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Reportage Ein Musikvideo entsteht
Mehr Reportage Ein Musikvideo entsteht
12:49 13.06.2010
Videodreh Damnation Defaced
Videodreh Damnation Defaced Quelle: Torsten Volkmer
Celle Stadt

„Alles klar, du kannst anzählen“, ertönt ein Ruf aus der Finsternis. Torben Seeger lässt seine Blicke wandern. Vor dem Licht- und Tontechniker gibt es nur sein Mischpult, einen langen Kran und irgendwo in der nebeligen Dunkelheit noch eine Bühne. Aber die Stimme sagte, alles sei bereit. Also zählt er an. Einen Wimpernschlag später wird die schwarze Atmosphäre von grellem weißem Scheinwerferlicht zerrissen, die gespannte Ruhe urplötzlich durch laute Musik ersetzt. Die fünf jungen Musiker auf der Bühne sind von der ersten Sekunde an voll dabei. Dabei spielen sie gar nicht wirklich, sie tun nur so. Die Musik spielt zwar eine Hauptrolle, doch sie kommt vom Band. Viel wichtiger ist heute die Optik. Denn Damnation Defaced, so der Name der Celler Band, drehen in der CD-Kaserne ihr erstes Musikvideo.

Entstellte Verachtung

und Verschmähter Engel

„Despised Angel“ heißt der Song, um den sich heute alles dreht. Auf Deutsch heißt das „Verschmähter Engel“ und passt gut zum Bandnamen – Damnation Defaced lässt sich mit „Entstellte Verachtung“ übersetzen. Die Musik von Damnation ist schnell, sie ist laut, sie ist aggressiv, sie ist außergewöhnlich. Und sie geht dabei über das, was in ungeübten Ohren meist nur noch als unentrinnbarer Lärm ankommt, weit hinaus: Den Songs des Debutalbums sind trotz aller Härte und Geschwindigkeit ihre Melodien erhalten geblieben. So mischen sich unter den Schreigesang, in der Fachsprache „Growling“ genannt, auch atmosphärische Momente.

Mit dieser ungewöhnlichen Mischung plant die Band jetzt ihren Durchbruch. „Despised Angel“ soll nach dem Willen der Macher bald in den Metall-Sendungen der Musiksender laufen, klärt Sänger Philipp Bischoff auf. Bei einigen Auftritten haben sie ihn schon dem Publikum präsentiert, die Resonanz war super. Jetzt wird er Teil und Aushängeschild des Debutalbums. Beim Celle Rock City Festival am 30. April und 1. Mai in der CD-Kaserne wird die Band endlich wieder auf einer heimischen Bühne stehen, ansonsten wird in ganz Deutschland und großen Teilen Europas aufgetreten.

Metal-Video

als Uni-Projekt

Alleine ist die Band mit ihrem Vorhaben natürlich nicht: Die fünf Musiker rocken auf der Bühne, vier Männer und eine Frau arbeiten davor. Sie sorgen für die richtige zeitliche Abstimmung und tun alles, um gute Bilder zu erhalten. Sie alle sind freiwillig da, haben sich teilweise sogar extra Urlaub genommen, um der befreundeten Band helfen zu können.

Einer von ihnen ist Regisseur Alex Oldenburger. Der gebürtige Celler arbeitet am SAE Institut in Frankfurt am Main an seinem „Digital Film & Animation Diploma“. Das Musikvideo ist sein Abschlussprojekt. „Auf der Suche nach einer geeigneten Band habe ich dann einfach mal Lucas Katzmann angesprochen“, erinnert sich der Regisseur. Mit dem Schlagzeuger von Dam-nation Defaced ist er seit Jahren befreundet, von ihm erhoffte er sich geeignete Kontakte. Und Lucas schaltete schnell: „Dann nimm doch einfach meine Band!“

35 Gigabyte

für 5 Minuten Video

Das war im November. Jetzt, fast ein halbes Jahr später, ist für Oldenburger die Zeit der Umsetzung gekommen. Wenn das Filmmaterial morgen fertig ist, wird er zusammenpacken und zurück nach Frankfurt fahren. Dann muss er sich für die besten Aufnahmen entscheiden und zu etwa 5 Minuten Video zusammenschneiden, mit der Musik unterlegen und Effekte einfügen. Lange dauert aber vor allem die zeitliche Abstimmung, Bilder und Musik müssen perfekt zusammen passen. Die Qualitätsanforderungen sind hoch, schließlich sollen wichtige Musikredakteure beeindruckt werden.

Technik für viele

Tausend Euro

Ein meterlanger Kran auf Schienen trägt die Kamera, ein großes, tragbares Display zeigt das gerade Gefilmte. Während die Band sich auf die nächste Szene vorbereitet, begutachtet Sänger Philipp Bischoff gemeinsam mit dem Team die letzten Bilder. Die Aufzeichnungen sind schwarz-weiß und stark vergrößert, die Bilder wirken ruckelig und unscharf. Am Computer aber werden die Bilder besser aussehen, auf dem Display ist nur eine Vorschau zu sehen. Die Macher sind zufrieden.

„20 Gigabyte reine Datenmenge wird das schon werden,“ schätzt Oldenburger, „vielleicht auch 35.“ Das ist viel. Ein einzelnes Lied, ohne Video, hat nur einen Bruchteil davon, drei Tausendstel in etwa. Mit 35 Gigabyte kommen Heimanwender in der Regel ihr Leben lang aus.

Heimanwender beschränken sich für ihre Videos aber auch auf kleine Handkameras aus dem Elektrofachmarkt. Dort wäre Oldenburger für sein Projekt nicht fündig geworden. Etwa 8000 Euro ist allein die Kamera wert, die dazugehörige Anlage aus Kran und Schienen insgesamt etwa 25000.

Nicht alles

lässt sich umsetzen

„Das Licht ist verdammt heiß“, tönt es kurz vor dem Anzählen zur nächsten Szene von der Bühne. Kein Wunder. Bis auf die Pausenzeiten werden die fünf Musiker fast ununterbrochen von den grellen Scheinwerfern angestrahlt, während der Rest der Halle 16 der CD-Kaserne im Duklen liegt.

Laute Explosionen und ein gefährlich nahes Feuer als Untermalung für die Intensität des Songs hätte sich die Band natürlich schon gewünscht. Doch bei solchen Planungen musste Oldenburger eingreifen: „Es lässt sich nicht alles umsetzen“, schränkt er ein. Vieles lässt sich aber mit der Technik verwirklichen: „Ein Erdbeben werde ich am Computer noch simulieren“, verrät er.

Dreißigmal

der selbe Song

Mehr als 15-mal konnte sich Techniker Torben Seeger den Song „Despised Angel“ nun schon anhören. Am Ende des letzten Drehtages wird es wohl die doppelte Menge sein – „oder vielleicht auch noch öfter“. Ausdauer braucht jeder im Team. Schon werden wieder alle Außentüren geschlossen, die Halle ist von Dunkelheit erfüllt. Ein kleiner Ventilator wirbelt Nebelschwaden an der Bühne auf. Torben legt seine Finger an die Regler und macht sich bereit. Wenn gleich das Signal zum loslegen kommt, wird er wieder anzählen und wieder die Musik starten.

Von Isabell Prophet