Kriegsverbrechen

Der Tod von Arthur Maurice Crow

Die britische Militärpolizei bemühte sich nach Kriegsende, das Verbrechen an Flight Lieutenant Arthur Maurice Crow aufzuklären. (Teil 3)

  • Von Cellesche Zeitung
  • 20. Juni 2020 | 10:00 Uhr
  • 10. Juni 2022
Für die sogenannte Flugzeugbruchbergung gab es klare Regeln, die es zu befolgen galt.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 20. Juni 2020 | 10:00 Uhr
  • 10. Juni 2022
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Ahnsbeck.

Die Special Investigation Branch der Royal Air Force (RAF) hatte in den zurückliegenden Wochen umfangreiches Beweismaterial gegen Uhrig zusammengetragen.1 Corporal Shackleton der RAF Police Unit 84 Group fasste die Ermittlungsergebnisse in seinem Bericht vom 3. November 1945 zusammen.2 Hieraus geht auch hervor, dass die Militärpolizei am 22. Oktober 1945 das vermeintliche Grab von Arthur Maurice Crow auf dem Langlinger Friedhof öffnete und feststellte, dass es leer war. Nur einen Tag später verhörte Shackleton den SS-Oberscharführer Krevet, woraufhin dieser ihm den tatsächlichen Begräbnisort zwischen Langlingen und Nordburg nannte.3

Der Bestattungsort Crows liegt im Wald zwischen Langlingen und Nordburg.

Abzeichen des „Goldfish Club“

Am 24. Oktober untersuchte die Militärpolizei den Ort – in einem Meter Tiefe stießen sie auf die sterblichen Überreste eines RAF Flight Lieutenants. Anhand einer Wäschereinummer sowie eines Abzeichens des „Goldfish Club“ konnte Crow schließlich identifiziert werden.4 Der Goldfish Club war eine Vereinigung der RAF-Angehörige beitreten konnten, wenn sie einen Absprung aus einem über See abgestürzten Flugzeug überlebt hatten. Crow war am 13. Mai 1943 eingetreten.5 Seine Leiche wurde exhumiert und zur Obduktion nach Celle gebracht, wo weitere Erkenntnisse zu den Todesumständen ermittelt werden konnten.

Dem Flüchtenden hinterhergeschossen

Auch der Beschuldigte Uhrig wurde nun eingehend befragt. In einer ersten Aussage gab er an, das Abbiegen vom Weg zwischen Helmerkamp nach Neuhaus befohlen zu haben, um schneller nach Langlingen zu gelangen.6 Neben dieser fragwürdigen Darstellung schilderte Uhrig, dass der Gefangene unvermittelt aus dem Wagen gesprungen und in den Wald gelaufen sei.7 Er und der Fahrer des VW hätten dem Flüchtenden hinterhergeschossen, woraufhin dieser zu Boden ging.8 Den Tod habe man nicht festgestellt – vielmehr war der Angeschossene noch am Leben, so Uhrig, der ebenfalls angab Puls und Atmung überprüft zu haben.9 Sie hätten den Verwundeten in den Wagen verladen, um ihn in Langlingen medizinisch versorgen zu können, so Uhrig weiter – unterwegs sei der Gefangene allerdings verstorben.10

Abenteuerliche Angaben Uhrigs

Zur übergangsweisen Bestattung des Verstorbenen auf dem Langlinger Friedhof machte der Befragte Uhrig recht abenteuerliche Angaben. So habe er die Leiche seiner Aussage nach in Langlingen an andere SS-Leute übergeben und „nie wieder gesehen“ – nur durch Erzählungen habe Uhrig von der Bestattung auf dem Friedhof erfahren.11 Erst als der Langlinger Bürgermeister ihn eindringlich gebeten hätte, die Leiche vom Friedhof zu entfernen, habe er davon nachhaltig Kenntnis genommen. Er selbst sei allerdings wegen der herannahenden Front so sehr mit anderen Dingen beschäftigt gewesen, dass er keine Zeit gehabt habe sich damit zu befassen.12 Möglicherweise, so Uhrig, hätten Kammeraden davon gehört und die Sache selber in die Hand genommen – er allerdings habe weder ein Ausgraben der Leiche befohlen, dieses selber durchgeführt – noch wüsste er, wer es getan haben könnte.13

Erdrückende Ermittlungsergebnisse dargelegt

Am 1. November 1945 wurde Uhrig erneut vernommen und bestätigte, dass er seine Aussage bereits gemacht habe und dabei die Wahrheit gesagt hätte.14 Ein folgenschwerer Fehler, denn Corporal Shackleton konfrontierte ihn unvermittelt damit, dass er gelogen habe. Anschließend führte man Krevet und Speil in den Raum und legte Uhrig die erdrückenden Ermittlungsergebnisse dar. Hierauf bat der Beschuldigte seine Aussage ergänzen zu dürfen.15 Unter Bestätigung, dass er zuerst Unwahrheiten geschrieben habe, erläuterte Uhrig, dass er sich mit dem Piloten während der Fahrt unterhalten habe.16 Dabei hatte er das Gefühl, dass der Gefangene habe austreten wollen. Er ließ daher den Wagen anhalten und ging mit dem Piloten in den Wald. Als sich dieser acht bis zehn Meter von ihm entfernt aufhielt, hatte Uhrig das Gefühl, dass der Gefangene versuche zu fliehen, woraufhin er einen Schuss auf Crow abgab, der sofort zu Boden ging.17 Der Puls des Angeschossenen sei fast nicht mehr spürbar gewesen, als Uhrig einen zweiten Schuss auf den Verletzten abgab.18 Persönliche Gegenstände wurden dem Toten abgenommen – der Fallschirm wurde laut Uhrig zwischen seiner Ehefrau und Krevets Verlobten aufgeteilt.19 Kurz bevor die Truppe abzog habe Uhrig, auf Geheiß des Langlinger Bürgermeisters, drei Männern den Befehl erteilt, die Leiche vom Friedhof wegzuschaffen.20 Ob es tatsächlich eine solche Veranlassung des Langlinger Bürgermeister gab, bleibt ungewiss. In einer späteren Meldung über Gräber von Personen nichtdeutscher Staatsangehörigkeit im Juli 1951 gab der damalige Gemeindedirektor an, sowohl die Bestattung als auch die Umbettung seien ohne Mitwirkung der Gemeindeverwaltung erfolgt.21

