Probesingen Shanty-Chor

35 trockene Kehlen, aber kein Fass Rum

Ein Probesingen des Celler Shanty-Chors wurde für CZ-Mitarbeiter Georg Wießner zum echten Konzert-Erlebnis.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 11. Apr 2022 | 09:00 Uhr
  • 10. Jun 2022
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  • 11. Apr 2022 | 09:00 Uhr
  • 10. Jun 2022
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Celle.

Was sollen wir bloß in aller Frühe mit dem betrunkenen Seemann machen? Die Frage haben sich wohl schon unzählige Kinder singend gestellt, wahrscheinlich lange vor ihrer ersten Englisch-Stunde in der Schule. „What shall we do with the drunken sailor?“ – fast 200 Jahre hat die Melodie dieses Inbegriffs eines Shantys nun schon auf dem Buckel und dennoch erfreut sie sich immer noch großer Beliebtheit bei Jung und Alt. Kein Wunder also, dass der Klassiker bei der Chorprobe des Celler Shanty-Chors auch zum Besten gegeben wurde. Dabei kann man zum Besten durchaus wörtlich nehmen, denn die 33 Herren und die beiden Damen schmetterten das Lied mit solch einer Verve, die es unmöglich machte, die Beine stillzuhalten, und nicht im Takt mitzuwippen. Als Solo-Sänger gab Horst Reichel bei diesem Lied den Ton an, eine Rolle, die er als langjähriger Direktor des Hermann-Billung-Gymnasiums (HBG) durchaus gewohnt war, wenn auch in etwas anderer Form.

Die Liebe zum Gesang verbindet

Aber woher kommt diese nun fast 25 Jahre währende Begeisterung bei den gut 50 Vereinsmitgliedern? Auch hier bringt es Horst Reichel stellvertretend für seine Mitstreiter auf den Punkt: „Sicherlich haben auch die Auftritte vor Publikum einen besonderen Reiz, aber letztlich ist es die Liebe zum Gesang, die uns alle verbindet“.

Vorsänger gab Takt vor

Das Statement sollte dann auch nicht durch weiteres Insistieren verwässert werden, aber es blieb insgeheim die Frage: Warum gerade Shantys, diese alten Arbeitslieder der Seeleute? Die Antwort auf diese Frage konnte man wohl schon damals auf dem Schiffsdeck beobachten. Ein Vorsänger gab mit einem Lied den Takt vor, während die Matrosen dazu zum Beispiel die Segel hissten oder den Anker einholten. Im Nu war die harte Arbeit beim gemeinsamen Singen leichter geworden und machte obendrein vielleicht auch noch Spaß.

Eingängiger Rhythmus

Und da wäre sie auch wieder – die Freude am Singen. Dazu gesellt sich durch den eingängigen Rhythmus der Lieder ein Moment des Meditativen, und man bekommt eine Vorstellung davon, warum sich buddhistische Mönche mitunter in die Meditation hineinsingen, mit den sogenannten Shantis – was aus dem Sanskrit übersetzt Frieden bedeutet.

Gutes Miteinander

Friedlich und freundlich beschreibt auch gut das Miteinander der Chormitglieder, Eigenschaften, die Claudia-Annette Knackstedt hoch schätzt. Sie ist eine von drei Damen, seit zwei Jahren Vereinsmitglied und die Jüngste im Bunde. Im Gespräch outet sie sich als eine der treuesten Fans des Shanty-Chors: „Schon als Kind haben mich Shantys begeistert, und das hält bis heute an. Als der Celler Chor 1997 ins Leben gerufen wurde, bin ich zusammen mit meiner Schwester zu den Auftritten gereist. Wir haben so gut wie kein Konzert verpasst.“ Das war dann auch dem Moderator des Chors, Harry Krause, irgendwann aufgefallen und er lud sie ein, doch einfach mal mitzusingen. Gesagt, getan, und die Traditionalisten im Verein, die Shantys vor allem mit männlichen Stimmen in Verbindung brachten, waren schnell vom Gegenteil überzeugt.

Proben in Konzertqualität

Nach der Aufwärmphase mit Stimm- und Atemübungen folgte das obligatorische erste Lied „Wir sind der Shanty-Chor aus Celle“. An diesem Abend aber mit einer zum Glückwunsch modifizierten dritten Strophe, die dem „Geburtstagskind“ Jürgen Collmar gewidmet war. Das Gründungsmitglied nahm die guten Wünsche und das „Dreifach Schiff Ahoi“ erfreut entgegen und durfte sich als Geschenk ein Lied aussuchen. Sein Samoa-Song ließ auch die Anwesenden von Sonne, Meer und weißen Stränden träumen, aber ein Blick aus dem Fenster, eingehüllt in die Winterjacke, holte einen schnell in die Realität zurück.

