Workshop in Celle

Vom Samba-Syndrom gepackt

Musizieren steht im Mittelpunkt: Isabell Blas Moreno, Leiterin der Trommel-Gruppe Samba Beija Flor, möchte brasilianische Rhythmen erlebbar machen.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 29. Jan. 2020 | 20:00 Uhr
  • 10. Juni 2022
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  • 29. Jan. 2020 | 20:00 Uhr
  • 10. Juni 2022
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Celle.

Ein kleiner Raum ohne Fenster, vollgestellt mit Instrumenten verschiedenster Art. Ein kleiner Raum, nun erfüllt mit Leben und Musik. Denn aus dem Raum ertönt rhythmisches Trommeln. Musik, die laut ist. Musik, die im Körper vibriert. Musik, die man spürt.

Außer Rhythmusgefühl keine Vorkenntnisse

Das gemeinsame Musizieren steht im Mittelpunkt des Trommelworkshops, den Isabell Blas Moreno vergangene Woche ausgerichtet hat. Als musikalische Leitung der Trommelgruppe Samba Beija Flor möchte sie mit dem Workshop Interessenten Gelegenheit geben, aktiv brasilianische Rhythmen zu erleben und die Begeisterung von potentiellen neuen Mitspielern zu wecken. „Nur zuschauen oder es auch mal selbst ausprobieren, ist etwas ganz anderes“, ist sich Blas Moreno sicher. Da außer Rhythmusgefühl keine Vorkenntnisse gefordert sind, steht erstmal eine Einführung in die Instrumente an. „Wir werden heute viel Stoff durchnehmen“, warnt Blas Moreno die Teilnehmenden direkt zu Beginn, schiebt aber beruhigend hinterher: „Wir wollen aber auch einfach ein bisschen grooven und Spaß haben.“

Proberäume in der CRI

Nach einem ersten kleinen Einstieg in die Rhythmik geht es los. Seit rund zehn Jahren hat die Trommelgruppe in den Räumen der Celler Rockmusik Initiative ihr Zuhause gefunden. „Proberäume zu finden ist nicht so einfach, wenn man so laut ist“, meint Blas Moreno. Dass sich in dem Raum alle 20 Band-Mitglieder einmal die Woche zum Proben treffen, entlockt Workshop-Teilnehmerin Astrid Harke ein überraschtes „Hier passen 20 Leute rein?!“. In den Sommermonaten finden die meisten Auftritte statt. Deshalb beschränken sich die Proben zu dieser Zeit meist auf die Vorbereitung der Konzerte. Anfang des Jahres bleibt mehr Zeit für neue Stücke, Choreografien und Workshops.

Surdos bilden das Fundament

In dem kleinen, etwas dunklen Probenraum stehen schon die Trommeln bereit. Die brasilianischen Farben heben sich vom restlichen Raum ab, bringen Farbe rein. Heute sind sie auf Ständern aufgebaut – umschnallen muss sie niemand, obwohl das sonst der Fall ist. Bei den Trommeln handelt es sich um Basstrommeln, genannt Surdos. Übersetzt bedeutet Surdo taub, was Dorothea Stockmar dazu veranlasst, über den Ursprung des Namens zu mutmaßen: „Danach ist man taub.“ Könnte man denken, hat damit aber nichts zu tun, klärt Blas Moreno auf: „Taub eher in dem Sinne, dass man sich nicht aus dem Takt bringen lassen soll.“ Die Surdos bilden das Fundament der Gruppe. Auch wenn sie sich äußerlich ähneln, klingen sie nicht alle gleich, da sie unterschiedlich gestimmt sind. Blas Moreno hat den Überblick: „Die zwei sind tief gestimmt“, sagt sie und zeigt auf zwei größere Trommeln.

