Eléonore d’Olbreuse

Sie war keine fanatische Hugenottin

Vor 300 Jahren starb Celles letzte Herzogin Eléonore d'Olbreuse. So setzte sich die Hugenottin für Unterdrückte ein und so war ihr Verhältnis zum Katholizismus.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 05. Mar 2022 | 06:00 Uhr
  • 10. Jun 2022
  • Von Cellesche Zeitung
  • 05. Mar 2022 | 06:00 Uhr
  • 10. Jun 2022
Anzeige
Celle.

Celles letzte Herzogin Eléonore d’Olbreuse (geb. 3. Januar 1639 Schloss von Olbreuse; gest. 5. Februar 1722 in Celle) wurde zwar erst 75 Jahre nach dem Tod des Reformators Johannes Calvin (geb. 10. Juli 1509 in Noyon, Picardie; gest. 27. Mai 1564 in Genf) geboren. Gleichwohl war ihr ganzes Leben durch die Auswirkungen der Reformation geprägt. Nicht nur, dass sie von Kindheit an die Unterdrückung und Verfolgung der Hugenotten in ihrer französischen Heimat unmittelbar miterlebte, sondern auch weil ihr Lebensweg durch die religiösen Umbrüche ihrer Zeit geprägt war. Eléonores Fortzug zunächst in die Niederlande und später nach Celle sind auch eine unmittelbare Folge der intoleranten Religionspolitik des französischen Königs Ludwig XIV., da sie als hugenottische Adelige in Frankreich keine Perspektive hatte.

Zunächst loyal gegenüber König Ludwig XIV.

Zunächst hatte Eléonore, die sich gegenüber dem französischen König Ludwig XIV. loyal zeigte, als vertraute Beraterin des Herzogs noch das Bündnis mit dem „Sonnenkönig“ unterstützt. Es ist belegt, dass sie großen Einfluss auch auf politische Entscheidungen Georg Wilhelms hatte, zumal dieser ihr erstaunliche Betätigungsmöglichkeiten im diplomatischen Bereich zubilligte. So schrieb noch 1679 der französische Diplomat François de Rébenac an Ludwig XIV.: „Die Frau Herzogin von Celle hat mehr Einfluß als jemals zuvor auf die Entscheidungen ihres Gemahls. – Wenn sich dieselbe auch früher wenig mit der Politik gefaßt hat, so war sie es doch jedenfalls, welche das Bündnis mit Eurer Majestät zu Stande gebracht hat.“

Später in Opposition zum französischen „Sonnenkönig“

Mit harten Bandagen versuchte der französische Souverän später, einen Bündniswechsel des Hauses Braunschweig-Lüneburg zu verhindern. „Die Herzogin legt einen außerordentlichen Eifer für ihren Glauben an den Tag und sucht ihren Gemahl mit fortzureißen“, schrieb der französische Gesandte am Celler Hof Bourgeauville mit kritischem Unterton an seinen König. Und drei Tage später brachte er zu Papier: „Der Herzog von Celle hat sogar mit Bezug auf Euer Majestät ausgesprochen, daß ein Fürst, der seinen Unterthanen gegenüber sein Wort nicht halte, dieselben berechtige, sich einen anderen Herrn zu suchen … die Einflüsterungen der Frau Herzogin gaben zu solchen Aueßerungen mehr Anlaß als die natürlichen Neigungen des Herzogs.“

Kriegserklärung des Celler Herzogs gegen Ludwig XIV.

Ludwig XIV. nannte das Verhalten Eléonores, das gewiss auch als Reaktion auf dessen intolerante Religionspolitik gegenüber den französischen Protestanten zu verstehen ist, ein „Wüthen gegen die eigenen Interessen“. 1689 erfolgte schließlich die offizielle Kriegserklärung des Celler Herzogs gegen Ludwig XIV., so dass sich auch braunschweig-lüneburgische Truppen am pfälzischen Erbfolgekrieg (1688 bis 1697) beteiligten.