Mit 85 noch einer der eifrigsten Sänger

Das andere noch aktive Gründungsmitglied, Manfred Horstmann, musste krankheitsbedingt zu Hause bleiben. Ein seltener Fall, denn der 85-Jährige zählt nach wie vor zu den eifrigsten Sängern und lässt sich kaum eine Trainingseinheit entgehen.

Sattes Klangerlebnis

Das Probesingen an diesem Abend hatte schon echten Konzertcharakter. Mit der Unterstützung von drei Akkordeons, zwei Mundharmonikas, Keyboard und Gitarre sorgten die Sänger für ein sattes Klangerlebnis, was angesichts der langen Corona-bedingten Pause nicht selbstverständlich war. So zeigte sich Chorleiter Joachim Matzel auch optimistisch für das kommende Konzert am 13. April um 16 Uhr im Seniorenheim Meinecke in Hambühren: „Vor der Pandemie hatten wir 20 bis 30 Auftritte im Jahr, das Training fehlt natürlich. Dennoch bin ich zuversichtlich, dass wir bei den kommenden Konzerten wieder unser gewohntes Niveau erreichen werden.“

Jubiläums-Festival zum 25-jährigen Bestehen

Highlights werden dabei das traditionelle Pfingstsingen am 5. Juni in der Waldwirtschaft „Am Alten Kanal“ und das Schlosskonzert am 12. Juni sein. Das Großereignis des Jahres wird dann am 12. November begangen, mit dem Jubiläums-Festival zum 25-jährigen Bestehen des Chors, in der Celler CD-Kaserne. Eingeladen sind dann auch noch zwei Gast-Chöre.

Optimismus gehört zum Repertoire

Die Zuversicht der Sängerinnen und Sänger passt gut zu dem allgemeinen Tenor der traditionellen Shantys. Allen Härten und Widrigkeiten zum Trotz wird der feste Glaube besungen, aus eigener Kraft oder mit himmlischem Beistand es immer wieder zu schaffen. Eine tiefe Ehrfurcht vor den Gewalten, aber auch vor der Schönheit der Natur spielt dabei immer eine Rolle. Stellvertretend dafür die Liedzeile aus einem Klassiker des Genres: „Und wenn die ganze Erde bebt und die Welt sich aus den Angeln hebt – das kann doch einen Seemann nicht erschüttern!“ Leider wurde das Lied von den Nationalsozialisten für ihre Zwecke missbraucht, die offensichtlich wenig Ahnung von der Grund-Philosophie der Shantys hatten.

Mehr als 1000 Lieder im Repertoire

Freiheit, Ungebundenheit und häufig gewürzt mit einem Schuss Anarchie, wie in Fritz Graßhoffs Lied „Nimm mich mit, Kapitän, auf die Reise“, das auch zu dem mehr als 100 Liedern im Repertoire des Celler Shanty-Chors gehört. Der Dichter, Kabarettist und Wahl-Celler Graßhoff hatte immer ein Herz für die Menschen, die sich eher außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft bewegten. Also die, welche sich gerne nach Einbruch der Dunkelheit in den besungenen Hafenkneipen trafen: Seeleute, Spieler, Huren und Halunken. Vertreter dieser „Berufsgruppen“ waren an diesem Abend nicht zugegen, viel eher dürfte man richtig liegen, zu mutmaßen, dass Schreibtische, Steuererklärungen, Lehrpläne und Verordnungen die Lebenswirklichkeit der Anwesenden abbildeten. Ein weiterer guter Grund, sich in die Welt aus Freiheit und Abenteuer hineinzuträumen oder zu singen.

Sympathische Gesangskünstler

Die vom Singen trockenen Kehlen wurden zwar nicht mit Rum benetzt, aber das ein oder andere Bier wurde sich dann doch gegönnt. Den Abschluss bildete der Song „Farewell“ – und so möchte man auch den sympathischen Celler Gesangskünstlern zurufen: Lebt wohl und auf ein baldiges Wiedersehen – Schiff Ahoi!

Von Georg Wießner

Auftritte des Shanty-Chors

Wer den Shanty-Chor gern mal live erleben möchte, hat schon in dieser Woche Gelegenheit dazu. aber auch im Verlauf des Jahres sind noch Auftritte geplant:

Mittwoch, 13. April, um 16 Uhr: Konzert am im Seniorenheim Meinecke in Hambühren

5. Juni: Pfingstsingen in der Waldwirtschaft „Am Alten Kanal“

12. Juni: Schlosskonzert

12. November: Jubiläums-Festival zum 25-jährigen Bestehen des Chors in der CD-Kaserne mit zwei Gast-Chören

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