Plocksche Mdchenschule

Schule in Celle musste oft ums berleben kmpfen

Die Plocksche Schule, 1741 gegrndet, war Celles lteste Mdchenschule: Darum war die privat betriebene Lehrsttte den Herrschenden ein Dorn im Auge (Teil 1).

  • Von Cellesche Zeitung
  • 03. Jul 2021 | 06:00 Uhr
  • 10. Jun 2022
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Celle.

Obwohl Herzog Georg Wilhelm von Braunschweig-Lneburg in einer Verordnung vom 22. Mrz 1689 keine Winkelschulen billigte, kam es in Celle im 18. und 19. Jahrhundert zur Grndung einer ganzen Anzahl derartiger, nicht von der Obrigkeit legitimierten, Privatschulen. Dazu zhlte die Plocksche Mdchenschule, deren ber 80-jhrige Geschichte im Folgenden dargestellt wird. Sie war die lteste Celler Tchterschule.

Judith Louise Beranger grndete Mdchenschule in Celle

Die Grnderin der Plockschen Schule war Judith Louise Beranger (1723 bis 1792), eine Tochter des hugenottischen Perckenmachers (matre perruquier) Isaac Beranger (Brenger) ( 1747) und der aus Celle stammenden Dorothe Falk ( 1739). Der im Poitou geborene Vater zhlte zu den hugenottischen Glaubensflchtlingen, die zur Zeit Herzog Georg Wilhelms und seiner Frau Elonore Desmier dOlbreuse in Celle Aufnahme gefunden hatten.

1742 heiratete Judith Louise Beranger aus der Francs[ischen] Gemeinde den aus Kassel stammenden Perckenmacher Johan Henrich Plock (beziehungsweise Block), der ein Gemeindeglied der Deutsch-reformierten Gemeinde Celle war. (Da die Schreibweise des Familiennamens spter zumeist Plock statt Block lautete, wird in diesem Text stets der Name Plock verwendet.) Interessant ist die Tatsache, dass sowohl der Vater als auch der Ehemann zu den fhrenden Kpfen der in Celle unterdrckten Herrnhuter Brdergemeine zhlten. Wenn das angegebene Grndungsjahr 1741 korrekt ist, dann wurde die Plocksche Schule von Judith Louise Plock, geb. Beranger, ein Jahr vor ihrer Hochzeit ins Leben gerufen.

Privatschulen in Celle nicht geduldet

Allgemein wird die Schulsituation in Celle fr jene Zeit als uerst schlecht beurteilt. Generalsuperintendent Plesken schrieb im Jahre 1750 dem Burgvogt: Der Zustand der Schulen wegen der unerlaubten Freiheit der Eltern, ob sie ihre Kinder zur Schule schicken wollen oder nicht, ist wohl nirgend so schlecht wie in und um Celle. Mittels obrigkeitlicher Verordnungen gelang es schlielich, die schulische Situation in Celle zu verbessern. Grundlage hierfr blieb die Verordnung Herzog Georg Wilhelms vom 22. Mrz 1689, die auch im 18. und 19. Jahrhundert noch gltig war. Diese besagte unter anderem, dass der lutherische Generalsuperintendent dafr Sorge tragen sollte, dass in Celle keine Winkelschulen geduldet und niemand zum Schulmeister berufen werden drfe, sofern er nicht zuvor vom Generalsuperintendenten geprft und fr tchtig befunden wurde. Clemens Cassel schreibt: Den Winkelschulmeistern wurde grndlich das Handwerk gelegt.

