1000 Jahre Wathlingen

Ursprung, Gründung, Ersterwähnung

Vieles wird vorbereitet: Wathlingen wurde vor 1000 Jahren gegründet und will dies gebührend feiern. Doch ganz sicher scheint das mit dem Datum nicht.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 28. März 2022 | 18:09 Uhr
  • 10. Juni 2022
Die kleine, etwa 11 cm hohe, 2500 Jahre alte Urne, die 1951 der Wathlinger Bauer Kalle Mösing sen. beim Tiefpflügen mit anderen Tonscherben auf seinem Spargelfeld zutage förderte, gilt als Beleg für das tausendjährige Bestehen Wathlingens.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 28. März 2022 | 18:09 Uhr
  • 10. Juni 2022
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Wathlingen.

Die Urkunde ist nicht echt.“ Das Verdikt des Heimathistorikers traf den Bürgermeister an diesem Julinachmittag des Jahres 2018 unvorbereitet. „Und eine richtige Gründungsurkunde für dein Dorfes wäre das auch nicht, denn Wathlingen ist lediglich einer von 155 Orten, an denen das Kloster St. Michaelis in Hildesheim Besitzungen hat.“ Die kleine Wathlinger Dorfwelt schien für einen Moment aus den Fugen. War die große 1000-Jahr-Feier im Jahr 2022 geplatzt, bevor die Planungen überhaupt begonnen hatten?

Eine kleine Urne ist noch kein Beleg

Die kleine, etwa 11 cm hohe, 2500 Jahre alte Urne, die 1951 der Wathlinger Bauer Kalle Mösing sen. beim Tiefpflügen mit anderen Tonscherben auf seinem Spargelfeld zutage förderte, blieb ein bemerkenswerter Einzelfund, der im Bomann-Museum in Celle inventarisiert ist. Damals berichtete die Cellesche Zeitung ausführlich über den Fund und der an der Dorfgeschichte interessierte Bürgermeister Engelke wusste zu ergänzen, dass erstmals 1890, als die Straße Wathlingen – Nienhagen ausgebaut wurde, Berichte über vorgeschichtliche Funde im Dorf kursierten. Auch sei 1929 auf dem Mühlenberg ein vorgeschichtlicher Topf entdeckt worden, der aber aus Unkenntnis nicht der Forschung zugeführt wurde und verschwand. Trotz dieser vorgeschichtlichen Funde mussten die Wathlinger Verantwortlichen damals verkraften, dass die Archäologen diese Zufallsfunde als nicht so bedeutend und einmalig eingestuften, um in Wathlingen weitere systematische Grabungen nach dem Ursprung des Ortes durchzuführen, wie sie heute in Altencelle um die Siedlung Tsellis erfolgen. Zwar war und ist man sich einig, dass die Wathlinger Feldmark und die Lebensader Fuhse von Alters her die notwendigen Voraussetzungen für Ackerbau, Viehzucht und Obdach boten, aber dennoch gehen die Archäologen nicht von einer durchgehenden und dauerhaften Besiedlung an dieser Stelle aus. Wathlingen verschwindet für etwa eineinhalb Jahrtausende wieder im Nebel der Geschichte und taucht erst 1022 wieder auf.

Unterschiedliche Namensdeutungen

Über die Entstehung des Ortsnamens „Wathlingen“ gab und gibt es unterschiedliche Deutungen, wobei sich folgende, schon 1925 vom Dorfchronisten Heinrich Pröve niedergeschriebene Herleitung durchgesetzt hat: Der Name sei mit Wathlingens sumpfiger und feuchter Umgebung in Verbindung zu bringen und sei als „Lage in feuchter Gegend“ zu interpretieren. Unstrittig ist dabei der zweite Namensteil, der zweifelsohne gleichbedeutend mit „Lage“ oder „liegen“ ist. In der Umgebung gibt es dazu viele Entsprechungen wie etwa „Langlingen“, „Sandlingen“, und selbst Celles „Blumlage“ ist anzuführen. Mehrere Deutungen lässt allerdings der erste Namensteil zu. „Wadit“ ist der Dativ, Plural zu „wade“ oder „wate“, einem Fischernetz für seichtes Wasser. Auch die Vermutung, der erste Namensteil sei eine Abwandlung von „wad“ = „Furt“, findet sich in den Schriften. In beiden Fällen besteht ein Zusammenhang zu Wathlingens feuchter Umgebung an den Ufern der Fuhse. Nicht überzeugen konnte der Zusammenhang mit der Schreibung „waltleghe“ aus dem 13. Jahrhundert für einen Ort mit waldiger Umgebung. Diese Deutung will nicht so recht zu den Bodenverhältnissen in Wathlingens Umgebung passen. Schließlich, so schreibt Pröve, könnte Wathlingen auch ganz einfach der Name der Gründersippe sein, der sagenhaften „Herren von Wathlingen“, die aber bereits 1575 ausgestorben sein sollen. Was uns aber keinen Schritt weiter bringt, weil die Deutungssuche erneut beginnen müsste.