Als befände man sich auf einer Galeere

Ausgestattet mit dicken Filzschlägeln, verteilen sich die Teilnehmer an die Instrumente. Es folgt ein erstes Rantasten an das Instrument, vorsichtiges Schlagen. „Eins, zwo, drei, vier“, zählt Blas Moreno schließlich laut und schlägt dabei mit zwei Trommelschlägeln aneinander. Alle Augen sind auf sie gerichtet, denn sie gibt das Tempo vor. Ohne ihr Anzählen geht es nicht los. Die Gruppe beginnt im Viervierteltakt auf den Instrumenten zu spielen: Diejenigen an den tiefen Trommeln den ersten und den dritten Schlag, diejenigen an den hohen den zweiten und vierten. Rhythmisches, gleichmäßiges Trommeln erfüllt den Raum. Als befände man sich auf einer Galeere.

Nach fünf Minuten Trommeln ist der Stress weg

Dass Samba nicht gleich Samba ist, klärt Blas Moreno in einer kurzen Atempause auf. So hat sich ihre Trommelgruppe dem Samba-Reggae aus dem brasilianischen Bundesstaat Bahia verschrieben. „Samba-Reggae ist grundsätzlich entspannter, aber trotzdem flott und gut tanzbar“, beschreibt Blas Moreno den Musikstil. Hört sie Samba-Reggae, möchte sie sofort mittanzen. Die auf afrikanischen Rhythmen basierende Gute-Laune-Musik geht ihr sofort in die Füße. Auch Stockmar kann gar nicht mehr aufhören zu schwärmen. Die Pause, die nach eineinhalb Stunden ansteht, bräuchte sie gar nicht: „Ich habe das Gefühl, das Trommeln gibt mir Kraft. Ich fühle mich fokussiert und bekomme den Kopf frei.“ Ähnlich geht es Blas Moreno. Egal wie stressig der Tag war, nach fünf Minuten Trommeln ist alles vergessen.

„Irgendwann packt einen das Samba-Syndrom“

Zwischendrin tauschen die Teilnehmer ihre Plätze. So kann jeder jedes Instrument ausprobieren. „Dann merkt man auch gleich, welches Instrument einem von Klang und Spieltechnik her liegt“, sagt Blas Moreno. Langeweile entsteht so zu keinem Zeitpunkt. Es werden neue Instrumente wie Snare-Drum oder Handtrommeln vorgestellt, die Geschwindigkeit angehoben oder ein neuer Break gespielt. „Sasy“ heißt eins der Stücke auf Anfängerlevel, das Blas Moreno im Workshop einstudiert. Der Name steht kurz für „Samba Syndrom“, ein Festival in Berlin, auf dem Samba Beija Flor das Stück gespielt hat. „Irgendwann packt einen das Samba-Syndrom“, meint Blas Moreno dazu. Immer wieder gibt sie den Teilnehmenden Tipps und Hinweise. Einmal zeigt sie auf das Fell der Trommel: „Achtet darauf, die Fellmitte zu treffen.“ Trifft sie den Rand der Trommel, ist der Ton heller, dünner. In der Mitte hingegen ist er tiefer, satter.

„Jede Art von Musik ist bereichernd“

Unterstützung bekommt Blas Moreno auch von ihrer Tochter Maria. Die 22-Jährige ist musikalisch aufgewachsen und inzwischen selbst versierte Trommlerin. Seit sie zehn Jahre alt ist, ist sie festes Mitglied von Samba Beija Flor – angesteckt von der Begeisterung ihrer Mutter. Denn mit allem, was sie tut, ihrer gesamten Mimik und Gestik strahlt Blas Moreno ihre Leidenschaft für das Trommeln aus. Keine Minute des Workshops steht sie still, wippt mit dem Kopf, tappt mit den Füßen zum Takt. Seit 12 Jahren trommelt sie bei Samba Beija Flor, die Leidenschaft für die Musik begleitet sie schon ihr gesamtes Leben. Neben über 200 Rhythmen, die sie aus dem Kopf abrufen kann, spielt sie noch diverse andere Percussion und bringt sich selbst Klavier bei. „Jede Art von Musik ist bereichernd“, findet sie. Trotzdem gilt der Trommel ihre besondere Liebe. Es fasziniert sie, dass es das älteste Instrument ist. „Es steckt in uns drin“, meint sie, „Trommeln ist ein elementares, ursprüngliches Bedürfnis und macht jedem Spaß.“

Von Vanessa Fillis

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