Georg Ernest von Melvill

Der Tod eines Generals - Beisetzung in Eschede

In der Escheder Johanneskirche wünschte sich Georg Ernest von Melvill zu Lebzeiten die Einrichtung eines Erbbegräbnisses. Der Bau sorgte 1730 für einen Tumult.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 19. Sept. 2020 | 06:00 Uhr
  • 10. Juni 2022
Leichenpredigt von Pastor Heinrich Talla angesichts des Todes des Generals Georg Ernest von Melvill, Celle 1742.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 19. Sept. 2020 | 06:00 Uhr
  • 10. Juni 2022
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Celle.

Im Alter von 74 Jahren starb General Georg Ernest von Melvill am 4. Januar 1742 in Celle. Am 6. Februar wurde er in der lutherischen Johannes-Kirche zu Eschede beigesetzt. Drei Tage darauf fand in der Celler Reformierten Kirche ein Trauergottesdienst statt. Die dort von dem Pastor der Deutsch-reformierten Gemeinde Heinrich Talla gehaltene Leichenpredigt wurde 1742 im Auftrag der Neffen und Nichten des Verstorbenen durch den Celler Buchdrucker Johann Georg Passin publiziert. Der mit abgedruckte Lebenslauf ist die wichtigste Quelle für die Biografie des Generals.

Ungewöhnlicher Verfasser der Leichenpredigt

Die Leichenpredigt selbst trägt entsprechend dem barockem Brauch einen extrem langen Titel (siehe Quellen). Ungewöhnlich ist die Verfasserschaft dieser Leichenpredigt, da Georg Ernest von Melvill als Gemeindeglied nicht der Deutsch-reformierten, sondern – wie schon seine Eltern – der Französisch-reformierten Gemeinde Celle angehörte. Sein Tod ist jedoch in knappen Worten von dem hugenottischen Pastoren François Jodouin in das Kirchenbuch der Französisch-reformierten Gemeinde eingetragen worden.

Deutsch-reformierter Pastor hält Leichenpredigt

Warum Pastor Heinrich Talla hier die Rolle seines französischen Amtsbruders übernimmt, lässt sich nur vermuten. Zum einen mögen kirchenrechtliche Gründe dazu geführt haben, dass der Deutsch-reformierte Pastor die Leichenpredigt hielt. Verbot doch die französische Kirchenordnung in Kapitel 10§5 das Halten von Gebeten und Predigten bei den Begräbnissen.

Georg Ernest von Melvill (1668-1742). Unbekannter Maler, Öl auf Leinwand, um 1700.

Obwohl diese Kirchenordnung auch für die Deutsch-reformierte Gemeinde in Celle Verbindlichkeit besaß, scheint man diesen Paragrafen offensichtlich nicht so streng wie die französische Schwestergemeinde beachtet zu haben. Diesbezüglich hatte bereits im Jahre 1714 der deutsch-reformierte Pastor Johann Heinrich Schmucker mit der Leichenpredigt für den Ältesten der Hugenottengemeinde Dr. med. Robert Scott einen Präzedenzfall geschaffen.

Pastor stand dem General nahe

Die Verbindung zwischen Pastor Heinrich Talla zu Georg Ernest von Melvill beschränkte sich freilich nicht nur auf die Gestaltung der Trauerfeier in der Reformierten Kirche und die Beisetzung des Generals in Eschede. Talla hatte diesen Mann in seinen beiden letzten Lebensjahren gut kennengelernt. Er hat einen „freyen Zugang zu Ihm gehabt“. Der Pastor schreibt: „So offt ich die Ehre gehabt, den Wohlseeligen Herrn zu sehen, hat Er mir allemahl Gelegenheit gegeben, von nichts anders, als von geistlichen und göttlichen Dingen zu sprechen, und, so viel mir GOTT Genade gab, verschiedene Schrift-Stellen Ihm zu erklären und zu erläutern.“ Vor seinem Tode teilte der deutsch-reformierte Prediger noch das Abendmahl aus. Es ist nicht bekannt, ob auch eine seelsorgerliche Betreuung seitens des französisch-reformierten Pastoren Francois Jodouin erfolgte.

Große Fülle an Bibelzitaten

Der eigentlichen Leichenpredigt geht ein erster Eingang voran. Darin trifft der Leser zunächst auf eine große Fülle an Bibelzitaten, die unter anderem den Tod als sozialen Gleichmacher beschreiben. Als Sünder müssen alle Menschen sterben. Doch mit Bibelzitaten läßt es Talla nicht bewenden, wie es ein Vers des römischen Dichters Horaz belegt. Für den heutigen Leser wirkt alles recht ungeordnet und barock überladen. Auf ein Gebet folgt die eigentliche Leichenpredigt, wie sie Pastor Heinrich Talla am 9. Februar 1742 in der Reformierten Kirche zu Celle hielt. Der Predigttext stand in der Offenbarung des Johannes, Kapitel 14 Vers 13: „Und ich hörete eine Stimme vom Himmel zu mir sagen: Schreibe, seelig sind die Todten, die in dem HERRN sterben, von nun an. Ja der Geist spricht, daß sie ruhen von ihrer Arbeit, dan ihre Wercke folgen ihnen nach.“

