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Sachsenspiegel Ein „ſehr bequemes Haus“
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Barockhaus in Celle wechselte im 18. Jahrhundert öfter seinen Eigentümer

11:08 13.10.2021
Bahnhofstraße 3 bis 5, Ansichtskarte der Bahnhofstraße (Ausschnitt), 1903.
Bahnhofstraße 3 bis 5, Ansichtskarte der Bahnhofstraße (Ausschnitt), 1903. Quelle: Stadtarchiv Celle
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Celle

Die Bahnhofstraße in Celle verläuft südlich der heutigen Triftanlagen und geht ursprünglich auf die hier von alters her bestehende westliche Ausfallstraße Celles in Richtung Nienburg zurück. Der ursprünglich nur befahrbare Kiesweg wurde einst „Nienburger Weg“ oder „Hägerstraße“ (1846) genannt; erst seit 1893 lautet der Name „Bahnhofstraße“ (zwischenzeitlich von 1933 bis 1945 „Hindenburgstraße“, nach Reichspräsident Paul von Hindenburg). Im stadtnahen Ostteil Neuenhäusen (einst Westceller Vorstadt) ist die Bahnhofstraße geprägt von barocken Palaisbauten, von denen eines in diesem Beitrag vorgestellt werden soll: das Haus Bahnhofstraße 4. Dabei beschränkt sich dieser Text auf das 18. Jahrhundert. Das Gebäude dokumentiert einmal mehr die Tatsache, dass die Bahnhofstraße zwischen der Hannoverschen und der Breiten Straße zu einer beliebten Wohngegend des französischen Celler Hofadels zählte.

Ursprüngliches Fachwerkhaus war zweigeschossig

Das 1682 an dieser Stelle von dem Hofrademacher Heinrich Reinhard ursprünglich erbaute Fachwerkhaus war zweigeschossig und neun Gefache breit. Doch im selben Jahr wird bereits ein Franzose namens de Villars als Hauseigentümer angeführt. Hier könnte es sich um den aus der Normandie stammenden Gabriel de Villars-Malortie handeln, der zu den vor der Aufhebung des Edikts von Nantes nach Celle eingewanderten Hugenotten zählt. Der Adelige wurde zunächst Stallmeister der Herzogin Eléonore d’Olbreuse, stieg aber später zum Oberhofmeister bei der „Prinzessin von Ahlden“ und zum Amtsvogt in Winsen/Aller auf. 1682 heiratete er Julienne d’Esquet de Belleville, mit der er zusammen sage und schreibe 13 Kinder bekam.

Um- oder Neubau Mitte des 18. Jahrhunderts

Das heute erhaltene Gebäude zeigt nicht mehr die typischen Fachwerkmerkmale vom Ende des 17. Jahrhunderts, sondern wurde wegen seiner gesimsverkleideten und geringen Geschossvorkragungen sowie den rhythmischen Ständerstellungen entweder umfassend umgebaut oder möglicherweise erst gegen Mitte des 18. Jahrhunderts neu errichtet. Die von einem Zwerchhaus bekrönte Fassade muss man sich ehemals einfarbig gestrichen vorstellen – und damit einen Steinbau nachbildend –, wie dies manch anderer Bau in der Vorstadt mittlerweile wieder vorführt. Die Fassadenproportionen waren ehemals anders, da das Erdgeschoss höher lag: Straßenanhebungen an der Bahnhofstraße um ungefähr einen halben Meter haben zu einer Höherlegung der Schwelle und einem Verschwinden des Steinsockels und der Freitreppe geführt. Auf der linken Hausseite existierte ehemals eine Durchfahrt zum rückwärtigen Hof und den dortigen Nebengebäuden, die teilweise noch auf die Barockzeit zurückgehen dürften. Im Vorderhaus stammt auch die mehrläufige prächtige Brettbalustertreppe aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts; sie führt in die Repräsentationsräume der Beletage im Obergeschoss.

Das Barockhaus Bahnhofstraße 4. Quelle: Stadtarchiv Celle

Verkauf an kurfürstlichen Jägermeister George Guillaume

Mit diesem wesentlichen Um- oder Neubau könnte man den ab 1740 überlieferten neuen Besitzer, den Hugenottenoberst de Lescours, in Verbindung bringen. Es könnte sich um einen Sohn des Oberhofmarschalls Armand de Lescours handeln, der von 1719 bis 1734 das benachbarte Haus Nr. 5 bewohnte. Das Fachwerkhaus verkaufte er einige Jahre später an den nach dem letzten Celler Herzog benannten kurfürstlichen Jägermeister George Guillaume (Georg Wilhelm) de Beaulieu-Marconnay (1705–1770), der nun in direkter Nachbarschaft zu seinem Vater wohnte (heute Bahnhofstraße 1). Der Sohn bekleidete seit 1745 auch das Amt eines „Ancien“ (Presbyters) der Französisch-reformierten Gemeinde. Beaulieu-Marconnay (Oberjägermeister seit 1745) heiratete 1736 Anne Marie Henriette Suzannet de la Forest (1711–1785), eine Enkelin des braunschweig-lüneburgischen Kanzlers Johann Helwig Sinold Baron von Schütz. An diese Eheverbindung erinnert heute noch ein silberner Samowar mit dem Allianzwappen des Paares im Bomann-Museum, den der Celler Silberschmied Marcus Brenner gefertigt hat.

