Tierische Ausbildung

So werden Hunde zu Lebensrettern (Video)

Der Celler Verein für Deutsche Schäferhunde trainiert regelmäßig die Trümmersuche. Doch nicht nur die Tiere zeigen dabei volle Einsatzbereitschaft.

  • Von Marie Nehrenberg-Leppin
  • 05. Apr. 2019 | 15:16 Uhr
  • 10. Juni 2022
  • Von Marie Nehrenberg-Leppin
  • 05. Apr. 2019 | 15:16 Uhr
  • 10. Juni 2022
Anzeige
Altencelle.

Zusammengekauert sitze ich in einer dunklen Röhre aus Beton. Ich bin mucksmäuschenstill, wage es kaum zu atmen. Mein Versteck ist ziemlich eng und für einen Augenblick fühle ich die Beklemmung. Doch dann höre ich das leise Klingeln eines Glöckchens, und ein aufgeregtes Hecheln, das immer näher kommt. Plötzlich tauchen große braune Knopfaugen direkt vor meinem Gesicht auf. Airedale Terrier Scotty entdeckt mich und beginnt aufgeregt zu bellen. Er ist ein Rettungshund und trainiert gerade die Trümmersuche, gemeinsam mit elf tierischen Kollegen.

Es kommt nicht auf die Rasse an

Ute Hubbe, Vorsitzende der Celler Ortsgruppe des Vereins für deutsche Schäferhunde, beobachtet die Übung aufmerksam. Sie hält ein Funkgerät in der Hand und gibt Meldung, wenn der Verschüttete, in diesem Fall ich, gefunden wurde. „Gut gemacht!“, ruft sie Scotty und seinem Herrchen zu. Zeit zum Verschnaufen bleibt allerdings nicht. „Und jetzt die nächsten ins Versteck, Birdie ist im Anmarsch.“ Dieses Mal schau ich mir die Sache aus sicherer Entfernung an. Als ich Birdie erblicke, bin ich zunächst verwundert. Ein winziger schwarz-brauner Zwergpinscher kommt um die Ecke gefegt. „Die Rasse des Hundes ist vollkommen egal“, erklärt mir Hubbe, als sie meinen verwirrten Gesichtsausdruck bemerkt. Manchmal könne es sogar von Vorteil sein, wenn ein Hund klein und wendig ist und überall rankommt.

Bellen signalisiert Erfolg

Zum Beweis beginnt die kleine Hündin den Schuttberg zu erklimmen, schnuppert aufgeregt an jedem Stein. „Sie sucht noch“, sagt Hubbe. „Heute steht der Wind ungünstig, da ist es etwas schwieriger, eine Geruchsspur aufzunehmen.“ Kein Problem allerdings für Birdie. Wenige Augenblicke später rennt sie, so schnell sie ihre kurzen Beinchen tragen, in Richtung Wald. Sie beginnt aufgeregt zu bellen. „Das Bellen ist ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit. Sobald ein Hund einen verschütteten Menschen aufgespürt hat, soll er Laut geben, damit die Hundeführer Bescheid wissen“, erläutert die Hundetrainerin.

Training beginnt im Welpenalter

Während Birdie ihre wohlverdiente Belohnung abholt, zieht eine andere kleine Dame meine Aufmerksamkeit auf sich. Vorsichtig mustert sie ihre Umgebung. Ncami ist ein Schäferhund-Welpe und gerade einmal zehn Wochen alt. „Wenn sie mal groß ist, soll sie Rettungshund werden“, sagt Herrchen Heiko Grube. „Es ist wichtig, dass sie sich bereits jetzt an die Situation gewöhnt und alles kennenlernt.“ Im späteren Einsatz müsse ein Hund furchtlos und menschenfreundlich sein. „Man kann nicht früh genug anfangen, das Tier auf seine spätere Aufgabe vorzubereiten.“

Eigensuche als erster Schritt

Wenige Meter weiter zwängt sich Michael Liebetruth gerade zwischen die Kette einer Planierraupe. Merkwürdig findet das hier niemand. „Die Suche nach dem Besitzer ist der erste Trainingsschritt. Bevor der Vierbeiner das nicht kann, macht es keinen Sinn, Fremde suchen zu lassen“, erklärt er flüsternd. Damit der sechs Monate alte Janko kein Verdacht schöpft, lass ich sein Herrchen alleine zurück und hocke mich mit etwas Abstand auf den Boden, um die Szene zu beobachten. Ein Fehler. „Nicht hinknien!“, ruft Ute Hubbe mir von weitem zu. „Die Hunde werden darauf konditioniert, dass sie alle retten wollen, die liegen, sitzen oder hocken. Für Janko sehen Sie deswegen jetzt aus wie ein Opfer“, erklärt sie mir kurzerhand.

