Kriegsende im Nordkreis

Als die Besatzer in Mden zum Tee kamen (Teil 3)

1945 rckten die britischen Besatzer in Mden an der rtze ein. So verhielten sie sich und so erlebten die Bewohner des Ortes die historischen Ereignisse.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 20. Nov 2021 | 06:00 Uhr
  • 10. Jun 2022
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  • 20. Nov 2021 | 06:00 Uhr
  • 10. Jun 2022
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Mden.

Wie hat Mden an der rtze das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt? Hier nun der dritte und letzte Teil der geschilderten Ereignisse, die sich 1945 zugetragen haben.

Ungehindert von den besiegten Deutschen, begann schon am Morgen des 16. April der britische Nachschub ber die Wietzebrcke in Richtung Norden zu rollen. Mden war nun besetzt aber noch nicht vollstndig gesichert.

Deutsche Krfte jagen rtzebrcke in Mden in die Luft

Um fnf Uhr morgens treibt der Knall einer gewaltigen Explosion Besatzer und Besetzte gleichermaen auf die Strae. In Windeseile spricht es sich herum: Deutsche Krfte haben die rtzebrcke in die Luft gejagt! Man munkelt, dass in den Wldern ringsum sich noch Unentwegte verstecken und nur auf Gelegenheit warteten, sich fr Fhrer, Volk und Vaterland ins Feuer zu werfen. Gleichzeitig nehmen die Auflsungserscheinungen der deutschen Verbnde teils skurrile Zge an.

SS-Uniformen weggeworfen und zivile Kleidung gefordert

Ein heutiger Altbauer in einem Nachbarort berichtet, dass einige SS-Mnner sich dorthin geschlichen hatten und seinen Vater mit vorgehaltener Waffe dazu zwangen, ihnen seine Kleidung herauszugeben. Ihre SS-Uniformen warfen sie weg und machten sich davon. Sie befanden sich in prominenter Gesellschaft: Auch der Kommandant der zivilen Belegschaft des Fliegerhorstes Fabergs, der sich in Mden noch als strammer SA-Mann hervorgetan hatte, tat es ihnen gleich. Als die Briten in Faberg einrckten, war er schon ber alle Berge, mitsamt Familie. Richtung Hamburg, wie es hie. Wozu absolut keine Veranlassung bestand, bemerkt Dorfchronist Ernst Schtze trocken in seinem Bericht ber die NS-Zeit und ihre Folgen: Sogar sein Ortsgruppenleiter wurde entnazifiziert und wieder in sein altes Amt als Inspektor eingesetzt.

Mdenerin als Vorkosterin fr die Englnder

Mitunter schreibt selbst der grausame Krieg kuriose Geschichten, die aus gengend zeitlicher Distanz fast schon wieder zum Lachen reizen. Whrend die Mdener am Tag nach dem Angriff vollauf mit der Schadensaufnahme beschftigt gewesen sein werden, sorgten sich die Briten schon auch wieder um die Sicherung ihrer typischen Lebensgewohnheiten.

August Wilhelm Leverenz berichtet: Dann kam der Englnder zu uns, und die Mutter sollte denen Tee kochen. Man hat sie erst nicht verstanden, aber wir hatten als Mieter Mutter und Tochter aus einer zugezogenen Berliner Pastorenfamilie, und die Tochter konnte etwas Englisch. Also hat unsere Mutter getan, wie man ihr geheien hatte. Aber der Englnder war misstrauisch, die dachten wohl, sie sollten vergiftet werden. Also hat die Mutter vorgekostet. Dann langte der Englnder zu. Die waren eigentlich ganz nett.

Englnder verlangen nach Tee

Auf einem der alten Hfe sitzen die Frauen noch morgens im Keller und wagen sich nicht heraus. Als auch hier englische Soldaten das Haus betreten und Tee begehren, wissen die Mnner sich nicht anders zu helfen, als die Verngstigten nach oben zu holen. Ob aus falsch verstandenem Gehorsam oder aus alter Gewohnheit die Buerin begrt die ungebetenen Gste mit Heil Hitler!. Aber der Englnder ist ja fr seine Gelassenheit bekannt. Dem ging es doch nur um sein bevorzugtes Heigetrnk.

Sprachliche Schwierigkeiten: Eier mit Axt verwechselt

Etwas kritischer entwickelte sich die Situation woanders. Da kamen die Besatzer und fragten: Do you have eggs? Die Mutter wird kreidebleich, murmelt Nu wulln se uns dootschlon, geht nicht in die Kche, sondern in den Schuppen und steht danach mit einer Axt vor den verdutzten Briten. Auch dieses Missverstndnis konnte aufgeklrt werden: Das englische Wort fr Eier und das plattdeutsche fr Axt sind von der Aussprache her eben sehr hnlich.

