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Mittendrin Unterwegs in Sachen Natur
Mehr Mittendrin Unterwegs in Sachen Natur
13:42 13.06.2010
Gerhard Seider (Nabu) am 22.07.2008 in seinem über alles geliebten Garten - eine Farbenpracht natürlich gewachsener Blumenvielfalt. Es geht auch ohne englischen Rasen...
Gerhard Seider (Nabu) am 22.07.2008 in seinem über alles geliebten Garten - eine Farbenpracht natürlich gewachsener Blumenvielfalt. Es geht auch ohne englischen Rasen... Quelle: Torsten Volkmer
Unterlüß

Visionen – Träume – Wünsche? Gerhard Seider muss lange überlegen. „Das würde sich jetzt ganz abstrakt anhören, denn persönlich geht es uns gut: Ich möchte, dass wir noch sehr lange aktiv bleiben.“ Schließlich hätten sich er und seine Frau schon lange auf das Rentnerdasein vorbereitet, „um nicht zu versauern“, und sie fühlen sich wohl, so naturnah, wie sie leben.

Und dann kommt doch noch die Vision: „Möglichst viele Menschen für den NABU begeistern.“ Gerade jetzt habe er eine Kampagne vorbereitet, um Menschen für das Thema Natur und Naturschutzbund Deutschland (NABU) zu interessieren. Nur ein starker Verband könne starken Einfluss bei Beteiligungsverfahren ausüben. „Wie beispielsweise bei der Heidebachverordnung. Da haben wir ganz stark mitgewirkt, denn die biologische Vielfalt muss erhalten bleiben.“

Schon immer der

Natur verbunden

Als 27-jähriger frischgebackener Maschinenbauingenieur aus Berlin bekam er 1968 eine Anstellung in dem Düsseldorfer Unternehmen Rheinmetall als Konstrukteur. Seine Frau Karin und er blieben in ihren Berufen. Kinder haben sie keine. „Eigentlich bin ich heilfroh, dass wir keine Kinder haben. Wenn ich das heute so beobachte, ist es beileibe nicht erstrebenswert, Kinder in die Welt zu setzen.“ Die Gefährdung der Erde sei einfach zu rapide fortgeschritten. „Die Erde wird systematisch kaputt gemacht“, klingt es fast ein wenig bitter.

Gerhard und Karin Seider verbindet auch die Liebe zur Natur. Weite Radtouren führten sie quer durch Deutschland: „In Nordrhein-Westfalen ist das Radwegenetz sehr viel besser als hier“, bedauert Seider die staubigen Sandwege in den hiesigen Kiefernwäldern.

Klassik hoch und runter:

Begeisterung hält an

Die Begeisterung für klassische Musik, die er seinerzeit imKlassikprogramm WDR III verfolgte, hält bei ihm, auch heute – über zwanzig, dreißig Jahre später – noch immer an: „Klassik hoch und runter: Alle Sendungen haben wir verfolgt. Ganze Symphonien wurden übertragen – das gibt’s heute gar nicht mehr…“

Dabei hat der Maschinenbauingenieur seine wertvollen Bandmaschinen an Tuner und Receiver mitlaufen lassen: Er hat die klassischen Stücke aufgezeichnet und konserviert, um sie auch später noch hören zu können. Beethoven, Ravel, Mozart, Schubert, Brahms.

Natürlich: Konzerte besuchen er und seine Frau Karin heute nicht mehr so oft wie zur Düsseldorfer-Grevenbroicher Zeit. Die Leidenschaft zur Musik aber hält an.

Auf Gut Sunder

unterm Sonnenschirm

Und dann öffnet der Hamburger Reisebus auf dem Parkplatz vor Gut Sunder seine Glastüren. Naturliebhaber in Anorak, Wetterhose und festem Schuhwerk steigen aus. Rucksäcke und Ferngläser dabei. Der weiß-blaue NABU-Schirm signalisiert, dass der Infostand gleich am Eingang zum Gut Sunder besetzt ist. Von März bis September ist Gerhard Seider sonnabends und sonntags zwischen 12 und 17 Uhr immer in dem Infozentrum in dem rotbraunen Holzhaus neben dem denkmalgeschützten Herrenhaus anzutreffen. Zusammen mit seiner Frau („… wir treten immer im Doppelpack auf!“) informiert er über die vielfältige Flora und Fauna auf dem früheren Teichgut, gibt Broschüren heraus, hilft mit umfangreichen Detailkenntnissen bei Referaten, macht Kopien, erklärt das große Diorama mit heimischen Tieren und Landschaftsteilen. Basisarbeit für Naturinteressierte. „Bis auf ganz wenige Fehltage sind wir wirklich immer hier: Höchstens, wenn wir mal was Privates vorhaben.“