Einfluss auf englische Thronfolge

Im Oktober 1698 weilte der englische König William III., der zugleich Statthalter der Niederlande war, im Fürstentum Lüneburg, um an der Jagd teilzunehmen. Im Jagdschloss Göhrde kam es zu einem Vieraugengespräch zwischen dem Monarchen und Eléonore. Instruiert von Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 bis 1716) sprach die Herzogin auch das Thema der englischen Thronfolge an. Dabei legte sie William III. nahe, die hannoversche Kurfürstin Sophie mit ihrer Nachkommenschaft offiziell in die englische Thronfolge aufzunehmen. Die Reaktion des Königs soll positiv gewesen sein.

Weichen für das „House of Hanover“ gestellt

Als Georg Wilhelm, der vorab nicht von dem Plan seiner Frau informiert worden war, nachfragte, warum er nicht in die Sache eingeweiht worden sei, soll sie geantwortet haben, sie hätte befürchten müssen, dass er es ihr verbieten würde. 1701 wurde in Großbritannien schließlich der „Act of Settlement“ erlassen, der vorsah, dass die britische Kronwürde an Sophie und ihre Nachkommen übertragen werden würde, sollte William III. und dessen Schwägerin, Königin Anne, ohne Nachkommen sterben. Damit waren die Weichen für das „House of Hanover“ gestellt.

Engagement der Herzogin von Celle für Unterdrückte

Durch die Intervention und die guten diplomatischen Beziehungen der Herzogin von Celle war ihre poiteviner Heimat bei den Zwangsmaßnamen, die man gegen die französischen Protestanten anordnete, zunächst noch relativ geschützt. Um 1660 lebten im Poitou rund 77.000 bis 80.000 reformierte Christen. Die 1681 beginnenden Dragonaden (zwangsweise Einquartierung von Dragonern in protestantische Häuser, verbunden mit Plünderungen und Folter) und weitere Repressalien führten jedoch zur Konversion von rund 39.000 Reformierten zur katholischen Kirche und zur Emigration zahlreicher hugenottischer Poitevins.

Familie d’Olbreuse gewährte verfolgten Hugenotten Unterschlupf

Die Familie d’Olbreuse gewährte verfolgten Hugenotten so lange wie möglich Unterschlupf. Offensichtlich wirkte sich die Protektion aus dem fernen Celle noch als Schutz aus, weil Ludwig XIV. bei der Familie d’Olbreuse aus außenpolitischen Gründen noch Zurückhaltung übte. Nach der Aufhebung des Edikts von Nantes am 18. Oktober 1685, das den Reformierten bislang zumindest auf dem Papier Schutz gewährt hatte, wurden jedoch auch im Poitou die letzten reformierten Kirchengebäude zerstört, darunter auch das in Mauzé. Nach der Revokation des Edikts von Nantes konnte sich auch keine protestantische adelige Familie mehr in Sicherheit wiegen. Madame de Maintenon, die letzte Mätresse Ludwigs XIV., setzte Madame Olbreuse darüber in Kenntnis, dass sie keine Flüchtlinge mehr schützen dürfe und dass sie bei Nichtbeachtung Dragoner heimsuchen würden.

Fürsprecherin für Glaubensflüchtlinge aus Frankreich

Eine größere Zahl der poiteviner Glaubensflüchtlinge begab sich nach Celle, wo sie in Eléonore Desmier d’Olbreuse eine engagierte Fürsprecherin fanden. Leider gibt es keine Quellen darüber, ob und wie Eléonore und die ersten nach Celle gekommenen Hugenotten direkt nach 1665 im lutherischen Fürstentum Lüneburg ihren Glauben praktizieren konnten.

Die Situation klärte sich spätestens mit dem am 7. August 1684 von Herzog Georg Wilhelm erlassenen Edikt, das Anhängern der reformierten Konfession im Fürstentum Lüneburg Aufnahme und Unterstützung versprach.

