Bockelskamp

„Ich weiß nur, ich bin der Knecht“

Weinfest, Flohmarkt, Kabarett – man kennt ihn anders, den Findelhof in Bockelskamp. Jüngst diente er als Kulisse für die Verfilmung des Grimmschen Märchens „Die Bremer Stadtmusikanten“, als Drehort der Tummelplatz für die Bremedia. Auch Hofbesitzer Jean André Priol spielte mit.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 15. Juli 2009 | 14:31 Uhr
  • 10. Juni 2022
Maskenbildner Jörg Dreydoppel dreht in Priols Haarpracht weitere Löckchen.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 15. Juli 2009 | 14:31 Uhr
  • 10. Juni 2022
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Bockelskamp.

Ein Herr lehnt am Sonnenschirm, eine Kutsche rollt herein, eine Frau wendet Mist und ein Mann mit buschigem Bart wartet auf einer Bank – eine Szene wie aus alten Tagen. „Stopp. Und aus“, platzt es in diese Idylle hinein. „Ich bin der, der immer böse ist“, bemerkt Daniel Pontasch-Müller, der Set-Aufnahmeassistent, in einer Mischung aus Witz und Ernst.

Dreh statt Kleinkunst

auf dem Findelhof

„Wir haben lange in Bremen und Umgebung nach einem Bauernhof gesucht und sind dann hier fündig geworden“, sagt Producer Seth Hollinderbäumer von der Bremedia, die den Film im Auftrag von Radio Bremen verwirklicht. Der Findelhof von Jean André Priol in Bockelskamp sei eine ideale Hofanlage. Das bäuerliche Ensemble ist auf drei Seiten geschlossen. „Manfred Lehnert, Produktionsleiter der Bremedia und ein langjähriger Freund, kennt meinen Hof von vielen Besuchen her“, ergänzt Priol.

Wo sonst Flohmärkte, Weinfeste und Kleinkunst Gäste anlocken, finden neun von 15 Drehtagen statt. Verfilmt wird das Grimmsche Märchen „Die Bremer Stadtmusikanten“. Zuvor wurde fast eine Woche lang umgebaut, bis die Kulisse für die Verfilmung stand. Dazu gehört neben dem Innenhof der ehemalige Kuh-, Pferde- und Schweinestall.

Zuletzt vor zehn Jahren

vor der Kamera gestanden

Relaxed steigt Priol die Treppen zur Umkleide seines Haupthauses empor, in der sich auch seine Bühnengäste immer für ihre Auftritte im Kaleidoskop vorbereiten. Von Aufregung keine Spur. Dabei ist es schon ein Weilchen her, dass der Gastwirt und Veranstalter kleinere Rollen im Film oder auf der Theaterbühne ausfüllte. „Ich bin damals nach Berlin und auf die Schauspielschule Edith Hildebrandt gegangen, um meinen süddeutschen Dialekt wegzubekommen“, erinnert sich Priol. „Meine Prüfung nach zweieinhalb Jahren hat Hans Söhnke abgenommen. Später habe ich dann rund sechs Jahre gespielt, auf Bühnen, im Film, zusammen mit Horst Pinnow, Uwe Friedrichsen und auch mit Peter Kraus habe ich schon einen Film-Satz gewechselt, in „Der Teufelsgeiger“ Paganini.“ Nach drei Jahren Berlin kam Celle. Erst das Theater, dann das Restaurant L’Auberge. Zwischendurch kamen dann noch kleinere Rollen. „Das letzte Mal stand ich vor zehn Jahren vor der Kamera“, so Priol. Mit Ben Becker, im Film „Gegen den Strom“. „Es war eine Art Krimi , und ich spielte einen Irren.“

Liebesdrama und

Tierabenteuer

Ob Priol denn wisse, was er gleich zu spielen oder sprechen habe? „Nein“, sagt er trocken. Proben gibt es nicht, auch keinen Text. „Ich weiß nur, ich bin der Knecht“. Er schlüpft in Hemd und Leinenhose. Zusatzgarderobiere Gabriela Cordes steht ihm bei und stellt schon die Gummistiefel bereit. „Ich ziehe ja nicht so oft solche Stiefel an, nur zur Weinlese“, scherzt Priol, und „Gummistiefel gab es damals noch gar nicht“.

