen Maßstab anzulegen“ hatten.(24) UK-Stellungen(25), wie es sie bei den Wehrmachtsverbänden gab, existierten im Volkssturm nicht. Die Möglichkeiten sich dem Einberufungsbefehl zu widersetzen waren begrenzt. Teile der Bevölkerung waren von dieser Tatsache offenbar wenig begeistert, wie beispielsweise ein Stimmungsbericht des einstigen Bürgermeisters Schulze aus Winsen (Aller) vom 22. November 1944 belegt.(26) In seinem Lagebericht an den Regierungspräsidenten hielt der Celler Landrat dagegen fest: „Der Aufruf des Volkssturmes ist auf dem Lande im ganzen durchaus sympathisch aufgenommen. Auch für die Notwendigkeit von Schanzarbeiten besteht im allgemeinen Verständnis. Nur wäre hier zu wünschen, dass bei Einsätzen, wie zum Beispiel dem jetzt im linken Rheingebiet laufenden, die Auswahl sorgfältiger durchgeführt wird. Der landarbeitende Mensch ist bei schwerer Arbeit in nicht wenigen Fällen in den Jahren zwischen 60 und 65 schon verbraucht und in seiner Anpassungsfähigkeit an fremde Verhältnisse schwerfällig geworden. (...)“(27).

Von Hendrik Altmann

Quelle

1 Erlass des Führers über den Totalen Kriegseinsatz vom 25. Juli 1944, RGBl Teil I, Nr. 34, ausgegeben am 27.07.1944.

2 Mammach, Der Volkssturm- Das letzte Aufgebot 1944/45, S. 13.

3 UK-Stellung, d.h. „unabkömmlich“ und somit bis dahin nicht zum Kriegseinsatz herangezogen.

4 Mammach, Der Volkssturm- Das letzte Aufgebot 1944/45, S. 15.

5 Erlass des Führers über die Bildung des Deutschen Volkssturms vom 25. September 1944, RGBl Teil I, Nr. 53, ausgegeben am 20.10.1944.

6 Mammach, Der Volkssturm- Das letzte Aufgebot 1944/45, S. 33.

7 Schreiben der Kreisleitung der NSDAP in Celle an die Bataillonsführer des Volkssturms, Hann. 31 I Nr. 326, Bl. 180.

8 Zusammenstellung der Bataillone und Kompanien im Deutschen Volkssturm, Hann. 31 I Nr. 326, Bl. 174.

9 Volkssturmbefehl Nr. 1/44, Hann. 31 I Nr. 326, Bl. 167.

10 Volkssturmbefehl Nr. 1/44, Hann. 31 I Nr. 326, Bl. 165.

11 Volkssturmbefehl Nr. 1/44, Hann. 31 I Nr. 326, Bl. 165.

12 Volkssturmbefehl Nr. 27/45, Hann. 31 I Nr. 326, Bl. 165.

13 Volkssturmbefehl Nr. 1/44, Hann. 31 I Nr. 326, Bl. 168.

14 Volkssturmbefehl Nr. 4/44, Hann. 31 I Nr. 326, Bl. 159.

15 Schreiben der Kreisleitung der NSDAP Celle an die Bataillione I bis IX vom 07.11.1944, Hann. 31 I Nr. 326, Bl. 179.

16 Schreiben der Kreisleitung der NSDAP Celle vom 08.11.1944, Hann. 31 I Nr. 326, Bl. 178.

17 Schulchronik Beedenbostel, KrA Celle.

18 Volkssturmbefehl Nr. 1/44, Hann. 31 I Nr. 326, Bl. 165.

19 Volkssturmbefehl Nr. 1/44, Hann. 31 I Nr. 326, Bl. 168.

20 Volkssturmbefehl Nr. 2/44, Hann. 31 I Nr. 326, Bl. 162.

21 Volkssturmbefehl Nr. 2/44, Hann. 31 I Nr. 326, Bl. 162.

22 Volkssturmbefehl Nr. 2/44, Hann. 31 I Nr. 326, Bl. 163.

23 Schreiben des Kreisleiters vom 14. November 1944, Hann. 31 I Nr. 326, Bl. 159.

24 Volkssturmbefehl Nr. 5/44, Hann. 31 I Nr. 326, Bl. 157.

25 S. Fußnote 3.

26 Bericht des Bürgermeisters von Winsen/A vom 22. November 1944, KRA Celle Dokument 420, Nr. 8c/2 in: Wegener, Die Bevölkerung hat vollstes Vertrauen zum Führer..., S. 481.

27 Lagebericht vom 26. November 1944, KRA Celle Dokument 425, Nr. 8c/2; in: Wegener, Die Bevölkerung hat vollstes Vertrauen zum Führer..., S. 481.

Von