Handarbeiten und Franzsischunterricht Spezialitt der Plockschen Schule

Dennoch scheint die Plocksche Mdchenschule von den Manahmen kaum betroffen worden zu sein. Leider liegen aus dem 18. Jahrhundert keinerlei Quellen vor, die von dieser Bildungseinrichtung Bericht geben. Aus Texten des 19. Jahrhunderts geht hervor, dass Handarbeiten sowie der Franzsischunterricht die Spezialitt dieser Schule waren Das ist angesichts der franzsischen Vorfahren der Lehrerinnen naheliegend. Doch Exakteres ber die Zahl und das Alter der Schlerinnen oder den sonstigen Unterrichtsstoff mitzuteilen, ist wegen der drftigen Quellenlage fr das 18. Jahrhundert nicht mglich.

Lcke im Celler Schulangebot geschlossen

Offensichtlich schloss die Plocksche Schule eine bestehende Lcke im Celler Schulangebot. War fr die Jungen durch die Lateinschule fr hhere Bildung gesorgt, so gab es fr Mdchen keine weiterfhrende Bildungseinrichtung in der Stadt Celle. So konnte 1786 noch der Pdagoge Campe zur allgemeinen Ausbildungssituation fr Mdchen in Deutschland kritisch uern: Was das weibliche Geschlecht betrifft, so scheint es [...] gleichviel zu sein, ob Mensch oder Meerkatzen daraus wrden, so wenig kmmert man sich darum. In den niederen Stadtschulen lernten die Kinder nur Religion, Lesen, Schreiben, Rechnen und gemeinntzige Kenntnisse. Das war manchen Eltern fr ihre Tchter zu wenig. Wer sich keinen Privatlehrer leisten konnte, war auf den Unterricht in einer Winkelschule angewiesen. Von diesen scheint die Plocksche Tchterschule am anerkanntesten (Theophil Besch) gewesen zu sein.

Mindestens zehn eigene Kinder

Da es zumeist finanzielle Grnde waren, die Frauen dazu bewogen, als Lehrerin Kinder zu unterrichten, darf vermutet werden, dass das Geschft von Johan Henrich Plock nicht allzu gut florierte. Die groe Zeit der Perckenmacher gehrte der Vergangenheit an. Nach dem Tode ihres 39-jhrigen Mannes im Jahr 1784 war Judith Louise Plock auf die Schuleinknfte angewiesen. Wie sie allerdings die Schule trotz ihrer mindestens zehn eigenen Kinder gefhrt hat, bleibt ein Rtsel. Das Kirchenbuch der Franzsisch-reformierten Gemeinde Celle nennt 1747 die Taufe von Louise Anne Catherine und das Kirchenbuch der Deutsch-reformierten Gemeinde nennt die Taufen: 1743 Johann Henrich Block, 1749 Maria Dorothea Charlotte, 1750 Henriette Maria Magdalena, 1754 Georg Karl, 1756 Maria Louise Dorothea, 1758 Maria Magdalena, 1761 Maria(nne) Ernestine und 1763 Georg Ludwig. Ein weiterer, allerdings mit der Taufe nicht in den Kirchenbchern verzeichneter Sohn war Wolfgang Georg August Plock.

Lehrerinnen waren vllig auf Selbstbildung gestellt

Die Tochter Marianne Ernestine Plock schreibt: Unter Ihrer Anleitung und mtterlichen Aufsicht wurden wir [Henriette Maria Magdalena Plock und Marianne Ernestine Plock] Lehrerinnen in Ihrer Schule, bis der Tod 1787 uns die liebe Mutter nahm [Pastor Jacques Emanuel Roques nennt im Kirchenbuch der Franzsisch-reformierten Gemeinde Celle erstaunlicherweise den 11. Januar 1792 als Sterbedatum fr die veuve Block]. Durch ihren Willen, durch die Gte der Eltern, die uns ihre Kinder anvertrauten, wurden wir in den Stand gesetzt, die Schule unter dem Beifalle der hheren und mittleren Klassen fortzusetzten. Dieses Zitat belegt eindeutig, wie damals Lehrerinnen vllig auf Selbstbildung gestellt waren, da es fr sie keine Lehrerinnenseminare gab.