Auch die Filmhandlung funktioniert anders als das Märchen der Brüder Grimm, denn nach der historischen Vorlage treffen die Tiere erst auf der Landstraße aufeinander. Im Film sammelt der Esel Hund, Katze und Hahn nun nicht unterwegs ein, sondern alle Tiere leben auf demselben Hof. Ebenso Bauer, Bäuerin und Johann, der Knecht. Eine Zwangs-Verheiratung und eine gefährdete Liebe flechten sich als Film-Stoff in die Abenteuer der Tiere.

Jungknecht Johann (Johannes Zirner) wird von Bauer Georg (Florian Martens) und der (bösen) Bäuerin (Gesine Cukrowski) vom Hof geschickt, um seine Liebelei mit ihrer Tochter Lissi (Anna Fischer) zu beenden. Die macht sich später auf den Weg, hat bald die Tiere eingeholt und befreit mit ihnen nächtens ihre von der Räuberbande gefangene Liebe. Frank Giering spielt den überheblichen Großbauern und Zwangsbräutigam Sittler Hans.

Historisch eingekleidet lehnt Priol an einem Baum, wartend, dass er in die Maske gerufen wird. Maske – auf dem Findelhof befindet sich das kleine Reich aus Haarlack und Schminke in einem Kleintransporter. Für Priol heißt es noch „Warten“. Eine erste zeitliche Verschiebung gab es bereits. Um 12.40 Uhr Dreh für Priol stand auf dem Plan. Immer wieder alarmiert der mit dem Kamerateam verkabelte Set-Aufnahmeassistent die Runde: „Wir drehen.“ Für alle Anwesenden bedeutet das: Absolute Ruhe. Keine Bewegung im Sichtbereich. „Und aus“, ertönt es erneut. Priol erzählt von der hektischen Phase der Vorarbeiten. „Die Crew kam mir auf dem Hof etwas in die Quere mit meinem Sommerlichen Weinfest und der Trias-Weinprobe. Sonst lief alles gut.“ Wie zur Bestätigung meldet sich ein weiteres Team-Mitglied, die tierische Hauptrolle Esel „Karina“ mit einem lauten I-A.

Endlich ruft man Priol in die Maske. Neben ihm wird Lissi gerade von Susanne Koeck herausgeputzt. Dem Komparsen widmet sich Jörg Dreydoppel, Maskenbildner seit 1972, so im Thalia Theater, in der Oper Brüssel oder als Chefmaskenbildner in Bremerhaven. „Ein Traum von Naturhaar“, schielt Koeck hinüber zu Priol. Der witzelt geschmeichelt: „Viele Mädchen haben mich darum beneidet.“ In den Spiegel blickend fügt er hinzu: „Langsam gewöhnt man sich an den Bart.“ Und leicht stutzig: „Jetzt macht er mir noch mehr Locken.“ Der Maskenbildner erklärt: „Das Haar wird historisch angeglichen, nur ein paar Löckchen, Make up, Puder.“ Und wie fühlt sich Priol? Wichtig? „Bepinselt“, lacht er. Fit für den Dreh steigt er aus dem Wagen.

Gereizter Ton

am Set

Im Freien vernimmt man einen gereizten Ton. „Leise. Bitte flüstern“, ermahnt der Set-Aufnahmeleiter Marcus Burhenne Man merkt: das Warten auf die Sonne, die Star-Allüren der Tiere, Umplanungen und technische Feinabstimmungen: die Anspannung ist groß. Trotz scheinbarer Ruhe steht jeder unter Strom am Set. Ob Kameramann Philipp Timme oder Regisseur Dirk Regel, Skript oder Ausstattung, Beleuchter oder Tiertrainer – jeder muss ganz genau wissen, was er tut.

Die Ausstattung

schaufelt Mist

„Hat der Sittler Hans irgendwelche Taschen?“, fragt Tim Meisner (Requisite). Petra Jakobowski (Ausstattung) schaufelt Mist. Reflektoren werden weggefahren, der Esel zur Futterstelle hinterm Haus geführt. Oberbeleuchter Andreas Kowoll verfolgt mit seinem „Monokel“ den Wolkenlauf und Priol – der wartet. Im Hintergrund meckert nur einer: I-A, I-A. Mit neuen Verzögerungen werden andere Szenen gespielt. Der Knecht läuft mit Eimern über den Hof. Dreh. Sein Schrei: „Lissi“. Wenig später hört man den Kameramann: „Wir warten auf Sonne. Ich brauch ’ne Blende, die von hier bis hier trägt. Ich schätze 4 müsste reichen oder 6. Ok. Wir machen Blende 6.“