Gründung bleibt im Nebel der Geschichte

Was in den eineinhalb Jahrtausenden passierte, nachdem eine eisenzeitliche Sippe die kleine Urne einem Verstorbenen auf den Hügeln am Ufer der Fuhse ins Grab legte, ist allenfalls anekdotisch zu rekonstruieren, wie Heinrich Pröve es in seiner Geschichte Wathlingens tat. Irgendwann wird der Führer einer Sippe in der Wathlinger Flur sesshaft geworden sein. Um sein Gehöft gruppierten sich kleinere zugeordnete Wirtschaftseinheiten, ein „Haufenhof“ entstand. Die Herren vom Gehöft ordnet die Geschichtswissenschaft den „Edelingen“ und nicht den einfachen „Frîlingen“ zu. Dieses Nebeneinander von Höfen ist eine Streusiedlung, aber noch kein Dorf im Rechtssinn und noch nicht namensbildend. Erst die sich im 10. Jahrhundert durchsetzende stationäre Dauerwirtschaft schaffte die Voraussetzung für die konzentriertere Siedlungsweise.

Die Cellesche Zeitung berichtete 1951 über die Übergabe der Urne.

Im 12. Jahrhundert begann der Prozess der „Verdorfung“. Aus der bis dahin dominierenden Lockersiedlungsweise der Nachbarschaft entstanden im Zuge der Siedlungskonzentration überall Dörfer mit 150 bis 250 Einwohnern als übergeordnete Siedlungseinheit, in denen eine Kapelle und auch eine Pfarrkirche immer häufiger den Mittelpunkt bildete. In diese Entwicklung passt, dass Wathlingens Pfarrkirche St. Marien in diesem Jahr ihr 700-jähriges Bestehen feiert.

Die Verdorfung war kein einmaliger Akt, sondern ein allmählicher Prozess, und so konnten die Siedler gar nicht den Tag oder das Jahr ihrer Niederlassung oder Dorfgründung in Stein hauen, um dieses Datum der Nachwelt zu überliefern. Dafür hatten sie auch gar keine Zeit, denn ihr Alltag war von der ständigen existenziellen Sorge um Nahrung und Schutz vor allen möglichen Gefahren geprägt. Vom Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang bestimmt harte Arbeit das Leben. Und wird später eine Siedlung in Quellen einmal erwähnt, bedeutet das lediglich, dass es diese Siedlung zum Zeitpunkt der Niederschrift bereits gab, und sagt gar nichts über einem Gründungstag oder ein Gründungsjahr aus.

Abseits der großen Geschichte

Mancher Sturm fegte in diesen eineinhalb Jahrtausenden über Europa hinweg, ohne im Landkreis tiefe Spuren zu hinterlassen: das Römische Reich war auf- und untergegangen, die Völkerwanderung hatte Europas Kulturlandschaft verheert, Karl der Große unterwarf die Sachsen und schuf mit Grafschaften und Gauen (lat. pagus) erste nachrömische Verwaltungseinheiten nördlich der Alpen. Auf Reichsebene war 919 unter Heinrich I. aus dem sächsischen Geschlecht der Ottonen das erste Deutsche Reich entstanden und 1024 starb mit Heinrich II. der letzte Kaiser aus diesem Geschlecht. Das Christentum hatte auch in Norddeutschland Fuß gefasst. 815 gründete Ludwig der Fromme, Sohn Karls des Großen, das Bistum Hildesheim, das 17 sächsische Gaue umfasste. Im Norden der Bistumsgebietes lag der Gau „Flutwid(d)e“ als Teil der sächsischen Provinz Ostfalia. Der durch den dämlichen Missbrauch der Nationalsozialisten in Verruf genannter Begriff „Gau“ war damals eine neutrale Raumbezeichnung, die frei von einem verfassungsgeschichtlichen Kontext jede Einheit bezeichnet, die mehrere Siedlungselemente umfasste. Auch wenn es eine Zeit war, die noch keine feste territoriale Grenzziehung kannte, lässt sich der Gau „Flutwid(d)e“ mit den heutigen Städten Burgdorf, Burgwedel, Lehrte, den Gemeinden Edemissen, Isernhagen und Uetze sowie den Samtgemeinden Flotwedel, Meinersen und Wathlingen umreißen. In diesem Gau übte vor 1000 Jahren Graf Tammo, der für die Jahre 960 bis 1037 bezeugt ist und ein Bruder des Hildesheimer Bischofs Bernward war, die weltliche Herrschaft aus. Nach Tammos Tod fiel dieser Gau an die sächsischen Brunonen, von denen Brun II. (um 1024 – 1057) seit 1052 als Graf im Gau „Flutwid(d)e“ nachzuweisen ist.

Für die Suche nach frühen Zeugnissen zu Wathlingens Geschichte rücken die Ereignisse im etwa 50 km entfernten Hildesheim in den Blickpunkt. Die Domstadt erlebte unter den beiden Bischöfen Bernward (993-1022) und Godehard (1022-1038) ihre erste Blüte, die der Stadt den heutigen Status eines Unesco-Weltkulturerbes einbrachte. Bischof Bernward, der dem sächsischen Hochadel entstammte und Lehrer und Erzieher König Ottos III. war, gründet nach seinem Amtsantritt als Bischof von Hildesheim vor den Toren der Domstadt das Kloster St. Michaelis, dem er bis 1019 in mehreren Tranchen seinen Privatbesitz übereignet. Im Januar 1013 vernichtet ein Dombrand fast das gesamte Urkundenarchiv des Bistums, darunter auch Urkunden, die die Klostergründung St. Michaelis betrafen.

Fortsetzung folgt

Von Martin Thunich

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