Besondere Gemeinden

Celler Freikirchen: So haben sie sich entwickelt

In Celle gibt es drei freikirchliche Gemeinden, deren Wurzeln in den 50er Jahren liegen. Was ist das Besondere dieser Glaubensgemeinschaften? Und wie haben sie sich entwickelt?

  • Von Cellesche Zeitung
  • 24. Juni 2020 | 16:17 Uhr
  • 10. Juni 2022
Der deutsche Evangelist Hermann Zaiss war der Gründer der meisten Ecclesia-Gemeinden.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 24. Juni 2020 | 16:17 Uhr
  • 10. Juni 2022
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Celle.

Im Sachsenspiegel ist bereits zweimal die Geschichte von Celler Freikirchen thematisiert worden. Vorgestellt werden in diesem Beitrag nun drei freikirchliche Kirchengemeinden, deren Wurzeln in den 1950er Jahren liegen. Es handelt sich um die 1956 gegründete Gemeinde der Christen Ecclesia (heute Ecclesia Christengemeinde), die 1957 entstandene Freie Christengemeinde (heute Christus Zentrum Celle) und die Anfang der 1950er Jahren gegründete Gemeinde „Christen in Celle“.

Finanzierung aus Beiträgen und Spenden

Alle hier vorgestellten Gemeinden befürworten eine Trennung von Kirche und Staat und erhalten keine Finanzmittel aus der Kirchensteuer. Sie finanzieren sich durch freiwillige Beiträge und Spenden. In Ablehnung der Kindertaufe praktizieren sie die Erwachsenentaufe (Glaubenstaufe). Die beiden erstgenannten Gemeinden engagieren sich auch in der „Evangelischen Allianz Celle“, die Teil der Bewegung der „Deutschen Evangelischen Allianz“ ist.

Die Ecclesia Christengemeinde in Celle:

Die pfingstlerische Freikirche „Ecclesia Christengemeinde“ in Celle ist heutzutage eine von bundesweit rund 50 Ecclesia-Gemeinden. „Ecclesia“ wird in der Bibel die christliche Gemeinde genannt. Der Gründungsvater dieser Gemeinden war der Solinger Rasierklingenfabrikant und Heilungsevangelist Hermann Zaiss (1889-1958), der eine fundamentalistische Bibelauslegung bezüglich der Glaubens- und Lebenspraxis vertrat und dem zahlreiche Heilungswunder zugeschrieben wurden. So trägt auch ein Buch über ihn den Titel „Lahme tanzen unter der Kanzel“. Zaiss, der sowohl die evangelischen Landeskirchen als auch die Kindertaufe kritisierte, berief sich auf einen 1944 an ihn persönlich ergangenen Auftrag, das Evangelium Jesu Christi ohne Bindung an irgendeinen Menschen oder eine Kirche zu verkündigen.

Erste Veranstaltungen der „Ecclesia“ 1956 bei Uhrmacher Klingelhöfer

Die Celler Gemeinde kann auf eine über 60-jährige Geschichte zurückblicken. Die ersten Veranstaltungen der „Ecclesia“ fanden im Jahr 1956 beim Uhrmacher Klingelhöfer in der Mauernstraße 37 statt. Wie andere neu gegründete freie Glaubensgemeinschaften in Celle, mietete die Gemeinde damals für ihre Veranstaltungen zunächst Schulräume bei der Stadt an.

Die Gaststätte „Blühende Schiffahrt“ gehörte zu jenen Orten, an denen sich anfangs die „Gemeinde der Christen Ecclesia, Ortsgemeinde Celle“ traf.

1957 und 1958 kam Hermann Zaiss nach Celle, wo er in der „Union“ beziehungsweise im Schützenhaus in Westercelle Evangelisationsveranstaltungen durchführte. Die Celler Ecclesia Christengemeinde traf sich fortan im Wechsel in der Gaststätte „Blühende Schiffahrt“ und in der „Städtischen Mittelschule“ am Heiligen Kreuz. Zu dieser Zeit nannte man sich noch „Gemeinde der Christen Ecclesia, Ortsgemeinde Celle“.

