Sachsenspiegel

Arbeiterrte in Celle gegrndet

Novemberrevolution und politischer Umbruch in Deutschland / Teil I

  • Von Cellesche Zeitung
  • 13. Okt. 2018 | 10:13 Uhr
  • 10. Juni 2022
Warnung vor den vermeintlichen Folgen fr das Deutsche Reich nach dem Ende des Weltkriegs.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 13. Okt. 2018 | 10:13 Uhr
  • 10. Juni 2022
Anzeige
Celle.

Am 9. November 1918 ergriff Philipp Scheidemann, einer der fhrenden Reprsentanten der Sozialdemokratie, in den Wirren der letzten Kriegstage in Berlin die Initiative und verkndete vom Balkon des Reichstagsgebudes der dort versammelte Menge: Das deutsche Volk hat auf der ganzen Linie gesiegt. Das alte Morsche ist zusammengebrochen; der Militarismus ist erledigt. Die Hohenzollern haben abgedankt! Nun aber gelte es, diesen vollen Sieg des deutschen Volkes nicht beschmutzen zu lassen und deshalb fr Ruhe und Sicherheit sowie fr einen strungsfreien Verlauf in der weiteren Entwicklung zur Errichtung der deutschen Republik zu sorgen.1

Er war damit Karl Liebknecht, dem Mitbegrnder des Spartakusbundes und bedeutenden Vertreter des uersten linken Flgels der Unabhngigen Sozialdemokratischen Partei (USPD), zuvorgekommen, der wenige Stunden nach dem Auftritt Scheidemanns im Lustgarten vor dem Berliner Schloss die Sozialistische Republik proklamierte.

Diese beiden Ereignisse fallen in eine Phase der politischen Entwicklung, die durch eine zunehmende Radikalisierung und eine Gefhrdung von Sicherheit und Ordnung in Deutschland gekennzeichnet war. Vor dem Hintergrund der Bemhungen der deutschen Regierung unter Fhrung des Reichskanzlers Max von Baden um einen Waffenstillstand hatten sich im Innern des Deutschen Reiches die gesellschaftlichen Konflikte und politischen Auseinandersetzungen in der Endphase des Ersten Weltkrieges (Ende Oktober/Anfang November 1918) verschrft und teilweise brgerkriegshnliche Ausmae angenommen. berall im Kaiserreich waren Unruhen ausgebrochen, die sich nicht nur auf Streikbewegungen der Arbeiterschaft beschrnkten, sondern sich vor allem auch gegen die Vertreter der monarchischen Obrigkeit und gegen die Fortfhrung des Krieges richteten.