Gründung einer offiziellen Französisch-reformierten Kirchengemeinde in Celle

Dieses Edikt, das ursprünglich primär auf die Ansiedlung von in England verfolgten Dissenters in der Stadt Lüneburg zielte, wandelte sich angesichts der Aufhebung des Edikts von Nantes zu einem Hugenottenprivileg. 1686 kam es „mit Erlaubnis des Herzogs […] und durch den Eifer der Herzogin“ zur Gründung einer offiziellen Französisch-reformierten Kirchengemeinde, die naturgemäß eine starke höfische Prägung besaß und sich hinsichtlich ihrer Sozialstruktur von den meisten Hugenottengemeinden im deutschen Refuge unterschied.

Ihr erster Pastor wurde ein Verwandter der Herzogin, der zuvor erwähnte Louis Suzannet de la Forest, Seigneur de Puycouvert. Zur Bildung eines ersten Presbyteriums (consistoire) kam es jedoch erst im Jahr 1688. Mit Genehmigung der Herzogin wurden fünf hoch angesehene reformierte Männer in das Leitungsgremium der Hugenottengemeinde berufen. Für lutherische Gemeinden war damals eine Gemeindeleitung durch Laien noch undenkbar.

Celler Schloss als gottesdienstlicher Versammlungsort

Im Celler Schloss fungierte zunächst ein Zimmer im Wohntrakt der Herzogin als gottesdienstlicher Versammlungsort der neu gegründeten Gemeinde. Der calvinistische Historiograph Gregorio Leti, der 1686/1687 während einer mehrmonatigen Deutschlandreise auch den Celler Hof besuchte, schrieb Folgendes mit seiner Feder über die Gottesdienste nieder: „Im Augenblick findet man hier auch die Reformierten, wegen der Frau Herzogin, die seit kurzem mit Zustimmung seiner Durchlaucht des Herzogs für sich und die anderen Reformierten, die es am Hofe gibt oder die in der Stadt wohnen, einen Pastor hat kommen lassen. Dieser Pastor heißt Herr de la Forest. Er ist ein Mann aus gutem Hause, führt ein musterhaftes Leben, ist gut erzogen und ein Gelehrter. Zur Zeit predigt er gewöhnlich im Zimmer Ihrer Durchlaucht der Herzogin, und das soll so lange geschehen, bis die Zahl der Anhänger dieser Religion groß genug ist, um eine Kirche zu benötigen. Bis jetzt aber ist deren Zahl noch nicht groß genug, denn es sind erst wenige französische Flüchtlinge hier angekommen. Als ich hier war, waren am Hof und in der Stadt noch nicht einmal 150 Mitglieder dieser Gruppierung vorhanden. Die Frau Herzogin bezeigt für die Religion so viel Eifer und Andacht, daß sie ganz einfach nicht frommer sein könnte.“

Eléonore Desmier d’Olbreuse unterstützt Gemeinde großzügig

Zur finanziellen Ausstattung der französischen Gemeindepfarrstelle hatte die Herzogin die beachtliche Summe von 3000 Talern gestiftet, die bei den Ständen des Herzogtums zur Verzinsung angelegt wurden. „Da die Herzogin unermüdlich unserer Gemeinde Gutes thut“ beschloss das consitoire ein „Denkmal seiner Dankbarkeit für die Nachwelt zu stiften“ („un monument de notre gratitude à ceux qui nous succéderont“), indem es die große „Freigebigkeit“ (largesse) und ihren heiligen „Eifer“ (zèle) am 20. April 1703 in dem Protokollbuch der Französisch-reformierten Gemeinde dokumentierte. Weitere 3000 Taler vermachte die Herzogin ihrer Gemeinde bei ihrem Tod.

Celler Hugenotten wollen eigene Kirche

Erst als in der Residenzstadt die Zahl der reformierten Glaubensflüchtlinge nach der Aufhebung des Edikt von Nantes (1685) auf circa 300 Personen angewachsen war und der Friede von Rijswijk (1697) eine Rückkehr in die französische Heimat endgültig ausschloss, erbaten die Celler Hugenotten die Genehmigung zum Bau einer eigenen Kirche. Der im Jahr 1700 mit herzoglicher Genehmigung errichtete „temple“ verfügte im Innenraum auch über einen Fürstenstuhl. Die Herzogin bezuschusste den Bau des rund 5000 Taler teuren Kirchengebäudes mit 400 Talern aus ihrer Privatschatulle und ihr Mann mit 500 Talern.