Danach beginnt Fremdsuche

Also alles nochmal auf Anfang, in der Hoffnung, dass ich nicht gleich im nächsten Fettnäpfchen lande. Janko kommt um die Ecke und hält zunächst erwartungsvoll Ausschau. Es dauert nicht lange, bis der Junghund die Witterung seines Herrchens aufgenommen hat. Zweimal läuft er an dem riesigen Baufahrzeug vorbei, bis ihm ein Licht aufgeht und er Liebetruth mit freudigem Bellen signalisiert, dass er in Sicherheit ist. „Janko ist noch ganz am Anfang, aber er stellt sich bislang wirklich gut an“, freut sich Hubbe. Sein Talent darf der schwarze Rüde dann gleich noch ein weiteres Mal unter Beweis stellen. „Er ist soweit, er kann sich jetzt auch mal an der Fremdsuche versuchen“, finden die Hundehalter. Und tatsächlich. Er besteht seine Feuertaufe mit Bravour.

Anspruchsvolle Ausbildung

Während ich die Fellnasen so beobachte und an meinen eigenen Hund denke, stell ich mir die Frage: Wie wird man eigentlich zum Retter auf vier Pfoten? „Es ist kein einfacher Weg“, weiß Ausbildungswartin Veronique Knobel-Nickels. Ganz am Anfang steht die Begleithundeprüfung, in der der Vierbeiner seinen Gehorsam unter Beweis stellen muss. Ist das geschafft, gibt es separate Prüfungen in den Arbeitsbereichen Flächensuche und Trümmersuche. „Das sind auch die beiden Dinge, die wir hier regelmäßig üben“, sagt Knobel-Nickels. In der Fläche muss ein Waldstück von rund 25 000 Quadratmetern binnen 25 Minuten flächendeckend nach einer unbekannten Anzahl Personen abgesucht werden. Bei der Trümmersuche muss eine Schadensstelle, etwa nach einem Erdbeben, nach einer unbekannten Anzahl Verschütteter abgesucht werden. Gefundene Personen müssen vom Hund sicher angezeigt werden.

Ohne Belohnung geht gar nichts

Das jüngste Mitglied der Celler Trainingsgruppe ist der zehnjährige Felix. Als er die routinierte Tonja zu ihrem Einsatzort führt, wirkt er beinahe wie ein alter Hase. „Ich trainiere total gerne zusammen mit Hunden, das macht Spaß“, erzählt er nebenbei. „Außerdem können Tonja und ich im Notfall helfen.“ Als die Hündin erfolgreich von ihrem Sucheinsatz zurücktrottet, gibt es überschwängliches Lob von Felix. „Ohne Lob und Belohnung geht gar nichts“, weiß Ute Hubbe. Das Tier müsse die Suche mit positiven Dingen verknüpfen. „Nur dann weiß der Hund ‚Hey, das Suchen macht Spaß und ich muss unbedingt erfolgreich sein!‘.“

Spaß steht im Vordergrund

Bevor der wohlverdiente Feierabend eingeläutet wird, muss ich noch einmal ran. Maxy, die Schäferhündin von Ute Hubbe, wartet noch auf ihren Einsatz. Als Opfer verstecke ich mich diesmal hoch oben auf einem Sandberg. Doch damit nicht genug. Über mich wird eine Folie gedeckt. Zu einfach soll der Vierbeiner es ja auch nicht haben. Ich fühle mich unsicher, da ich nichts sehe und nicht weiß, was auf mich zukommt. Nach einer gefühlten Ewigkeit, höre ich aufgeregtes Schnüffeln. Wenige Sekunden später steht mir die Schäferhündin gegenüber und bellt so laut sie kann. Schon irgendwie respekteinflößend, auch wenn mir inzwischen bewusst ist, dass es nicht gegen mich gerichtet ist. Und während Maxy glückselig sabbernd auf ihrem Ball herumkaut, bleibe ich beeindruckt zurück. Was Hunde durch intensives Training bewerkstelligen können ist erstaunlich. Und auch wenn die Celler Trainingsgruppe in erster Linie aus Spaß und nicht für den Ernstfall trainiert: Es beruhigt zu wissen, dass man sich im Notfall auf die Helfer auf vier Pfoten verlassen kann.

Im Landkreis gibt es noch einige Rettungshund-Kollegen:

In der DLRG-Ortsgruppe Celle taucht seit kurzem der flauschige Neufundländer Joschi auf. Er soll in Zukunft stärker in die Arbeit der Ehrenamtlichen eingebunden werden. Kein Rettungshund, sondern ein Assistenzhund ist Spencer . Er soll zum Autismusbegleithund ausgebildet werden.