„Guck mal, da kommt die Kutsche vom Sittler Hans“, zeigt Priol auf das historische Gespann vom „Erlebnisbauernhof Kutschen-Kruse“, das zur Hofeinfahrt hereingerollt kommt. „Ich weiß nicht, ob ich die fahren muss.“

Die Kutschen-Szene dauert. Der Regisseur bestimmt: „Lasst uns noch eine Probe mit den Schauspielern, eine komplette Stellprobe machen.“ Ausstatter Stephan Maass hat andere Sorgen: „Ich will Scheiße haben“ und verschwindet im Stall. Aus der Garderobe erscheint Lissi in einem hübschen Kleid. Mittlerweile hat auch Priol erfahren, was er spielen soll. „Jetzt bin ich doch der Knecht, von dem ich dachte, den würde ich gern machen“. Der Ersatzknecht für Johann. Ich glaubte schon, ich wäre der Knecht vom Sittler Hans.“

Die nächsten Minuten gehören wieder einer anderen Szene: Sittler Hans steigt auf den Kutschbock und Johann droht ihm: „Du wirst die Lissi nicht kriegen, egal wieviel Geld du hast.“ Mehrere Male wird die Szene wiederholt. Zwischendurch schaut der Sonnengucker gen Himmel: „Ich sag dir, wir kriegen noch eineinhalb Minuten Licht. Danach ist eine größere, danach wieder Sonne.“ Das Außerplanmäßige geschieht: ein Flugzeug stört. Das Pferd wird unruhig. Dann, aus der Ecke des Hofes, dem Sitz von Regie und Skript (Burgel Patschull) vernimmt man Regel: „Generalprobe“. „Jetzt ein Dreh“. Und wieder heißt es warten, warten, warten, auf konstante Sonne. Warten tut auch Priol, mit Hündin Pepsi, auf einer Bank. Es folgen die Vorbereitungen zum Gegenschuss. „Wir drehen“, meldet sich hörbar der Set-Aufnahmeassistent. Stille.

Harald Schmidt spricht

Hahn Karl-Heinz

Leise flüstert Filmtier-Trainer Marco Heyse, der mit Kollegin Annika Babatz hinterm Haus und damit außerhalb des Sichtbereichs bei Esel Karina, Hund Kira und Katze Kimba steht – Hahn Karl-Heinz ist im Stall: „Zuerst haben wir geschaut, welche Tiere zusammenpassen.“ Vier Wochen Vorbereitung habe es dann gebraucht, um den Hauptdarstellern beizubringen, was sie können müssen. Dazu gehört, „dass der Hund auf Marke geht, der Esel als Fluchttier still steht, der Hund auf Kommando bellt, die Katze springt, der Hahn flattert und alle von A nach B laufen können“, erklärt Heyse. Kimba sei eine sehr entspannte Katze. „Beim übereinander stehen wird aber getrickst“, verrät Heyse. Hund und Katze bleibt ein Problem.

Später werden die Tierrollen von prominenten Schauspielern gesprochen: von Mario Adorf der Esel, von Hannelore Elsner die Katze, von Bastian Pastewka der Hund und von Harald Schmidt der Hahn.

Mit Milchkannen in der

Rolle des Knechts

Um Stunden verschoben ist es dann endlich soweit: Um 16 Uhr steht Priol vor der Kamera. Milchkannen schleppend läuft er vom Schweinestall zum Milchwagen und würdigt die sich Umarmenden, Vater und Tochter, auch die „erzogene“ Stiefmutter und Johann, den glücklichen Jungknecht, mit erstauntem Blick. Einziger Text: auf die Aufforderung der Bäuerin, schneller zu arbeiten, antwortet Priol brav: „Joah“. „Ursprünglich sollte ich einen Räuber spielen, mit mehr Text“, sagt Priol. Der Regisseur hatte ihn gefragt. „Hat bei mir aufgrund des Sommerlichen Weinfestes und der Trias Weinprobe zeitlich nicht geklappt.

Spaß hat der Dreh ihm trotzdem gemacht. „Das lange Warten kennt man eben“, sagt Priol – und wartet wieder: auf eine echte Hauptrolle. Eine Nebenhauptrolle habe er in „Der letzte Walzer“ (1973) als Fähnrich bereits gehabt.

Sendung: Ausgestrahlt werden „Die Bremer Stadtmusikanten“ in der ARD-Märchenreihe „Acht auf einen Streich“ im Weihnachtsprogramm sowie am ersten Januar-Wochenende 2010.

Von Aneka Schult

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