Porträt Sägewerk Harling

Hier wird ganz und gar auf Holz gebaut

Seit über 150 Jahren besteht das Sägewerk Harling in Eversen: Die Wurzeln reichen zurück bis in das Jahr 1870. Ein Blick zurück - und nach vorne.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 29. Aug 2021 | 09:00 Uhr
  • 10. Jun 2022
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Eversen.

Es ist Mittwoch um halb zehn. Leuchtend rot wird eine Zahl angezeigt: 39.080. Das Digitalband ist mit der großen, im Boden eingelassenen Lkw-Waage auf dem Betriebshof vom Sägewerk Harling in Eversen verbunden. Gerade hat ein mit Hackschnitzeln voll beladener Lastwagen das Gelände verlassen. Gesamtgewicht: 39.080 Kilogramm.

Weiterverarbeitung auf 22 Hektar großem Gelände

Schon wieder leuchten Zahlen auf: 25.600 und 14.540. Ein Lastwagen mit Anhänger bringt Rundhölzer aus der Region. „Das sind Kurzholzabschnitte“, winkt Matthias Harling den Transporter weiter. Ganz nach hinten durch, der Fahrer kennt den Weg zur Entladung, weiß genau, wo auf dem 22 Hektar großen Gelände die Rundhölzer zur Weiterverarbeitung gebraucht werden.

Computer ersetzt Kopfarbeit

Industriemeister Dieter Grüning ist seit 1974 im Betrieb. Er sitzt seit 1982 im Steuerstand des Rundholzplatzes. Er hat den Überblick über die Aufträge, die dem Sägewerk vorliegen, er weiß genau, wann welche Schnitthölzer aus welchem Rundholz hergestellt werden müssen. Die Lieferfristen für die kleineren und größeren Aufträge sind bekannt. „Naja“, schmunzelt der erfahrene Mitarbeiter, „früher musste ich bis zu vierzig Aufträge, also Dachstühle, gleichzeitig im Kopf haben. Da war der Schreibtisch voller Papiere und Zeichnungen. Heute macht das alles der Computer...“ Stamm für Stamm, Rundholz für Rundholz werden vermessen und digital erfasst. Durchmesser, Länge, Qualität der Kiefer-, Douglasien-, Lärchen- oder Fichtenstämme. „Durch den Sauberkeitsschnitt erkennen wir genau die Qualität des Holzes“, beschreibt Grüning einen Teil seiner Arbeit. Die Kreissäge ist in der grünen Blechbox untergebracht, da müssen die Stämme durch. „Hier passiert alles automatisch.“ Auch das spiralförmige Entborken der Rundhölzer.

Gute Zusammenarbeit ist sehr wichtig

Auf verschiedenen Bildschirmen verfolgt Grüning die einzelnen Arbeitsschritte aufmerksam, gelegentlich kontrolliert er mit der Kloppe, einem Messschieber, den Durchmesser der Stämme selbst. „Wir leben hier alle mit Holz.“

Kleinere Aufträge werden oft "just in time" gefertigt

„Die hier erfassten Daten werden im PC hinterlegt und mit sämtlichen vorhandenen Aufträgen abgeglichen“, beschreibt Harling den Arbeitsprozess. Kleine Aufträge sind Bestellungen von vier bis sechs Kubikmeter: „Die werden oft just in time gefertigt.“ Größere Aufträge mit 200 bis 300 Kubikmetern und einer größeren Stückzahl werden längerfristig in einzelnen Chargen gesammelt. „Die müssen wir permanent im Auge behalten. Und draußen in den Wäldern liegen auch noch Rundhölzer, die wir bereits bestellt haben.“ Da sei die gute Zusammenarbeit mit den Landesforsten, den Forstgemeinschaften und privaten Forstbetrieben sehr wichtig.

Umsiedlung nach Eversen im Jahr 1894

Seit über 150 Jahren besteht das Sägewerk Harling. „Die Wurzeln gehen zurück bis ins Jahr 1870, als das Sägewerk mit Wasserkraft auf dem Salinenhof in Sülze betrieben wurde“, sagt Harling. Die Umsiedlung nach Eversen erfolgte 1894 als bäuerliche Aktiengesellschaft. Georg Harling übernahm Anfang 1900 alle Anteile und übergab den Betrieb 1923 an seinen Sohn Otto und seinen Enkel Heinrich Harling, der wiederum 1967 die Firma an seine drei Kinder abgab. „In den folgenden Jahren wurde der Betrieb unter Leitung von Dietrich Harling nochmals erheblich erweitert“, schildert Matthias Harling, der die Anteile der GmbH nach wirtschaftlichen Schwierigkeiten zur Jahrtausendwende 2012 übernahm. Auf dem Betriebshof prägen das flache Verwaltungsgebäude und die riesigen Werkhallen das Gelände.