Der ganze Druck umfasst 78 Seiten

An späterer Stelle beschreibt Pastor Heinrich Talla den Verstorbenen als einen Mann, der im Herrn starb. So geht es in der Leichenpredigt in erster Linie um die Entfaltung des „selig sind, die im Namen des Herrn sterben“. „Das Ende crönet das ganze Werck“, unterstreicht Pastor Talla. Mit diesem Grundthema greift der deutsch-reformierte Prediger ein beliebtes Thema von Leichenpredigten auf, die ars moriendi (Die Kunst zu sterben). Wie schon beim ersten Eingang trifft der heutige Leser in der 32 seitigen Leichenpredigt (der ganze Druck umfasst 78 Seiten) auf eine Unzahl an Bibelzitaten.

Rittergut als Lehen erhalten

Im Alter von 34 Jahren war Georg Ernest von Melvill 1702 mit dem bei Celle gelegenen Rittergut in Habighorst belehnt worden, zu dem auch ein bis 1673 errichteten Herrenhaus gehörte, da dort der letzte der Familie von Habighorst verstorben war. Noch bis ins 20. Jahrhundert deutete eine Inschrift „G. E. von Melvill 1730“ auf dem Torbalken des einstigen Wirtschaftshauses, das einem Straßenneubau wich, auf den einstigen Eigentümer hin.

Bau von Erbbegräbnis führt zu Tumult unter Gemeindegliedern

In der Johanneskirche zu Eschede wünschte sich Georg Ernest von Melvill etwas selbstherrlich die Einrichtung eines Erbbegräbnisses. Dessen Bau im Jahre 1730 (nach dem Tode seiner Frau) hatte zu einem Tumult unter den nicht informierten Gemeindegliedern geführt, so dass zunächst die Arbeiter vertrieben wurden. Später einigte man sich gütlich.

Das an der Südseite des Chorraums der Johanniskirche zu Eschede angebrachte Epitaph des Generals Georg Ernest von Melvill(e).

Diese abenteuerliche Begebenheit hat 1730 Pastor Conrad Binder in einem historischen Bericht festgehalten. Georg Ernest von Melvill war übrigens nicht der einzige Angehörige der reformierten Konfession, der in der lutherischen Kirche in Eschede beigesetzt worden ist. So war bereits am 1. April 1690 vor dem Chor der hugenottische Oberjägermeister über die Parforce Jagd de Boisclair „stille beygesetzt“ worden.

Epitaph aus Alabaster in Escheder Kirche erinnert an General

Bis auf den heutigen Tag erinnert in der evangelisch-lutherischen Johanneskirche zu Eschede ein an der Südseite des Chorraumes errichteter Epitaph aus Alabaster an Georg Ernest von Melvill. Unter seiner Büste befindet sich das Melvillsche Wappen mit dem Spruch: „(Deni)que Coe(lum)“ (Endlich der Himmel) sowie ein kurzer Lebenslauf des Verstorbenen. Außerdem enthält das Denkmal neben den Wappen der Familie seiner Frau Lucia Anna Dorothea von Staffhorst die Wappen der väterlichen Vorfahren: de Swinton, de Lauderss, de Douglas, de Kelly, de Majoribank, de Durry, und de Balfour sowie der mütterlichen Vorfahren de Herpin, de Grange, de La Plais, de La Prymauday, de Baillionois, de Crespin, de Massaunnay, de La Chevallerie und de Melvill. Es sind die Wappen jener Familiennamen, die in der Leichenpredigt näher zugeordnet werden.

Von Andreas Flick

Literatur und Quellen

Wilhelm Beuleke: Die Hugenotten in Niedersachsen, Hildesheim 1960, S. 115f.

Andreas Flick: Dr. med. Robert Scott wurde zuweilen wegen seiner Frömmigkeit verspottet, in: Cellesche Zeitung 21. November 1992 (Sachsenspiegel 48).

Andreas Flick: „Drei Mal mehr Hugenottin … als Französin“? Herzogin Eléonore Desmier d’Olbreuse (1639-1722) (= Kleine Schriften zur Celler Stadtgeschichte, Bd. 1 u. Geschichtsblätter der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft, Bd. 47), Celle – Bad Karlshafen 2011.

Andreas Flick/Sabine Maehnert/Eckart Rüsch/Norbert Steinau: Die Westceller Vorstadt. Celles barocke Stadterweiterung. Geschichte und Bauten (= Celler Beiträge zur Landes- und Kulturgeschichte. Schriftenreihe des Stadtarchivs und des Bomann-Museums, Bd. 40), Celle 2010.

Hans-Joachim Görke: Chronik der ev.-luth. Johannes-Kirche zu Eschede, Eschede 1971.

