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Reportage Tanzrausch in Celle: Discofox kontra Komasaufen
Mehr Reportage Tanzrausch in Celle: Discofox kontra Komasaufen
19:25 16.12.2015
Celle Stadt

Ein neuer Modetanz mit 3D-Brille – daran könnte ein Besucher der Tanzschule Krüger denken, der in die gerade laufende Party im großen Saal platzt. Aber warum hat immer nur ein Tanzpartner eine taucherbrillenähnliche Sehhilfe auf der Nase, könnte der zweite Gedanke lauten. Weil es sich weder um das eine noch das andere Utensil handelt, sondern um Rauschbrillen. „Ich musste mich komplett führen lassen“, zeigt sich Jessica unzufrieden nach dem Discofox, den sie eigentlich beherrscht. Sie und ihr Partner Robert sind vierzehn und schon versierte Tänzer. An Können fehlt es bei Jessica ganz und gar nicht, aber mit 0,8 bis 1,3 Promille im Blut, was die Rauschbrillen simulieren, geht jedes Gefühl für Koordination – vom Rhythmus ganz zu schweigen – verloren.

Mitgebracht hat die Utensilien Frauke Ristau vom Fachdienst Jugendarbeit der Stadt, der diese Veranstaltung für Jugendliche ab 13 Jahren gemeinsam mit dem Inhaber der Tanzschule Krüger, Marc Reinecke, ausrichtet. „Ich weiß, wie wichtig es ist, in diesem Alter für das Thema Alkohol Sensibilität zu wecken, ich habe selbst zwei Kinder“, nennt Reinecke einen Grund, weshalb er sofort zusagte, als der Jugenddienst auf ihn zukam. Bei seiner Präventionsarbeit in Schulen konzentriert sich dieser auf die achten Klassen. „Auf die Frage, wann die Schüler das erste Mal Alkohol getrunken haben, lautet die Antwort durchweg: bei der Konfirmation. In diesem Alter überlegen die Jugendlichen, ob sie damit anfangen oder nicht“, berichtet die Sozialpädagogin aus der Praxis.

Bewusstseinschaffen

Für Laura, Lucas, Robert, Christoph, Simea und Marie ist das Motto der Party „Tanzrausch statt Vollrausch“ nicht wichtig. Probleme mit Alkohol hatte noch keiner aus der Clique: „Wir sind hier, um zu tanzen. Wir kennen uns alle und wollen hier einfach Spaß haben“, erzählen sie. „Ah, Tom und Lisa“, rufen dennoch einige aus, als Frauke Ristau zum ersten Mal auf der Bildfläche erscheint. Sie kennen das in größerem Umfang in Schulen zum Einsatz gebrachte Präventionsprogramm mit Namen „Tom und Lisa“ und bringen es sofort mit der Person Ristau in Verbindung. „Jugendliche darin zu bestärken, dass man Spaß haben kann auch ohne Alkohol, ist wichtig“, greift sie das Stichwort Spaß auf und umreißt ein Ziel ihrer vorbeugenden Arbeit. Bewusstsein für den richtigen Umgang mit Bier, Schnaps und Mixgetränken zu schaffen, ist notwendig.

Denn viele Jugendliche unterschätzen Alkohol, so die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS). Er gehört zum Leben in unserer Gesellschaft wie selbstverständlich dazu. Die überwiegende Zahl der Kinder und Jugendlichen erlebt von klein auf, dass Erwachsene Alkohol trinken. Die Werbung erzeugt in Anzeigen und Spots ein Bild von jungen, durchweg attraktiven Frauen und Männern, die gut gelaunt, makellos lächelnd und mit der Bierflasche in der Hand an schönen Plätzen miteinander feiern. Nicht von ungefähr sind es immer Gruppen. Gemeinschaft spielt eine große Rolle – auch im Erwachsenenalter, aber in der Pubertät in besonderem Maße. Die Clique ist wichtig, man will dazugehören, tut Dinge, nur weil es die anderen vormachen. Welch ein werbeuntaugliches Bild man mit bis zu 1,3 Promille im Blut abgibt, können die Partybesucher im musikfreien Nebenraum des Tanzsaales erleben. „Nein, ich kenne das schon aus der Schule“, hatte Lucas (14) zunächst abgewunken.