Technische und kaufmännische Bereiche im Beruf verbunden

Für Matthias Harling stand nicht von Anfang an fest, dass er den Betrieb verantworten würde. Betriebswirt und Wirtschaftsprüfer waren seine bisherigen Stationen. „Ich wollte aber technische und kaufmännische Bereiche im Beruf verbinden, da hab ich also schon immer mit dem Betrieb geliebäugelt“, aber das Unternehmen hatte schwierige Jahre durchzustehen. „Da kam meine Ausbildung gerade recht und zusammen mit einem eingespielten Team, auf das man sich zu hundert Prozent verlassen konnte, haben wir das gut hinbekommen.“ Da halfen auch die Holzlieferungen für Achterbahnen wie Colossos in Soltau, im Efteling-Park in den Niederlanden, im Europapark oder in New Jersey oder Göteborg. „Das waren gute Projekte, die wir nicht immer haben.“

Gleisanschluss wird voraussichtlich im kommenden Jahr reaktiviert

Im kommenden Jahr wird die Produktion erheblich erweitert, „und mit unserem Partner Ernst-August Vehmeyer werden wir einen lang gehegten Plan der Modernisierung gemeinschaftlich umsetzen“, sagt Harling. Dann wird voraussichtlich auch der bestehende Gleisanschluss wieder reaktiviert.

Hergestellt wird nach Kundenwünschen

Aus den Rundhölzern fertigt das Sägewerk Schnittholz für seine Kunden im norddeutschen Raum, in den Niederlanden, in Belgien und Dänemark. „Wir beliefern den Hochbau, die Verpackungsindustrie und den Bereich Gartenholz“, sagt Harling. Paletten, Kisten und die Sicherung für Verladungen zum Transport von Gütern werden hier hergestellt. „Ganz individuell nach Kundenwünschen“, unterstreicht Harling die Besonderheit seines Betriebes. Hier werden keine Europaletten zusammengebaut.

"Verlängerte Werkbank" von Zimmereien

Im Bereich des Gartenholzes werden beispielsweise Zaunpfosten oder Carportelemente gefertigt, die auf dem Baumarktsektor und im Großhandel vertrieben werden. „Und wir beliefern Zimmereien, die im Hochbau tätig sind. Da sind wir praktisch deren verlängerte Werkbank.“ Aus modernen Konstruktionshölzern werden hier nach Zeichnungen und Montagebeschreibungen groß dimensionierte Bauteile von zehn bis zwölf Metern hergestellt.

Mittelständisches Sägewerk mit zurzeit 75 Mitarbeitern

Pia Marit Schneeweiss ist Auszubildende und momentan damit beschäftigt, mit ihren Zimmerer-Kollegen Innenwände für ein Bauvorhaben in Fachwerkbauart vorzufertigen. Nebenan fräst Stefan Rolke Schwalbenschwanzverbindungen in Konstruktionsvollhölzer. „Das ist unser Alleinstellungsmerkmal im Kreis Celle und auch darüber hinaus“, weiß Harling. Bei der Heinrich Harling GmbH handele es sich um ein mittelständisches Sägewerk, das zurzeit 75 Mitarbeiter im Ein-Schicht-Betrieb beschäftigt. Der Rundholzeinschnitt beträgt etwa 85.000 Festmeter pro Jahr. „Unser Unternehmen ist geprägt durch eine Vielzahl von Produktions- und Weiterbearbeitungsbereichen. Es werden sowohl Produkte für den Hochbau, also Bauholz, für die Zellstoff- und Verpackungsindustrie, als auch Produkte für den Garten hergestellt. Ebenfalls zählt Holz als Energieträger zu unserem Produktportfolio.“

Jeder Auftrag ist präzise im Computer registriert

Max Schellerer ist seit Oktober im Unternehmen. Der Zimmermeister und Forstwirt ist, wie er selbst sagt, „dem Holz verschrieben“. Momentan hat er die Urlaubsvertretung seines Kollegen, dem „Herrn der Säge“, übernommen und sorgt vom Überwachungsstand per Joystick dafür, dass die einzelnen Stämme optimal durch die Kreissäge geschoben werden. Auch hier ist jeder Auftrag präzise im Computer registriert und wird sorgfältig abgearbeitet. Max Schellerer überwacht zudem den Arbeitsablauf rund ums Gatter, einschließlich der Späneentsorgung.

Sägewerk nutzt Energie der Sonne

„Etwa 40 bis 60 Prozent des Rundholzes werden Schnittholz, die verbleibenden Hölzer werden Restholz in Form von Hackschnitzeln und Sägespänen für Zellstoffe, Pellets und Spanplatten“, nennt Harling Zahlen. Rund drei Millionen Kilowattstunden Strom benötigt das Unternehmen im Jahr. „Auf unseren großen Hallen haben wir bereits vor Jahren Photovoltaikanlagen installiert, sodass Energie ins Netz eingespeist wird.“ Leider seien die gesetzlichen und rechtlichen Vorschriften inzwischen so verkompliziert worden, dass weitere Antragstellungen nicht sinnvoll erscheinen. „Das wirkt fast so, als wolle die Bundesregierung die Energiewende nicht so recht umsetzen. Die Hürden sind viel zu hoch…“

Und dann verlässt ein leerer Lastwagen das Gelände, um im Wald wieder Rundhölzer aufzuladen. Wieder mit roten Digitalzahlen auf der Waage.

Von Lothar H. Bluhm

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