Urteil: Tod durch den Strang

Zu seiner Verteidigung führte Uhrig im Verhörprotokoll an, er habe den Piloten nicht erschießen wollen – es sei also keine vorbereitete Handlung gewesen – sondern sei es vielmehr bei dessen Fluchtversuch geschehen. Uhrig führte an, er wollte sich nicht dafür verantworten, ohne den Gefangenen zurückzukehren. Verantworten musste er sich an den Prozesstagen am 18., 19. und 20. Februar 1946 vor dem britischen Militärtribunal in Hannover allerdings trotzdem. Uhrig plädierte zwar auf „nicht schuldig“ wurde vom Gericht jedoch als schuldig befunden und zum Tod durch den Strang verurteilt. Am 15. Mai 1946 wurde das Urteil vom britischen Henker Albert Pierrepoint im Westflügel des Hamelner Zuchthauses vollstreckt.

In diesen Weg kurz vor Neuhaus bogen die SS-Leutemit dem Gefangenen Crow ab.

Was sich genau am 29. Dezember 1945 im Waldstück zwischen Neuhaus und Nordburg ereignete, ist aus heutiger Sicht nur noch anhand der Ermittlungsunterlagen nachzuvollziehen. Ob der gefangengenommene Crow tatsächlich versucht hatte zu fliehen, oder ob es sich um eine geplante Erschießung handelte, kann nicht mehr abschließend aufgeklärt werden. Für den Urteilsspruch war dieser Umstand jedoch nicht mehr ausschlaggebend, da Uhrig bereits zugegeben hatte, auf den am Boden liegenden – und damit wehrlosen – Gefangenen einen weiteren, finalen Schuss abgegeben zu haben. Der Umstand, dass er in einem vorherigen Verhör falsche Angaben gemacht hatte, die vorliegenden Zeugenaussagen und die insgesamt eindeutige Beweislast trugen maßgeblich zur Verurteilung Uhrigs bei.

Leichnam von Crow ruht auf Militärfriedhof in Hannover-Ahlem

Flight Lieutenant Olaf Patrick Olson überlebte den Zweiten Weltkrieg in deutscher Gefangenschaft und kehrte nach Kriegsende in seine Heimat nach Neuseeland zurück.22 Am 24. Dezember 1953 kam er bei einem schweren Zugunglück zwischen Tangiwai und Auckland zu Tode. Der Leichnam von Flight Lieutenant Arthur Maurice Crow wurde auf den britischen Militärfriedhof in Hannover-Ahlem gebracht, wo er bis heute ruht. So tragisch das Schicksal des jungen Navigators ist – seine Geschichte bleibt unvergessen.

Von Hendrik Altmann

Quelle

1 Royal Air Force Special Investigation Branch, Ref. SIB/1635/45, National Archives, WO 309 165 107; 2 Shackleton, 3.11.1945, ebd.; 3 Shackleton, 3.11.1945, ebd.; 4 Shackleton, 3.11.1945, ebd.; 5 Royal Air Force Special Investigation Branch, Ref. SIB/1635/45, ebd.; 6 Heinrich Friedrich Uhrig, Weilburg, 23.10.1945, ebd.; 7 Heinrich Friedrich Uhrig, Weilburg, 23.10.1945, ebd.; 8 Heinrich Friedrich Uhrig, Weilburg, 23.10.1945, ebd.; 9 Heinrich Friedrich Uhrig, Weilburg, 23.10.1945, ebd.; 10 Heinrich Friedrich Uhrig, Weilburg, 23.10.1945, ebd.; 11 Heinrich Friedrich Uhrig, Celle, 23.10.1945, ebd.; 12 Heinrich Friedrich Uhrig, Celle, 23.10.1945, ebd.; 13 Heinrich Friedrich Uhrig, Celle, 23.10.1945, ebd.; 14 Shackleton, 3.11.1945, ebd.; 15 Shackleton, 3.11.1945, ebd.; 16 Heinrich Friedrich Uhrig, Celle, 1.11.1945, ebd.; 17 Heinrich Friedrich Uhrig, Celle, 1.11.1945, ebd.; 18 Heinrich Friedrich Uhrig, Celle, 1.11.1945, ebd.; 19 Heinrich Friedrich Uhrig, Celle, 1.11.1945, ebd.; 20 Heinrich Friedrich Uhrig, Celle, 1.11.1945, ebd.; 21 Meldung Gemeindedirektor Langlingen, 31.07.1951, Arolsen-Archives, 2.2.2.9., 77164427.; 22 Royal Air Force Special Investigation Branch, Ref. SIB/1635/45, National Archives, WO 309 165 107.

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