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Reportage Naturschutz für norddeutsches Kulturland
Mehr Reportage Naturschutz für norddeutsches Kulturland
13:09 13.06.2010
Bei der Arbeit: Auch die kleinen Triebe müssen aus dem Boden entfernt werden, dabei kann man das Wurzelwerk leicht unterschätzen.
Bei der Arbeit: Auch die kleinen Triebe müssen aus dem Boden entfernt werden, dabei kann man das Wurzelwerk leicht unterschätzen. Quelle: Torsten Volkmer
Endeholz

Anfangs stand nur ein rätselhaftes Wort im Raum: „Entkusseln“? Was ist das denn? Den Beschreibungen entnahm ich, dass es etwas mit der Heide zu tun hatte, insofern vermutlich draußen stattfand. Trotz meiner relativen Ahnungslosigkeit machte ich mich am vergangenen Dienstag auf den Weg in Richtung Wacholderpark bei Endeholz, um genau dieses geheimnisvolle Entkusseln gemeinsam mit den BBS-Schülern zu tun, unter dem ich mir bis dahin noch nichts vorstellen konnte. Eins war mir allerdings von vornherein klar: Dem Dreck und der Nässe würde ich nicht entkommen.

Am Ziel angekommen bestätigte sich dieser Eindruck: Die ersten Bäume sind bereits gefällt und die Schüler der 9b und 9c im berufsvorbereitenden Jahr mühen sich bei Nieselregen und in Arbeitsklamotten und mit Kreuzhacken, die widerspenstigen Wurzeln aus dem Erdreich zu ziehen oder aber bereits abgeschlagene Äste aus dem unebenen Gelände zu befördern.

„Da sind Sie ja“, werde ich vom betreuenden Lehrer Paul Reich begrüßt. Er erklärt mir den Hintergrund der Arbeit: „Bei der Heidefläche handelt es sich um eine Kulturlandschaft, was bedeutet dass sie auch nur durch intensive Pflege erhalten bleibt. Dazu müssen die Baumtriebe aus dem Heidebereich entfernt werden, um so ein weiteres Zuwachsen der Fläche zu verhindern.“ Das Prinzip scheint auf den ersten Blick widersprüchlich, Naturschutz für eine Kulturlandschaft. Jedoch widersprechen sich diese beiden Themen keineswegs, wie Eschedes Vize-Verwaltungschef Wilfried Nieberg erklärt: „Wir leben eben größtenteils in einer von Menschenhand geschaffenen Natur, und gerade die Heide ist für unsere Region durchaus wichtig.“ Die Idee zum Projekt entstand zufällig bei einem Gespräch mit Nieberg.

Schüler helfen mit ihrer

Arbeit der Gemeinde

„Wir suchen immer nach Projekten für unsere Schüler, die als Praxistests während der Schulphase dienen“, so Reich. Sein Kollege Michael Schlott fügt hinzu: „Pächter dieses Gebietes ist Kees Vallenga als Vorsitzender der Berneburg-Stiftung, und der hatte nichts dagegen, dass die Schüler hier mithelfen. So lohnt es sich für beide, die Schüler bekommen Praxiserfahrung und trainieren wichtige Fähigkeiten, und das Gebiet wird aufgewertet.“ Auch Vertreter der Gemeinde Eschede sind an dem Unternehmen beteiligt und kommen täglich vorbei.

„Das Gebiet des Wacholderparks, also der Bereich zwischen Zuckelberg, Scharnhorst und dem Marweder Weg, ist sowohl für Anwohner als auch für Touristen eine schöne Gegend. Uns geht es darum, auch die Heide jetzt wieder besonders zu betonen“, äußert sich Michael Fehse von der Gemeinde.

Damit sich die Heide in Zukunft von alleine regeneriert, sollen vielleicht im kommenden Jahr Heidschnucken auf die Flächen getrieben werden, diese regulieren den Heidewuchs nämlich auf natürliche Weise.