Arme Glaubensflüchtlinge in Celle auch im Blick

Allerdings fanden weiterhin reformierte Hofgottesdienste in den Gemächern der Herzogin statt, die von den jeweiligen reformierten Hausgeistlichen der Herzogin gestaltet wurden. Eléonore nahm regen Anteil am Geschick der Hugenottengemeinde und sie beeinflusste auch die eine oder andere Entscheidung. Nicht nur die Französisch-reformierte, sondern auch die offiziell 1709 gegründete Deutsch-reformierte Gemeinde wurde von Eléonore finanziell bedacht. So erhielt deren erster Pastor Johann Heinrich Schmucker „in betracht seiner meriten und der gemeinde armuth“ von der verwitweten Herzogin jährlich zwischen 20 und 30 Taler. 1721 hatte Eléonore der Gemeinde sogar 600 Taler zukommen lassen, die für den Erwerb eines Predigerhauses verwendet wurden.

Die Hugenottin hatte auch die armen Glaubensflüchtlinge in Celle im Blick. Sie mietete bis 1689 für 14 Taler vierteljährlich eine „Maison française“ an, das als Armenhaus, Siechenhaus und als „Herberge zur Heimat“ der Französisch-reformierten Gemeinde verwendet wurde.

Die finanzielle Hilfe für Hugenotten seitens der Herzogin blieb jedoch nicht auf das Fürstentum Lüneburg beschränkt. In den Niederlanden unterstützte sie in Harlem die „Société des demoiselles réfugiées de Harlem“, ein Stift für unverheiratete junge adelige Damen, die aus Frankreich geflohen waren. In der französischen Heimat noch privilegiert, befanden sie sich im Refuge nun in einer finanziellen Notlage.

Dachte Eléonore d’Olbreuse an Übertritt zum Katholizismus?

Eléonore d’Olbreuse war keine fanatische Calvinistin. So studierte sie auch religiöse Schriften von katholischen Verfassern. Ihr Biograph Horric de Beaucaire hielt es nicht für unwahrscheinlich, dass Eléonore eine Zeit lang an den Übertritt zum Katholizismus dachte. Die tolerante religiöse Gesinnung der Herzogin spiegelt sich auch in ihrem Testament wieder. Darin bedachte sie neben den Armen der Deutsch- und Französisch-reformierten Gemeinde ausdrücklich auch die Armen der katholischen und lutherischen Gemeinde in Celle, denen freilich deutlich geringere Summen vermacht wurden.

Celler Hof stark französisch geprägt

Eléonore d’Olbreuse prägte sie den Celler Hof in besonderer Weise. Vermutlich kein Hof im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation war so französisch geprägt wie der in Celle. Ohne die Französin hätte es zweifellos nicht die kulturelle Entfaltung gegeben, die unter anderem zur Gründung des bis heute bestehenden Celler Schlosstheaters führte. Ihre religiöse Toleranz wie auch ihr Engagement für Glaubensflüchtlinge sind bleibende Impulse.

In Celle wird mit zahlreichen Aktionen der Hugenottin gedacht

Die Stadt Celle versagte ihrer letzten Herzogin ungewöhnlich lange die Ehrung, wobei möglicherweise alte antifranzösische Ressentiments mit eine Rolle gespielt haben könnten. Erst 2002 erhielt ein kleiner Zufahrtsweg im Französischen Garten den Namen Herzogin-Eleonore-Allee. 2010 wurde ihr Leben und Werk zusammen mit dem ihrer Tochter Sophie Dorothea in einer Ausstellung unter dem Motto „Mächtig verlockend. Frauen der Welfen“ im Celler Residenzmuseum gewürdigt. Zudem erfolgte im selben Jahr die Ehrung der letzten Celler Herzogin im Rahmen der Initiative FrauenORTE des Landesfrauenrates Niedersachsen, so dass seither in Celle mit zahlreichen Aktionen der Hugenottin gedacht wird.

Von Andreas Flick

Von