Musikkurs an der VHS

Celler tauchen in Welt der Dudelsäcke ein

An einem Wochenende können Celler das Spielen von Practice Chanter und Dudelsack an der Volkshochschule ausprobieren. Es braucht einen langen Atem.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 29. Sept. 2021 | 12:01 Uhr
  • 10. Juni 2022
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  • 29. Sept. 2021 | 12:01 Uhr
  • 10. Juni 2022
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Celle.

Nein, „Scotland the Brave“, „Flower of Scotland”, „Amazing Grace” oder „Auld Lang Syne” werden sie nicht gleich spielen können, aber eine kleine Melodie oder die Tonleiter sollte schon dabei herauskommen, nennt Ralf Schumm sein Ziel für die Kursteilnehmer.

Mit „Auld Lang Syne“ per Great Highland Bagpipe begrüßt er zünftig im Gordon-Tartan-Kilt die drei Männer und sieben Frauen auf dem Innenhof der Volkshochschule Celle: 21 BCE 2803: „Einführungskurs ins Dudelsackspielen“ ist das Wochen-end-Seminar beschrieben, in dessen Mittelpunkt der „Practice Chanter“ steht, ein flötenähnliches Werkzeug, auf dem die Fingertechnik erlernt und geübt werden kann. Und VHS-Dozent Schumm weiß, wie es geht: „Üben, üben, üben!“

Weiter: „Ich mach das aus Leidenschaft, aus Überzeugung, weil ich’s gerne mache – und deshalb das Angebot“, begründet Kursleiter Schumm die Initiative zu dem VHS-Lehrgang. „Die Kursteilnehmer sollen einen Einblick bekommen, wie das alles funktioniert. Sie sollen auf dem Practice Chanter eine kleine Melodie spielen, um dann selber entscheiden zu können, ob sie dazu Lust haben oder eher nicht.“

Practice Chanter zum täglichen Üben

Seit sieben Jahren spielt Schumm Dudelsack. In Bremen war er Mitglied einer Pipes-and-Drums-Band, mit seinem Umzug nach Celle fehlt ihm die Zeit für regelmäßige Proben. Dennoch: Morgens auf dem Practice Chanter und nach der Arbeit auf dem Dudelsack spielt er regelmäßig. Und das empfiehlt er auch: Üben, üben, üben: „Ich habe heute etwas gelernt und heute bin ich besser als gestern – und das jeden Tag.“

Es sei, wie einen Oktopus zu erwürgen und ihn gleichzeitig wieder zu beleben, zeichnet Schumm ein Bild vom Dudelsackspielen. Obwohl das Instrument nur acht Löcher hat und es dafür nur neun Noten gibt, sei alles zusammen nicht so einfach zu spielen. Deshalb diene der Practice Chanter als wichtiges Werkzeug, das beherrscht werden muss: „Mit neun Noten kann man klarkommen.“

Der Tonumfang liegt knapp über einer Oktave, Low G bis High A. Der Ton im Chanter wird durch ein Doppelrohrblatt, das Reed, erzeugt.

Hanne Basbøll hatte als Kind in Edinburgh ersten Kontakt zur Dudelsackmusik: „Ich fand das faszinierend und seitdem ist immer wieder mal der Wunsch aufgekommen, solch ein Instrument spielen zu können.“ Viele Besuche in Schottland folgten und nun soll der Schnupperkurs zeigen, ob sie sich für geeignet hält.

Great Highland Bagpipe am bekanntesten

Der schottische Dudelsack, also die Great Highland Bagpipe, gilt weltweit als der bekannteste Dudelsack. Vor allem durch die Piper und Pipebands der British Army wurde das Instrument im Commonwealth und damit fast in der ganzen Welt bekannt. Daher bringt man den Dudelsack fast automatisch mit Schottland in Verbindung und umgekehrt.