Etwas mehr als 100 Gemeindemitglieder

Die Gemeindegeschichte zeichnet sich durch zahlreiche Wechsel der Versammlungsorte aus, unter anderem im Gewerbepark Spinnhütte. Im Dezember 2006 erwarb die „Ecclesia Christengemeinde“ das ehemalige Telekomgebäude an der Königsberger Straße 47. Ende des Jahres 2007 konnten die umgebauten Räumlichkeiten bezogen werden. Die Gemeinde, die Mitglied im „Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden KdöR (BFP)“ ist, zählt etwas über 100 Gemeindeglieder, hinzu kommen weitere 100 Personen, die zum engeren Freundeskreis gehören. Geleitet wird die Gemeinde durch ein Ältestenteam, dem auch der Gemeindeleiter und Pastor angehören. Dass Frauen predigen, ist in der „Ecclesia Christengemeinde“ schon lange Praxis.

Starke Kinder- und Jugendarbeit

Auf ihrer Homepage äußert die Gemeinde: „Unsere Gottesdienste leben mit Musik und alltagsrelevanter Verkündigung […]. Unsere Inhalte sind biblischen Ursprungs und christuszentriert […].“ Zu den Besonderheiten der Gemeindearbeit, die über eine starke Kinder- und Jugendarbeit verfügt, zählen auch die Pfadfindergruppen der „Royal Rangers“. Die Gemeinde, deren Motto „Mit Gott leben – mit Menschen unterwegs” lautet, brachte sich in den vergangenen Jahren auch in verschiedene Projekte im Stadtteil Heese ein.

Das Christus Zentrum Celle (Freie Christengemeinde, gegründet 1957):

Das seit 1980 am Immenweg 34 im Celler Stadtteil Wietzenbruch gelegene „Christus Zentrum Celle“ ist eine Pfingstgemeinde, in der dem Wirken des Heiligen Geistes eine entscheidende Rolle zukommt. Bis November 2004 nannte sich die 1957 als Hausgruppe gegründete Gemeinde „Freie Christengemeinde Celle“. Auf ihrer Homepage stellt sie sich mit folgenden Worten vor: „Das Christus Zentrum Celle e. V. ist eine evangelische Freikirche. […] Wir erachten uns nicht als die optimale Kirche, sondern als Mosaikstein Gottes im kirchlichen Landschaftsbild unserer Stadt. Unsere Gottesdienste und Gemeindeleben sind zeitgemäß und nicht an vorgegebene Formen und Liturgien gebunden […] Alle Kosten werden durch freiwillige Beiträge der Mitglieder gedeckt. Als Gemeinde gehören wir dem Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden KdöR an und sind somit Teil der weltweiten Pfingstbewegung.“

Modernes Image fernab klassischer Gottesdienste

Diese Beschreibung liefert ein plastisches Bild einer Gemeinde, die sich somit auch von den klassischen Gottesdiensten der katholischen wie auch lutherischen Kirchen der Stadt abhebt und sich sowohl bewusst ein modernes Image gibt als auch über eine intensive Kinder-, Jugend und Seniorenarbeit verfügt. Die Gemeinde praktiziert die Glaubenstaufe bei Erwachsenen. Geleitet wird die Gemeinde, die 142 (2016) Mitglieder hat, durch von den Gemeindegliedern gewählte Älteste beiderlei Geschlechts, wobei der Pastor (Pastorin) als leitender Ältester verstanden wird.

Die „Christen in Celle“ (gegründet Anfang der 1950er Jahre):

Auch wenn es manche Parallelen zu den zwei zuvor beschriebenen evangelischen Freikirchen gibt, sind die „Christen in Celle“ kein Mitglied der Evangelischen Allianz in Celle. Sie wurden als Brüdergemeinde Anfang der 1950er Jahre von Vertriebenen und Flüchtlingen gegründet. Ihre Mitglieder trafen sich zunächst in diversen Konfirmanden- und Schulräumen sowie in Privatwohnungen. Um 1995 wurde an der Fuhrberger Straße 1A im Celler Stadtteil Heese das bis heute genutzte Gemeindehaus errichtet. In Verbindung mit der Gemeinde wird in Eigenverantwortung eines Gemeindegliedes seit mehr als 25 Jahren der christliche Büchertisch vor Karstadt in der Celler Fußgängerzone betrieben. Zur Celler Ökumene sucht die evangelikale Gemeinde, welcher eine fundamentalistische Bibelauslegung zu eigen ist, unter Berufung auf Offenbarung 3,10 bewusst keine Beziehungen.