Bernhard R. Kroener: „Der Krieg hat ein Loch …“. Überlegungen zum Schicksal demobilisierter Söldner nach dem Dreißigjährigen Krieg, in: Heinz Duchhardt (Hg.), Der Westfälische Friede. Diplomatie – politische Zäsur – kulturelles Umfeld – Rezeptionsgeschichte (= HZ Beiheft N.F. 26), München 1998.

Rudolf Lenz: Erfassung und Auswertung frühneuzeitlicher Leichenpredigten in der Forschungsstelle für Personalschriften, in: Die Auslese. Vierteljährige Informationsschrift für Kirche und Friedhof, 10. März 1993.

Karl-Heinz Mader: Jahresbericht des Museumsvereins 2004/2005, in: Celler Chronik 12. Beiträge zum 300. Todestag Herzog Georg Wilhelms von Braunschweig-Lüneburg (1624-1705), Celle 2005.

Andrew Melvill: 1624-1706. Memoirs of Sir Andrew Melvill. Translated from the French […] With a forword by Sir Ian Hamilton. London / New York 1918. [Die Originalausgabe trägt den Titel: Andre DE MELVILL: Memoires de Chevalier de Melvill […]. Amsterdam 1704.].

Bernhard von Poten: Melvill, in: Allgemeinde Deutsche Biographie 21. Bd, Berlin 1970 (Nachdruck der 1. Auflage von 1885), S. 303f.

Kurt W. Seebo: Die Melvill´s (Manuskript Samtgemeindearchiv Eschede) o.J.

Heinrich Talla: Die Seelige Ruhe, und der Theure Genaden-Lohn Derer, die in dem HERRN sterben. Zum Ehren-Gedächtnis des weyland Hoch-Wohlgebohrnen Herrrn, HERRN Georg Ernest von Melvill, Seiner Königl. Majestät von Groß-Britannien und Chur-Fürstl. Durchl. zu Braunschweig-Lüneburg gewesenen hochbetrauten Generals der Infanterie, Obersten über ein Regiment zu Fuß, Gouverneurs der Befestung Hameln, und Commendanten der Residentz Hannover. Erb- und Gerichts-Herrn auf Altendorff, und dem Basbeck, auch Herrn von Habighorst. Als Derselbe am 14ten Jan. 1742. allhier in Celle, im 74ten Jahr seines Ruhmvollen Alters, seine theure Seele in die Hände seines Erlösers glaubens-voll übergeben. Und darauf dessen entseelte Gebeine, am 6ten Febr. in der Erb-Begräbnis zu Eschede, mit allen Solennitäten beygesetzet worden. Bey volckreicher Versammlung am 9ten Febr. in der hiesigen Reformierten Kirchen aus Offenb. Joh. XIV, v. 13. vorgestellet und hernach auf Begehren zum Druck befordert von Heinrich Talla, Diener des göttlichen Wortes bey der Reformierten Teutschen Gemeinde, in Celle.

Dieses Werk ist verbunden mit: Der glückseelige Tag des Todes, Bey dem Tödlichen Hintritt, Des weyland Hoch-Wohlgebohrnen Herrn, HERRN Georg Ernest von Melvill, Seiner Königl. Majestät von Groß-Britannien und Chur-Fürstl. Durchl. zu Braunschweig-Lüneburg gewesenen hochbetrauten Generals der Infanterie, Obersten über ein Regiment zu Fuß, Gouverneurs der Befestung Hameln, und Commendanten der Residentz Hannover. Erb- und Gerichts-Herrn auf Altendorff, und dem Basbeck, auch Herrn von Habighorst. Als Derselbe, am 6ten Febr. 1742 zu Seiner Ruhe-Kammer, in der Erb-Begräbnis zu Eschede, mit allen Solennitäten gebracht wurde. In einer Parentation vorgestellet von Heinrich Talla, Celle 1742.

Henri Tollin: Geschichte der hugenottischen Gemeinde von Celle (= Geschichtsblätter des Deutschen Hugenotten-Vereins, II, 7 u. 8), Magdeburg 1893.

Von Uslar: General Melvill, in: Neues vaterländisches Archiv oder Beiträge zure allseitigen Kenntnis des Königreichs Hannover wie es war und ist … Vierter Band, Lüneburg 1823, S. 167-174.

Evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Eschede: Kirchenbuch Eschede, Bd. 2, Verzeichnisse der Getrauten und Verstorbenen 1681-1694, 1706-1750.

Ev.-ref. Kirchengemeinde Celle, Bestand 2, Nr. 13: Protokollbuch des Französisch-reformierten „consistoire“ (Presbyteriums), 1. Bd. 1687-1729, 1732-1735, 1737-1750.

Ev.-ref. Kirchengemeinde Celle, Best. 2, Nr. 129: 2. Kirchenbuch der Französisch-reformierten Gemeinde Celle, 1705–1810.

Ev.-ref. Kirchengemeinde Celle, Best. 2, Nr. 163: Synode in Celle 1719-1722: Brief de Melvill, verfasst in Diekhorst am 17. Februar 1722.

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