Uwe Schwanke aus Helmerkamp fand immer gut, wenn eine Peiner Dudelsackgruppe auf dem Herbstmarkt spielte: „Ich mag die Musik.“ Zum Geburtstag habe er seinen Kindern vorgeschlagen, ihm ein Anfängerkit zu schenken und nun hat er seinen Practice Chanter mit Begleitmaterial dabei. Geprobt habe er bisher nicht: „Entweder breche ich mir die Finger oder es macht Spaß und ich mach weiter.“

Faszination Dudelsackspielen

Für den Celle Nico Rehmer steht von Anfang an fest, dass er sich den Practice Chanter kauft und nicht ausleiht. Er möchte dabei bleiben: „Ich hab mich für den Kurs angemeldet, weil mich Dudelsackspielen schon immer fasziniert hat.“ Mehrmals habe er zusammen mit seiner Frau und den Kindern den Kursleiter in der Fußgängerzone spielen sehen. „Der Weg ist so, dass man sich einige Monate oder auch eineinhalb, zwei Jahre mit dem Practice Chanter ausprobiert und ganz viel übt. Und wenn es dann so ist, dass man einige Lieder spielen kann, kann man überlegen, sich einen Dudelsack zu kaufen.“

„Darf ich schon mal reintröten?“, wird rasch von einigen Teilnehmern gefragt, nachdem Schumm die Practice Chanter, die Übungspfeifen, verteilt hat. Die ersten Töne erinnern dann schon ein wenig an Entengeschnatter: Der richtige Luftdruck ist nötig, um die Membrane, das Reed, so zum Schwingen zu bringen, dass der Ton passt. Wenn alle Finger richtig auf den Löchern liegen, entsteht das Low G, das tiefe G. Im Wechsel werden dann das Low G und das Low A gespielt. Ohne Kraft und großen Druck werden die Löcher mit den flachen Fingern geschlossen gehalten und geöffnet. „Das ist wirklich Arbeit“, lobt Schumm die aktiven. „Atmet niemals bis zum letzten Atom aus.“

Dauerton muss genau abgestimmt werden

Auch das richtige Atmen will geübt sein. „Bin ich schon rot?“, fragt Nico Rehmer mit sorgenvollem Gesicht. Er ist vom vielen Blasen ganz außer Atem. Es ist schon gute Kondition nötig, eine Great Highland Bagpipe mit ausreichend Luft zu versorgen. Drei Drones, zwei Tenor Drones und eine Bass Drone, erzeugen bei der Great Highland Bagpipe einen konstanten Dauerton, der auch genau abgestimmt werden muss: „Die Länge der Drones entscheidet über die Höhe des Tones.“ Dafür gibt es Stimmgeräte, aber der erfahrene Piper kann das auch hören: „Ich will hören, dass es funktioniert“, verkürzt Schumm rasch eine Drone.

Acht Löcher für Neun Noten

Begonnen wird auf dem Practice Chanter, um die komplexe Fingertechnik zu erlernen. In dieser Übungszeit kann sich der gesamte Atmungsapparat von den Lippen bis zum Zwerchfell auf den anfangs recht hoch erscheinenden Luftbedarf einstellen. „Das ist ja wie eine Luftmatratze aufblasen“, findet Ilka Stumpf und setzt erneut an, möglichst gleichmäßig in ihren Practice Chanter zu blasen. Das gleichmäßige Blasen sorgt beim Reed für die gewünschten Töne. Als 20-Jährige ist Stumpf mit dem Rucksack durch Schottland und Irland getingelt: „Seitdem lieb ich Schottland, die Mentalität. Außerdem hab ich gerade daran gedacht dass ich mit ‚Nessie‘ und ‚Archie‘ in der fünften Klasse angefangen habe, Englisch zu lernen.“ Sie liebt die Musik. Und der Dudelsack habe so einen schönen Ton und Klang: „Ich höre das so gerne.“

Inga Wehrmaker spielt bisher schon Klarinette: „Das ist hier eine ganz andere Handhaltung und schon sehr ungewohnt.“ Trotzdem würde sie gern in einer Gruppe weitermachen mit dem Üben auf dem Practice Chanter. Als schwerer als gedacht, beschreibt Kerstin Baxmann das Spielen. Auch der erfahrene Piper wird immer wieder auf seinen Practice Chanter zurückgreifen, sei es um seine Fingerfertigkeit zu trainieren oder um neue Stücke zu erlernen. Nico Rehmer: „Wir haben ausprobiert, einen echten Dudelsack zu spielen. Dabei war es für mich sehr interessant, dass die Drones, also die Pfeifen, als sie geöffnet wurden, schon sehr viel Luft brauchten.“ Wenn dann auch noch der Chanter zum Spielen unten angesetzt werde, gehe es relativ schnell, dass die Luft aus dem Sack verloren geht. Insgesamt gelte aber: Üben, üben, üben…

Von Lothar H. Bluhm

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