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Reportage Der Mann führt: Tango pfeift auf Emanzipation
Mehr Reportage Der Mann führt: Tango pfeift auf Emanzipation
18:09 30.06.2010
Celle Stadt

Das hört sich doch eigentlich gar nicht so schlecht an, dachte ich mir und noch ehe der Herr meiner Wahl noch über das Wörtchen „Nein“ nachdenken konnte, war er auch schon angemeldet zu vier Abenden Tango-Argentino-Kursus im Tanzhaus Celle. Was da auf uns zukommen würde, war uns nicht klar, bis wir uns zusammen mit einer Gruppe gespannt Gleichgesinnter auf dem Tanzparkett wiederfanden. Als erstes – so erfuhren wir – könnten wir all das möglichst schnell vergessen, was wir in eventuell schon durchgemachten Grund-, Fortgeschrittenen- oder sonst welchen anderen Kursen gelernt haben. Denn beim argentinischen Tango gilt vor allen Dingen eine Regel, die sei aber um so wesentlicher: Der Mann führt, die Frau folgt! Ohne wenn und aber und erst recht ohne emanzipatorische Gleichberechtigungsansätze. Das führt erstmal zu einem deutlich ausgeprägten Glücksgefühl bei den Herren. „Endlich“, glaubt man sie denken zu sehen.

Und damit sich die Frauen auch möglichst schnell an ihre folgsame Rolle gewöhnen gibt es eine Führungs-Folge-Übung für alle. Dafür legt die Frau ihre Hände auf die Brust des Mannes – nein Jungs, nicht umgekehrt – und schließt die Augen. Und der Mann tanzt los. In welche Richtung, in welchem Tempo bestimmt er alleine. Die Frau muss sich darauf konzentrieren, zu erspüren, was er von ihr will. Hört sich eigentlich ganz simpel an. Doch als meine Hände auf seiner Brust ruhen und die Augen ganz ohne Schummeln wirklich zu sind, merke ich schnell, dass diese Übung es ganz schön in sich hat. Denn während ich mir ganz sicher bin zu spüren, dass er nach links will, stellt sich ziemlich schnell heraus, dass eigentlich rechts gemeint war. Also nochmal. Augen zu und los geht es. Drei Lieder lang, wird diese Übung wiederholt, die für den weiteren Kursus ziemlich wichtig zu sein scheint. Und tatsächlich, beim dritten Lied zuckt es in der Oberkörpermuskulatur vor mir und ich weiß tatsächlich, was dieses Zucken von mir fordert. Das auf die Füße treten und das lachende Stolpern ist ernsthaftem konzentriertem Folgen gewichen. Dass wir uns auf diese Weise dem nähern, was Tango ist, bestätigt uns Tanzlehrerin Laurin.

Sehnsucht, Leidenschaft und Eleganz

Denn bei Sehnsucht, Leidenschaft und Eleganz plappert man nicht sinnlos vor sich hin, Lachen ist auch fehl am Platz. Unsere ernsthaften Mienen scheinen also ein ziemlich guter Indikator dafür zu sein, dass wir die erste Feuerprobe gut überstanden haben.

Frau umschlingt den Hals des Mannes

Erst jetzt lernen wir den Tangogrundschritt. Und der ist gar nicht so einfach. Die Frau legt ihren Arm nicht wie beim Standardtanzen auf die Schulter des Mannes, sondern umschlingt seinen Hals. Wir stehen vor einander. Was wir mit den gefassten Händen machen, das bleibt unserer eigenen Kreativität überlassen. Ob nun hoch gehalten oder auf Leistenhöhe zärtlich geschlossen, da gibt es keine Vorgaben. Sie würdigt ihn erstmal keines Blickes, dafür schaut er um so verliebter seine Holde an.

Und jetzt bitte aufgepasst: Der Herr startet mit rechts nach hinten, die Frau mit links nach vorne, dann geht es leicht seitwärts verschoben wieder zurück in Richtung Ausgangsposition. Aber ganz wichtig: Die Oberkörper bleiben während dessen weiterhin parallel. Und dann kommt der Abschlussschritt.