Verkaufsanzeige aus dem Jahr 1751

1751 beschloss George Guillaume de Beaulieu-Marconnay, sein Haus wieder zu verkaufen. Er setzte folgenden Text in die Zeitung „Hannoverische Anzeigen“: „Der hiesige Königl. und Churfürstl. Oberjägermeister von Beaulieu ist entschlossen, sein hieselbst in der Vorstadt ausser dem Westercellerthore gerade gegen dem Par force Jagdstalle über belegenes sehr bequemes, und bisher von ihm selbst bewohntes Haus, nebst dem dazu gehörigen Pferdestalle, Hof- und Gartenräume auf billige Conditiones zu veräußern.“ 1752 erwarb es schließlich für 3300 Reichstaler die Witwe von Johann Christoph von Hedemann, der bis 1732 Vizepräsident des Oberappellationsgerichts Celle war. Georg Wilhelm de Beaulieu-Marconnay zog in das nahegelegene Anwesen (Hannoversche Straße 3), das später „Palais Beaulieu“ genannt wurde. 1767 wurde der vornehme Besitz jedoch von der Witwe des Oberjägermeisters, Anne Marie (Isabelle) Henriette Suzannet de la Forest, für wiederum 3300 Reichstaler zurückgekauft. Die Grabplatte der Eheleute hat sich bis heute auf dem Neuenhäuser Friedhof erhalten.

Zwei weitere Eigentümer folgen noch

Es folgen im 18. Jahrhundert noch als Eigentümer des bis heute bestehenden Anwesens Bahnhofstraße 4 die Oberappellationsräte Georg Wilhelm von Willich, der 1786 zum Vizepräsidenten des Oberappellationsgerichts ernannt wurde, und der deutsche Dichterjurist und Instanzrichter Georg Ernst von Rülling (* 4. Februar 1748 in Hannover; † 10. Februar 1807 in Celle). Letztgenannter wurde 1780 in den Reichsadelsstand erhoben.

Von Andreas Flick

Quellen

Wilhelm Beuleke: Hugenotten in Niedersachsen (= Quellen und Darstellungen zur Geschichte Niedersachsens, Bd. 58), Hildesheim 1960.

Ch. de la Forest: Geschichte hugenottischer Familien. Zur Genealogie der Freiherrlichen Familie von Marconnay, in: Die Französische Colonie. Zeitschrift für Vergangenheit und Gegenwart der französisch-reformierten Gemeinden Deutschlands. Organ des Deutschen Hugenotten-Vereins, 1902, Nr. 1.

Walter Dinger: Armand de Lescours Oberhofmarschall der Herzogin Eleonore d'Olbreuse. Einblick in die Geschichte einer Hugenottenfamilie, in: Cellesche Zeitung 4. April 1967 (Sonderbeilage: 150 Jahre Cellesche Zeitung), S. V/13.

Andreas Flick: Die 13 Kinder des Ahlener Oberhofmeisters und Amtvogts in Winsen Gabriel de Villars-Malortie und seiner Frau Marie Julienne d’Esquet de Belleville, in: Hugenotten, 72. Jg. Nr. 4 2008, S. 148–157.

Andreas Flick/Angelica Hack/Sabine Maehnert: Hugenotten in Celle. Katalog zur Ausstellung im Celler Schloß 9. April–8. Mai 1994, Celle 1994.

Andreas Flick/Sabine Maehnert/Eckart Rüsch/Norbert Steinau: Die Westceller Vorstadt. Celles barocke Stadterweiterung. Geschichte und Bauten (= Celler Beiträge zur Landes- und Kulturgeschichte. Schriftenreihe des Stadtarchivs und des Bomann-Museums, Bd. 40), Celle 2010.

Karl Gunkel: Zweihundert Jahre Rechtsleben in Hannover. Festschrift zur Erinnerung an die Gründung des kurhannoverschen Oberappellationsgerichts in Celle am 14. Oktober 1711, Hannover 1911.

Hannoversche Anzeigen vom Jahre 1751, 76tes Stück, [S. 4].

Gisela Stoltze: Die Bedeutung der unter Herzog Georg Wilhelm eingewanderten französischen Hugenotten für die Stadt Celle [MS], Göttingen 1963.

Henri Tollin: Geschichte der hugenottischen Gemeinde von Celle (= Geschichtsblätter des Deutschen Hugenotten-Vereins, II, 7 u. 8),Magdeburg 1893.

Seite „Georg Ernst von Rüling“, in: Wikipedia (Zugriff 05.08.2021).

Niedersächsisches Landesarchiv, Hauptstaatsarchiv Hannover, Dep. Dep. 84 KG Hann 9, Nr. 125: Lescour’scher Stammbaum.

Stadtarchiv Celle, Best. N 08 Nr. 700.

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