Celle nach dem Krieg

Neues Leben erwächst aus Ruinen (Teil 2)

Die existenziellen Probleme der Überlebenden stellten nach Ende des Krieges auch in Celle eine täglich aufs Neue zu bewältigende Herausforderung dar.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 27. Juli 2020 | 09:14 Uhr
  • 10. Juni 2022
Zur Gewinnung von Heizmaterial wurden im Französischen Garten Baumstümpfe gerodet.
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  • 27. Juli 2020 | 09:14 Uhr
  • 10. Juni 2022
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Celle.

In den Jahren der unmittelbaren Nachkriegszeit wurde das „Organisieren“ (Bezeichnung für das Beschaffen von zusätzlichen Lebensmitteln oder anderen Mangelwaren) für viele Menschen in Deutschland zur wichtigsten Beschäftigung. „Schwarzhändler“ scheuten keine Mühen und Wege, um sich zum Beispiel im Ruhrgebiet Messer und Scheren oder in der russischen Zone Schnaps und Seidenwaren zu beschaffen und dafür an einem anderen, nicht selten weit entfernt liegenden Ort einen deutlich höheren Gegenwert zu erhandeln. Hungernde Städter begaben sich aufs Land, um ihren geretteten Besitz dort gegen Esswaren zu tauschen.

„Hungerzüge“ durchqueren das Land

Kaum jemals zuvor waren auch hierzulande täglich so viele Menschen unterwegs: „[...] Quer durch die britisch besetzte Zone Deutschlands, in der Richtung von Südwest nach Nordost und umgekehrt, geht seit vielen Wochen ein seltsamer Zug vor sich, der in seiner Unbeirrbarkeit an die Gesetzmäßigkeit des Vogelzuges erinnert. Auch die Menschen, die hier ziehen, folgen einem Gesetz: dem Gesetz des Hungers und der Not. Eigentlich steigt man nicht in den Zug. Man stürmt den Zug. Viele Hunderte warten bereits zwei oder drei Stunden vor der Abfahrtszeit auf dem Endbahnhof, in dem der Zug eingesetzt wird. Sie springen auf die Trittbretter, hängen sich an die Türgriffe, erobern sich einen Platz. Sie sind rücksichtslos und haben verschlossene Gesichter. [...] So fahren sie, stehen viele Stunden im rüttelnden Zug, übernachten in Wartesälen, bleiben 36, 48 Stunden und mehr ohne Schlaf, kommen tagelang nicht aus den Kleidern. Sie berichten einander und manches verschweigen sie voreinander, denn sie sind zugleich Kameraden und Konkurrenten. Muß nicht jeder versuchen, der erste zu sein? Ist nicht jeder enttäuscht, wenn er nach fünf oder zehn Kilometern eilendem Fußmarsch sich innerlich einen Ruck gibt, in das erste Hoftor einbiegt und da schon zwei oder drei andere sieht, die noch schneller marschiert sind? Die Bauern gaben zuerst viel, dann immer weniger. Die Bäuerin teilte es ein, sie gab jedem ein paar Pfund. Und selten läßt sich ein Bauer bewegen, mehr als ein paar Pfennige je Pfund zu nehmen, die normaler Preis sind. [...]“1

Zu wichtigen Begegnungsstätten und Umschlagplätzen für Waren und Informationen entwickelten sich die Bahnhöfe. Eine besondere Bedeutung erlangte dabei der Hauptbahnhof von Hannover, der zu einem herausragenden Verkehrsknotenpunkt wurde. Von hier aus konnte man mit dem Interzonenzug nach Berlin gelangen. Entlassene Kriegsgefangene und Flüchtlinge aus dem Osten erreichten in Hannover die erste Bahnstation in der Westzone. Und vor allem für Schwarzhändler war Hannover eine wichtige Durchgangsstation auf ihren „Geschäftsreisen“ quer durch Deutschland.

Für viele andere Menschen gab es hingegen wenig zu „ergattern“, für die, die nichts Versetzbares mehr besaßen, oder die alten Leute, die nicht mehr die Kraft hatten, mit dem Rucksack über Land zu reisen. Der harte Winter 1946/1947 mit den vielen Hungertoten und Erfrorenen hatte dies auf grausame Weise deutlich gemacht.

