Heimkehrer

Als die Soldaten aus dem Krieg zurückkamen

Im Zweiten Weltkrieg gerieten viele deutsche Soldaten in Gefangenschaft. Jahre später kehrten sie heim. Viele landeten zunächst im Aufnahmelager Friedland.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 19. März 2022 | 06:00 Uhr
  • 10. Juni 2022
Das Kriegsgefangenenlager Borowitschi im Jahr 1945 – Zeichnung von Kurt Elfering. Die Stadt liegt zwischen Sankt Petersburg und Moskau.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 19. März 2022 | 06:00 Uhr
  • 10. Juni 2022
Anzeige
Celle.

Am 8. Mai 1945 war der Zweite Weltkrieg beendet. An allen Fronten schwiegen die Waffen. Mehr als 60 Millionen Tote waren zu beklagen. Adolf Hitler und sein nationalsozialistischer Machtapparat hatten Deutschland und der Welt unsägliches Leid gebracht.

Die bedingungslose Kapitulation des Deutschen Reiches wurde in der Nacht zum 7. Mai 1945 im Obersten Hauptquartier der Alliierten Expeditionsstreitkräfte in Reims unterzeichnet und trat am 8. Mai in Kraft. Hitler hatte zwischenzeitlich Selbstmord begangen, der 53 Jahre alte Großadmiral Karl Dönitz hatte seine Nachfolge übernommen. Die Regierung Dönitz wurde am 23. Mai 1945 von der britischen Kontrollkommission in Flensburg verhaftet.

11,5 Millionen Deutsche in Kriegsgefangenschaft

Nun galt es, die zahllosen Verantwortlichen und aktiven Mitläufer zu identifizieren und zur Verantwortung zu ziehen, die für die schlimmsten Verbrechen Schuld auf sich geladen hatten. Ungeklärt war das Schicksal zahlloser Menschen aus der Zivilbevölkerung und aus den Reihen der Soldaten.

Nach Kriegsende befanden sich rund 11,5 Millionen Deutsche in Kriegsgefangenschaft. Sie waren nicht nur in Lagern in Deutschland untergebracht, sondern nahezu weltweit. Etwa 40 Prozent der deutschen Kriegsgefangenen waren in russische Kriegsgefangenschaft gelangt. Das europäische Zentralrussland war damals genauso von Lagern durchsetzt wie der Ural und das mittlere asiatische Gebiet der Sowjetunion.

Lager für viele nur Zwischenstationen

Die Rückkehr der Soldaten aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft verzögerte sich. Kaum ein Gefangener konnte sich den Auswirkungen der politischen Entwicklung in Russland ganz entziehen. Die Lager waren für viele nur Zwischenstationen. Im August 1946 befanden sich fast zwei Millionen deutsche Kriegsgefangene in der Sowjetunion. Wie der sowjetische Innenminister Sergej Kruglow (laut Jan Foitzik, 2009) in einer Aktennotiz für Josef Stalin am 19. Januar 1948 festhielt, seien im vergangenen Jahr fast 250.000 deutsche Kriegsgefangene repatriiert worden [repatriieren: in sein Land zurückkehren lassen], in den Lagern befand sich noch mehr als eine dreiviertel Million. 1948 wurden nach amtlichen Angaben wieder etwa 340.000 entlassen, bis zum 5. Mai 1950 insgesamt 1,7 Millionen.

Ehemalige Soldaten haben antisowjetische Haltung

Seit April 1948 steigerte sich in der Sowjetischen Besatzungszone, wie Frank Heinz Bauer in einem Beitrag für die Bundeszentrale für politische Bildung schreibt, das Interesse an den bestehenden zentral geführten und kasernierten Polizeibereitschaften, die durch die Zuführung von Granatwerfern und schweren Waffen aus Beständen der Roten Armee bereits mehr an militärische Verbände erinnerten. Nichtsdestotrotz betonte die SED offiziell den polizeilichen Charakter der Verbände und beauftragte Erich Mielke aus dem Zentralkomitee der SED mit der Rekrutierung von 4774 ehemaligen Wehrmachtssoldaten unmittelbar aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft, um die Verbände mit Polizisten aufzufüllen. Zur Überraschung der Funktionäre brachten die ehemaligen Soldaten eine ,,starke Abneigung gegen Uniformierung und Kasernierung“ und eine ,,weit verbreitete antisowjetische Haltung“ mit.

