Notfallübung in Celle

Gebirgsjäger bereiten sich auf Mali-Einsatz vor

Gebirgsjäger der Bundeswehr haben sich in Wietzenbruch intensiv für ihren Minusma-Einsatz in Mali im kommenden Jahr vorbereitet. So lief die spektakuläre Übung.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 06. Okt. 2021 | 11:01 Uhr
  • 10. Juni 2022
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  • 06. Okt. 2021 | 11:01 Uhr
  • 10. Juni 2022
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Wietzenbruch.

Langsam rollt der Konvoi durch die staubige Landschaft. Soldaten überwachen den Marschweg und die Fahrzeuge, lange bleibt alles ruhig. Doch trotz aller Aufmerksamkeit kann es passieren, dass eine improvisierte Sprengladung entlang des Weges ausgelöst wird, dass Menschen verwundet und Fahrzeuge zerstört werden. Mali liegt in der Sahelzone und gilt unter anderem als Rückzugsort für islamistische Kämpfer.

Soldaten bereiten sich auf ihren Auftrag in Mali vor

Ab April 2022 wird das Gebirgsjägerbataillon 233 aus dem bayerischen Mittenwald der Leitverband „ISR TF Minusma“ (Intelligence, Surveillance, and Reconnaissance; also auf Deutsch: Nachrichtengewinnung, Überwachung, Aufklärung) Task Force Minusma, dazu kommt die EUTM (European Union Training Mission). Lange vorher bereiten die Soldaten sich umfassend auf ihren Auftrag vor – unter anderem im Ausbildungs- und Übungszentrum Luftbeweglichkeit in Celle.

Luftbeweglichkeit ist höchste Mobilität

Mit der Trainingsmission EUTM Mali unterstützt die Europäische Union (EU) die malische Regierung dabei, die Sicherheit und Stabilität im Land wiederherzustellen. Für Minusma ist Einzelpersonal des deutschen Einsatzkontingents im UN-Hauptquartier in der Hauptstadt Bamako eingesetzt, der Großteil ist indes im nordostmalischen Gao stationiert. Die Soldaten übernehmen vielfältige Aufgaben, unter anderem in den Bereichen Führung, zivil-militärische Zusammenarbeit, Beobachtung, Beratung, Feldlagerschutz und Raumüberwachung. Sie unterstützen aber auch das Personal der EU-Mission in Mali und leisten mit Aufklärungsmitteln am Boden und in der Luft einen wichtigen Beitrag zum Gesamtlagebild der UN-Mission. Sie müssen sich häufig in potenziell gefährlichem Gelände bewegen, in dem es nicht immer einfach ist, im Verwundungsfall die notfallmedizinisch entscheidende „Golden Hour“ einzuhalten. Die Entfernung zwischen Bamako und Gao entspricht in etwa der zwischen Rostock und Verona, die von Gao ins nigerianische Niamey, wo das deutsche Einsatzkontingent einen Lufttransportstützpunkt für Material- und Personaltransporte und die Verwundetenversorgung unterhält, entspricht immer noch der von Rostock nach Göttingen – unter Einsatzbedingungen. Daher sind im Einsatzland Mali im Verwundungsfall andere Dinge wichtig als im sicheren Umfeld des Heimatlandes mit der ausgebauten Infrastruktur.

Standardverfahren sind unverzichtbar

In intensiven Sanitätslagen üben die Soldaten nicht nur, wie sie einen Kameraden notfallmedizinisch stabilisieren und versorgen, sondern vor allem auch, wie angesichts der weiten Entfernungen schnell Hilfe angefordert werden kann. Im multinationalen Umfeld des Einsatzes in Mali sind Standardverfahren unverzichtbar und Luftfahrzeuge oftmals die einzige Chance, Verwundete oder Verletzte rechtzeitig zu einer medizinischen Einrichtung zu bringen. Die Zusammenarbeit mit Luftfahrzeugen ist jedoch insbesondere im multinationalen Umfeld nicht ganz einfach, denn für Hubschrauber sind andere Dinge wichtig als für Kräfte am Boden. Um die Soldaten als luftbewegliche schnelle Eingreiftruppe zu befähigen, braucht es Zeit, Expertise und intensive Übung. Damit unterstützt das Ausbildungs- und Übungszentrum Luftbeweglichkeit die Gebirgsjäger in ihrer Einsatzvorbereitung.

