Reichsgründung 1871

Als Kaiser Wilhelm Celle besuchte

1871 wurde das deutsche Kaiserreich gegründet. So empfingen die Celler Wilhelm I. am Bahnhof, als er kurz Station in der Residenzstadt machte.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 18. Jun 2022 | 06:00 Uhr
  • 21. Jun 2022
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Celle.

Mit der Gründung des deutschen Kaiserreiches am 18. Januar 1871 war eine neue Phase in der deutschen Geschichte eingeleitet worden, deren Auswirkungen im Innern wie auch im Außenbereich noch nicht abzusehen waren. Dieses Ereignis war nicht durch eine souveräne Entscheidung des Volkes zustande gekommen, sondern durch eine vom preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck mit großem Geschick vorbereitete und noch während des Deutsch-Französischen Krieges in Szene gesetzte Veranstaltung als „Fürstenbund“ erfolgt.

Krönungsfeier am 18. Januar 1871 im Schloss Versailles

Bei der Krönungsfeier am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles standen die monarchischen Repräsentanten der einzelnen Bundesstaaten im Mittelpunkt, während die Vertreter des Volkes, die Abgeordneten des Norddeutschen Reichstages, nur eine Randerscheinung darstellten. Sie hatten keinen Einfluss auf den nun gegründeten „Fürstenbund“ ausüben können.

Bei der Feier im Schloss von Versailles war nicht zu übersehen, dass der 1870/1871 unter preußischer Führung erfolgreich gegen Frankreich geführte Krieg und die mit der Kaiserproklamation verbundene Reichseinigung vor allem als Ausdruck des machtpolitisch begründeten Prinzips preußischer Staatsautorität zu bewerten waren und in entscheidender Weise von den Vorstellungen und der Zielstrebigkeit des preußischen Ministerpräsidenten und späteren Reichskanzlers Otto von Bismarck bestimmt wurden.

Breite Zustimmung zum Kaiserreich

Dennoch war die Reichsgründung von einer großen Anteilnahme und Zustimmung in der Bevölkerung begleitet. Dazu stellte die „Cellesche Zeitung“ in ihrer Ausgabe vom 22. Januar 1871 fest: „Die definitive Annahme der von den Fürsten und freien Städten Deutschlands unserem König aufgetragenen deutschen Kaiserwürde besiegelt das inmitten des Krieges aufgebaute Werk der Einigung Deutschlands. Die von dem König von Baiern angeregte Wiedererrichtung des deutschen Reiches ist dadurch zu einer unumstößlichen Thatsache geworden und wird von nun an ihre segenbringende Kraft an unserem Vaterlande bethätigen, nach Außen die Unabhängigkeit desselben wahren und schirmen, im Innern die Rechte des Reichs und aller seiner Glieder schützen durch treues Festhalten an der Verfassung des Reichs, welche von den Regierungen und den berufenen Vertretern des Volkes geordnet ist.“1

Ende des Königreichs Hannover

In einer Stadt, deren Bevölkerung erst wenige Jahre zuvor mit dem Ende des Königreichs Hannover und dem Sturz Georgs V., des letzten Herrschers auf dem Welfenthron, einen tiefen Einschnitt in der historisch-politischen Entwicklung ihres Landes erlebt hatte, war eine allgemeine Zustimmung zur Reichsgründung mit dem preußischen König als Staatsoberhaupt nicht ohne Weiteres zu erwarten. Es war deshalb durchaus verständlich, dass mancher mit Wehmut sich an vergangene Zeiten erinnerte.

Ungeachtet dieser von einem ausgeprägten Traditionsbewusstsein bestimmten Vorstellungen fand der nationale Gedanke in Verbindung mit der von Preußen angestrebten Verwirklichung eines einheitlichen deutschen Staates breite Unterstützung innerhalb der hannoverschen Bevölkerung.

Wilhelm I. erfreut über "patriotischen Aufschwung in der Provinz Hannover"

Im Hinblick darauf hatte der preußische König Wilhelm I. in einem Telegramm an den Oberpräsidenten der Provinz Hannover, Graf von Stolberg, seine „hohe Freude über den patriotischen Aufschwung in der Provinz Hannover“ zum Ausdruck gebracht. 2

Ergänzend dazu war in der „Celleschen Zeitung“ zu lesen: „Die Flammen nationaler Begeisterung lodern überall hell empor und scharen die Deutschen aller Parteien von der Nordsee bis zu den Alpen um die Fahnen Preußens. Auch die Provinz Hannover bleibt nicht zurück.“3