Diktator Josef Stalin verspicht Heimkehr aller Kriegsgefangenen

In der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ verlautete am 1. Mai 1948: „Sowjets überprüfen Inhaftierte von 1945: Freilassung erörtert - Strafmilderung für Jugendliche vorgesehen. In den sowjetischen Konzentrationslagern für Deutsche in der Sowjetzone werden zur Zeit Registrierungen der Insassen vorgenommen. Die Maßnahme steht im Zusammenhang damit, daß die Sowjetische Militär-Administration (SMA) die Überprüfung und evtl. Freilassung von Inhaftierten in Aussicht gestellt hat. […]“

Allein 68 Akten im Niedersächsischen Landesarchiv befassen sich mit der Heimkehr deutscher Kriegsgefangener im Jahr 1948. Der sowjetische Staatschef und Diktator Josef Stalin versprach, Ende 1948 würden alle Kriegsgefangenen wieder zu Hause sein. Im Jahre 1948 wurden auf Beschluss des Ministerrates der UdSSR 647.295 Kriegsgefangene repatriiert, darunter 337.694 Deutsche, 173.606 Japaner, 98.956 Ungarn und 31.761 Rumänen.

Kalter Krieg zieht herauf

Die Historiker Peter Reif-Spirek und Bodo Ritscher schreiben in ihrer Betrachtung über die Speziallager in der Sowjetischen Besatzungszone: „Die Repatriierung der deutschen Gefangenen wurde von zwei Faktoren bestimmt. Zum einen stand sie in unmittelbarem Zusammenhang mit der internationalen Politik. Der heraufziehende ‚Kalte Krieg‘ und die Beziehungen der Sowjetunion zu den Westalliierten und zu Westdeutschland waren hierbei von großer Bedeutung. Zum anderen hing die Heimkehr der Kriegsgefangenen nicht zuletzt mit deren Einsatzfähigkeit für die sowjetische Wirtschaft zusammen.“

Irgendwann kam für die Lagerinsassen die langersehnte frohe Botschaft „Skora damoi!“ (bald nach Haus). Untrüglicher Hinweis auf die Richtigkeit der Aussage war, dass den Gefangenen nicht mehr alle paar Wochen der Kopf geschoren wurde.

Transport ins sowjetische Gefangenenlager Borowitschi

Kurt Elfering war im März 1945 mit seiner Einheit in Ostpreußen mit 23 Jahren in russische Kriegsgefangenschaft geraten. Sein Zielort war das Kriegsgefangenenlager „270“ bei Borowitschi, einer Stadt zwischen Sankt Petersburg und Moskau.

Elfering berichtete im Jahr 2010 von seinem Transport ins Gefangenenlager, über die Lebens- und Arbeitsbedingungen im Lager bis zu seiner Heimkehr. Im Lager überschlugen sich demnach in der zweiten Aprilhälfte des Jahres 1948 die Ereignisse:

Die letzte große „Filzung“ vor dem Tor

Die „Transport-JU“, die russische Ärztin, welche die Heimkehrertransporte zusammenstellte, war angekündigt, „die wichtigste Person, die es überhaupt gab“, wie Elfering schrieb. Tags darauf folgte eine große Verabschiedung von der Lagerleitung. Am Abend erfolgte vor dem Tor die letzte große „Filzung“, wobei man sich sehr großzügig zeigte. Dann durften die Gefangenen in Richtung Borowitschi gehen, total zwanglos und ohne Bewachung. Der Bahnhof war immerhin 27 Kilometer entfernt. Schließlich verließen die Männer den Bahnhof Borowitschi in einem Güterwaggon in westlicher Richtung.