Witwe kaufte Haus Groer Plan 10 in Celle fr 300 Taler

Da bislang weder das Wohnhaus des Perckenmachers Beranger noch das des Perckenmachers Plock bekannt ist, lsst sich auch nichts ber den anfnglichen Standort der Plockschen Schule sagen. 1766 wurde das Haus Groer Plan 10 (heute Boutique Liberty) von der Witwe Judith Louise Plock fr 300 Taler gekauft. Nach ihrem Tode gehrte das Haus ihren Kindern, dem Perckenmacher Amtsmeister Wolfgang Georg August Plock sowie seinen beiden als Lehrerinnen ttigen Schwestern Henriette Maria Magdalena und Marianne Ernestine. Obwohl dieses Haus 1803 von den drei Kindern an den Schneidermeister Franziskus Bertram verkauft wurde, bestand die Schule weiterhin am Groen Plan fort. Bisher konnte noch nicht ermittelt werden, ob der Unterricht weiter im Hause Nummer 10 oder in einem anderen Haus auf an dem Platz stattfand.

Bedrohliche Entwicklung fr Winkelschulen

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam es zu einer Entwicklung, die fr die Plocksche Schule wie auch fr die anderen wiedererstandenen Winkelschulen in der Stadt Celle bedrohlich wurde. Der lutherische Konsistorialrat Johann Conrad Eggers (1741 bis 1814) hatte gleich zu Beginn seines Amtsantritts in Celle 1805 eine hhere Tchterschule als Privatanstalt gegrndet, die Keimzelle des heutigen Kaiserin-Auguste-Viktoria-Gymnasiums. In dieser Schule sollten nach Eggers nicht nur die weiblichen Arbeiten jeder Art, sondern auch Religion und andere fr die gebildeten Frauenzimmer ntige Wissenschaften, vorzglich die franzsische Sprache gelehrt werden.

Konkurrenz in Celle fr hhere Tchterschule

Der Konsistorialrat sah in den bestehenden Winkelschulen eine unerwnschte Konkurrenz fr seine neugegrndete hhere Tchterschule. Doch im Kampf gegen diese Nebenschulen, bei dem sich Eggers stets auf das herzogliche Edikt aus dem Jahre 1689 berief, hatte der Theologe ganz offensichtlich nicht die ntige Untersttzung durch den Celler Magistrat gefunden. Theophil Besch meint: Er [der Magistrat] will wohl Brger und Brgerinnen der Stadt nicht ihr Brot nehmen. Georg Breling dagegen kommt zu dem Schluss: Die Brgerschaft scheint sie [die Nebenschulen] gewnscht zu haben, weshalb der Magistrat nie entschieden gegen das Nebenschulwesen vorging.

Bekmpfung der Winkelschulen

1812 schlug Eggers als Mittel zur Bekmpfung der Winkelschulen die Einrichtung einer Schulkommission vor, welche die Schulpolizei ausben sollte. Doch wurde seinem Gesuch nicht stattgegeben. Da in der napoleonischen Kriegszeit die Zahl der Schlerinnen der hheren Tchterschule zugunsten der preisgnstigeren Winkelschulen weiter zurckging, wandte sich der Konsistorialrat am 31. Dezember 1813 klagend an das knigliche Konsistorium. Da Eggers bereits im Jahr darauf starb, konnte er einen Entscheid in dieser Sache nicht mehr in Hnden halten.

Plocksche Schule verliert Schlerinnen

Die Bestrebungen Eggers hatten fr die nicht verheirateten und somit sozial nicht abgesicherten Schwestern Henriette Maria Magdalena und Marianne Ernestine Plock groe finanzielle Nachteile zur Folge. Die jngere Schwester berichtet in einem Schreiben vom 14. Januar 1806 davon, dass die Plocksche Schule durch das von Konsistorialrat Eggers gegrndete Institut beinahe die Hlfte von unseren Schlerinnen verloren habe. Doch etwa die Hlfte der Eltern vertraute ihre Kinder weiterhin den Plock-Schwestern an.

