Fallschirmjäger-Übung

Adler vor dem Absprung

Im Ernstfall muss jede Aktion, muss jeder Handgriff sitzen - dafür trainieren jetzt Bundeswehr-Fallschirmjäger in Celle.

  • Von Michael Ende
  • 06. März 2019 | 17:33 Uhr
  • 10. Juni 2022
  • Von Michael Ende
  • 06. März 2019 | 17:33 Uhr
  • 10. Juni 2022
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Celle.

Irgendwo in einem fremden Land, irgendwo in Afrika oder Asien, irgendwo, wohin sie die Bundesregierung in einer Friedensmission geschickt hat, sind deutsche Soldaten in höchster Not: Ihr Fahrzeug ist in eine Sprengfalle geraten, es gibt mehrere Verwundete, und ihre Kameraden sind von feindlichen Kämpfern umzingelt. Die Deutschen wehren sich nach Kräften, doch sie wissen: Wenn nicht schnell ein Wunder geschieht, ist es aus mit ihnen. Sie blicken zum Himmel und sehen, wie sich zwei Punkte nähern und schnell größer werden. Zwei NH90-Hubschrauber landen, mehrere Handvoll Fallschirmjäger springen heraus und hauen ihre Kameraden aus der Patsche. Dieses Szenario üben derzeit Soldaten der Division Schnelle Kräfte (DSK) im Celler Ausbildungs- und Übungszentrum Luftbeweglichkeit. Sie wissen: Derlei Wunder geschehen nicht einfach so. Sie müssen geübt werden. Zu diesem Zweck hatte die Bundeswehr erst im Herbst vergangenen Jahres die Übung "Schneller Adler" in Wietzenbruch durchgeführt.

Devise: „Einsatzbereit. Jederzeit. Weltweit.“

In der DSK sind sämtliche Fallschirmjäger, Hubschrauber und das Kommando Spezialkräfte zusammengefasst. Der Stab der Division befindet sich in Stadtallendorf. Neben der Luftlandebrigade 1 untersteht seit 2014 auch die 11. Niederländische Luftmobile Brigade der Division. Gemeinsam engagieren sich rund 2300 niederländische und 9500 deutsche Soldaten als Vorreiter der niederländisch-deutschen Heereskooperation. Aufgrund ihrer Ausbildung und Ausrüstung sind sie als leichte Infanterie im Verbund mit den Hubschraubern schnell und flexibel verlege- und einsetzbar. Mit dem Kommando Spezialkräfte (KSK) ist ein einzigartiger Großverband der DSK unterstellt, denn die Spezialkräfte des Heeres gelten als die am besten ausgebildeten Soldaten. Das Motto der Division: „Einsatzbereit. Jederzeit. Weltweit.“ spiegelt die Bereitschaft und den Willen wider, schneller als andere Kräfte im Ausland eingesetzt werden zu können.

Training im „Virtual Battlespace 3“

In der Immelmann-Kaserne nutzen diese Spezialisten die ganze Bandbreite des Zentrums. Sie üben zunächst mit Unterstützung von Computern in einer Simulationsumgebung Abläufe im Führungs- und Planungsprozess für luftbewegliche Operationen und führen dann drillmäßiges Handlungstraining taktischer Verfahren an Hubschraubern durch. Um ihre Kameraden aus der Umzingelung zu befreien und den Gegner auszuschalten, bedarf es im Ernstfall genau koordinierter Meldungen, Befehle und Aktionen. Das wird am PC trainiert. In Wietzenbruch kämpft die Truppe im „Virtual Battlespace 3“ (VBS3), einem modernen 3D-Echtzeit-Simulationssystem.

Hinter dem "Spiel" steckt blutiger Ernst

Wie bei einer Lan-Party sind hier 160 Rechner zusammengeschaltet. Auf den Bildschirmen vor den Soldaten läuft ein Kriegsspiel, in dem jeder von ihnen genau die Rolle spielt, die er in der Realität innehat. „Hier am Computer können die Soldaten Erlerntes umsetzen, auch einmal die Rolle des Nebenmannes übernehmen und Fehler machen, die in der Wirklichkeit schlimme Folgen hätten. So lernen sie hier drinnen das, was sie dort draußen brauchen“, erläutert Hauptfeldwebel Markus Freund, der die Simulatorausbildung koordiniert. Neu sei, dass hier zum ersten Mal eine gesamte Kompanie zusammen in der virtuellen Welt üben könne: „Das war in diesem Rahmen bisher nicht möglich.“ Vieles im „Battlespace“ wirkt dabei wie ein Spiel, doch dahinter steckt blutiger Ernst. Dessen sind sich die Soldaten bewusst: Sie „spielen“ so intensiv, als ob es um ihr Leben ginge.

Nach der „Lan-Party“ geht's nach draußen

„Zum Abschluss trainierten die Soldaten auch in realen Übungsanteilen das Zusammenwirken luftbeweglicher Infanterie mit leichten und schweren Transporthubschraubern am standortnahen Übungsplatz in Scheuen“, sagt Oberst Jörn Rohmann, Kommandeur des Wietzenbrucher Zentrums. Heute sind die Fallschirmjäger in Fassberg, wo sie lernen, wie sie am besten mit den NH90-Hubschraubern der „Heideflieger“ des Transporthubschrauberregiments 10 zusammenwirken. „Wie sitzt man richtig auf und ab? Wie wird ein Verletzter am schnellsten und sichersten in den Hubschrauber gebracht? Wie können wir den Hubschrauberbesatzungen helfen, ihren Job zu machen? Das sind Sachen, die man üben muss, bevor es richtig losgeht“, sagt Oberfeldwebel Marc Kleinert vom Fallschirmjägerregiment 26 aus Zweibrücken. „Richtig los“ geht es in der nächsten Woche. Dann müssen die Soldaten mit dem Adler-Emblem am bordeauxroten Barett zeigen, dass sie Wunder „können“. Im „Battlespace 3“ hat‘s jedenfalls schon mal hingehauen.

Eine Bilderstrecke zum Thema finden Sie HIER .

Internationale Kooperation ist Trumpf

Das Ausbildungs- und Übungszentrum Luftbeweglichkeit in der Celler Immelmann-Kaserne wurde im Herbst 2016 offiziell aufgestellt. Seither hat sich der Übergang vom Probe- in den eingeschränkten Regelbetrieb vollzogen. 2019 wird für das aufwachsende Zentrum zudem ein wichtiges Jahr in der Intensivierung der nationalen wie internationalen Zusammenarbeit.

Derzeit läuft mit der Planübung „White Griffin“, die deutsch-niederländische Vorbereitung zur „Green Griffin“-Gefechtsübung im Mai. Darüber hinaus findet im März einer der bisher größten Übungsdurchgänge statt. In diesem Rahmen ist zudem eine Informationsveranstaltung zum sogenannten „Rahmennationskonzept“ (Framework Nations Concept/FNC) vorgesehen. Hierbei können sich ausgewählte Nutzer europäischer Partnernationen, die Interesse haben, bei künftigen Ausbildungs- und Übungsvorhaben mit dem Celler Zentrum zusammen zu arbeiten, ein aktuelles Bild machen.