Einschtzungen des Celler Oberbrgermeisters

In Celle verfolgte Oberbrgermeister Denicke diese Ereignisse mit besonderer Aufmerksamkeit und groer Sorge. Fr ihn hatte sich Ende Oktober 1918 mit der bevorstehenden militrischen Niederlage des Kaiserreichs die Gefahr eines Zusammenbruchs der bestehenden staatlichen Ordnung deutlich erhht. Die berall im Lande ausbrechenden Unruhen schienen auf eine Beseitigung der bisher gltigen Grundlagen des gesellschaftlichen und politischen Zusammenlebens abzuzielen. Allgemein anerkannte Werte und Prinzipien wie Gesetzestreue, Disziplin, Arbeitsmoral, Anstand und Wrde im Umgang mit den Mitmenschen sowie unbedingte Treue zu Volk und Vaterland wrden nun infrage gestellt und sollten durch neue, revolutionre Ziele und Errungenschaften ersetzt werden. Angesichts dieser verhngnisvollen Vorgnge und Entwicklungen drohe das Deutsche Reich in einem Chaos von Rechtlosigkeit, Willkr und Zerstrung zu versinken: Immer mehr verfinstert sich der Horizont. Der unabh. Sozialist Rhle predigt von der Reichstagstribne offen die Revolution, ohne da man es hindert: die Mglichkeit innerer, vielleicht blutiger, Konflikte steht vor der Tr trotz aller demokratischen Erfolge, die in kurzer Frist fast mhelos errungen sind. An die Klner Arbeiter ist seitens der soz. dem. Leitung schon ein Aufruf zur Migung erlassen. Aber man wei es ja: die Gemigten wurden in solchen Zeiten ber den Haufen gerannt, und die Armee ist die gegen den inneren Feind noch durchaus verllich? Die nderungen der Reichsverfassung betr. die Parlamentarisierung der Armee [] sind gegen die alleinigen Stimmen der Konservativen angenommen. Welche Konsequenzen die hheren Offiziere hieraus ziehen werden, bleibt abzuwarten vielleicht sehr einschneidende. [] Wir ahnen wohl noch garnicht, was alles die Zukunft noch an Umwlzungen tiefeinschneidendster Art im Schoe birgt. Auch unter den hheren staatlichen Beamten, insbesondere den Landrten, wird stark aufgerumt werden. Die Stdteordnungen haben jedenfalls die lngste Zeit bestanden, u. die Soz. Demokraten werden in die Rathuser einziehen; das ist an sich noch kein Unglck, denn unter ihnen gibt es manch einen gescheiteren Kopf, als viele unserer Spiebrger, u. ihre bisherige Ausschaltung war auf die Dauer nicht gerechtfertigt. Im Gefolge des langen Krieges ist eine neue Zeit hereingebrochen, welche neue Mnner verlangt, denn ihre Ziele lassen sich mit widerstrebenden Elementen nicht erreichen. Wenn nur das alles zum Besten des Vaterlandes dient, so mag es gern geschehen, sind doch alle staatlichen u. gemeindlichen Einrichtungen nicht um ihrer selbst willen geschaffen, sondern fr das groe Ganze, u. haben sich daher dessen vernderten Bedrfnissen anzupassen. Gegenwrtig mu nur dringend gewnscht werden, da nicht eine radikale Richtung die Oberhand gewinnt u. alles in ihren Strudel mit hineinreit, sondern da die Ordnung gewahrt bleibt. Hannibal ante portas!2

Machtwechselin Berlin

Entscheidende Vernderungen vollzogen sich in diesen Tagen in Berlin. Knapp zwei Wochen nach dem sorgenvollen Ausblick des Celler Oberbrgermeisters gab Reichskanzler Max von Baden am 9. November 1918 eigenmchtig den Thronverzicht des Kaisers bekannt, der sich bis dahin hartnckig gegen einen solchen Schritt zur Wehr gesetzt hatte. Angesichts der ausweglosen Lage begab sich Wilhelm II., der die Zeichen der Zeit auch jetzt noch nicht erkennen wollte, schlielich im Verlauf dieses Tages in das Exil nach Holland, whrend in Berlin die Arbeitermassen die Straen beherrschten und den Umbruch der gesellschaftlichen und politischen Verhltnisse verlangten.

Im Verlauf dieses Tages (9. November) hatte es bereits eine bedeutende Vernderung in der Regierung gegeben. Friedrich Ebert (MSPD) hatte das Amt des Reichskanzlers von Max von Baden bernommen. Damit war seiner Regierung die Aufgabe bertragen worden, die Verhandlungen zum Waffenstillstand zum Abschluss zu bringen. Versuche, die mit dieser Vereinbarung fr Deutschland verbundenen harten Bedingungen zu mildern, erwiesen sich jedoch als erfolglos; an eine Wiederaufnahme der Kampfhandlungen war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zu denken.