Die im Heidehaus im Weien Moor untergebrachten Frauen und Kinder bekommen einen Riesenschreck, als pltzlich ein britisches Militrfahrzeug anfhrt. Bewaffnete fhren Friederike Siemerings Mann mit, der als Soldat in Faberg war. Sie frchtet schon, er solle vor ihren Augen erschossen werden. Doch wird er hergebracht, um sich von seiner Familie zu verabschieden, bevor er in Gefangenschaft kommt.

Zahlreiche Unflle mit Kriegsgert

Kleinere Katastrophen, gemessen an dem, was der Krieg an groen Katastrophen mit sich bringt, lassen nicht lange auf sich warten. berall liegt Kriegsgert herum. Man sucht sich seiner unkompliziert zu entledigen. Da werden Handgranaten in Jauchekuhlen versenkt, Schiegert eingebuddelt, Munition in rtze und Wietze geworfen. Mit dem, was brig bleibt, beginnen die Kinder zu spielen und zu experimentieren. Da werden Finger verloren, Brandwunden geschlagen, und es kommt zu einem Zwischenfall, der weit bler htte ausgehen knnen. Ein Junge hat einen auf dem Friedhof liegen gebliebenen Panzerschreck in die Hnde bekommen und schiet damit Nachbars Viehstall in Brand. Nur Sachschaden, Glck im Unglck.

Menschliche Tragdien in Mden

Und es geschehen menschliche Tragdien, weil auch in Mden gewisse Untaten der Vergangenheit nach Shne rufen. Die Zimmerei Eggers hat russische Kriegsgefangene als Arbeiter eingesetzt, die auch von anderen Mdenern angefordert werden konnten. Die Aufsicht ber das Lager hatte der Dorfpolizist gefhrt und sich bei den Insassen, um es milde auszudrcken, grndlich unbeliebt gemacht. Anfang 1945 hatte er am Hauelhof einen von ihnen sogar erschossen. Nun aber sind die Hftlinge auf einen Schlag befreit. Der Polizist frchtet Vergeltung und richtet sich selbst. Der Ortsbauernfhrer wird interniert und hat eine schwere Zeit. Man veranstaltet eine Unterschriftensammlung fr seine Freilassung. Er kommt als gebrochener Mann zurck und stirbt bald.

Kriegsgefangene strmen in die Gegend

Aus dem Kriegsgefangenenlager im benachbarten Wietzendorf strmen mehr als 8000 Mnner in die Gegend. Die Briten lassen sie vorerst gewhren, was vor allem fr die Einzelhfe bittere Konsequenzen nach sich zieht. Das auch in Mden noch nicht aufgearbeitete Thema Zwangsarbeit und die schwierige Problematik zahlreicher Displaced Persons weist aber auch eine sehr menschliche Seite auf. Nicht alle, die verschleppt worden waren, wurden in Lager gesteckt. Sie arbeiteten und wohnten in privaten Haushalten. Hiestermanns im Salzmor hatten eine junge Polin als Magd. Eines Tages ziehen einige ihrer Landsleute, die in Wietzendorf interniert gewesen sind, durchs Dorf. Die junge Frau bewirkt, dass bei Hiestermanns nicht geplndert wird. Ein ehemaliger polnischer Kriegsgefangener wird spter hier gar selbst zum Kleinbauern, und seine eigene Familie verbindet sich durch Einheiratung mit einer alten Mdener Familie.

Im Morgengrauen, im Bois dInor,

in der Hlle, der grnen, auf Wacht,

stieg glutvoll die Sonne empor,

als die letzten der Schsse verkracht.

Nun schweigt das Feuer, ein letzter Stern

schaut blass in den Morgen hernieder;

da ist es, als hr ich aus naher Fern:

Kamerad! Und wieder, und wieder - - -

Was ist, Kamerad, was starrst du so bleich

in die Rte des Himmels hinein? - - -

Mir wird kein Wort mehr, sein Schweigen ist:

Ich bin mit dem Toten allein.

Von Eckhard Graf

Quellen

Saft, Ulrich: Krieg in der Heimat. Das bittere Ende zwischen Weser und Elbe. Walsrode 19965

Senioren-Mnnerkreis Mden 19932013: Diverse Sitzungen zum Thema, mit Augenzeugenberichten von: Ernst Schtze (19081996), August Wilhelm Leverenz (19222007), Hermann Tewes (19282010), Werner Rehwinkel (*1932), Siegfried Khneke (*1933), Heinz Leverenz (*1934), Renate Behrens geb. Siemering (*1938)

Volksbund Deutsche Kriegsgrberfrsorge e. V.: www.volksbund.de/fileadmin/redaktion/Mediathek/LV_Niedersachsen/Hermannsburg_Geschichtstafel.pdf))

Buch

Frderkreis Naturheimat Mden/rtze: Das alte Mden Lebensbilder eines 1000-jhrigen Heidedorfes. Es kostet 22 Euro und ist bestellbar unterwww.wildparkmueden.de oder Telefon (05053) 903031.

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