Ausbildung und Übung in Celle

Gemeinsam mit dem Führungspersonal der 3. und 4. Kompanie des Gebirgsjägerbataillons 233 übten auch Soldaten des Gebirgspionierbataillons 8 sowie des Objektschutzregiments der Luftwaffe am Standort Celle. „Wir haben hier Kräfte aus unterschiedlichen Verbänden, die sich in der gemeinsamen Einsatzvorbereitung bereits aufeinander abstimmen. Das bezeichnen wir als Kohäsionsausbildung“, erklärt Oberstleutnant Sven Schuster, der Leitende des Übungsdurchgangs. „Für die meisten Kräfte hier sind luftbewegliche Operationen zudem entweder eine Erstausbildung oder der Ausbildungsstand ist pandemiebedingt sehr uneinheitlich. Besonderes Augenmerk legen wir auf die Zusammenarbeit mit den Luftfahrzeugen, Forward Air MedEvac und Close Combat Attack, ein Standardverfahren für Luftunterstützung durch Kampfhubschrauber.“

Erkunden und taktisches Vorgehen geübt

Dementsprechend umfangreich waren die Ausbildungsinhalte in Celle dann auch. In der ersten Woche ging es im Wesentlichen um die Grundlagen: das „Boarding“ und „Deboarding“ sowie das Verhalten im Luftfahrzeug, das Erkunden und das taktische Vorgehen in den Landezonen und die wesentlichen Verfahren in der Zusammenarbeit mit den Hubschraubern. Immer wieder mussten Landezonenupdates und Anforderungen für die Evakuierung Verwundeter und zur Koordination von Unterstützung durch Kampfhubschrauber erst einzeln und dann in unterschiedlichen Lagen geübt werden; wieder und wieder wurden diese Verfahren auch in der simulationsgestützten Ausbildung geübt und angewandt.

Abläufe und Szenarien perfektionieren

Im Simulationssystem „Virtual Battle Space 3“ (VBS3) können sowohl geospezifische als auch geotypische, das heißt dem Einsatzland nachempfundene, Einsatzumgebungen dargestellt werden. Dabei hat jeder Soldat genau die Rolle inne, die er in späteren Übungsphasen und erst recht im Einsatz auch real erfüllt. „Von der Befehlsgebung über Einzelaufträge bis hin zu deren individueller Umsetzung können hier alle Abläufe und Szenarien ohne körperliche Belastung, tageszeit- und wetterunabhängig und ohne Einsatz realer Luftfahrzeuge erprobt und perfektioniert werden“, verdeutlicht Oberstleutnant Schuster den Nutzen dieses Ausbildungsschrittes.

Zusammenarbeit mit Hubschraubern

In der zweiten Woche lag der Schwerpunkt auf der direkten Zusammenarbeit mit den Hubschraubern. Nachdem die Grundlagen der Zusammenarbeit im sogenannten „Cold Load“ an der stehenden Maschine durchgespielt waren, forderte der „Hot Load“ mit schnellen Landezonenwechseln bereits taktisches Verhalten im und am Luftfahrzeug ab.

Gefechtsübung mit mehreren Kurzlagen

Zum Abschluss der Woche ging es in eine Gefechtsübung mit mehreren, räumlich getrennten, taktischen Kurzlagen. Zuerst galt es nach einer Anlandung mit Hubschraubern eine vermutete Raketenabschussrampe aufzuspüren und im Anschluss eine Landezone zu erkunden, die dann auch direkt für den Flug in den nächsten Raum genutzt wurde. Zunächst Gesprächsaufklärung auf einem nahegelegenen Flugfeld, danach erneute Erkundung einer Landezone. Nach Anlandung im nächsten Raum galt es, eine Brücke auf Gangbarkeit zu prüfen und Verbindung zu „UN-Kräften“ im Brückenschaltgebäude aufzunehmen. Dort kam es noch vor der geplanten Gesprächsaufklärung zu einem technischen Unfall: Nach einer „Generatorexplosion“ gab es unter den Mitarbeitern Verletzte, so dass die Soldaten nach einer Erstversorgung die Meldeverfahren für eine medizinische Evakuierung der Mitarbeiter möglichst schnell und sicher anwenden mussten.

Mögliche Einsatzrealitäten dargestellt

„Wir haben hier exemplarisch verschiedene Lagen dargestellt, die jederzeit Teil der Einsatzrealität werden können. Die Soldaten haben sich hochmotiviert gezeigt und sich in diesen zwei Wochen viele Inhalte angeeignet“, fasst Oberstleutnant Schuster zusammen.

Von Andrea Neuer

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