Mal-Workshop in Kirche

Abtauchen in eine kreative Blase

Einen generationsübergreifenden Mal-Workshop hat zur Celler Stadtkirchen-Ausstellung über Leben und Tod stattgefunden.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 24. Feb 2022 | 11:00 Uhr
  • 10. Jun 2022
  • Von Cellesche Zeitung
  • 24. Feb 2022 | 11:00 Uhr
  • 10. Jun 2022
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Celle.

Das Behältnis mit der Erde sicher in der Tasche verstaut, die Werk-Klamotten schon an, haben sie sich pünktlich um 9 Uhr in der Celler Stadtkirche eingefunden – die 14 Teilnehmer am Mal-Workshop mit Uwe Appold. Es ist das zweite Mitmachangebot, das die Kirchengemeinde als Begleitprogramm zur aktuellen Ausstellung des Künstlers in Celle offeriert. Heute also wird ein abgetrennter Teil des Kirchenschiffs zum Atelier. Parallel dazu, fast symbolhaft entlang der anderen Seite, präsentiert sich die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema Tod …

Weg von Alltag und Eile

Die erwartungsvolle Nervosität der Kursteilnehmer ist spürbar. Dies hier ist, da sind sich alle einig, ein Abenteuer, auf das man sich einlässt. Es bleibt spannend, was dieser „Generationsübergreifenden Mal-Workshop“ so mit sich bringen wird. Immerhin, die Hälfte hat bereits einen vertrauten Mitstreiter mitgebracht. Die anderen werden für diesen Tag kurzerhand zu Paaren „verkuppelt“. Und man einigt sich gleich zu Beginn schon auf das vertrauliche Du. Das hier verspricht ein Abtauchen in eine kreative Blase – weg von Alltag und Eile – ein gemeinsames Erleben – etwas Meditatives. Da sind Nachnamen und amtliche Zuordnung nebensächlich.

Leben in all seinen Facetten

Vor der Praxis kommt die Theorie. Das ist auch in diesem Fall so: Die offizielle Begrüßung findet im Rund eines Stuhlkreis im Altarraum statt. Und nein, heute soll es nicht so eindeutig um eine Auseinandersetzung mit dem Tod gehen – wie es die Ausstellung und die korrespondierenden Gedichte vermuten lassen könnten. Thema ist vielmehr das Leben in all seinen Facetten – und das Motto der Veranstaltung „Erzähl mir deine Geschichte“ ist wörtlicher zu nehmen als gedacht. Die Aufgabe heißt nämlich, seinem jeweiligen Workshop-Partner vertraulich eine Geschichte zu erzählen – aus dem Leben gegriffen, über das Leben. Das kann etwas Erlebtes, Bewegendes, Berührendes ebenso sein, wie eine Fantasie, ein Traum oder etwas, das einen beschäftigt. Der, dem sie erzählt wird, hat den Auftrag, das Gehörte bildhaft umzusetzen und auf Leinwand zu bringen. Erst bei der Abschlussbesprechung erfahren die übrigen die Geschichten.

Ein Stück Heimat ins Bild gearbeitet

Bevor es an die Maltische geht, gibt es von Uwe Appold einen Expresskurs in Sachen Farben- und Formenlehre, Symbolik, Maltechnik und den richtigen Umgang mit Pinseln. Alles ist bestens vorbereitet – „da hatte ich auch eine Menge Unterstützung von netten Helfern“, so Appold. Und was soll nun mit der Handvoll Erde passieren? „Sie wird eingearbeitet in eure Werke“, verrät der Künstler – als Erdung, Basis, Ursprüngliches – „… es ist ein Stück Heimat, das ihr mitgebracht habt, von Zuhause oder einem Ort, den ihr gewählt habt.“ Ein inspirierender Ansatz, wenn es um das Bildhaftmachen einer Geschichte geht.

Erzählung passend umsetzen

Die fremden Geschichten noch im Ohr beginnen die Köpfe zu rauchen, im Ringen um eine passende Umsetzung. So verbinden sich Erzählung und Interpretation, beides wird Teil des jeweils anderen. „Man muss respektvoll damit umgehen“, sagt Birgit. „Immerhin öffnet sich dein Gegenüber mit seiner Geschichte, verrät etwas von sich selbst. Da möchte man diesem Vertrauen gerecht werden.“ Als Hebamme hat sie viel mit dem Anfang eines neuen Lebens zu tun. Sie ist mit Christine, einer engen Freundin gekommen. Die ist als Trauerrednerin eher mit dem Lebensende konfrontiert: „Zusammengenommen spielt sich zwischen unseren Berufen eigentlich das gesamte Leben ab. Die Auseinandersetzung mit dem Thema Tod hat mich ursprünglich zur Ausstellung und zum Workshop gebracht. Ich hatte mich auf viel Schwarz eingestellt. Aber nun geht es um Leben und Farbe.“

Gemeinsam kreativen Tag genießen

Ein paar Plätze weiter sind zwei helle Köpfe konzentriert über ihre Leinwände gebeugt. Nur hin und wieder lässt Gyda (60) ihren Blick über das eifrige Gesicht ihrer Enkeltochter Eléa gleiten und bewundert die Fortschritte am Werk der Achtjährigen: „Richtig toll sieht das aus“ – der kraftvoll blaue Himmel mit den bunten Luftballons. Die beiden genießen diesen gemeinsamen, so kreativen und besonderen Tag. „Ich werde mit ihr jung und unbeschwert auch auf der Leinwand. Vielleicht würde ich sonst anders malen, aber Eléa soll ihre Geschichte hier ernstgenommen wiederfinden.“ Deshalb sausen auf ihrem Bild zwei fröhlich spielende Kinder auf Skater und Roller den Weg entlang.

Gedanke ums Leben konfrontiert manchen mit Tod

Nicht alle Geschichten sind fröhlich. Manche hat der Gedanke ums Leben doch mit dem Tod konfrontiert. Erinnerungen wurden wach, Verlust und Bedauern geben der Dankbarkeit, gemeinsam erlebt zu haben Raum. Rita hat ihr Bild „Nicht hier“ genannt und Susannes heißt „Gruß aus dem Jenseits“. Ullas bildliche Nacherzählung ist voller Symbole, aber die von Marliese geliebte Flöte ist klar zu erkennen.

Sich selbst und andere neu entdecken

Das einzige „Männergespann“ im Team sind Lukas und Reinhold – altersmäßig weiter auseinander als Vater und Sohn. Der Moment hat sie zusammengeführt, denn Reinhold ist zwar mit seiner Lebenspartnerin Ursel gekommen – die beiden wollten diese Herausforderung jedoch nicht gemeinsam angehen: „Es ist doch viel spannender, jemand neuen kennen zu lernen – etwas mit jemandem zu teilen, der noch nichts von mir weiß.“ Und darum ging es in diesem Workshop schließlich – sich selbst neu und andere zu entdecken und wieder bewusster hinzuhören, hinzusehen und das Leben zu leben.

Von Doris Hennies

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