Damit das so sitzt, dass man dem Partner nicht permanent auf den Schuhen steht, heißt es jetzt üben, üben und dann nochmal üben. Ein ganz beliebter Fehler bei mir: Ich starte mit dem falschen Fuß und mein tapferer Tanzpartner bekommt erst einmal meinen Absätze in die Zehen gerammt. Dass das so nicht auf die Dauer funktioniert, kann ich an seinem schmerzverzerrten Gesichtsausdruck mehr als deutlich erkennen. Und das sieht unsere Tanzlehrerin wohl genau so, denn noch bevor wir sie um Hilfe bitten können, ist sie auch schon da und zeigt uns den Schritt nochmal ganz langsam und so geduldig, dass wir es am Ende doch schon recht grazil schaffen, die nicht ganz unkomplizierte Schrittfolge elegant aufs Parkett zu legen.

Dann ist auch schon Pause. Das Bier in der Halbzeit haben wir uns auch wirklich verdient. Ob sich die ersten Tangotänzer in Buenos Aires wohl am Anfang auch schwer getan haben, mit dem Führen und Geführtwerden, während sie melancholisch in ihren Bordellen und Hafenkneipen in der argentinischen Hauptstadt begannen einen Tanz zu tanzen, der zunächst als ziemlich vulgär galt.

Siegeszug zum neuen

Trendtanz

Erst langsam konnte der wohl erotischste aller Tänze seinen Siegeszug aus den verruchten Spelunken über Europa, das den neuen Trendtanz mit Begeisterung aufnahm, zurück in die höhere Gesellschaft Argentiniens finden und sogar von der UNESCO zum schützenswerten immateriellen Weltkulturerbe ernannt werden.

Nach der kurzen Verschnaufpause geht es auch gleich weiter. Wir lernen jetzt, dass es beim argentinischen Tango weder eine vorgeschriebene Geschwindigkeit, noch eine festgelegte Schrittfolge gibt. Was wir tanzen ist alleine dem geschuldet, was der Herr fühlt und führt. Das sollen wir gleich einmal versuchen, in die Tat umzusetzen. Also nicht mehr nur einen schräg versetzten Schritt nach vorne sondern, wenn mein immer selbstbewusster werdender Tanzpartner es so will, drei, vier oder auch zehn Schritte, mal langsam, dann wieder schnell. Und zugegeben, manchmal versuche ich schon mehr oder weniger bewusst die Führung zurück zu erobern und Einfluss auf das zu nehmen, was wir tanzen. Zum Glück lässt er sich von meinen kleinen Emanzipationsversuchen nicht aus der Ruhe bringen und erkämpft sich Konsequent die Hoheit auf der Tanzfläche zurück.

Mächtig Spaß nach

Startschwierigkeiten

Dafür darf ich dann mal meinen Fuß an seinem Bein entlang gleiten lassen oder mich in einer filmreifen Pose nach hinten fallen lassen. Augen können auch jetzt gerne mal geschlossen sein.

Allmählich kommen wir dem immer näher, was man so oft schon im Fernsehen oder vielleicht sogar auf einer waschechten Milonga, einem Tango-tanzabend, so oft gesehen und bewundert hat. Und wenn man die ersten Startschwierigkeiten erst einmal überwunden hat, dann macht dieser besondere Tanz wirklich mächtig Spaß.

Wir konzentrieren uns auf die Musik, die genauso facettenreich ist, wie der Tanz selber: Afrikanische Rhythmik, kubanischer Habanera, italienische Oper, spanische Gitarren-Virtuosität, französische Varietémusik, osteuropäische Fiedeln. Der deutsche Beitrag war eine „rheinländische Quetsche“, die nach dem Krefelder Musikalienhändler Heinrich Band den Namen Bandoneon bekam. Ihr wehmütiger Ton prägt den Tango.

Die Schritte klappen immer besser, der Mann ist in seiner heiß ersehnten Führungsrolle voll aufgegangen und als die Stunde sich langsam dem Ende neigt steht für uns fest: Fortsetzung folgt!

Von Janine Jakubik