Hilflosigkeit staatlicher Stellen

In Verbindung mit diesen Erscheinungsformen waren diejenigen besonders gefordert, die politische Verantwortung trugen und für die Einhaltung von Gesetz und Ordnung zu sorgen hatten. In einem Schreiben des Leiters des Verwaltungsamtes für Wirtschaft der britischen Zone in Minden, Viktor Agartz, vom Sommer 1946 an die Militärregierung wurde dazu ausgeführt: „Das System des organisierten Tauschhandels zwischen gewerblichen Unternehmungen und Bauern und die illegale Zuteilung von rationierten Verbrauchsgütern an die Industriearbeiter, die damit Lebensmittel eintauschen, hat einen solchen Umfang angenommen, daß man von der Verfolgung einzelner Fälle keinen Erfolg mehr erwarten kann. Solche irregulären Tauschgeschäfte sind gegenwärtig die Regel. Industrielle Verbrauchsgüter sind auf normalem Wege durch Kauf und Zuteilung kaum noch erhältlich. Dieses ganze Tausch- und Kompensationssystem spielt sich in aller Öffentlichkeit ab, so daß es von weiten Kreisen als absolut ordnungsgemäß und korrekt angesehen wird. Meine Mitarbeiter haben zum Beispiel festgestellt, daß Arbeiter Kohle gegen Kartoffeln tauschen. Es gibt einen festen Tauschansatz: ein Zentner Kartoffeln gegen 15 Zentner Kohle.“2 Versuche der Militärregierung, diesen Gesetzwidrigkeiten mit verschärften Kontrollen und Sanktionen zu begegnen, waren nicht besonders erfolgreich. Die durchgeführten Razzien und verhängten Strafen blieben ohne durchgreifende Wirkung. Das gilt auch für die Situation in Celle: Trotz gelegentlicher Razzien im Französischen Garten konnte „der nur leicht getarnte Schwarzhandel“ hier seine Stellung halten.3

Selbsterhaltung als oberstes Prinzip

Angesichts ihrer Notlage sahen viele Menschen häufig keinen anderen Ausweg als den der Übertretung von Vorschriften und Gesetzen. Selbst ehrenwerte, hohen moralischen Ansprüchen verpflichtete Menschen konnten sich diesen Wirkungsmechanismen nicht entziehen, wie dies in einem Leserbrief an die Hannoversche Presse vom 18. Februar 1947 deutlich wird.

„Aus meinen frühesten Kindertagen ist mir ein alter Mann bekannt, ein Freund meines Elternhauses, der mir von jeher das Symbol der personifizierten Ehrlichkeit war. An einem froststarrenden Morgen traf ich ihn wieder. Auf meine Frage nach dem Wohin antwortete er mit einer erschütternden Selbstverständlichkeit: ‚Kohlen klauen!‘ Ich war fassungslos. ‚Du wunderst dich, daß ich das tue?‘ fragte er mich. ‚Sollen wir erfrieren? Man ist gezwungen, Kohlen zu stehlen, nein‘ – und seine Stimme bebte vor Erregung – ‚man ist verpflichtet dazu, denn das Recht der Selbsterhaltung steht über jedem Gesetz‘ […].“4 In ähnlicher Weise hatte auch der Kölner Erzbischof Kardinal Frings Kohlendiebstähle als „Notstand“ gerechtfertigt, was dazu führte, dass im Volksmund das Wort stehlen durch „fringsen“ ersetzt wurde.

Drei Neuesoziale Gruppen

Die durch Hunger, Wohnungsnot und Flüchtlingselend gekennzeichnete katastrophale Lage führte auch zu einer veränderten sozialen Struktur im Nachkriegsdeutschland. Dabei ist von drei neuen sozialen Gruppen die Rede: den „Besitzenden“, den „Depossedierten“ und den „Diensttuenden“. Die erste Gruppe umfasst die Bauern, Handwerker, Fabrikanten, Händler, Gewerbetreibenden sowie „Schwarzhändler“; ihnen gemeinsam ist, begehrte Güter und Mangelwaren zu besitzen oder über solche Waren verfügen zu können. Zur Gruppe der Depossedierten zählen die Ausgebombten, Evakuierten und Flüchtlinge, die vom Krieg und den unmittelbaren Kriegsfolgen stark betroffen waren und die dadurch „deklassiert“ wurden. In der dritten Gruppe befinden sich alle Beamten und Angestellten der Behörden und alliierten Militärregierungen.5

Solche Ein- und Zuordnungen können sicherlich noch keine ausreichenden Anhaltspunkte über die soziale Gruppenzugehörigkeit oder über gemeinsame und unterschiedliche Interessenlagen und Verhaltensweisen vermitteln. Dennoch ist nicht zu übersehen, dass die neue ökonomische Lage, in der sich die Menschen befanden, auch die sozialen Beziehungen, die persönlichen Bindungen und Einstellungen prägte, je nachdem ob man Sachwertbesitzer oder Selbstversorger war oder auf andere Weise Zugang zu begehrten Gütern hatte und sich damit von jenen anderen unterschied, die (wie zum Beispiel Alte, Kranke, Erwerbslose oder auch Flüchtlinge) über solche Möglichkeiten oder Besitztümer nicht verfügten.

Schwierige Lage für Jugendliche

In Verbindung mit dieser allgemeinen sozialen Notlage nahm auch die Ausbreitung ansteckender Krankheiten alarmierende Ausmaße an. Im Vergleich zur Vorkriegszeit war in der britischen Zone in den Jahren 1946 und 1947 vor allem ein dramatischer Anstieg der Fälle von Diphtherie, Tbc und Typhus zu beobachten.6

Ebenso besorgniserregend war in Celle die Zunahme der psychischen Erkrankungen.7 Auch diese Erscheinungen hatten ursächlich etwas mit der sich rapide verschlechternden Ernährungslage und dem Elend der Wohnsituation, insbesondere der Flüchtlinge und Vertriebenen, zu tun.

