Singen im Popchor

„Ihr müsst die Sau rauslassen“

Von Coldplay bis Ed Sheeran: An der Kreismusikschule studieren Erwachsene Popsongs ein. Jeden Donnerstag wird gesungen, was das Zeug hält.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 27. März 2019 | 17:56 Uhr
  • 10. Juni 2022
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  • 27. März 2019 | 17:56 Uhr
  • 10. Juni 2022
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Celle.

Ein lautes, gleichmäßiges Summen erfüllt den Raum. Es ist Donnerstagabend in der Kreismusikschule Celle. Wie jede Woche hat sich der erst wenige Monate alte Popchor „Stimmwerk“ für Erwachsene eingefunden, um die aktuellen Musikstücke zu proben. Doch mit der Stimme ist es wie mit einem Muskel und auch jedem anderen Musikinstrument: Bevor es losgehen kann, muss alles gestimmt und aufgewärmt werden. Beim Einsingen wird der gesamte Körper und natürlich der Stimmapparat auf das spätere Singen eingestimmt.

Aufruf stößt auf großes Interesse

Im vergangenen Sommer stießen die Chorangebote der Kreismusikschule für Kinder und Jugendliche auf große Begeisterung – auch seitens der Erwachsenen. Die Frage nach einem Erwachsenenchor im Bereich der modernen Unterhaltungsmusik wurde mehrfach gestellt. Ein Aufruf über Facebook brachte schließlich so viele Anfragen interessierter Sängerinnen und Sänger, dass man sich kurzerhand entschloss, auch einen Popchor für die Erwachsenen zu gründen. Seit dem Herbst wird nun unter der Leitung von Lena Osadcha, die an der Folkwang Hochschule in Essen Chorleitung studiert hat und selbst ausgebildete Sängerin ist, jeden Donnerstag gesungen, was das Zeug hält.

Auch Fantasie gefragt

Sie begleitet die Gruppe beim Einsingen in verschiedenen Tonlagen und mithilfe unterschiedlicher Laute, damit alle Stimmen für später gut aufgewärmt sind. Dabei kommt auch die Fantasie zum Einsatz. „Stellt euch vor, ihr singt das in ein Erdloch,“ rät sie den elf anwesenden Sängerinnen und dem einzigen Sänger im Raum. Das Konzept geht auf: Nach kurzer Zeit klingen alle Stimmen etwas kräftiger als noch zuvor. Nun kann es richtig losgehen. Das erste Lied, das an diesem Abend geprobt wird, ist der Song „Take Me Home“ von der amerikanischen A-capella-Gruppe Pentatonix.

Dabei sind die Sänger je nach Stimmlage in drei Gruppen unterteilt. Die vier Sopransängerinnen beginnen mit dem Lied, dann stimmen die anderen mit ein. „Denkt beim Wort ‚glow‘ bei der Aussprache in Richtung A,“ rät Osadcha. „Spuckt die Wörter richtig raus. Es ist auch nicht schlimm, wenn die erste Reihe vor euch vollgespuckt ist.“ Der Chor versucht es erneut, doch Osadcha will noch mehr. „Macht mal – übertreibt es! Wenn es zu viel ist, sag ich Bescheid.“ Dies meint sie auch in Bezug auf die Artikulation der einzelnen Wörter. Tatsächlich ist genau dann, wenn es den einzelnen Sängern zu übertrieben erscheint, in diesem Fall genau das richtige Maß an Betonung und Artikulation erreicht.

Alle brechen in Gelächter aus

Nach und nach werden die einzelnen Parts des Liedes erarbeitet. Auffällig ist, dass alle Sänger ganz vorne und kerzengerade auf der Kante ihrer Stühle sitzen, denn ohne die richtige Haltung kann nicht gut gesungen werden. Plötzlich schmunzelt die Chorleiterin. „Stop“, unterbricht sie die konzentrierte Gruppe. „Irgendjemand vom Sopran, ich weiß nicht wer es ist, singt ‚a fart‘ statt ‚afar‘.“ Alle brechen in Gelächter aus, denn schließlich war es in keiner Weise beabsichtigt, von einem Furz zu singen. Nach und nach finden auch Elemente aus dem Warmsingen Anwendung, so beispielsweise auch das sogenannte Schluchzen. Dieses wird nun in das Wort „Home‘ eingebaut, so dass es voller und betonter klingt, begleitet von einem runden, vollen O. Einige stellen sich nun zum Singen hin, um mehr Platz für das Atmen und die Stimme zu haben. „Die Aufgabe ist, dass ihr lernt, diesen Schnickschnack mit ‚Home‘ einzusetzen,“ erklärt die Chorleiterin.