Die sinkende Zahl von Schlerinnen und der schlechte Gesundheitszustand der beiden Schwestern hatte zur Folge, dass man sich an die Evangelisch-reformierte Gemeinde, die 1805 durch den Zusammenschluss der Franzsisch- und Deutsch-reformierten Gemeinde gebildet worden war, um Untersttzung bat.

Von Andreas Flick

Quellen

Theophil BESCH: Aus dem Leben der Kaiserin Auguste-Viktoria-Schule in Celle 1805-1930, Celle 1930.

Wilhelm BEULEKE: Die Hugenotten in Niedersachsen, Hildesheim 1960 (= Quellen und Darstellungen zur Geschichte Niedersachsens. Hrsg. vom Historischen Verein fr Niedersachsen, Bd. 58).

Georg BRELING: Geschichte der Stdtischen Mittelschule (Brgerschule) in Celle, Celle 1934.

Clemens CASSEL: Geschichte der Stadt Celle mit besonderer Bercksichtigung des Geistes- und Kulturlebens der Bewohner, Bd. 2, Celle 1934.

Andreas FLICK: Die Geschichte der evangelisch-reformierten Schulen in der Stadt Celle 1691-1894. In: Celler Chronik 5. Beitrge zur Geschichte und Geographie der Stadt und des Landkreises Celle, Hrsg: Museumsverein Celle, Celle 1992, S. 55-92.

Maria HINZ: Unsere Schule im Spiegel der Entwicklung des hheren Mdchenschulwesens. In: Festschrift zum 150-jhrigen Bestehen der Kaiserin-Auguste-Schule Celle 1805-1955, Celle 1955, S. 30-46.

Carsten MAEHNERT: Geschichte des Celler Friseur-Handwerks. Bader, Barbiere, Perckenmacher und Friseure im Wandel der Zeit, Celle 1986 (= Schriftenreihe des Bomann-Museums und des Stadtarchivs Celle, Heft 13).

Erich WENNEKER: Von der Aufklrung bis zum Neuluthertum. Die Jahre 1740-1866. In: Die Kirche in Celle. Beitrge zur Kirchengeschichte. Hrsg. Ev.-luth. Kirchenkreis Celle, Ev.-ref. Gemeinde Celle, Kath. Kirchengemeinde St. Ludwig, Celle 1992, S. 127-144.

Archiv der Ev.-ref. Gemeinde Celle (Ev.-ref. Gemeinde): Bestand 1, Nr. 129. 2. Kirchenbuch der Franzsisch-reformierten Gemeinde Celle, 1705-1810.

Ev.-ref. Gemeinde: Bestand 2, Nr. 3. Consistorialbuch der Deutsch-reformierten Gemeinde Celle, 1710-1967.

Ev.-ref. Gemeinde: Bestand 2, Nr. 56. Kirchenbuch der Deutsch-reformierten Gemeinde Celle, 1709-1937.

Ev.-ref. Gemeinde: Bestand 3, o. Sign. Brief des Hofmedicus Dr. F. Heine vom 18. Januar 1806.

Ev.-ref. Gemeinde: Bestand 3, o. Sign. Brief der Marianne Ernestine Plock vom 14. Januar 1806.

Stadtarchiv Celle (StACe): 17B 641. Beschwerde des Konsistorialrates Eggers beim Konsistorium in Hannover wegen der Winkelschulen 1805-1810.

StACe: 17B 642. Die zum Nachteil der hiesigen Stadtschule bestehenden Winkelschulen 1814-1823.

StACe: Abschrift der Rolla [...] fortgesetzt und mglichst vermehrt von Theodor Sprenger, 1894.

Niederschsisches Landesarchiv, Hauptstaatsarchiv Hannover (NLA HStA): Hann. 72 Celle Nr. 299. Stadt- und Kontraktenbuch.

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