Erzwungene Dankschrift an die Sowjetunion

Nach einigen Tagen trafen sie in Brest-Litowsk (Litauen) ein, wo sie umstiegen und bald darauf in Polen eintrafen. In Warschau wurden sie kurzzeitig auf einen Verschiebebahnhof geschoben und erst einmal abgestellt. Am nächsten Morgen ging es weiter nach Frankfurt (Oder). Die Männer wurden ausgeladen und durften noch in einem russischen Magazin einige Stunden Kisten stapeln. Auf der Fahrt allerdings mussten sie noch eine Dankschrift an die Sowjetunion schreiben und unterschreiben. Kurt Elfering: „Hierbei mussten wir uns so ganz nebenbei verpflichten, niemals mehr gegen die Sowjetunion anzutreten. Nach dem Arbeitseinsatz in dem russischen Magazin wurden wir dann feierlich von den Russen verabschiedet und dem deutschen Roten Kreuz übergeben.“ In Gronenfelde war das Auffanglager des Deutschen Roten Kreuzes. Am nächsten Morgen wurde der Transport der Westzonenbewohner nach Friedland zusammengestellt. „Es ging dann alles sehr schnell“, so Elfering. „In Erfurt hatten wir eine Zwischenstation. Irgendwo in der Nähe des Domes bekamen wir ein Mittagessen, richtig mit Tischdecken, Tellern und Besteck. Für uns etwas ganz Neues.“ Dann sei es wieder zum Zug gegangen und dann weiter der Grenze entgegen. An irgendeinem kleinen Bahnhof sei Schluss gewesen. Man habe im Wartesaal und in den Nebenräumen übernachtet. Am frühen Morgen sei es dann zum Übergang gegangen.

Landser reißen sich Knöpfe mit Sowjetsternen von ihren Jacken

„Wir sahen schon von weitem die jeweiligen Flaggen der Besatzungsmächte. Vor uns die Sowjetflagge, weiter weg jenseits des Niemandslandes die britische Flagge. In Fünferreihen wurden wir aufgestellt, und dann die letzte Zählung. Als wir in der Mitte des Niemandslandes ankamen, rissen sich die ersten Landser die Knöpfe mit den Sowjetsternen von ihren Jacken und Mänteln und warfen sie zurück in sowjetischer Richtung. Dies war der befreiende Abschluss! Als wir dann den britischen Schlagbaum passierten, war das Ende der sowjetischen Beeinflussung erreicht. Hier wurden wir vom Roten Kreuz, der Caritas, der Diakonie und auch der Heilsarmee sowie von anderen christlichen Organisationen empfangen. Nach einer kurzen Begrüßungsansprache und einem Dankgebet erscholl das Te Deum über unsere Ankunftsstelle. Keiner schämte sich der Tränen. Dann gab es ein Begrüßungsfrühstück an Ort und Stelle. Einen Becher Kakao und zwei belegte Brotstullen.“

Mit dem Bus ins Aufnahmelager Friedland

Per Omnibus ging es schließlich nach Friedland zum Auffanglager. Erschütternd sei gewesen, wie viele Frauen mit den Fotos ihrer Männer oder Söhnen am Rande des Weges standen und die Repatrianten um Auskunft über ihre vermissten Angehörigen ansprachen. Im Lager dann folgte die übliche Ungezieferbekämpfung mit Desinfektionspulver, danach Einweisung in die Unterkünfte, am Abend dann ein großer Dankgottesdienst. In Hörde bei Dortmund endete die lange Heimreise von Kurt Elfering. Er starb im Jahr 2014.

„Untersucht, entwest, entlaust“

Entlassungsvermerke geben Hinweise darauf, wann der Kriegsgefangene entlassen wurde, welches Durchgangslager ihn aufnahm (zum Beispiel Munster-Lager), dass er dort für zwei Tage vom Deutschen Roten Kreuz verpflegt wurde, dass er 40 Reichsmark Entlassungsgeld ausgezahlt bekommen und dass er eine Erstausstattung von einer Hose, einer Jacke, einem Handtuch, einer Winterunterhose, einem Paar Schuhe, einem Hemd, einem Kamm und einer Zahnbürste vom Hilfswerk der evangelischen Kirchen in Deutschland erhalten hatte. Diese Vermerke waren Bestandteil des Entlassungsscheins mit „Personalbeschreibung“ und ärztlichem Befund.