Am 11. November 1918 mussten die deutschen Vertreter im Wald von Compigne den Waffenstillstand unterzeichnen, der noch am selben Tag in Kraft trat. Aufgrund der darin enthaltenen Bestimmungen wurde Deutschland unter anderem zur Rumung der besetzten Gebiete und des linken Rheinufers mit den Brckenkpfen Mainz, Koblenz und Kln, zur einseitigen Rckgabe der Kriegsgefangenen, Ablieferung groer Mengen von Kriegsmaterial, Eisenbahnmaterial und Lastkraftwagen sowie zur Internierung der gesamten deutschen Hochseeflotte gezwungen (deren Selbstversenkung erfolgte am 21. Juni 1919 bei Scapa Flow); der Friedensvertrag von Brest-Litowsk wurde aufgehoben. Da zudem die Blockade gegen Deutschland bestehen blieb, war die Mglichkeit eines erneuten militrischen Einsatzes gegen diese Manahmen ausgeschlossen. In Deutschland lsten diese Bedingungen eine ber die Parteigrenzen hinausgehende, alle Schichten und Gruppen der Bevlkerung erfassende Protestwelle aus.

Angesichts dieser Vorgehensweise der Siegermchte bestand wenig Hoffnung, in der noch ausstehenden Friedensvereinbarung zu einer fr Deutschland ertrglichen Regelung zu gelangen. Begleitet wurde die Phase der Waffenstillstandsverhandlungen von immer weiter um sich greifenden Unruhen im Lande, die in massiver Weise den Fortbestand der staatlichen Ordnung bedrohten. Die im Zusammenhang mit diesen Erhebungen berall gebildeten Arbeiter- und Soldatenrte verstanden sich als revolutionre Machttrger und beriefen sich als Mitglieder der neuen Selbstverwaltungsorgane auf eine direkte demokratische Legitimation (Basisdemokratie). Diese Massenbewegung wurde vor allem in den Mittelschichten, aber auch in den Fhrungsgremien der sozialistischen Parteien und der Gewerkschaften mit Sorge registriert. Die Furcht vor einer Bolschewisierung Deutschlands war weit verbreitet. In dieser Lage versuchte die SPD, die Bewegung unter ihre Kontrolle zu bringen und in ihrem Sinne zu beeinflussen. Zu den von dieser Partei angestrebten Reformen gehrte auch der als unerlsslich erachtete Thronverzicht des Kaisers, der, wie zuvor erwhnt, am 9. November 1919 abgedankt hatte. In Wilhelm II. hatten die Sozialdemokraten das Haupthindernis fr einen baldigen Frieden gesehen.

In Berlin hatte sich in dieser bedrohlichen Situation der Rat der Volksbeauftragten konstituiert, um mit der vorlufigen bernahme der Regierungsgewalt wirksam gegen Chaos und Umsturzversuche vorgehen zu knnen. Ihm gehrten drei Mehrheitssozialdemokraten (Ebert, Scheidemann, Landsberg) und drei Unabhngige Sozialdemokraten (Haase, Dittmann, Barth) an. Die neue Regierung wurde am 10. November 1918 durch eine Versammlung der Berliner Arbeiter- und Soldatenrte besttigt. Der bei dieser Versammlung gewhlte Vollzugsrat des Arbeiter- und Soldatenrates Gro-Berlin sollte bis zum Zusammentritt einer Reichsversammlung der Arbeiter- und Soldatenrte den Rat der Volksbeauftragten kontrollieren und bis zur Einberufung des Allgemeinen Kongresses der Arbeiter- und Soldatenrte Deutschlands provisorisch alle Arbeiter- und Soldatenrte der deutschen Republik vertreten.

Deutschlandohne Perspektive?

Die Reaktion des Celler Oberbrgermeisters auf diese Ereignisse verdeutlicht einerseits die bei der berwiegenden Mehrheit der deutschen Bevlkerung zu beobachtende Ablehnung der Waffenstillstandsbedingungen, dessen Aussagen verweisen aber auch auf die bei der zuknftigen Gestaltung Deutschlands zu erwartenden gesellschaftlichen und politischen Gegenstze und Konflikte.