Große Hilfsbereitschaft in Celle

An dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/1871 hatten im Verband des X. Armeekorps auch Truppen aus den verschiedenen hannoverschen Gebieten teilgenommen, denen überall im Lande die besondere Aufmerksamkeit und Verbundenheit der Menschen zuteilgeworden war. Als der Oberpräsident der Provinz Hannover, Graf von Stolberg, im August 1870 die Bevölkerung zur Unterstützung dieser Truppen mit lebenswichtigen Gütern aufrief, zeigte sich auch in Celle eine große Hilfsbereitschaft. Erhebliche Mengen an Lebensmitteln und Kleidungsstücken sowie Geldspenden und andere Gaben wurden von der Bevölkerung zur Verfügung gestellt, von denen ein Teil auch den Infanterieregimentern Nr. 77 und 74 des 7. Westfälischen Armeekorps, zu deren Rekrutierungsbezirken damals Stadt und Amt Celle gehörten, zufloss. Diese Spendenbereitschaft verstärkte sich noch in der Folgezeit und kam ebenso den in den hiesigen Lazaretten betreuten Verwundeten und Kranken zugute.4

Viele welfische Anhänger im Celler Raum

Nicht zu übersehen war aber auch, dass die bereits seit Jahren in Opposition zur Vorgehensweise des preußischen Staates stehende welfische Bewegung, die auf der politischen Ebene durch die Deutsch-Hannoversche Partei repräsentiert wurde, auch nach der Reichsgründung 1871 in der Provinz Hannover über eine große Anhängerschaft verfügte. Diese Feststellung gilt ebenso für die Bevölkerung im Celler Gebiet. Die Welfenpartei hatte in den zurückliegenden Jahren bei Wahlen in der Auseinandersetzung mit den Nationalliberalen stets hohe Stimmenanteile erzielt. Der dabei festzustellende Gegensatz zwischen Welfen und Nationalliberalen setzte sich auch nach der Reichsgründung fort. Die Deutsch-Hannoversche Partei verfolgte weiterhin partikularistische Ziele und Interessen.

Rückkehr eines welfischen Fürsten auf den Königsthron angestrebt

Als zentrale Forderung strebte die Partei die Wiederherstellung eines selbstständigen hannoverschen Staates und die Rückkehr eines welfischen Fürsten auf den Königsthron an. Die Nationalliberalen hingegen, die sich stets für die Führungsrolle Preußens im deutschen Einigungsprozess eingesetzt hatten, argumentierten von dieser Position aus auch nach 1871 gegen die „partikularistischen“ und „separatistischen“ Vorstellungen und Absichten der Welfen.5 Diese Wahlagitation der Nationalliberalen verschärfte sich noch im Verlauf der 1870er Jahre.

Trotz der weiterhin vorhandenen politischen Gegensätze in der Bevölkerung der Provinz Hannover können andererseits die verstärkten Bemühungen der preußischen Regierung um Ausgleich und Versöhnung zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen nicht übersehen werden.

Gedenken an Schlacht bei Sedan und Patriotismus

In diesem Sinne erhielten zum Beispiel die in jedem Jahr zur Erinnerung an die Schlacht bei Sedan veranstalteten Feiern eine besondere symbolische Bedeutung. In der „Celleschen Zeitung“ hieß es dazu: „So feiert die Nation am 2. September nicht nur das Gedenken an die Ehren des Krieges und des Friedens, sondern zugleich das Fest ihrer eigenen Wiedergeburt. Es ist ein Fest, bei dessen Feier alle patriotischen Herzen sich in wechselvoller Stimmung und im Gefühl innigster Gemeinschaft zusammenfinden können, weil jener Tag neben den unmittelbaren Früchten des Waffensieges der Nation das sichere Bewußtsein brachte, daß ihr Einheitsgefühl mächtig genug sei, um alle Prüfungen zu bestehen und alle Gegner zu überwinden.“6

Diese Feiern sollten vor allem dazu dienen, den nationalen Gedanken zu vermitteln und als eine alle gesellschaftlichen und politischen Unterschiede überbrückende gemeinsame Grundlage für das Zusammenleben zu betrachten. Indem im Rahmen dieser Veranstaltungen an den mühsamen Weg von den napoleonischen Befreiungskriegen bis zur Gründung des deutschen Kaiserreiches im Spiegelsaal von Versailles erinnert wurde, sollte zugleich das Bewusstsein für das seit geraumer Zeit von vielen Bürgern angestrebte Ziel der staatlichen Vereinigung der Deutschen gefördert werden. Dieses einigende Band sollte über alle Parteigrenzen und gesellschaftlichen Gegensätze hinaus zum inneren Frieden beitragen.

Kaiser Wilhelm in Celle umjubelt

Ungeachtet der gesellschaftlichen Gegensätze und der unterschiedlichen politischen Vorstellungen und Organisationen stieß das neue Staatsoberhaupt überall im Lande auf breite Zustimmung.