14 Tage in Quarantäne

Auch Bescheinigungen der Auffanglager liegen vor, so die Bescheinigung des Auffanglagers deutscher Kriegsgefangener Nr. 2 der Sowjetischen Militäradministration (SMA) des F.L. Sachsen für Rudi Wendekamm. Ihm wurde am 30. November 1948 in Pirna bescheinigt, dass er am 20. November im Auffanglager eingetroffen sei. „Er ist untersucht, entwest, entlaust, hat eine 14tägige Quarantäne durchgemacht, ist gesund und begibt sich in seinen Wohnort Hohenstein-Ernstthal zurück. Er hält sich zur Verfügung: Arbeitsamt. Der Chef des Auffanglagers, Oberleutnant Liwotschenko.“ Wendekamp war in jugoslawische Gefangenschaft geraten und hatte seine Heimreise am 16. November 1948 angetreten.

Mitglied der Waffen-SS taucht zunächst unter

Ein anderer Heimkehrer war Karl Behrens, Rechtsanwalt und Mitglied der Rechtsanwaltskammer Celle (1939), Mitglied der Waffen-SS und beim SS- und Polizeigericht II in Düsseldorf eingesetzt. Er wurde 1946 aus russischer Gefangenschaft entlassen, tauchte unter und meldete sich erst 1951 nach seiner Rückkehr nach Lüneburg, um dort wieder zu praktizieren.

Ankunft am Bahnhof in Eschede "wie ein Fremder"

Wenn die Kriegsheimkehrer dann endlich nach Jahren der Lagerhaft zu Hause eintrafen, mussten sie sich erst einmal wieder einfinden, richtig „ankommen“. Alfred Misselhorn, 1928 in Scharnhorst geboren, erinnerte sich später an das Ende der Gefangenschaft: „Am 4. März 1948 kurz vor 8 Uhr steige ich in Eschede aus. Wie oft bin ich von hier abgefahren und wieder angekommen? Heute ist es anders, ich komme mir wie ein Fremder vor.“

Von Matthias Blazek

Quellen

Niedersächsisches Landesarchiv, NLA-HStA Nds. 170 Nr. 868.

Bundesarchiv-Militärarchiv, MZAP Pt 7187, Blatt 65-84.

Helmuth von Dreßler (Hrsg.): Entstehen und Wirken: Geschichte des Arbeitskreises 1947-1957, Arbeitskreis der Heimkehrer und Kriegsgefangenen-Angehörigen des Lagers Borowitschi UdSSR, Essen-Rellinghausen 1968.

Peter Reif-Spirek, Bodo Ritscher: Speziallager in der SBZ, Erfurt 1993.

W. B. Konassow: Sudby nemezkich wojennoplennych w SSSR (Schicksale deutscher Kriegsgefangener in der UdSSR), Wologda 1996, S. 152 f.

Erwin Peter, Alexander E. Epifanow: Stalins Kriegsgefangene – ihr Schicksal in Erinnerungen und nach russischen Archiven, Stuttgart 1997, S. 322.

Wolfgang Buwert (Hrsg.): Frankfurt (Oder) - Sammel- und Umschlagplatz für Gefangene und Heimkehrer 1945-1950/56, Potsdam 1998.

Kurt Elfering: „Heimkehr aus russischer Kriegsgefangenschaft 1948“, in: LeMO-Zeitzeugen, Lebendiges Museum Online, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.

Annette Kaminsky (Hrsg.): Heimkehr 1948, München 1998.

Jan Foitzik: Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) 1945-1949, Institut für Zeitgeschichte, München-Berlin 2009, S. 89.

Hinrich Rüping: Rechtsanwälte im Bezirk Celle während des Nationalsozialismus, Berlin 2010, S. 16.

Frank Heinz Bauer: „Geräuschlos“ und ,,ohne Geschrei!“ Sicherheitspolitik von 1949 bis 1956, Sicherheitspolitik von 1949 bis 1956 | bpb, 2019.

Von