Kentertraining

Mit Nasenklemme und Schwimmbrille

In der Schwimmhalle in Wietze hatten die Teilnehmer beim Kentertraining Gelegenheit, unter fachlicher Anleitung die „Eskimorolle“ zu erlernen.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 20. Feb. 2019 | 12:11 Uhr
  • 10. Juni 2022
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  • 20. Feb. 2019 | 12:11 Uhr
  • 10. Juni 2022
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Celle.

Blitzschnell dreht sich das Kanu herum. Im Nu ist vom Fahrer des Paddelbootes nichts mehr zu sehen, nur der Rumpf des Bootes schwimmt über der Wasseroberfläche. Das Boot ist gekentert. Was im Ernstfall schnell zu einer Gefahrensituation werden kann, wird hier nur zu Übungszwecken ausgeführt. Beim Kentertraining der Kanu-Gesellschaft Celle lernen interessierte Kanufahrer aus den Vereinen des Landkreises Celle, ausgestattet mit Nasenklemme und Schwimmbrille, wie sie es in brenzligen Situationen schaffen, ihr Boot wieder in die richtige Position zu bringen. Und tatsächlich: Nur wenige Sekunden, nachdem sich das Boot zur Seite geneigt hat und gekentert ist, bringt der Kanufahrer es mit dem richtigen Schwung dazu, sich erneut zu drehen, sodass problemlos weitergepaddelt werden kann, ohne das Kanu auch nur einmal verlassen zu haben.

Boot mithilfe des eigenen Körpers umdrehen

An insgesamt sechs Nachmittagen können Kanufahrer aus den umliegenden Vereinen im ruhigen Gewässer der Schwimmhalle Wietze die sogenannte Kenterrolle erlernen, damit sie im Falle des Kenterns im freien Gewässer in der Lage sind, das Kanu wieder unter Kontrolle zu bekommen, ohne dabei schwimmen zu müssen. Von besonderer Bedeutung ist das vor allem im Wildwasser, auf Großgewässern oder in unwegsamen Gewässern, in denen man möglicherweise schlecht schwimmen oder das Ufer nicht erreichen kann. Die einzige Möglichkeit für den Kanufahrer ist dann, das Boot mithilfe des eigenen Körpers so umzudrehen, dass das Kanu nicht verlassen werden muss und man in Fahrtrichtung weiterpaddeln kann.

Das richtige Eskimotieren

So manche Landratte mag Beklemmungen bekommen, wenn sie die Kanuten am Sonntagnachmittag im Wietzer Schwimmbad beobachtet. Für den Außenstehenden gehört Mut dazu, das Kanu willentlich zum Kentern zu bringen, also dafür zu sorgen, dass das Boot erst seitlich umkippt, um dann mit dem Kiel nach oben auf dem Wasser zum Liegen zu kommen, während sich der Kanufahrer kopfüber unter Wasser befindet und gleichzeitig in seinem Kanu „feststeckt“. Dennoch gehört das richtige Eskimotieren für eine sichere Handhabung des Kanus im freien Gewässer zum Handwerk eines Kanufahrers.

Hinein ins kühle Nass

Bevor es mit dem Kentertraining so richtig losgehen kann, machen die 15 überwiegend jungen Teilnehmer zunächst einmal das kühle Nass unsicher. Schließlich werden die ersten Kanus zu Wasser gelassen. Nach und nach gesellen sich auch die erwachsenen Teilnehmer dazu und nacheinander hat jeder die Gelegenheit, die Eskimorolle unter Anleitung von Olaf von Hartz, Trainer und Vorsitzender der Kanu-Gesellschaft Celle, in sicherer Atmosphäre zu üben. Geduldig erklärt er der ersten Teilnehmerin die richtige Körperhaltung, um das Boot mit Schwung zum Kentern zu bringen, es aber auch sofort wieder in die richtige Position bringen zu können.