"Sind eine große Familie"

Nach kurzer Zeit sind alle zufrieden und es wird das nächste Lied in Angriff genommen: Viva la Vida von Coldplay. „Letztes Mal habt ihr alle so brav durchgesungen,“ erinnert Osadcha an die vergangene Probe. „Selbst wo der Sopran allein singen sollte, habt ihr gesungen, wo Chris allein singen sollte, habt ihr gesungen…“ Eine der Chorteilnehmerinnen hat darauf die passende Antwort. „Wir haben uns eben alle unterstützt – wir sind eine große Familie.“ Osadcha reagiert mit einem nachsichtigen Augenzwinkern. „Dann ist das okay.“ Damit trotzdem dieses Mal jeder weiß, wo er singen darf und wo nicht, geht sie die einzelnen Parts noch einmal kurz mit den drei Gruppen durch. Für einen bevorstehenden Auftritt erklärt sie außerdem, an welcher Stelle dann die Geigen für den Groove sorgen.

Für den energetischen Popsong sind mittlerweile alle Sänger aufgestanden. Zwischendurch pausiert Osadcha ihre Klavierbegleitung und gibt Tipps für kleine Korrekturen. Auch hier sind Betonung und Artikulation wieder ein Thema. Ein wenig knifflig erscheinen die Synkopen, bei denen zwei Laute ineinander übergehen. „The old king is dead, long live the king,“ singt der Chor. „Da möchte ich mal eine richtige Attacke haben, einen anderen Mut,“ sagt Osadcha. Der Chor legt sich ins Zeug und schmettert ihr die entsprechende Zeile entgegen. Die Sopranstimmen übernehmen: „One minute I held the key, next the walls were closed on me, and I discovered that my castle stands upon pillars of salt and pillars of sand.“ Osadcha hat auch hier einen Tipp: „Das war super intoniert, aber ihr seid sehr gut erzogen. Ihr müsst die Sau rauslassen!“ Immer wieder motiviert sie die Sänger, aus sich herauszugehen und persönliche Grenzen zu überschreiten.

Einziger Sänger begeistert

Schließlich ist Sänger Christoph an der Reihe, seinen Part allein zu singen. Er ist der einzige Mann in der Gruppierung und erst seit wenigen Wochen dabei. Alle sind begeistert von seiner Performance. „Mädels, ich weiß nicht, was ihr kaufen solltet, damit er bei uns bleibt,“ meint die Chorleiterin und wischt in ihrer Euphorie versehentlich ein Notenblatt vom Klavier.

Bei Ed Sheeran wird's emotional

Schließlich neigt sich der Probenabend dem Ende zu. Das letzte Stück soll „Perfect“ von Ed Sheeran sein, ein ruhiger Titel zum Ausklang. Hier wird es noch einmal richtig emotional und es wäre nicht verwunderlich, wenn Ed Sheeran im nächsten Augenblick begeistert zur Tür hineinstürmen würde, weil alle Stimmen gemeinsam in diesem Moment so gut klingen. Kurz darauf ist der Zauber vorbei: Irgendetwas stimmt nicht. Plötzlich sind alle komplett aus dem Konzept. Aber auch das ist etwas, das Ed Sheeran vermutlich schon selbst passiert ist. Da hilft nur eines, nämlich, sich einfach neu zu sortieren.

Besonderes Maß an Humor und Spaß

„Ich habe das Lied neulich erst im Radio gehört,“ erzählt Osadcha. „Es ist so klar und deutlich artikuliert und wirklich gut zu verstehen. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass er ein Brite ist.“ Auch hier will sie auf das Thema akzentuierte Artikulation und Betonung hinaus. Im Rückgriff auf die Aufwärmübungen, bei denen sinnbildlich in ein Erdloch gesungen und Styropor mit der Stimme unter Wasser gedrückt werden sollte, erklärt die Chorleiterin, wie das Ganze in diesem Lied seine Umsetzung findet. Die einzelnen Stimmlagen hier zusammenzuführen, ist eine der Schwierigkeiten, die der Chor am Ende des Abends fast mühelos und vor allem mit einem besonderen Maß an Humor und Spaß meistern kann.

Probezeiten

Der Popchor trifft sich donnerstags von 19.30 bis 21 Uhr im Raum 1 der Kreismusikschule. Für Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren gibt es den Chor „Cellebrate“, der sich dienstags von 17.30 Uhr bis 19 trifft. Der Kinderchor „PopUp!“ für Kinder von 10 bis 13 probt dienstags von 16.15 bis 17.15 Uhr.

Von Stefanie Franke

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