In einer schlaflosen Nacht habe ich mir alle Geschehnisse vergegenwrtigt u. durchdacht u. bin mir dadurch klar geworden, da diese riesige Bewegung mag man sich im brigen zu ihr stellen wie man will , so lange der Friede noch nicht geschlossen u. in seinen ersten Folgen einigermaen berwunden war, nicht kommen drfte, da unsere Gesamtlage nach auen u. innen sich dadurch auerordentlich verschlimmert, u. da ungeheuere Schwierigkeiten fr die Durchfhrung der nun geschaffenen Lage vorliegen, von denen wir noch nicht wissen, ob u. wie wir ihrer Herr werden. Das gilt im groen, aber auch fr jeden kleinen Bezirk, wie etwa unser Celle: darber mssen wir uns klar sein. Die Richtschnur fr mein Verhalten mchte ich dahin ausdrcken: seinen Mann stehen, nach Pflicht u. Gewissen handeln, alles brige Gott anheimstellen. Abends. Kaum mag ich die Feder ansetzen, denn ich mu von der groen Schmach berichten, die Deutschland je angetan ist: von diesen heillosen Waffenstillstandsbedingungen, nachdem wir 4 Jahre gesiegt haben []! Und whrend es frher hie, man wrde die Bedingungen, wenn sie unannehmbar seien, ablehnen u. das Volk zur nationalen Verteidigung aufrufen, sind sie, obwohl hrter, als sich berhaupt denken lie, am 10ten d. M. schlankweg angenommen weil Deutschland kraftlos am Boden liegt. [] Und nun demnchst die Friedensbedingungen, nachdem wir schon durch den bloen Waffenstillstand ganz u. gar zugrunde gerichtet werden? Es ist nicht auszusagen, was das Herz bewegt. Im Innern schreitet das Verhngnis fort: der Knig von Sachsen, der Groherzog v. Oldenburg, ich glaube auch der Knig von Wrttemberg sind abgesetzt, Heinrich XXIII Reu j. [jngere] L. [Linie] hat verzichtet (die ganz kleinen kommen also auch an die Reihe), der Groherzog v. Hessen befindet sich in Schutzhaft. Unser frherer Kaiser, die Kaiserin u. der Kronprinz (nur d. Kaiser; die Kaiserin liegt krank in Potsdam) sind nach Holland geflchtet. So endet die Hohenzollerndynastie auf dem Throne, der hochgemute Frst, der sein Volk den herrlichen Zeiten entgegenfhren wollte! In Berlin haben gestern, besonders in der Nhe des Bahnhofes Friedrichstrae u. des Schlosses heftige Kmpfe stattgefunden, aber nicht zwischen den beiden soz. dem. Parteien, sondern mit ehemaligen Offizieren ein fr letztere natrlich von vornherein aussichtsloses Unternehmen. Was die beiden Parteien betrifft, so ist es vielmehr zu einer Einigung gekommen dahin, da ein 6 gliedriges rein soz. dem. Kabinett (Volkskommissare) gebildet wird, in das die Soz. Dem. Ebert, Landsberg u. Scheidemann, die Unabhngigen Dittmann, Barth u. Haase entsenden wollen. Diese Verstndigung ist ein Glck, wenn dadurch ein Umsichgreifen des Bolschewismus, dessen Organ der frhere Berliner Lokalanzeiger, jetzt die ,Rote Fahne, ein wstes Blatt, ist, verhindert wird. In fast allen greren Stdten Deutschlands sind nunmehr Arbeiter- u. Soldatenrte gebildet, namentlich auch in Berlin [].3

Quelle

1 Zit. nach: W. Michalka/G. Niedhart (Hgg.): Die ungeliebte Republik, 3. Auflage. Mnchen 1984, S. 23.

2 Stadtarchiv Celle, L07, Nr. 1938, W. Denicke: Kriegstagebcher, Band III: Kriegstagebuch vom 1. November 1917 bis Ende 1919, S. 179-182, Eintragung v. 27.10.1918.

3 A.a.O., S. 204-206, Eintragung v. 11.11.1918.

Von Karl-Heinz Buhr

Von