Aber Urlaub machen sie nicht mehr: „Autofahren stört uns unbeschreiblich. Und Hotelleben stört uns unbeschreiblich.“ Deshalb haben es die Seiders aufgegeben, in Urlaub zu fahren.

Sie schätzen die Natur zu Hause, in ihrem engen Umfeld und im Bereich des Gutes Sunder in Meißendorf. „Wir lieben beide die Urwüchsigkeit der Landschaft und die reichhaltige Vogelwelt.“ – Da macht es auch nichts, wenn sie zwischen Wohnung und Infozentrum pro Strecke 40 Kilometer fahren. Oder sie pendeln zwischen ihrer Wohnung in Unterlüß und der Geschäftsstelle in der Schuhstraße in Celle. Neun NABU-Gruppen müssen vom Kreisverband koordiniert werden.

Schon als sie 1994 von Grevenbroich nach Unterlüß umziehen, befasst sich Gerhard Seider mit Amphibienschutz, errichtet er an den einschlägigen Stellen Krötenzäune. In zahlreichen Exkursionen erarbeitet sich Gerhard Seider sein breites Wissen. „Von dem damaligen Kreisverbandsvorsitzenden Dietrich Schipper hab ich unheimlich viel gelernt.“ Vogelkunde, Pflanzenkunde, Naturschutz. Von 2000 bis 2002 hat er die umfangreiche Ausbildung zum Naturschutzberater absolviert – gemeinsam mit seiner Frau Karin. Dabei ging es um Naturschutzbiologie, Landnutzung, Naturschutzrecht, Kommunikation, Umweltbildung und -pädagogik.

Skepsis zum

Wildtiererlebnis-Projekt

„Auf Bundes- oder Landesebene haben wir als Einzelne relativ wenig Einfluss auf politische Entscheidungen – selbst beim NABU nicht“, ist sich Seider sicher und bringt dem Millionen Euro teuren, als „Ziel 1-Leuchtturm“ beschriebenen Wildtier-Erlebnis-Projekt auf Gut Sunder nur Kopfschütteln entgegen. „Dazu sage ich nichts!“ In der Vergangenheit wurde intern viel zu dem Thema diskutiert, und in Vertreterversammlungen des NABU sind deutliche Einwände gegen das Projekt erhoben worden: Viele Naturliebhaber befürchten bei der Realisierung des Mammut-Vorhabens eine völlige Zerstörung des einzigartigen Ambientes von Gut Sunder. „Ich habe trotz der phänomenalen Planungen meine Bedenken“, teilt Seider nicht unbedingt die Vorstellungen der NABU-Verantwortlichen.

„Im Kleinen können wir vorleben“, stellt Seider seinen großen naturnah gestalteten Garten in Unterlüß vor. Vorleben bedeutet für Seider auch, zu zeigen, dass Korken wichtige, aus der Natur gewonnene Rohstoffe sind, dass ausgediente Handys nützlich sein können, wenn sie dann richtig entsorgt werden und dass Lebensräume für Schwalben mehr ausgebaut werden sollten.

Vorleben bedeutet für Seider auch lebenslanges Lernen. „Ich wusste lange nichts von Pixels und layout.“ Inzwischen erarbeitet er gemeinsam mit den Celler NABU-Gruppen seit 2001 die Rundbriefe redaktionell, schiebt Bilddateien hin und her und mailt der Druckerei die fertigen Vorlagen zu. Selbstverständlichkeiten, die die Infoarbeit über unsere Natur erfordert. – Schließlich nehmen die Besucher in Anorak und Wetterhose Infoschriften mit nach Hause.

Von Lothar H. Bluhm