Große Beeinträchtigungen gab es auch im Bereich der Arbeitswelt. In der Zeit der Hungersnot sank die Arbeitsleistung bis zu 50 Prozent. Der damit verbundene Produktivitätsrückgang lähmte die Wirtschaft und führte zu einer noch höheren Arbeitslosigkeit und zu einer zusätzlichen Belastung der Familien.

Erhebliche Beeinträchtigungen und Belastungen waren in dieser Zeit auch bei der Betreuung der Kinder und Jugendlichen im schulischen Bildungsbereich festzustellen. Überall herrschte ein großer Mangel an Schulräumen, Lehrern sowie Lehr- und Lernmitteln, sodass eine sinnvolle pädagogische Unterrichtsarbeit kaum möglich war. Wegen der Überfüllung der Schulen musste Schichtunterricht eingeführt werden. Klassenfrequenzen von mehr als 60 Kindern waren keine Seltenheit.8

Aufgrund fehlenden Heizmaterials war man in den Wintermonaten gezwungen, den Unterricht in manchen Schulen zeitweise ausfallen zu lassen. Auch zusätzliche Maßnahmen wie zum Beispiel Schulspeisungen konnten nur zu einer vorübergehenden Linderung der Not beitragen.

Die aufgrund dieser Notlage sich ergebenden Probleme erschwerten auch die Arbeit der Jugendverbände in Celle. Wie besorgniserregend in den Jahren nach 1945 die soziale Lage von Kindern und Jugendlichen war, wird auch in einem Bericht der „Hannoverschen Presse“ vom 11. Februar 1947 deutlich, der die Situation im Landkreis Göttingen beschreibt und sich auf eine vom dortigen Schulrat durchgeführte Befragung von 8340 Schulkindern bezieht. Dabei war Folgendes ermittelt worden: „2554 [Kinder] (31 v. H.) waren ohne Winterschuhe, 759 (9 v. H.) trugen geliehene Schuhe, 707 (8,5 v. H.) hatten keine Strümpfe, 260 (3 v. H.) besitzen kein Hemd, 467 (6 v. H.) haben kein eigenes Bett, sondern schlafen zumindest mit Geschwistern zusammen, 28 (0,3 v. H.) sind ohne jeden heizbaren Raum, 1028 (12 v. H.) müssen einen Wohnraum mit mehr als drei Personen teilen, 1065 (13 v. H.) sind Halbwaisen. Die Anzahl der Kinder setzt sich aus etwa 60 v. H. Einheimischen und 40 v. H. Flüchtlingskindern zusammen.“9

Angesichts solcher Lebensbedingungen war die Gefahr von Verwahrlosungen groß. Bisher anerkannte Vorstellungen von Recht, Ordnung und Moral wurden häufiger infrage gestellt. Jugendliche treten im Zusammenhang mit dieser Notlage in zunehmender Zahl in der Statistik der Nachkriegskriminalität auf. Dabei fällt insbesondere die große Zahl von Eigentumsdelikten auf. Ebenso verweisen die zahlreichen Raubmorde auf den Hunger als mögliche Ursache.10

Bei der Frage nach Lösungsmöglichkeiten für die verschiedenen sozialen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme in der Nachkriegszeit richtete sich der Blick auf jene politischen Entscheidungsträger und gesellschaftlichen Kräfte, die nun maßgeblich die Gestaltung der neuen staatlichen Ordnung bestimmten und von denen man nach dem Zusammenbruch eine wirksame Hilfe erwartete.

Von Karl-Heinz Buhr

Quelle

1 Hans Schlange-Schöningen/Justus Rohrbach (Hgg.): Im Schatten des Hungers. Hamburg 1955, S. 69f.

2 Entnommen aus: Christoph Kleßmann: Die doppelte Staatsgründung. Deutsche Geschichte 1945–1955, 4. ergänzte Auflage. Bonn 1986, S. 49.

3 Zit. nach: Sabine Maehnert: Die Probleme bei der Versorgung mit Lebensmitteln, in: Bomann-Museum (Hg.): Celle ’45. Aspekte einer Zeitenwende. Begleitheft zur Ausstellung im Bomann-Museum Celle vom 13. April bis 24. September 1995. Celle 1995, S. 139.

4 Zit nach: Thomas Berger/Karl-Heinz Müller: Lebenssituationen 1945–1948. Materialien zum Alltagsleben in den westlichen Besatzungszonen 1945–1948, hg. von der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung. Hannover 1983, S. 77.

5 Birgit Pollmann: Reformansätze in Niedersachsen 1945–49. Braunschweig 1977, S. 25.

6 Kleßmann, wie Anm. 2, S. 51.

7 Maehnert, wie Anm. 3, S. 133.

8 Vgl. zur Schulsituation nach 1945 Berger/Müller, wie Anm. 4, S. 153ff.

9 Hannoversche Presse v. 11.2.1947, S. 3, zit. nach: Berger/Müller, wie Anm. 4, S. 156.

10 Kleßmann, wie Anm. 2, S. 53.

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