Ein solches Zeichen der Ehrerbietung gab es bereits im Verlauf des Deutsch-Französischen Krieges, als man im Frühjahr 1871 in Celle den Geburtstag des wenige Monate zuvor zum Kaiser des neuen Deutschen Reiches proklamierten preußischen Königs Wilhelm I. zum Anlass nahm, um der Freude über die wiedergewonnene staatliche Einheit Ausdruck zu verleihen und „dynastische Anhänglichkeit“ und „Untertanentreue“ zu demonstrieren. In der „Celleschen Zeitung“ war dazu zu lesen: „Gestern, am 22. März, dem Geburtstage Sr. Majestät des Kaisers und Königs, prangten die Straßen unserer Stadt im schönsten Fahnen- und Flaggenschmuck. Nachmittags fand in der ,Union‘ ein Festessen statt und Abends waren Soupers in Hartmann’s Hotel, im Sandkruge und im Aller-Club veranstaltet.“7

Celles Bürgermeister Hattendorff begrüßte Kaiser Wilhelm I.

Einen herzlichen Empfang bereiteten die Bewohner der Stadt Celle dem Kaiser am 30. November 1871, als er auf seiner Reise zur Jagd nach der Göhrde auch die frühere Residenzstadt der welfischen Fürsten berührte. Der Monarch und seine Begleitung, der Kronprinz, die Prinzen Carl, Friedrich Carl, Albrecht, Wilhelm von Mecklenburg und August von Württemberg, wurden auf dem Celler Bahnhof von der zahlreich herbeigeströmten Bevölkerung bei der Ankunft des Zuges mit Freude und großem Jubel begrüßt. Die Begeisterung erreichte ihren Höhepunkt, als der Kaiser unter den Klängen der Regimentsmusik den Salonwagen verließ und den Bahnsteig betrat. Bürgermeister Hattendorff begrüßte das Staatsoberhaupt im Namen der Stadt. Seine Ansprache schloss mit den Worten: „Wir leben in der freudigen Hoffnung, daß es Ew. Kaiserlichen und Königlichen Majestät gefallen möge, recht bald die Stadt Celle durch einen länger dauernden Besuch zu beglücken.“ 8

Der Kaiser erwiderte mit einigen herzlichen Worten, die zugleich auf einen Besuch des Monarchen in absehbarer Zeit hoffen ließen. Er ließ sich dann im Wartezimmer durch den Oberpräsidenten Grafen von Stolberg die Behörden der Stadt, die Geistlichkeit und die Ortsvorsteher des Kreises Celle sowie von den anwesenden Damen diejenigen vorstellen, die sich in besonderer Weise der Pflege der Verwundeten gewidmet hatten.

Schüler des Gymnasiums jubeln dem Kaiser zu

Anschließend wurden auf dem Bahnsteig auch die Offiziere der Garnison und einige mit Orden dekorierte Militärpersonen vorgestellt. Hier hatten sich ebenfalls zahlreiche Schüler des Gymnasiums eingefunden, die dem Kaiser und seiner Begleitung Fahnen schwenkend zujubelten und den kaiserlichen Gästen ihre Verehrung erwiesen. Die Freundlichkeit, mit der Kaiser und Kronprinz sich den Anwesenden zuwandten, hinterließ bei allen eine nachhaltige Wirkung. Man bedauerte es deshalb sehr, dass schon nach einer Viertelstunde der Aufenthalt des Kaisers beendet war und die Weiterfahrt der Gäste erfolgte. 9

Von Karl-Heinz Buhr

Quellen

1 Cellesche Zeitung (fortan CZ) vom 22.1.1871.

2 CZ vom 19.7.1870.

3 CZ vom 19.7.1870.

4 Vgl. hierzu z. B. CZ vom 7., 11., 18., 25. und 30.8.1870 sowie vom 8.9.1870.

5 Vgl. Bernhard Ehrenfeuchter: Die politische Willensbildung in Niedersachsen zur Zeit des Kaiserreiches,. Diss. Phil., Göttingen 1952, Teil I, S. 185.

6 CZ vom 3.9.1876.

7 CZ vom 23.3.1871.

8 CZ vom 2.12. 1871. S. auch Otto Sroka; Daniela Guntner: Damals. Celle vom 19. Zum 20. Jahrhundert, Band II. Celle 1985, S. 71.

9 Vgl. CZ vom 2.12.1871. Vgl. hierzu auch Karl-Heinz Buhr: Celle im Kaiserreich und in der Phase des politischen Umbruchs 1918/1919. Bedeutende Ereignisse und Entwicklungen im Spiegel der Zeitgeschichte, Celler Beiträge zur Landes- und Kulturgeschichte. Schriftenreihe des Stadtarchivs und des Bomann-Museums, hg. von der Stadt Celle, Bielefeld 2014, S. 18ff.

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