Bewegung aus der Hüfte heraus

Beide Arme werden zur Seite genommen, das Paddel befindet sich parallel zum Kanu. Mit dem Oberkörper wird Schwung geholt und unter Wasser mitgenommen, sodass die Bewegung aus der Hüfte heraus zusammen mit dem Schwung und dem Paddel für die nötige Drehung des Bootes sorgen kann. Mit zurückgelegtem Oberkörper wird schließlich wieder aufgetaucht, das Kanu liegt wieder richtig herum auf dem Wasser auf. Auch wenn die Eskimorolle vielleicht einfach aussieht, gehört Übung dazu, sie richtig auszuführen. Olaf von Hartz‘ Schüler geben ihr Bestes, doch nicht immer will es gleich klappen. Oftmals schießen die Kanus bei der Drehung nach vorne durchs Wasser, anstatt sich vollständig zu drehen. Doch von Hartz und sein Team sind immer zur Stelle, um die Boote sofort zu stabilisieren und bei der endgültigen Drehung behilflich zu sein. Auf jeden Teilnehmer wird gesondert und einzeln eingegangen, sodass jeder die nötige Sicherheit erlangen kann.

Rolle auch ohne Paddel

Wichtig ist, dass die Hüfte beweglich bleibt, um das Kanu bei der Drehung nicht zu blockieren. Der Oberkörper darf entgegen dem Reflex, den Kopf an die Wasseroberfläche zu bekommen, nicht zu früh aus dem Wasser kommen. „Du hilfst der Bewegung, solange du im Wasser bist“, erklärt von Hartz seiner Schülerin. Auch ohne Paddel muss die Rolle klappen: „Du musst den Oberkörper weit nach vorne lehnen, die Hände zusammen.“ Unter Wasser wird dann der Körper in Rücklage gebracht, die Arme vollführen dieselbe bogenartige Bewegung, die auch mit dem Paddel ausgeführt wird.

Wenn die Luft zum Atmen langsam ausgeht ...

Auch die kleinsten Teilnehmer lernen die Ansätze der Kenterrolle kennen. Sie üben unter Anleitung von Eike von Hartz, Elke Zietz und Dennis Wagner noch nicht die vollständige Kenterrolle, aber dennoch Möglichkeiten, wie sie aus einem gekenterten Boot aussteigen können. Spielerisch wird vermittelt, wie man im Falle eines Kenterns unter Wasser nicht in Panik gerät. Am besten gelingt dies mit einem kleinen Wettbewerb. Die Erwachsenen helfen beim Drehen des Bootes. Mit dem Oberkörper und dem Kopf unter Wasser verharren die kleinen Paddler und versuchen, so lange wie möglich die Luft anzuhalten. Beide Hände liegen auf dem Kiel des Kanus auf und durch Handzeichen wird signalisiert, wenn die Luft zum Atmen langsam ausgeht. Wer am längsten die Luft anhalten kann, gewinnt den kleinen Wettkampf. Zwischendurch müssen die spitz zulaufenden Boote entleert werden, damit das sich darin ansammelnde Wasser das Training nicht behindert.

woher kommt der Name „Eskimorolle“?

Erzählungen zufolge entdeckten die Inuit die Kenterrolle per Zufall. Das Verlassen des Kanus bei der Robbenjagd wäre für sie durch die arktischen Temperaturen des Eismeeres innerhalb kürzester Zeit tödlich ausgegangen. Dennoch kam es auch bei den Inuit dazu, dass ihre Boote kenterten. Es blieb also nur eine Lösung, nämlich, das Kanu wieder umzudrehen, ohne es zu verlassen. Ihre Technik bleibt zwar weiterhin von den heutzutage praktizierten Kenterrollen unerreicht, war jedoch namensgebend für den Vorgang. Mittlerweile gibt es zahlreiche Techniken und Varianten, die Eskimorolle auszuführen. So müssen beispielsweise für eine erfolgreiche Teilnahme an der nationalen Kajakmeisterschaft in Grönland um die dreißig Kentermanöver beherrscht werden.

Von Stefanie Franke

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