Aber nach einiger Zeit muss Abwechslung zum Tanzen her, und etliche Jungen und Mädchen stellen sich der Herausforderung, zunächst eine gerade Bodenlinie abzuschreiten und dann als zweiten Schwierigkeitsgrad über zwei Hinderniskegel auf der Parallellinie hinwegzusteigen – beides natürlich mit per Brille simulierten 1,3 Promille. „Ich habe alles doppelt gesehen und konnte überhaupt nicht abschätzen, wie weit das eine Hindernis vom anderen weg ist“, fasst Lucas seine Eindrücke zusammen. „Das brauche ich nicht nochmal“, wendet er sich wieder der Tanzfläche zu. Robert (14) hat es sich „so heftig nicht vorgestellt. Ich hätte nicht gedacht, dass ich da so hilflos rumtapse.“

Tanzen statt Torkeln

Davon kann auf der benachbarten Tanzfläche gar keine Rede sein. „Wir gucken jetzt unserer Tanzpartnerin tief in die Augen, nehmen sie in die Tanzhaltung, und los geht der Wiener Walzer“, sagt DJ Mathias an, und das Parkett verwandelt sich in einen kleinen Ballsaal. Größer könnte der Kontrast zur Torkelei im Nebenraum nicht sein, aber das ist das Besondere und der Vorzug einer solchen Mottoparty. Die Angebote der Jugendarbeit fügen sich nahtlos ein in die Fete, nicht nur die Gesellschafts- und Partytänze wirken spielerisch und leicht. Es wird anschaulich, was Marc Reinecke zuvor skizziert hatte: „Das ist eine gute Kombination, wir bieten hier eine schöne Veranstaltung als Rahmen, und dieses ernste Thema wird sozusagen als Nebeneffekt und vor allem ohne erhobenen Zeigefinger vermittelt.“ Wie wirkungsvoll die Präventionsarbeit ist, lässt sich nicht messen.

Tatsache ist, dass die Anzahl der sogenannten jugendlichen Komasäufer, also jene, die mit mehr als 2 bis 2,5 Promille das Bewusstsein verloren haben und in die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Allgemeinen Krankenhauses eingeliefert wurden, kontinuierlich abnimmt. „Im Jahr 2014 hatten wir 40 Fälle, eine deutliche Verringerung zu 2013 mit 60 Patienten. Und dieser Trend setzt sich fort. Im laufenden Jahr hat sich nach dem jetzigen Stand die Zahl von 40 fast halbiert“, liefert der Chefarzt der Kinder- und Jugendabteilung des AKH, Martin Kirschstein, Fakten. Allerdings muss laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung das Komasaufen, das Experten als Rauschtrinken bezeichnen, also in kurzer Zeit viel Alkohol zu trinken, um betrunken zu werden, abgegrenzt werden zum „Sich-Betrinken“. Die Zahl der Jugendlichen, die mit akuter Alkoholvergiftung im Krankenhaus behandelt werden mussten, war zwischen 2000 und 2012 um 180,4 Prozent von 9.514 auf 26.673 signifikant gestiegen und ist mittlerweile deutschlandweit wieder auf dem Rückzug.

Erfahrungen mit derart exzessivem Alkoholkonsum hat keiner der rund 60 Partygäste. Auch Nicole Döpke, die gerade eine Ausbildung zur Erzieherin absolviert und an diesem Abend Frauke Ristau unterstützt, hat weder persönlich noch im Freundeskreis Rauschtrinken erlebt. Aber die Erzählungen der 19-Jährigen geben den theoretischen Gründen für Prävention Gestalt: „Komm, einen kannst du doch noch mittrinken, und schon war man bei 5 bis 6 Kurzen. Es war völlig normal, Schnaps zu trinken, erst 1 bis 2 Bier und danach Kurze“, blickt sie auf ihre Teenagerjahre zurück. „Durch die Ausbildung bin ich vernünftig geworden“, sagt sie abschließend und verstärkt den Eindruck, dass sie die Sozialpädagogin Ristau in idealer Weise ergänzt, weil sie so nah an der Lebenswelt der Jugendlichen ist.

Ohne Frage ist Präventionsarbeit sehr wichtig. Allerdings wirkt die Zielgruppe des heutigen Abends sehr gut gerüstet gegen die Gefahren des Alkohols. Nicht zuletzt weil die Jugendlichen ein wunderbares Hobby haben – das Tanzen.

Von Anke Schlicht