Intensive Bibelarbeit verbunden mit Vorträgen

Auf der Homepage erklärt die Gemeinde ihren Namen wie folgt: „Es gibt viele ‚Gemeinden‘ (Versammlungen), die sich doch irgendwie voneinander abgrenzen (wollen). Dies geschieht oft durch unterschiedliche ‚Gemeindenamen‘. Wir geben uns bewusst keinen Namen, erstens, weil das Neue Testament nur einen Namen für die Jünger des Herrn Jesus nennt, nämlich ‚Christen‘ (siehe Apostelgeschichte 11,26). Zweitens möchten wir uns nicht durch einen Namen von anderen Christen unterscheiden.“ Die Gemeinde „Christen in Celle“, die aktuell mit Kindern rund 40 Mitglieder zählt, zeichnet sich durch intensive Bibelarbeit verbunden mit Vorträgen aus. Die Gemeindeleitung liegt in Anlehnung an Titus 1,5 ausschließlich in der Hand von Männern. Diese werden nicht gewählt, da die Gemeinde laut Eigenaussage erkennt, wer geistliche Autorität hat (vgl. 2. Thessalonicher 5,12).

Gottesdienst das Abendmahl

Als Bibelübersetzung verwendet die Brüdergemeinde hauptsächlich die Elberfelder Bibel, bei der die Wörtlichkeit der Übersetzung Vorrang vor sprachlicher Schönheit hat. Jeden Sonntag wird in Verbindung mit dem Gottesdienst (Anbetung) das Abendmahl gefeiert. Daraufhin wird in einer zweiten Stunde eine biblische Predigt gehalten wird, wobei offen ist, wer von den Brüdern jeweils predigt (1. Kor. 14).

Von Andreas Flick

Quelle

Paul Clark: Die Gründung von Pfingstgemeinden in Deutschland: 1945–2005. Implikationen für intentionale Mission im 21. Jahrhundert, Bad Dürkheim 2011.

Andreas Flick: Von der Fürstenreligion zur Religionsfreiheit. Kirchengemeinden und Religionen jenseits des Evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Celle, in: Jochen Meiners (Hg.): Zeichen setzen. 500 Jahre Reformation in Celle, Petersberg 2017, S. 230-255.

Andreas Flick: Kritik am Liberalismus. Kleine Geschichte der Evangelisch-lutherischen Freikirchen in Celle, in: Cellesche Zeitung (Sachsenspiegel), 22. Februar 2020, S. 46

Andreas Flick: Wenn der Pastor vom „Zehnten“ lebt. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind in Celle mehrere freikirchliche Gemeinden entstanden, in: Cellesche Zeitung (Sachsenspiegel), 14. März 2020, S. 44.

Matthias Pöhlmann / Christine Jahn (Hgg.): Handbuch Weltanschauungen, Religiöse Gemeinschaften, Freikirchen, Gütersloh 2015.

Peter Schneider: Lahme tanzen unter der Kanzel: Zeichen und Wunder in den Gottesdiensten von Hermann Zaiss, Lüdenscheid 2010.

„Hermann Zaiss“, in: Wikipedia, die freie Enzyklopädie (15.9.2016).

Homepage der Ecclesia Christengemeinde e.V. Celle: http://www.ecg-celle.de/

Homepage des Christus Zentrums Celle: http://www.czcelle.de/index.php/de/ (22.9.2016)

Homepage „Christen in Celle“: http://christen-in-celle.de (1.9.2016).

Der Verfasser: dankt Philipp Weigel, Tobias Jakob und Bernd Schlawer für weitere Informationen.

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