Doch jetzt ist es Zeit für die Arbeit: Gemeinsam mit den Schülern, die von Montag bis Donnerstag auf der insgesamt 5000 Quadratmeter großen Fläche arbeiteten, ziehe ich mir Handschuhe an und mache mich ans Werk. Während auf der einen Seite des Geländes noch mit Motorsense und -säge gearbeitet wird, wende ich mich gemeinsam mit einigen Schülern der Entsorgung bereits gefällter Bäume zu und staple aus enormen Ästen und herumliegenden Zweigen riesige Holzhaufen. Schnell stellt sich mein Schuhwerk als unpassend heraus, die Nässe dringt durch und die sowieso angeschlagenen Sohlen lassen mich jeden Baumstumpf im Gelände spüren. Auch die Handschuhe, meine Hose und Jacke sind im Nu moosgrün. „Es riecht total nach Weihnachten“, bemerkt einer der Schüler. In der Tat verbreiten die frisch geschlagenen Tannen und Fichten einen sehr bekannten Geruch.

Auch wenn die Arbeit körperlich anstrengend ist, schlagen sich auch die drei Schülerinnen aus der Gruppe gut: „Die Arbeit macht ja eigentlich Spaß, dass es anstrengend ist stört mich nicht so sehr“, bestätigt die 15-jährige Melinda Abazaj.

Mit der Kreuzhacke nach den Wurzeln graben

Um einmal einen anderen Sektor des Entkusselns kennen zu lernen, wende ich mich an die Arbeit mit der Kreuzhacke. Das gefährlich aussehende Gerät soll das Wurzelwerk der jungen Bäume aus dem Boden holen, damit hier in Zukunft nur noch Heide wächst. „Genau hier zuschlagen“, weist Schloss mich ein und mit ein bisschen Übung klappt es dann auch ganz gut, auch wenn diese Arbeit sich als besonders anstrengend erweist. Vielen männlichen Schülern macht diese Arbeit dafür besonders viel Spaß, und sie entfernen eifrig weiter Wurzeln aus dem Boden.

Schließlich stoppt auch der Nieselregen und im Verlauf weniger Stunde ist das Ergebnis deutlich sichtbar: Wo vorher junge Bäume und Triebe das Bild beherrschten, ist jetzt nur noch unebener Grund, riesige Holzhaufen türmen sich am Straßenrand.

Bürgermeister lobt

Engagement der Schüler

„Zeit für eine Mittagspause“, verkündet Paul Reich und die Schüler und ich trotten aus dem bearbeiteten Heidestück heraus und erhalten belegte Brötchen und Eistee. Zwar bin ich durchnässt und dreckig, meine Kleidung ist grün von Moos und die Füße frieren, aber dafür haben wir alle ein wertvolles Stück Arbeit geleistet.

„Die Schüler packen bei der Arbeit richtig an“, bemerkt Nieberg lobend, zum gemeinsamen Abschied gibt es heute noch einmal ein Abschlussessen in Eschede, als „Akt der Wertschätzung für die gute Arbeit“, wie Nieberg berichtet.

Heidelandschaft

Die Heide ist ein norddeutsches Phänomen, das wir der Eiszeit verdanken. Durch das Abschmelzen von Gletschern wurden damals große Massen von Sand in den deutschen Norden geschoben, die einen sauren und sehr mageren Boden bildeten, auf dem es kaum Bewuchs gab. Dies war von Vorteil für die sonst sehr konkurrenzschwache Heide, die sich im gesamten Gebiet großflächig ausbreitete.

Menschen machten sich das karge und durch menschliche Übernutzung fast baumlose Gebiet später so gut wie möglich zunutze, indem sie ihre Schafe auf den Heideflächen weiden ließen. Die Heidschnucke ist noch heute das einzige Nutztier, das die Heide frisst und sie außerdem durch ständiges Abkauen der Blüten und Blätter „verjüngt“. Dies ist für den Erhalt der Flächen äußerst wichtig, denn ohne ständige Pflege, entweder die Nutzung mit Heidschnucken, das Abmähen oder Abbrennen der Flächen, würde der Boden sich mit Nährstoffen anreichern und in Waldfläche verwandeln, während die Heide langsam verschwinden würde.

Neben dem touristischen Reiz hat sich die Heide längst zu einer ökologischen Nische für Libellen, Heuschrecken und Lurche entwickelt, heute ist deswegen jede Heidefläche automatisch geschützt. Der Landkreis Celle verwaltet insgesamt etwa 600 Hektar Heidefläche.

Von Wiebke Quader